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Startseite > Biographien > Rudolf Heß (1894–1987)
Geschrieben von: Fabian Grossekemper | Erstellt: 4. Oktober 2004

Rudolf Heß (1894–1987)

Stellvertreter von Adolf Hitler. Fanatischer NSDAP Anhänger bis zum Militärgefängnis Berlin-Spandau.

Rudolf Heß: Frühe Jahre und Aufstieg in die NSDAP

Rudolf Heß: Stellvertreter von Adolf Hitler. Mythos und Wahrheit über Heß, den fanatischen NSDAP Anhänger und seine Rolle als Hitlers Stellvertreter im Dritten Reich.

Rudolf Heß (1935). Bundesarchiv, Bild 183-1987-0313-507 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-1987-0313-507, Rudolf Hess, CC BY-SA 3.0 DE.

Rudolf Heß wurde 1894 in Alexandria (Ägypten) als Sohn eines deutschen Kaufmanns geboren. Seine Kindheit verbrachte er teils im Nahen Osten, bis er 1908 für die schulische Ausbildung nach Deutschland kam. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst und unterbrach dafür die vom Vater initiierte kaufmännische Ausbildung in Hamburg. Heß diente zunächst in einem bayerischen Infanterieregiment und kämpfte an der Front, später wurde er als Leutnant der Jagdflieger eingesetzt. Nach Kriegsende 1918 begann er ein Studium der Volkswirtschaft, Geschichte und Geopolitik an der Universität München. Dort hörte er Vorlesungen bei Prof. Karl Haushofer, einem bekannten Professor für Geopolitik, dessen Ideen vom „Lebensraum“ und geopolitischen Großmachtstreben Heß tief beeindruckten. In München fand Heß schnell Zugang zu völkisch-nationalistischen Kreisen: Er wurde Mitglied der Thule-Gesellschaft, einer okkult-nationalistischen Vereinigung, und verkehrte in Kreisen um vaterländische Agitatoren wie Dietrich Eckart und Alfred Rosenberg. Im Frühjahr 1919 schloss er sich dem Freikorps von Franz Ritter von Epp an, um an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik teilzunehmen. Dieses Freikorps, geführt von General Franz Ritter von Epp, beseitigte die kurze linksrevolutionäre „Räterepublik“ in Bayern gewaltsam. Die Erlebnisse jener Zeit bestärkten Heß in seinem antikommunistischen und nationalistischen Weltbild.

