Zukunft braucht Erinnerung

  • Startseite
  • Über uns
    • Auszeichnungen für unser Projekt
    • Grußwort von Yad Vashem
    • Dies sind unsere Autoren und Redakteure
  • Mitmachen
    • Themenliste Biographien
    • Themenliste Die Welt seit 1990
    • Themenliste Erinnerung und Aufarbeitung
    • Themenliste Extremismus
    • Themenliste Geschichte der Juden
    • Themenliste Geschichte Deutschlands
    • Themenliste Geschichte Österreichs
    • Themenliste Kalter Krieg
    • Themenliste Nahostkonflikt
    • Themenliste NS-Völkermord
    • Themenliste Zeitalter der Weltkriege
  • Kontakt

Das Online-Portal zu den historischen Themen unserer Zeit.

  • Zeitalter der Weltkriege
    • Erster Weltkrieg
    • Zwischen den Weltkriegen
    • Zweiter Weltkrieg
  • Nahostkonflikt
  • Geschichte Deutschlands
    • Deutsche Einigungskriege
    • Deutsches Kaiserreich
    • Weimarer Republik
    • Deutschland im Nationalsozialismus (Drittes Reich)
    • Deutschland unter alliierter Besatzung
    • Bundesrepublik Deutschland (Bonner Republik)
    • Deutsche Demokratische Republik (DDR)
    • Geteilte Stadt Berlin
  • NS-Verfolgung und Völkermorde
    • Antisemitismus
    • Jüdisches Leben und Verfolgung in der NS-Zeit
    • Holocaust
    • Porajmos
  • Völkermorde im 20. Jahrhundert
  • Erinnerung und Aufarbeitung
    • Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Diktatur
    • Erinnerung und Aufarbeitung der SED-Diktatur
  • Extremismus in Deutschland
    • Rechtsextremismus in Deutschland
  • Biographien
  • Rezensionen
    • Ausstellungsrezensionen
    • Buchrezensionen
    • Filmrezensionen
    • Theaterrezensionen
    • Veranstaltungsrezensionen
  • News
Startseite > Biographien > Albert Speer (1905–1981)
Geschrieben von: Redaktion Zukunft braucht Erinnerung | Erstellt: 4. Oktober 2004

Albert Speer (1905–1981)

Albert Speer im Dritten Reich: Hitlers Architekt, Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt

Albert Speer im Dritten Reich: Hitlers Architekt, Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt

Albert Speer (1933). Bundesarchiv, Bild 146II-277 / Binder / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 146II-277, Albert Speer, CC BY-SA 3.0 DE.

Albert Speer, Adolf Hitlers persönlicher Architekt, avancierte im Dritten Reich zum einflussreichen Baumeister und später zum obersten Organisator der Kriegswirtschaft. Der 1905 in Mannheim geborene Architekt (März 1905) suchte früh die Nähe Hitlers und machte ab 1933 Karriere im Windschatten des “Führers”. Als Vertrauter Hitlers prägte Speer die nationalsozialistische Monumentalarchitektur maßgeblich. Ab 1942 übernahm er als Reichsminister für Bewaffnung und Munition zentrale Funktionen in der Rüstungsproduktion und verlängerte durch Effizienzsteigerungen den Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 gelang es Speer, sich in der Öffentlichkeit erfolgreich als reumütiger, angeblich „unpolitischer Technokrat“ darzustellen. Dieses Bild des „guten Nazi“ – im englischen Sprachraum oft als “the Good Nazi” bezeichnet – sollte seine Mitverantwortung an den Verbrechen des NS-Regimes verschleiern. Historiker sind sich jedoch einig, dass er entgegen seiner Selbstinszenierung tief in das System verstrickt war. Im Nürnberger Prozess 1946 zeigte er zwar erkennbare Reue und übernahm eine Mitverantwortung, dennoch wurde er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Albert Speer entging dem Galgen, verbüßte die Strafe vollständig im Kriegsverbrechergefängnis Spandau und versuchte anschließend, als Autor und Zeitzeuge sein geschöntes Bild für die Nachwelt zu festigen.

