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Startseite > Zeitalter der Weltkriege > Zweiter Weltkrieg > Das Heer der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg
Geschrieben von: Redaktion Zukunft braucht Erinnerung | Erstellt: 18. Januar 2026

Das Heer der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg

Das Heer der Wehrmacht. Sowjetunion-Nord. Lagebesprechung Oktober 1942, von rechts: Wilhelm Keitel, Adolf Hitler, Walther von Brauchitsch, Friedrich Paulus im OKW

Sowjetunion-Nord. Lagebesprechung Oktober 1942, von rechts: Wilhelm Keitel, Adolf Hitler, Walther von Brauchitsch, Friedrich Paulus im OKW. Bundesarchiv, Bild 101I-771-0366-02A / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 101I-771-0366-02A, Russland, Lagebesprechung mit Hitler, CC BY-SA 3.0 DE

Die Landstreitkräfte des nationalsozialistischen Deutschlands – das Heer der Wehrmacht – bildeten den Kern von Hitlers Kriegsmaschine im Zweiten Weltkrieg. Zwischen 1939 und 1945 dienten fast neun von zehn deutschen Soldaten im Heer, insgesamt Millionen von Männern aller Altersstufen. Aus der bescheidenen Reichswehr der Weimarer Republik formte das NS-Regime in kurzer Zeit eine riesige Angriffsarmee. Diese erzielte zunächst spektakuläre Siege durch überraschende Offensiven, die als „Blitzkrieg“ Berühmtheit erlangten. Doch hinter den schnellen Erfolgen verbargen sich strukturelle Schwächen: Das Heer war nur teilweise motorisiert, auf Pferde und zu Fuß marschierende Infanterie angewiesen, und seine Führung unterlag zunehmend Hitlers riskantem Diktat. Zudem verstrickte sich das Heer tief in einen beispiellosen Vernichtungskrieg. Mit ideologischem Eifer beteiligten sich Generäle und Mannschaften an Kriegsverbrechen, insbesondere im Osten Europas. Die Geschichte des Heeres im Zweiten Weltkrieg ist daher gekennzeichnet durch militärische Triumphe und katastrophale Niederlagen – und durch eine schmerzhafte Aufarbeitung seiner Verantwortung nach 1945.

Aufrüstung und Vorbereitung auf den Krieg (1933–1939)

Schon kurz nach Hitlers Machtübernahme begann die geheime Aufrüstung des Heeres. Der Friedensvertrag von Versailles begrenzte das deutsche Heer auf 100.000 Mann, doch ab 1933 umging das NS-Regime diese Beschränkungen systematisch. 1935 führte Hitler die allgemeine Wehrpflicht wieder ein, was den Personalbestand sprunghaft ansteigen ließ. Innerhalb von nur sechs Jahren wuchs die Truppenstärke des Heeres auf das Siebenfache an. Ausgerüstet mit modernisierten Waffen, neuen Panzer- und Motorisierungskonzepten und gestützt durch eine eigens aufgebaute Luftwaffe, bereitete sich die Wehrmacht offen auf einen großen Krieg vor. Bei Kriegsbeginn im September 1939 standen bereits rund 3,7 Millionen Soldaten im Heer, während Luftwaffe und Marine zusammengenommen weniger als eine halbe Million stellten. Organisatorisch hatte Hitler die Oberbefehlshaber früh auf Linie gebracht: Nach dem Tod Hindenburgs 1934 leistete die Reichswehr ihren Eid direkt auf Hitler. Kritische Generäle wurden bis 1938 entmachtet – so zwang Hitler in der Blomberg-Fritsch-Krise den Kriegsminister und andere Führungsoffiziere zum Rücktritt und übernahm selbst die oberste Befehlsgewalt. An die Stelle des alten Kriegsministeriums trat das neue Oberkommando der Wehrmacht (OKW), doch Hitler behielt sich alle entscheidenden Weichenstellungen persönlich vor. Damit war das Heer bei Kriegsbeginn fest in Hitlers Herrschaftsstruktur eingebunden: ideologisch indoktriniert, personell massiv aufgestockt und gerüstet, um die nationalsozialistischen Eroberungspläne auszuführen.