Anfang 1920 lernte Heß schließlich Adolf Hitler kennen, der in München als Redner der jungen extremen Rechten auftrat. Nachdem Heß Hitler auf einer Versammlung hatte reden hören, trat Heß 1920 der NSDAP(Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei) bei und erhielt die niedrige Mitgliedsnummer 16. Bereits in diesen frühen Jahren wurde er zu einem fanatisch überzeugten Anhänger Hitlers. In der Partei engagierte er sich unter anderem als Führer der nationalsozialistischen Studentenhundertschaft. Heß war von Hitlers Persönlichkeit derart eingenommen, dass er diesem quasi religiöse Verehrung entgegenbrachte. Am 9. November 1923 nahm er an Hitlers gescheitertem Putschversuch in München teil (dem sogenannten Hitler-Putsch). Nach dem Fehlschlag des Staatsstreichs floh Heß zunächst in die Schweiz, stellte sich aber Anfang 1924 freiwillig den deutschen Behörden. Wegen seiner Beteiligung am Putsch wurde Heß zu 15 Monaten Festungshaft verurteilt, die er in der Festung Landsberg am Lech verbüßte. In Landsberg trafen Hitler, Heß und andere inhaftierte Putschisten wieder aufeinander. Dort half Heß dem einsitzenden Hitler bei der Redaktion von Mein Kampf und fungierte als Hitlers Privatsekretär während der Haftzeit. Diese Zeit schweißte die beiden enger zusammen: Heß erwies sich als unbedingter Gefolgsmann, den Hitler fortan zu seinen treuesten Vertrauten zählte. Nach seiner vorzeitigen Entlassung Ende 1924 blieb Heß an Hitlers Seite. Kurzzeitig versuchte er sich 1925 als Assistent an der Universität München, doch schon bald übernahm er wieder Aufgaben als Hitlers persönlicher Sekretär. In dieser Rolle kümmerte er sich um die Abwicklung der Korrespondenz und schirmte Hitler vor unerwünschten Anfragen ab – sein Büro befand sich später im Braunen Haus in München, der Parteizentrale. Privat fand Heß ebenfalls sein Glück: 1927 heiratete er seine langjährige Verlobte Ilse Pröhl, mit Adolf Hitler als Trauzeugen an seiner Seite. Obwohl Heß bis Anfang der 1930er Jahre formal keine herausragende Position in der NSDAP innehatte, genoss er Hitlers Vertrauen. Dies zeigte sich, als Hitler ihn im Dezember 1932 – nach dem Ausschluss des Rivalen Gregor Strasser – zum Vorsitzenden der neuen Politischen Zentralkommission der NSDAP ernannte. In dieser Funktion überwachte Heß die politische Arbeit der Partei in den deutschen Ländern und Gemeinden und kontrollierte den nationalsozialistischen Parteipresseapparat. Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Machtübernahme vollzogen und Hitler Reichskanzler wurde, rückte Rudolf Heß in den obersten Führungszirkel der Partei auf. Bereits wenige Wochen nach Hitlers Amtsantritt erhielt Heß erste offizielle Würden im neuen Regime und sollte bald eine Schlüsselrolle als Hitlers Stellvertreter übernehmen.

Hitlers Stellvertreter im NS-Staat

Im April 1933, kurz nach der Etablierung der NS-Diktatur, wurde Rudolf Heß zum „Stellvertreter des Führers“ ernannt. Diese neu geschaffene Position machte Heß faktisch zum zweiten Mann in der Partei hinter Hitler – in der Hierarchie der NSDAP rangierte er nun direkt nach Reichsmarschall Göring. Gleichzeitig erhielt Heß den Rang eines Reichsministers ohne Geschäftsbereich, was ihm Regierungseinfluss und Ministerstatus sicherte, ohne jedoch ein eigenes Ressort zu leiten. Als Hitlers Stellvertreter übernahm Heß fortan die Aufgabe, die Interessen der NSDAP gegenüber den staatlichen Behörden zu vertreten und Hitlers Willen innerhalb der Partei durchzusetzen. Er verfügte über eine weitreichende Vollmacht, in allen Fragen der Parteileitung im Namen Hitlers Entscheidungen zu treffen. Im Dezember 1933 wurde diese Machtstellung weiter untermauert, indem Heß formal auch in die Reichsregierung aufgenommen wurde. Unter seiner Leitung baute Heß einen umfangreichen Mitarbeiterstab auf. Zum Stabsleiter dieses „Stabes des Stellvertreters des Führers“ ernannte er seinen engsten Mitarbeiter Martin Bormann, der sich als äußerst effizienter Organisator erweisen sollte. Dienstsitz von Heß’ Stab war München, wo in Partei-Gebäuden wie dem „Führerbau“ und dem Braunen Haus ein ganzes Büroimperium entstand. Heß und Bormann gelang es nach und nach, den Stab des Stellvertreters des Führers als zentrales Führungsorgan der Partei zu etablieren. Unter ihrer Regie wurden personelle Angelegenheiten der NSDAP zentralisiert, ein umfangreiches internes Berichtswesen geschaffen und ein spezielles Verordnungswesen entwickelt, mit dem die Parteiführung in alle Belange des öffentlichen Lebens hineinwirken konnte. Der Führung der Partei und Kontrolle des Staatsapparates durch den Stab Heß kam insbesondere in der Anfangsphase des Dritten Reiches große Bedeutung zu. Als Stellvertreter des Führers vertrat Heß die Partei und (die) Kontrolle des Staatsapparatesgleichermaßen: Er setzte durch, dass sein Stab an allen Gesetzgebungsverfahren beteiligt wurde und bei der Ernennung höherer Beamter die „politische Zuverlässigkeit“ der Kandidaten begutachten durfte. Mit diesen Kompetenzen verschaffte sich Heß’ Dienststelle eine allgemeine Interventionsmöglichkeit im staatlichen Sektor. So trug Heß maßgeblich dazu bei, den Führerstaat zu festigen und den Führerkult um Hitler zu fördern – er verlangte von allen Parteigenossen „kritiklose Gefolgschaft“ gegenüber Hitler und stilisierte ihn zur unfehlbaren Führerfigur. Als fanatischer Gefolgsmann, der Hitler bedingungslos ergeben war, beteiligte Heß sich daher eifrig am Aufbau des nationalsozialistischen Herrschaftssystems.