Albert Speer – Hitlers Architekt der Reichshauptstadt

Albert Speer stammte aus wohlhabendem Hause: Sein Vater Albert Friedrich Speer war Architekt, ebenso der Großvater. Nach dem Abitur studierte Speer Architektur – unter anderem an der Technischen Hochschule in München und ab 1925 in Berlin bei Professor Heinrich Tessenow. 1931 trat Speer in die NSDAP ein, beeindruckt von einer Wahlkampfrede Adolf Hitlers. Rasch machte er sich einen Namen als zuverlässiger Architekt für die Partei. 1933 beauftragte Propagandaleiter Joseph Goebbels den talentierten Nachwuchsarchitekten mit der Umgestaltung des Berliner Gauhauses; Goebbels war von seiner Arbeit „begeistert“. Paul Ludwig Troost, Hitlers bis dahin wichtigster Architekt, starb 1934 – Speer wurde daraufhin Hitlers neuer „Lieblingsarchitekt“. Er erhielt sofort gewaltige Projekte: Speer leitete den Ausbau des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg und übernahm den Neubau der Prunkstraße “Große Straße” sowie die Aufmarschanlagen. Hitlers Architekt Speer entwarf die monumentale Neue Reichskanzlei in Berlin, die 1939 fertiggestellt wurde, und schuf mit Lichtsäulen und Hakenkreuzfahnen eine eindrucksvolle Kulisse für NS-Masseninszenierungen („Lichtdom“). Als Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt plante er ab 1937 den radikalen Umbau Berlins. Im Mittelpunkt stand Hitlers größenwahnsinnige Vision einer neuen Welthauptstadt: Aus Berlin sollte die „Reichshauptstadt Germania“ werden, eine mit gigantischen Bauten wie der Großen Halle (Volkshalle) ausgestattete Metropole. Speer entwarf detaillierte Stadtmodelle und ließ ganze Stadtviertel abreißen, um Platz für Prachtstraßen und Monumentalbauten zu schaffen. Diese Welthauptstadt Germania – ein zentrales Prestigeprojekt Hitlers – blieb kriegsbedingt jedoch weitgehend auf dem Reißbrett. Seine Planungen zur Neugestaltung der Reichshauptstadt dokumentierten eindrucksvoll den Herrschaftsanspruch des NS-Regimes.

Speer erwies sich für Hitler als unverzichtbarer Architekturmanager. Heinrich Himmler und andere NS-Größen respektierten seine Stellung als Chefplaner der „Reichshauptstadt“. Speer wurde von Joseph Goebbels in dessen Tagebüchern 1943 als „unersetzlicher Organisator“ gelobt, der die technischen Mittel für den „totalen Krieg“ bereitstelle. Als im Juni 1941 der Angriff auf die Sowjetunion begann, verschob sich jedoch der Fokus: Mitten im Krieg hatten gewaltige Bauvorhaben kaum mehr Priorität. Im September 1941 – wenige Wochen nach dem Überfall auf die UdSSR – wurde Berlin erstmals von britischen Bombern angegriffen. Speer erkannte, dass die vorhandenen Ressourcen von nun an vor allem der Rüstungsindustrie zufließen würden. Zwar arbeitete er weiterhin an Hitlers Bauplänen (etwa am Modell der Großen Halle), doch die Umsetzung des Projekts „Germania“ verzögerte sich angesichts des sich ausweitenden Krieges erheblich.

Speer als Rüstungsminister im Zweiten Weltkrieg

Nach dem Tod des Amtsinhabers Fritz Todt bei einem Flugzeugabsturz am 8. Februar 1942 wurde Speer von Adolf Hitler zum neuen Reichsminister für Bewaffnung und Munition ernannt. Damit übernahm der 36-jährige Architekt überraschend die Verantwortung für die gesamte deutsche Rüstungsproduktion. Speer, der kein ausgebildeter Militär oder Ökonom war, führte schnell organisatorische Reformen ein. Er zentralisierte Entscheidungsprozesse, vereinfachte Bürokratien und setzte verstärkt auf den rationellen Einsatz jeder verfügbaren Arbeitskraft. Schon im September 1942 machten sich seine Maßnahmen deutlich bemerkbar: Trotz der Ablenkung von Rohstoffen und Arbeitern an die Ostfront stieg die Produktion von Waffen und Panzern erheblich an. Hermann Göring, als Leiter des Vierjahresplans eigentlich Speers Vorgesetzter, musste mitansehen, wie dieser zunehmend dessen Kompetenzen in der Kriegswirtschaft an sich zog. Hermann Göring und andere alte Parteigrößen rivalisierten heimlich mit dem Emporkömmling, doch Hitler stärkte Speers Position immer wieder. 1943 erreichte die deutsche Rüstungsleistung ihren Höhepunkt – Speer, Hitlers Rüstungsminister, verstand es, selbst unter schwierigen Bedingungen die Fertigung stetig zu steigern. Nach der Niederlage von Stalingrad im Februar 1943 forderte Goebbels in seiner Sportpalastrede den „totalen Krieg“, und Speer unterstützte diese Mobilmachung: Er rekrutierte zusätzliche Arbeitskräfte, integrierte Frauen in die Rüstungsbetriebe und erhöhte die Wochenarbeitszeiten. Gleichzeitig trieb er innovative Rüstungsprojekte wie das Düsenflugzeug Me 262 und die „Vergeltungswaffen“ (V2-Raketen) voran.