Blitzsiege: Polen und Westfeldzug 1939/40

Der Zweite Weltkrieg begann im September 1939 mit dem Überfall auf Polen – einer Kampagne, die das Heer in nur wenigen Wochen siegreich abschloss. Mit Panzerverbänden und Luftunterstützung durch die Luftwaffe durchbrachen die deutschen Truppen die polnische Verteidigung und eroberten Warschau. Dieser Feldzug offenbarte bereits das taktische Konzept des sogenannten Blitzkriegs: In schneller Folge sollten konzentrierte mechanisierte Angriffe den Feind überrennen, bevor er sich neu formieren konnte. Im Frühjahr 1940 wendete das Heer diese Taktik erfolgreich gegen die westlichen Nachbarn an. Beim Westfeldzug im Mai/Juni 1940 gelang es den deutschen Verbänden, innerhalb von sechs Wochen die Niederlande, Belgien und Luxemburg zu besetzen und Frankreich in die Knie zu zwingen. Der überraschende Vorstoß durch die Ardennen führte zur Umgehung der französischen Hauptverteidigungslinie und zur Einkesselung alliierter Armeen. Paris fiel Mitte Juni 1940, und der Waffenstillstand von Compiègne besiegelte den größten Triumph des Heeres. Diese frühen Siege – auch in Norwegen und Dänemark, die bereits im April 1940 besetzt wurden – verliehen der Wehrmacht den Ruf der scheinbaren Unbesiegbarkeit. Hinter der Front verübten jedoch bereits in Polen Teile des Heeres erste Gewaltexzesse gegen Zivilisten. Unter dem Vorwand von Partisanenabwehr kam es zu Geiselerschießungen und Vergeltungsakten gegen die polnische Bevölkerung. Auch wenn der Krieg im Westen 1940 vergleichsweise konventionell geführt wurde, zeigte sich schon in Polen die grausame Kehrseite der „Blitzkriege“: Das Heer fungierte nicht nur als militärisches Instrument, sondern auch als Träger nationalsozialistischer Besatzungspolitik, die mit Terror und Willkür einherging.

Unternehmen Barbarossa: Vernichtungskrieg im Osten

Am 22. Juni 1941 überfiel das Heer ohne Kriegserklärung die Sowjetunion – der Beginn des größten Feldzugs des Zweiten Weltkriegs, genannt Unternehmen Barbarossa. In den ersten Wochen drangen deutsche Panzer- und Infanterieverbände tief ins sowjetische Territorium vor. Riesige Gebiete in Weißrussland, der Ukraine und dem Baltikum wurden erobert, und bis zum Herbst 1941 standen die Spitzen der Wehrmacht vor Leningrad, Moskau und im Dongebiet. Doch dieser Feldzug unterschied sich in seinem Charakter fundamental von den vorherigen. Hitler hatte ihn von Anfang an als rassenideologischen Vernichtungskrieg geplant, und die Führung des Heeres zeigte sich willfährig, diese Linie mitzutragen. Vor dem Angriff erging der berüchtigte Kommissarbefehl, der vorschrieb, gefangene politische Kommissare der Roten Armee sofort zu erschießen. Regelungen wie die Kriegsgerichtsbarkeitserlasse setzten die sowjetische Zivilbevölkerung faktisch rechtlos: Deutsche Soldaten mussten für Gewaltakte gegen sowjetische Zivilisten keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten. In den besetzten Gebieten des Ostens wütete das Heer gemeinsam mit der SS in einem beispiellosen Vernichtungskrieg. Unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung wurden systematisch Dörfer niedergebrannt und Bewohner ermordet – allein in Weißrussland vernichteten Wehrmachtseinheiten zusammen mit SS-Kommandos zwischen 1941 und 1944 über 9.000 Dörfer und töteten deren Einwohner. Millionen sowjetische Kriegsgefangene wurden bewusst dem Hunger und der Kälte ausgesetzt; etwa drei Millionen von ihnen starben qualvoll in deutschen Lagern. Das Heer kooperierte auch direkt mit den Einsatzgruppen der SS beim Massenmord an den Juden: Soldaten der Wehrmacht leisteten logistische Hilfe, sperrten Gebiete ab oder beteiligten sich an Erschießungen, wie zum Beispiel beim Massaker von Babyn Jar 1941. Während diese Verbrechen geschahen, setzte das Heer seinen Vormarsch fort – doch im Dezember 1941 kam der Blitzkrieg im Osten zum Erliegen. In der Schlacht um Moskau wurden die deutschen Truppen von der Roten Armee zum ersten Mal zurückgeschlagen. Der Wintereinbruch, überdehnte Nachschublinien und der unerwartet erbitterte sowjetische Widerstand führten dazu, dass aus dem geplanten kurzen Feldzug ein langer Abnutzungskrieg wurde. Barbarossa endete nicht mit dem angestrebten schnellen Sieg, sondern leitete einen Kampf auf Leben und Tod ein, in dem das Heer immer tiefer in die Barbarei des Massenmordes hineingezogen wurde.