Innerhalb der NS-Führungsriege übernahm Rudolf Heß vor allem ideologische und repräsentative Aufgaben. Er reiste durch Deutschland, hielt loyale Reden zu Ehren Hitlers und vertrat den „Führer“ bei Parteiveranstaltungen, wo er dessen Linie mit Nachdruck verfocht. Im Juni 1934 unterstützte Heß auch die blutige Aktion gegen die SA-Spitze (die als angeblicher „Röhm-Putsch“ propagandistisch gerechtfertigt wurde). Er rechtfertigte rückblickend die Ermordung von SA-Chef Ernst Röhm und anderen als notwendigen Schlag gegen „illoyale Elemente“, womit er Hitlers brutales Vorgehen kritiklos billigte. Trotz seiner hohen Stellung begann Heß jedoch nach 1935 politisch an den Rand gedrängt zu werden. Zwar erhielt er 1935 noch die Befugnis, bei der Ernennung von Beamten mitzuwirken, und wurde 1938 von Hitler in den Geheimen Kabinettsrat berufen, doch fehlten Heß die Dynamik und das Machtinstinkt, um seine Position auszubauen. Zeitzeugen beschrieben ihn als eher bescheidenen, zuweilen unsicheren Charakter, dem es an Redetalent und Intriganz mangelte. Sein umtriebiger Stabsleiter Martin Bormann verstand es derweil immer besser, die Verwaltungsarbeit und Entscheidungsprozesse an sich zu ziehen. Im Laufe der Jahre fungierte Heß mehr und mehr als Aushängeschild, während Bormann im Hintergrund die Fäden zog. So wurde Heß trotz seines Titels als Hitlers Stellvertreter allmählich zur zweitrangigen Figur im Machtgefüge des nationalsozialistischen Regimes. Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, sank sein Einfluss weiter: In Hitlers engstem Machtzirkel dominierten nun militärische und sicherheitspolizeiliche Akteure wie Göring, Himmler oder Goebbels. Heß blieb zwar formal Hitlers Stellvertreter, doch wichtige Entscheidungen trafen andere. Gleichwohl blieb Heß immer fest an Hitlers Seite und der Ideologie treu. Heß immer wieder beteuerte öffentlich seine absolute Loyalität zum Führer und zeigte sich fanatisch überzeugt von der nationalsozialistischen Mission. Er hoffte darauf, seinem Idol Hitler weiterhin dienlich zu sein – notfalls durch ungewöhnliche Schritte. Dieses Sendungsbewusstsein und seine Furcht vor einer drohenden Niederlage des Deutschen Reiches sollten Rudolf Heß schließlich zu einem waghalsigen Sonderunternehmen verleiten, das seine eigene Rolle im Krieg und der Geschichte dramatisch verändern würde.