Allerdings basierte Speers sogenanntes „Rüstungswunder“ zu einem großen Teil auf brutaler Ausbeutung. Im September 1943 wurde sein Ministerium nochmals erweitert: Er übernahm wesentliche Teile des Wirtschaftsministeriums und trug fortan den Titel Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion. Damit war Speer für nahezu alle Bereiche der Kriegsökonomie verantwortlich. Er nutzte diese Macht, um die Produktion trotz immer heftigerer alliierter Luftangriffe bis 1944 hochzuhalten. Trotz alliierter Bombenangriffe und der zunehmenden Knappheit an Rohstoffen konnte er persönlich die deutsche Gesamtproduktion bis Anfang 1945 erstaunlich steigern – in manchen Rüstungsbranchen um ein Vielfaches gegenüber 1941. Doch dieser Erfolg beruhte auch auf unmenschlichen Methoden: Speer war für den Einsatz von sieben Millionen Zwangsarbeitern mitverantwortlich, darunter Hunderttausende KZ-Häftlinge, die in seinen Rüstungsbetrieben und auf Baustellen ausgebeutet wurden. Er kooperierte eng mit dem SS Apparat, insbesondere mit dem „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“ Fritz Sauckel, der im Auftrag Speers im besetzten Europa Millionen Zivilisten zwangsrekrutierte. Siemens und die Reichsbahn sowie zahlreiche deutsche Konzerne profitierten von dieser Sklavenarbeit, die sein Ministerium organisierte. Auch die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, ein SS-eigener Betrieb zur Gewinnung von Baumaterial, wurde von Speer genutzt, um beispielsweise Granit und Ziegel für die geplanten Bauten in Berlin zu liefern – dies unter unmenschlichen Bedingungen für die KZ-Insassen. Speer selbst gestand nach dem Krieg ein, dass ohne den massenhaften Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter die Aufrechterhaltung der Kriegswirtschaft nicht möglich gewesen wäre. Gleichwohl versuchte er, die Verantwortung dafür weit von sich zu schieben: In internen Ministerkonferenzen präsentierte er sich zwar als effizienter Manager, doch er behauptete später, ein „unbeteiligter Funktionär“ gewesen zu sein, der von den schlimmsten Verbrechen nichts gewusst habe.

Tatsächlich geriet Speer ab 1944 in Machtkämpfe mit anderen NS-Führern. Heinrich Himmler etwa versuchte mit seinem SS-Wirtschaftsimperium (etwa über den SS-General Hans Kammler, der das V2-Raketenprogramm leitete) Einfluss auf Rüstungsprojekte zu gewinnen und seine Macht zu beschneiden. Speer erkrankte im Sommer 1944 schwer (mutmaßlich durch Überarbeitung oder ein Giftattentat), sodass zeitweise andere die Produktion steuerten. Die Alliierten hatten unterdessen mit ihrem strategic bombing weite Teile der deutschen Industrie in Schutt und Asche gelegt. Eine amerikanische Untersuchung – die United States Strategic Bombing Survey – kam in ihrem Abschlussbericht vom 30. September 1945 dennoch zu dem Ergebnis, dass Speers straffe Organisation die deutsche Rüstungsleistung bis zum Spätsommer 1944 erstaunlich hochgehalten hatte. Doch Ende 1944 begann das System zu kollabieren: Die Gebiete schrumpften, Treibstoff wurde knapp, und die Front rückte näher an die Produktionsstätten. Er erkannte nun, dass der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen war. Im Frühjahr 1945 geriet er in direkten Gegensatz zu Hitlers zerstörerischen Befehlen: Nach der misslungenen Ardennenoffensive befahl Hitler im März 1945 die Politik der verbrannten Erde, also die Zerstörung aller Infrastruktur im Reichsgebiet, um sie den vorrückenden Alliierten vorzuenthalten. Speer persönlich behauptete später, er habe sich diesem Nero-Befehl widersetzt – tatsächlich instruierte er Untergebene, den Befehl zu sabotieren, um Industrieanlagen und Versorgungsbetriebe zu retten. In einem dramatischen letzten Treffen im April 1945 soll er Hitler mitgeteilt haben, dass er dessen Zerstörungsbefehl nicht ausführen werde. Hitler schenkte ihm angeblich keinen Glauben mehr, verzichtete aber auf eine Bestrafung.