Stalingrad und die Wende des Krieges (1942–1943)

Trotz der Rückschläge vor Moskau setzte Hitler 1942 auf eine neue Offensive im Osten. Das Heer stieß im Sommer 1942 tief nach Südrussland und in den Kaukasus vor, getrieben vom Ziel, die strategisch wichtigen Ölfelder zu erobern. Doch an der Wolga kam der Vormarsch zum Stillstand: In der Stadt Stalingrad entwickelte sich ab August 1942 eine erbitterte Material- und Straßenkampfschlacht. Die 6. Armee der Wehrmacht kämpfte sich zunächst in die Ruinen der Stadt vor, wurde dann jedoch von sowjetischen Gegenoffensiven im November eingekesselt. Hitlers striktes Halteverbot versiegelte das Schicksal dieser Verbände. Im Februar 1943 kapitulierte das ausgehungerte und eingeschlossene deutsche Heer in Stalingrad – rund 90.000 Überlebende gingen in Gefangenschaft, von denen nur wenige Jahre später zurückkehrten. Die Niederlage von Stalingrad markierte einen Wendepunkt: Erstmals war eine komplette deutsche Armee vernichtet worden. An der Heimatfront erschütterte dies das Vertrauen in einen „Endsieg“ nachhaltig.

Nach Stalingrad ging die strategische Initiative endgültig auf die Alliierten über. Im Juli 1943 versuchte das Heer letztmals eine große Offensive im Osten, in der Panzerschlacht von Kursk. Doch die sowjetischen Verteidigungsstellungen hielten stand, und die Wehrmacht musste sich nach hohen Verlusten zurückziehen. Von nun an befand sich das Heer fast überall in der Defensive. In Italien waren bereits im Sommer 1943 deutsche Truppen gebunden: Nach der alliierten Landung auf Sizilien und dem Sturz Mussolinis besetzte das Heer das zuvor verbündete Italien und kämpfte dort gegen die vorrückenden Alliierten. Gleichzeitig drängte die Rote Armee an der Ostfront unaufhaltsam westwärts. Städte wie Kiew (1943) und Minsk (1944) wurden von sowjetischen Offensiven zurückerobert, und die deutschen Frontlinien begannen sich aufzulösen. Die Wehrmacht versuchte, mit eilig aufgestellten Reserven und einer Totalen Kriegsmobilisierung gegenzusteuern. Ab Ende 1943 wurden sogenannte “Nationalsozialistische Führungsoffiziere” (NSFO) im Heer eingeführt, um die Truppe ideologisch zu festigen und zu fanatischem Widerstand anzuspornen. Dennoch erkannten einzelne Offiziere die Aussichtslosigkeit der Lage. Einige Angehörige des Heeres beteiligten sich am Widerstand gegen Hitler – der Höhepunkt war das Attentat vom 20. Juli 1944, angeführt vom Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Dieses Attentat scheiterte, hatte aber weitreichende Folgen: Hitler reagierte mit Misstrauen und Härte gegen die eigene Generalität. Hunderte Offiziere wurden verhaftet oder hingerichtet, und das Regime forcierte die weitere Gleichschaltung der Streitkräfte. So ordnete Hitler nach dem 20. Juli an, dass der traditionelle militärische Gruß durch den Hitlergruß ersetzt wurde – ein Symbol dafür, dass das Heer nun endgültig der Parteiunterordnung unterlag. Trotz zunehmender innerer Spannungen und schwindender Ressourcen setzte das Heer den Kampf fort, doch die Wende des Krieges war unwiderruflich: Von 1943 an befand sich die Wehrmacht überall auf dem Rückzug.