Adolf Hitler und der Englandflug 1941

Im Frühjahr 1941 sah sich Hitler im Begriff, einen Zweifrontenkrieg zu riskieren: Nach der Niederlage in der Luftschlacht um England bereitete sich die Wehrmacht auf einen Angriff gegen die Sowjetunion vor. Rudolf Heß verfolgte diese Entwicklung mit großer Sorge. In seinem fanatischen Bemühen, dem „Führer“ zu helfen und den Krieg zu gewinnen, fasste Heß einen ungewöhnlichen Plan. In Absprache mit niemandem aus der Führung entschied er sich, auf eigene Faust Kontakt mit Großbritannien aufzunehmen, um einen Frieden im Westen auszuhandeln. Heß hoffte offenbar, dass ein Verständigungsfrieden mit England Hitlers Rücken für den Krieg gegen die Sowjetunion freihalten würde. Dieser Plan gipfelte in dem berüchtigten Englandflug: Am 10. Mai 1941 flog Heß heimlich in einem zweimotorigen Messerschmitt Bf 110 Flugzeug nach Großbritannien – gegen Hitlers Wissen und Willen. Sein Ziel war es, den Duke of Hamilton, einen britischen Adligen, der Verbindungen zur Politik hatte, zu treffen und über diesen Vermittler einen Friedensschluss zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien anzustoßen. Mit seinem Flug nach Großbritannien vom 10. Mai 1941 begab sich Heß auf eine abenteuerliche Mission, die zugleich verzweifelt und bizarr anmutete. Er steuerte sein Flugzeug allein bis nach Schottland (Flug nach Schottland), wo er in der Nähe von Glasgow mit dem Fallschirm absprang. Vor Ort wurde der deutsche „Friedensflieger“ von britischen Stellen prompt festgenommen. Die britische Regierung unter Churchill zeigte keinerlei Interesse an Heß’ Vorstoß – man traute dem Angebot nicht oder hielt es nicht für seriös. Statt Verhandlungen erwartete Heß die Internierung: Er wurde umgehend als Kriegsgefangener behandelt und an einen sicheren Ort gebracht.

Die Nachricht von Heß’ Alleingang schlug in Deutschland wie eine Bombe ein. Adolf Hitler reagierte wütend und überrascht auf den eigenmächtigen Flug nach Großbritannien seines langjährigen Vertrauten. Öffentlich ließ das NS-Regime verkünden, Heß leide an geistiger Verwirrung und habe die Tat in einem Anfall von Wahnsinn begangen. Hitler erklärte Heß kurzerhand für geisteskrank und entfremdete sich sofort von seinem einst treuen Gefolgsmann. Der Diktator war außer sich vor Zorn darüber, dass sein Stellvertreter ohne Befehl gehandelt und versucht hatte, in die hohe Kriegsdiplomatie einzugreifen. Unmittelbar nach Bekanntwerden von Heß’ Landung in Schottland ließ Hitler sämtliche Ämter und Würden von Rudolf Heß aberkennen. Heß wurde aus all seinen Parteiämtern entfernt, seine Position als Stellvertreter des Führers wurde faktisch abgeschafft. Hitlers Stellvertreter wurde nun offiziell zum Verrückten oder Verräter erklärt, um Schaden von Hitlers Ansehen abzuwenden. Martin Bormann übernahm in der Folge die Befugnisse und Funktionen, die früher Heß’ Stab innehatte – er leitete nun die neu geschaffene „Parteikanzlei“ direkt unter Hitler. Heß’ Name wurde aus der Presse verbannt; im Innenkreis wurde er als persona non grata behandelt. Für den Rest des Krieges blieb Rudolf Heß in britischer Gewahrsam und verschwand vollständig von der politischen Bühne. Ab Mitte 1941 saß er in britischer Isolationshaft, wo er unter anderem im Tower von London und später in einem Militärkrankenhaus festgehalten wurde. Dort zeigte er bald tatsächliche Anzeichen von Verwirrung und Depression. Im Oktober 1941 unternahm Heß in britischer Gefangenschaft einen Suizidversuch, den er jedoch überlebte. Bis Kriegsende 1945 blieb er ein hochrangiger deutscher Gefangener der Briten – abgeschirmt von der Außenwelt und ohne jede Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf. In Deutschland wurde über sein Schicksal nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Viele Deutsche konnten es kaum fassen, dass ausgerechnet der Mann an Hitlers Seite einen derart eigenmächtigen Schritt gewagt hatte. Für die NS-Propaganda war Heß’ Englandflug ein peinlicher Zwischenfall, den man am liebsten aus der Geschichte getilgt hätte. Heß selbst hingegen verharrte im britischen Gewahrsam in der Überzeugung, richtig gehandelt zu haben – bis zum Schluss sollte er glauben, einen letzten Dienst für Deutschland und Hitler geleistet zu haben, auch wenn dieser Versuch im Nachhinein völlig vergeblich und irrational erschien.