Hitler, Speer und das Kriegsende 1945

Im April 1945 erlebte Speer den Untergang des NS-Regimes aus nächster Nähe. Er hielt sich zeitweise im zerstörten Berlin auf, um letzte Ressourcen für die Verteidigung zu mobilisieren, während Adolf Hitler sich im Führerbunker aufhielt. Nach Hitlers Suizid am 30. April 1945 floh er nach Schleswig-Holstein und schloss sich der provisorischen Nachfolgeregierung unter Großadmiral Karl Dönitz in Flensburg an. Speer gehörte dieser letzten Reichsregierung als Minister ohne Geschäftsbereich an – gemeinsam mit Männern wie Finanzminister Graf Schwerin von Krosigk und Generaloberst Alfred Jodl, dem Chef des Wehrmachtführungsstabes. Am 23. Mai 1945 wurde Speer von britischen Truppen zusammen mit Dönitz, Jodl und anderen Mitgliedern der „Geschäftsführenden Reichsregierung“ verhaftet. Zuvor hatte er brisante Dokumente vernichtet und Tagebuchaufzeichnungen versteckt, um sein späteres Bild zu kontrollieren. Er war sich bewusst, dass ihm ein großer Prozess bevorstand. Im Nürnberger Prozess 1945/46 zählte Speer zu den 24 Hauptangeklagten wegen Kriegsverbrechen. Auf der Anklagebank saß er neben führenden NS-Tätern wie Hermann Göring, Rudolf Hess, Alfred Jodl oder Fritz Sauckel. Speer überraschte das Tribunal, indem er als einziger Angeklagter eine umfassende moralische Verantwortung einräumte. Er erklärte, nichts vom Holocaust gewusst zu haben, übernehme aber die Verantwortung dafür, Teil dieser verbrecherischen Führung gewesen zu sein. Diese Darstellung – halb Schuldbekenntnis, halb Abwehrstrategie – beeindruckte die Richter. Tatsächlich konnten ihm direkte Beteiligungen an Massenmord nur schwer nachgewiesen werden, während sein Massen Einsatz von Zwangsarbeitern unbestritten war. 1946 wurde er in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Anders als Sauckel, der als Hauptverantwortlicher für das Zwangsarbeiterprogramm zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, entging er dem Galgen. Viele Beobachter meinten, er habe sein Leben vor allem seiner kooperativen Haltung und seinem eloquenten Auftreten zu verdanken. Speer trat die Haft im Spandauer Gefängnis in Berlin an und blieb dort zwei Jahrzehnte lang – vom 1. Oktober 1946 bis zu seiner Entlassung am 1. Oktober 1966.

In der Haft zeigte Speer bewusst Reue und Reflektion. Er verfasste heimlich Aufzeichnungen, in denen er sein Verhältnis zu Hitler analysierte, und besserte sein Bildungsdefizit mit intensivem Lesen und Gärtnern aus. Speer wahrte auch im Gefängnis die Fassade des geläuterten Technokraten. 20 Jahre Haft verbüßte er vollständig – als prominenter Häftling, bewacht von vier Siegermächten. Speer persönlich bezeichnete diese Zeit später als „notwendige Läuterung“.