Endkampf und Zusammenbruch (1944–1945)

Im Juni 1944 eröffneten die westlichen Alliierten mit der Landung in der Normandie eine zweite Front in Europa. Obwohl viele erfahrene deutsche Divisionen an der Ostfront gebunden waren, leistete das Heer in Frankreich zunächst erbitterten Widerstand. Doch der materielle und personelle Übermacht der USA, Großbritanniens und Kanadas konnte es auf Dauer nichts entgegensetzen. Bis August 1944 brach die deutsche Front in der Normandie zusammen; Zehntausende Soldaten gerieten im Kessel von Falaise in Gefangenschaft. Paris wurde befreit, und die Wehrmacht musste sich eilig Richtung deutscher Westgrenze zurückziehen. Gleichzeitig entfaltete sich an der Ostfront die gewaltige Sowjetoffensive Operation Bagration (Juni–August 1944), die die Heeresgruppe Mitte nahezu vollständig zerschlug. Innerhalb weniger Wochen verloren über eine halbe Million deutsche Soldaten ihr Leben oder gerieten in Gefangenschaft, während die Rote Armee tief nach Polen und ins Baltikum vorstieß. Der Krieg auf zwei Fronten überstieg endgültig die Kräfte des Heeres. Im Dezember 1944 starteten deutsche Truppen in den Ardennen eine letzte verzweifelte Offensive im Westen (die Ardennenoffensive), doch auch diese scheiterte nach anfänglichen Erfolgen an Treibstoffmangel und der Überlegenheit der Alliierten.

Der Winter 1944/45 war geprägt von defensiven Rückzugsgefechten und immer heftigeren Kämpfen auf deutschem Boden. Hitler und die NS-Führung riefen zum „Endkampf“ auf und mobilisierten nochmals alle verfügbaren Kräfte, inklusive Hitlerjugend und Volkssturm, um das Vorrücken der Feinde zu verzögern. An vielen Abschnitten wurden fanatische Standhaltebefehle erteilt, was die Verluste in die Höhe trieb. Insbesondere an der Ostfront, wo die Rachegefühle der Sowjets durch die deutschen Gräueltaten befeuert waren, eskalierte die Gewalt. SS-Verbände und regimegetreue Wehrmachtsgeneräle führten einen rücksichtslosen Verzögerungskrieg, bei dem Städte in Schutt und Asche gelegt wurden und die Zivilbevölkerung schwer litt. Die personellen Verluste des Heeres erreichten ein erschütterndes Ausmaß: Von den insgesamt über fünf Millionen gefallenen deutschen Soldaten kamen rund die Hälfte allein in den letzten neun Kriegsmonaten ums Leben. Im April 1945 standen alliierte Truppen an allen Fronten kurz vor dem Ziel. Die Westalliierten überschritten den Rhein und stießen ins deutsche Kernland vor, während die Rote Armee Wien eroberte und dann in der Schlacht um Berlin das Herz der NS-Diktatur einnahm. Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht bedingungslos. Das Heer, einst als „Schwert des Führers“ gefeiert, war am Ende vollkommen zerschlagen. In den Trümmern des zerstörten Europa offenbarte sich das Erbe seines Kampfes: ein verwüstetes Land, unzählige Tote auf allen Seiten und ein Maß an Verbrechen, das die Welt mit Entsetzen betrachten sollte.