Lebenslange Haft im Militärgefängnis Berlin-Spandau

Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches im Mai 1945 wurde Rudolf Heß den alliierten Behörden überstellt. Im Herbst 1945 stand er als einer der Hauptangeklagten im Internationalen Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor Gericht. Heß musste sich vor dem Internationalen Militärtribunal für seine Rolle im NS-Regime verantworten. In Nürnberg zeigte er ein widersprüchliches Verhalten: Zeitweise gab er vor, an Amnesie zu leiden und sich an nichts erinnern zu können; später erklärte er unvermittelt, das nur simuliert zu haben. Trotz seiner langen Abwesenheit von den politischen Geschehnissen seit 1941 galt Heß aus Sicht der Alliierten als wichtiger Repräsentant des NS-Staates und enger Gefolgsmann Hitlers. Er wurde beschuldigt, an der Vorbereitung des Angriffskrieges beteiligt gewesen zu sein und Teil einer umfassenden Verschwörung zur Entfesselung des Weltkriegs zu bilden. Im Nürnberger Prozess bestritt Heß energisch jede Schuld und versuchte, sich als unwissenden Befehlsempfänger darzustellen. Das Tribunal jedoch sah es anders: Heß wurde wegen Planung eines Angriffskrieges und Verschwörung gegen den Weltfrieden zu lebenslanger Haft verurteilt. In den Anklagepunkten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde er mangels direkter Beteiligung freigesprochen, doch das Urteil lautete dennoch auf die Höchststrafe. Damit gehörte Heß zu den lediglich drei Angeklagten in Nürnberg, die einer lebenslangen Freiheitsstrafe entgingen (die meisten anderen Hauptkriegsverbrecher wurden zum Tode verurteilt). Heß wegen der Vorbereitung des Krieges und der Verschwörung zur Machtübernahme schuldig zu sprechen, machte ihn in den Augen der Weltöffentlichkeit zu einem der maßgeblichen Architekten des Nazi-Regimes, obwohl seine tatsächliche Einflussnahme nach 1941 gering gewesen war.