Albert Speer in der Bundesrepublik

Als Albert Speer 1966 aus der Haft entlassen wurde, stand er im Rampenlicht der Öffentlichkeit. In der Bundesrepublik Deutschland schlug ihm erstaunlich viel Verständnis entgegen – man sah in ihm gern den „guten Nazi“, der seine Schuld eingestanden habe. Speer selbst trug aktiv zu dieser Legendenbildung bei. Bereits 1969 veröffentlichte er seine Memoiren „Erinnerungen“ (Originaltitel: „Inside the Third Reich“). Das Buch wurde zum Bestseller und prägte über Jahre sein Image als vermeintlich geläuterter und ahnungsloser Mitläufer. Mit Hilfe des Verlegers Wolf Jobst Siedler und des Historikers Joachim Fest bereitete Speer seine Erinnerungen sorgfältig auf. Fest fungierte als Lektor („vernehmender Redakteur“), Siedler als publizistischer Mentor – diese Kooperation verlieh Speers Texten literarische Qualität und Glaubwürdigkeit. Er stilisierte sich darin als apolitischen Fachmann, der von den schlimmsten Verbrechen – insbesondere der Judenvernichtung – nichts gewusst habe. Seine Rolle im Dritten Reich deutete er zu der eines pflichtbewussten Architekten und Managers um, der zwar im Machtapparat tätig war, aber innerlich Abstand gehalten habe. Diese Darstellung war in weiten Teilen eine bewusste Verfälschung seiner Biografie. Dennoch fand sie in der Nachkriegsgesellschaft breiten Anklang, weil sie vielen Deutschen eine Entlastung bot: Speer erschien als Beleg dafür, dass nicht alle in Hitlers Umgebung fanatische Verbrecher gewesen seien, sondern es auch „anständige“ Technokraten gab.

Speer nutzte die mediale Bühne geschickt. 1975 veröffentlichte er mit ähnlichem Erfolg die „Spandauer Tagebücher“, die auf seinen Haftnotizen basierten. Darin untermauerte er weiter das Bild des reumütigen, reflektierenden Täters. Öffentlich gab er zahlreiche Interviews – darunter ein aufsehenerregendes Gespräch im Playboy – in denen er zwar moralische Mitschuld eingestand, aber hartnäckig bestritt, vom Holocaust gewusst zu haben. Historiker und Journalisten hinterfragten jedoch zunehmend den Wahrheitsgehalt. Bereits 1971 enthüllte der Journalist Erich Lüth in einem Gutachten, dass Speer 1943 an der sogenannten Posen-Konferenz teilgenommen hatte, bei der Himmler offen über die Vernichtung der Juden gesprochen hatte – Speer behauptete jedoch, er habe den Saal vorher verlassen. Joachim Fest, der Speer zunächst unterstützt hatte, begann in den 1970er Jahren selbst Zweifel an manchen Aussagen zu äußern. 1981 erschien seine letzte Schrift, „Der Sklavenstaat“ (über das NS-Zwangsarbeitersystem), kurz vor seinem Tod. Albert Speer starb 1981 – auf freiem Fuß – an den Folgen eines Schlaganfalls in einem Londoner Hotel. Er war 76 Jahre alt. Mit seinem Tod begann auch die nachträgliche Demontage seines Mythos: Schon 1982 veröffentlichte der Historiker Matthias Schmidt das Buch „Albert Speer: Das Ende eines Mythos“, das Speers Lügen anhand von Dokumenten entlarvte. In den folgenden Jahrzehnten zeichneten weitere Biografien – etwa von Gitta Sereny (1995), Magnus Brechtken (2017) und Martin Kitchen (2015) – ein immer deutlicheres Bild von Speer als intelligentem Manipulator. Heute gilt als erwiesen, dass er wider besseres Wissen viele Tatsachen verschwieg oder verdrehte, um als „unschuldiger Mitläufer“ dazustehen. Die Historiker sind sich jedoch einig, dass er ein zentraler Täter im NS-Staat war: Er organisierte die Rüstungsproduktion und den Einsatz von Millionen Zwangsarbeitern und tat alles für den Endsieg, wie es ein Urteil zusammenfasst. Die frühe Bundesrepublik war lange bereit, Speers Selbstentschuldung zu glauben – doch inzwischen ist seine wahre Rolle im Dritten Reich umfassend aufgearbeitet: Er war kein „guter Nazi“, sondern ein hochbegabter, kalt berechnender Technokrat und engagierter Nationalsozialist, der Hitlers Regime bis zum Schluss diente.