Mythos und Wirklichkeit: Der kritische Blick nach 1945

Nach dem Krieg bemühte sich mancher deutsche Militär, die eigene Rolle rein darzustellen – es entstand der Mythos von der „sauberen Wehrmacht“. In Memoiren und öffentlichen Erzählungen wurde das Heer oftmals als unpolitischer, ehrenhafter Soldatenverband beschrieben, der lediglich Pflichterfüllung betrieben habe und für die NS-Verbrechen nicht verantwortlich gewesen sei. Prominente Generäle wie Erich von Manstein oder Heinz Guderian stilisierten ihre Feldzüge in den 1950er-Jahren zu rein militärischen Glanzleistungen und schoben die Schuld an Kriegsgräueln einseitig auf die SS oder auf „fanatische Nazis“ außerhalb der Armee. Dieses Selbstbild prägte lange Zeit die westdeutsche Öffentlichkeit und diente auch der jungen Bundeswehr als Legitimationsgrundlage. Neuere historische Forschungen haben dieses verzerrte Bild jedoch gründlich korrigiert. Bereits in den 1960er-Jahren legten Militärhistoriker wie Manfred Messerschmidt oder Klaus-Jürgen Müller die enge Verzahnung zwischen Heer und NS-Regime offen. Sie zeigten, wie tief die Offizierskorps in Hitlers Staat integriert waren und dass viele Generäle aktive Unterstützer seiner aggressive Expansion und Ideologie gewesen sind. Seit den 1990er-Jahren rückte dann durch die kontroverse Wehrmachtsausstellung und zahlreiche Studien das Ausmaß der vom Heer begangenen Verbrechen ins öffentliche Bewusstsein. Heute gilt als bewiesen, dass die Wehrmachtsführung und die Masse der Soldaten an zahlreichen Kriegsverbrechen schuldig beteiligt waren – in einem Ausmaß und mit einer Systematik, die historisch einzigartig sind. Dazu zählen die bereits erwähnte Hungerpolitik gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen, Massenexekutionen von Zivilisten und Juden im Ostfeldzug sowie die Politik der „verbrannten Erde“ beim Rückzug, welche weite Landstriche vernichtete. Die einst sprichwörtliche militärische Tüchtigkeit des Heeres kann daher nicht losgelöst von seiner verbrecherischen Dimension betrachtet werden.

Mit kritischem Blick erkennt die Geschichtsschreibung heute eine Doppelrolle des Heeres im Zweiten Weltkrieg: Einerseits war es das schlagkräftige Instrument, mit dem das NS-Regime fast ganz Europa überrollte und bis zuletzt verlängerte – militärisch zeitweilig äußerst erfolgreich, strategisch jedoch letztlich unterliegend. Andererseits war das Heer ein williger Vollstrecker von Hitlers Vernichtungspolitik und trug Mitverantwortung für den Holocaust und die beispiellose Gewalt in Osteuropa. Rund 17 Millionen Männer haben zwischen 1939 und 1945 im deutschen Heer, der Luftwaffe oder Marine ihren Dienst getan. Viele von ihnen waren keine fanatischen Nationalsozialisten, doch sie marschierten im Auftrag eines verbrecherischen Regimes und wurden Teil von dessen verbreiteten Gewalttaten. Im Feuer des Zweiten Weltkriegs ging schließlich auch das Heer unter. Die späte Aufarbeitung seiner Geschichte – in Forschung und Öffentlichkeit – hat die Legenden von der „unbefleckten“ Armee zerstört. Übrig bleibt eine ganzheitliche Perspektive: Das Heer der Wehrmacht verkörperte im Zweiten Weltkrieg sowohl die militärischen Höhepunkte und Niederlagen Deutschlands als auch die tiefste moralische Verstrickung in die Verbrechen des Nationalsozialismus. Dieses Vermächtnis prägt bis heute das historische Gedächtnis und mahnt, die verhängnisvolle Einheit von soldatischer Pflichterfüllung und ideologischem Fanatismus niemals zu vergessen.

Literatur

Förster, Jürgen: Die Wehrmacht im NS-Staat. Eine strukturgeschichtliche Analyse. München: Oldenbourg, 2007.

Müller, Rolf-Dieter: Hitlers Wehrmacht 1935–1945. München: Oldenbourg, 2012.

Müller, Rolf-Dieter / Volkmann, Hans-Erich (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. München: Oldenbourg, 1999.

Wette, Wolfram: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2002.

Hartmann, Christian / Hürter, Johannes / Jureit, Ulrike (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte.München: C.H. Beck, 2005.

Müller, Klaus-Jürgen: Das Heer und Hitler. Armee und nationalsozialistisches Regime 1933–1940. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1969.

Overmans, Rüdiger: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg. München: Oldenbourg, 2004.

Römer, Felix: Kameraden. Die Wehrmacht von innen. München/Zürich: Piper, 2012.

Megargee, Geoffrey P.: Hitler und die Generäle. Das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1933–1945. Paderborn: Schöningh, 2006.

Bartov, Omer: Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995.

 

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