Im Anschluss an den Prozess wurde Rudolf Heß im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis in Berlin inhaftiert. Zusammen mit sechs weiteren verurteilten NS-Größen – unter ihnen Funk, Raeder, Dönitz, Schirach, Speer und Neurath – trat Heß Anfang 1947 seine Strafe im Militärgefängnis Berlin-Spandau an. Dieses Gefängnis stand unter der gemeinsamen Verwaltung der vier Besatzungsmächte (Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich). Heß verbrachte dort Jahrzehnte hinter Gittern. In den ersten Jahren leisteten ihm die anderen Hauptkriegsverbrecher Gesellschaft, doch nach und nach wurden diese entlassen, sobald ihre Haftzeiten abgelaufen waren. Am 30. September 1966 verließ der vorletzte Insasse – Albert Speer – das Gefängnis, womit Heß der letzte verbliebene Gefangene in Spandau wurde. Während all der Zeit blieb Heß ungebrochen in seiner Ideologie: Er sah sich als Opfer und hielt unbeirrbar an seiner Verehrung für Hitler fest. Zahlreiche Gnadengesuche und Diplomateninitiativen versuchten über die Jahre hinweg, eine Haftentlassung für den greisen Heß zu erreichen. Sogar die westdeutsche Bundesregierung sprach sich 1987 – anlässlich von Heß’ über neunzigstem Geburtstag – für eine Begnadigung aus. Doch all diese Vorstöße scheiterten am Veto der Sowjetunion. Die sowjetische Seite blockierte aus Prinzip jede vorzeitige Entlassung des letzten Nazi-Verbrechers, sodass Heß bis zu seinem Tod in Haft blieb. Am 17. August 1987 starb Rudolf Heß im Alter von 93 Jahren im Gefängnistrakt von Spandau. Offiziell beging er Suizid, indem er sich mit einem Verlängerungskabel erhängte – seine letzten Jahre hatte er nahezu vollständig isoliert unter strenger Bewachung verbracht. Sein Tod markierte das Ende des alliierten Kriegsverbrechergefängnis Spandau, das kurz darauf abgerissen wurde, um keinen Wallfahrtsort für Neonazis zu schaffen.

Heß’ Leichnam wurde seiner Familie übergeben und im oberfränkischen Wunsiedel, dem Heimatort seiner Eltern, beigesetzt. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Grab von Rudolf Heß in Wunsiedel zu einer Pilgerstätte für rechtsextreme und neonazistische Gruppen, die ihn als eine Art Märtyrer verehrten. Alljährlich versammelten sich dort Hunderte Neonazis, um des „Martyrertods“ von Heß zu gedenken – sehr zum Unbehagen von Politik und Anwohnern. Die deutschen Behörden sahen darin eine gefährliche Glorifizierung eines nationalsozialistischen Fanatikers. Schließlich beschloss die Kirche in Wunsiedel im Jahr 2011, den Pachtvertrag für das Familiengrab nicht zu verlängern: Die sterblichen Überreste von Rudolf Heß wurden exhumiert und an einem unbekannten Ort eingeäschert, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. So verschwand auch die letzte physische Kultstätte um die Person von Rudolf Heß. Geblieben ist das historische Vermächtnis seines Lebenslaufs: der Aufstieg eines überzeugten Nationalsozialisten vom sohn eines deutschen Kaufmanns in Alexandria zum stellvertretenden Parteiführer Hitlers, seine irrationale Flugaktion im Mai 1941 und das jahrzehntelange Ende als einsamer Gefangener in Spandau. Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter und früher enger Vertrauter, blieb bis zu seinem Ende ein fanatisch an den Führer glaubender Mann – und wurde so sowohl zum warnenden Beispiel bedingungsloser Gefolgschaftstreue als auch zur tragischen Randfigur der Weltgeschichte.

 

Literatur

Benz, Wolfgang; Graml, Hermann; Weiß, Hermann (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1997.

Benz, Wolfgang: Bestrafung der Schuldigen. In: Informationen zur politischen Bildung, Heft 259 (Deutschland 1945–49), 2005.

Gutman, Israel; Jäckel, Eberhard; Longerich, Peter (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. München 1998.

Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2003.

Longerich, Peter: Hitlers Stellvertreter. Führung der Partei und Kontrolle des Staatsapparates durch den Stab Heß und die Parteikanzlei Bormann. München 1992.

Longerich, Peter: „Stellvertreter des Führers“/Parteikanzlei. Online-Lexikon des NS-Dokumentationszentrums München, veröffentlicht am 03.09.2025.

Pätzold, Kurt; Weißbecker, Manfred: Rudolf Heß – Der Mann an Hitlers Seite. Leipzig 1999.

Schmidt, Rainer F.: Rudolf Heß: Botengang eines Toren? Der Flug nach Großbritannien vom 10. Mai 1941. München 1997.

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