Auch privat war sein Nachleben von seinem NS-Erbe überschattet. Albert Speer junior, sein ältester Sohn, schlug ebenfalls die Architektenlaufbahn ein und wurde ein renommierter Stadtplaner. Der Sohn von Hitlers Rüstungsminister bemühte sich, sich vom Schatten des Vaters zu lösen, lehnte jedoch eine offene Abrechnung lange ab. Albert Speer junior verstarb 2017 im Alter von 83 Jahren – bis zuletzt hatte er mit dem Nachnamen Speer zu kämpfen, der untrennbar mit den Verbrechen des NS-Regimes verbunden bleibt. Speer senior hingegen hat durch seine Schriften die öffentliche Wahrnehmung seiner Person nachhaltig beeinflusst. Doch die kritische historische Forschung – unterstützt von neu zugänglichen Dokumenten – hat die Legende vom „guten Nazi“ Speer endgültig zerstört. Speer bleibt eine mahnende Figur dafür, wie sehr sich ein intelligenter, kultivierter Mensch in den Dienst eines verbrecherischen Regimes stellen und anschließend die Wahrheit geschickt verfälschen kann.

 

Literatur

Fest, Joachim: Speer – Eine Biographie. Alexander Fest Verlag, Berlin 1999. 

Schmidt, Matthias: Albert Speer. Das Ende eines Mythos – Speers wahre Rolle im Dritten Reich. Scherz Verlag, München 1982.

Sereny, Gitta: Albert Speer: His Battle With Truth. Knopf, New York 1995.

Van der Vat, Dan: The Good Nazi: The Life and Lies of Albert Speer. Houghton Mifflin, Boston 1997.

Trommer, Isabell: Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016. 

Brechtken, Magnus: Albert Speer: Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München 2017. 

Schroeter, Wolfgang: Albert Speer – Aufstieg und Fall eines Mythos. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019.

Kitchen, Martin: Speer: Hitler’s Architect. Yale University Press, New Haven 2015. 

Tesch, Sebastian: Albert Speer (1905–1981). Böhlau Verlag, Wien 2016.

Speer, Albert: Erinnerungen. Propyläen Verlag, Berlin 1969.

Verwandte Beiträge:

  • Walther Rathenau (1867–1922)
  • Hugo Preuß (1860–1925)
  • Franz Halder (1884 – 1972)
  • Gustav Adolf Steengracht von Moyland (1902–1969)
  • Erich Raeder (1876–1960)

Verwandte Beiträge:

  • Walther Rathenau (1867–1922)
  • Hugo Preuß (1860–1925)
  • Franz Halder (1884 – 1972)
  • Gustav Adolf Steengracht von Moyland (1902–1969)
  • Erich Raeder (1876–1960)
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen
  • Barrierefreiheit
Barrierefreiheitsanpassungen

Präsentiert von OneTap

Wie lange möchten Sie die Werkzeugleiste ausblenden?
Dauer des Ausblendens der Werkzeugleiste
Wählen Sie Ihr Barrierefreiheitsprofil aus
Modus für Sehbehinderte
Verbessert das Erscheinungsbild der Website
Profil für Anfallsicherheit
Entfernt Blitze und reduziert die Farbe
ADHS-freundlicher Modus
Fokussiertes Browsen, ablenkungsfrei
Blindmodus
Reduziert Ablenkungen, verbessert die Konzentration
Sicherer Modus bei Epilepsie
Dimmt die Farben und stoppt das Blinken
Inhaltsmodule
Schriftgröße

Standard

Zeilenhöhe

Standard

Farbmodule
Orientierungsmodule
Zukunft braucht ErinnerungLogo Header Menu
  • Zeitalter der Weltkriege
    • Erster Weltkrieg
    • Zwischen den Weltkriegen
    • Zweiter Weltkrieg
  • Nahostkonflikt
  • Geschichte Deutschlands
    • Deutsche Einigungskriege
    • Deutsches Kaiserreich
    • Weimarer Republik
    • Deutschland im Nationalsozialismus (Drittes Reich)
    • Deutschland unter alliierter Besatzung
    • Bundesrepublik Deutschland (Bonner Republik)
    • Deutsche Demokratische Republik (DDR)
    • Geteilte Stadt Berlin
  • NS-Verfolgung und Völkermorde
    • Antisemitismus
    • Jüdisches Leben und Verfolgung in der NS-Zeit
    • Holocaust
    • Porajmos
  • Völkermorde im 20. Jahrhundert
  • Erinnerung und Aufarbeitung
    • Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Diktatur
    • Erinnerung und Aufarbeitung der SED-Diktatur
  • Extremismus in Deutschland
    • Rechtsextremismus in Deutschland
  • Biographien
  • Rezensionen
    • Ausstellungsrezensionen
    • Buchrezensionen
    • Filmrezensionen
    • Theaterrezensionen
    • Veranstaltungsrezensionen
  • News