Reichsführer SS im Dritten Reich

Heinrich Himmler (1942). Bundesarchiv, Bild 183-S72707 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-S72707, Heinrich Himmler, CC BY-SA 3.0 DE.
Ein fanatischer Nationalsozialist an der Spitze von SS und Polizei: Heinrich Himmler (1900-1945) war Reichsführer SS und einer der mächtigsten Vertreter des NS-Regimes. Als treuer Gefolgsmann Adolf Hitlers trug Himmler maßgeblich Verantwortung für den Aufbau des SS-Staates und die nationalsozialistische Politik der Vernichtung. Er organisierte ab 1933 die Verfolgung politischer Gegner, den Aufbau der Konzentrationslager – beginnend mit Dachau – sowie die planmäßige Deportation und Ermordung der europäischen Juden im Holocaust. Im April 1945 versuchte Himmler vergeblich, mit den Westmächten einen Separatfrieden auszuhandeln. Nach der vollständigen Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 geriet er in alliierte Gefangenschaft und beging kurz darauf Suizid.
Heinrich Himmler: Jugend, Prägungen und Aufstieg (1900–1929)
Familie und frühe Prägungen: Heinrich Luitpold Himmler wurde am 7. Oktober 1900 in München als zweiter von drei Söhnen des konservativen Oberstudiendirektors Gebhard Himmler und dessen Frau Anna Maria (geb. Heyder) geboren. Seinen Vornamen erhielt er von seinem Taufpaten, Prinz Heinrich von Bayern, den sein Vater erzogen hatte. Das Elternhaus war streng katholisch und national-konservativ. Als Jugendlicher strebte Himmler – der eine behütete, bürgerliche Kindheit genoss – zunächst eine Offizierslaufbahn an. Er trat 1917 als Fahnenjunker ins bayrische Infanterieregiment ein, doch das Kriegsende machte seine Hoffnungen zunichte. Die Niederlage von 1918 und der Zusammenbruch des Kaiserreichs erschütterten den jungen Heinrich tief. Nach der Schule studierte er ab 1919 Agrarwissenschaften an der Technischen Hochschule München und schloss 1922 als Diplom-Landwirt ab. In diesen Jahren engagierte sich Himmler in völkisch-nationalen Studentenzirkeln und paramilitärischen Verbänden. So kämpfte er 1919 mit einem Freikorps gegen die Münchner Räterepublik und schloss sich der rechtsextremen Einwohnerwehr an. Diese Erfahrungen einer von politischen Unruhen geprägten Zeit radikalisierten Himmlers Weltbild früh.
Weimarer Zeit und NSDAP-Eintritt: Über die Jugendbewegung der Artamanen fand Himmler Anfang der 1920er Jahre Anschluss an völkische Kreise. 1923 trat er – auf Drängen des Reichswehr-Offiziers Ernst Röhm – in die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) ein. Im November 1923 marschierte der 23-Jährige als Fahnenträger Röhms bei Hitlers Putschversuch in München mit. Der sogenannte Hitler-Putsch scheiterte jedoch, und Himmler entging den folgenden Strafmaßnahmen weitgehend, auch da er noch keine prominente Rolle innehatte. Während das NSDAP-Verbot galt, engagierte er sich in Tarnorganisationen wie der NS-Freiheitsbewegung und unterstützte seinen Freund Gregor Strasser im Wahlkampf. Nach der Neugründung der NSDAP 1925 wurde Himmler Strassers Sekretär und stellvertretender Gauleiter in Niederbayern-Oberpfalz. In der Partei machte er sich schnell als fleißiger Organisator bemerkbar. 1927 ernannte man den erst 26-jährigen Himmler zum stellvertretenden Reichsführer der kleinen Parteischutztruppe SS (Schutzstaffel). Im Jahr darauf heiratete er die Krankenschwester Margarete (Marga) Boden und wurde Vater einer Tochter (Gudrun). Die Ehe verlief jedoch kühl. 1929 erreichte Himmler einen entscheidenden Karriereschritt: Am 6. Januar übernahm er – erst 28-jährig – den Posten des Reichsführers SS. Zu diesem Zeitpunkt war die SS noch eine unbedeutende Einheit von unter 300 Mann innerhalb der SA (Sturmabteilung). Doch Himmler sollte diese Truppe in den kommenden Jahren konsequent ausbauen und zu seinem Machtinstrument formen.
Machtübernahme und Aufbau des SS-Staates (1930–1938)
Himmler und die SS in der Frühzeit des NS-Regimes: In den frühen 1930er Jahren baute Himmlers unermüdlicher Organisationsgeist die SS von einer Leibwache zu einer schlagkräftigen Parallelorganisation innerhalb der Partei aus. Bis 1932 wuchs die SS unter seinem Kommando auf über 50.000 Mitglieder. Hitler erkannte Himmlers Loyalität und Gestaltungswillen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 profitierte Himmler rasch von den neuen Handlungsspielräumen. Im März 1933 wurde er zum kommissarischen Polizeipräsidenten von München ernannt. In dieser Funktion richtete er noch im selben Monat in Dachau das erste Konzentrationslager für Regimegegner ein. Kurz darauf übernahm Himmler als „Politischer Polizeikommandeur“ die Führung der politischen Polizei in Bayern. Mit Unterstützung seines fähigen Mitarbeiters Reinhard Heydrich begann er, ein engmaschiges Netz aus Geheimdienst (SD, Sicherheitsdienst) und Staatspolizei aufzubauen. Bereits 1931 hatte Himmler Heydrich mit der Gründung des SD beauftragt – des neuen Parteigeheimdienstes der SS. Nach 1933 spitzte er den Gegensatz zur Sturmabteilung zu und formte die SS endgültig zu einem eigenen „nationalsozialistischen Führungsorden“ mit strengen rassischen Auswahlkriterien. Innerhalb der SS galten eiserne Disziplin und ein quasi-ordenhafter Korpsgeist, wie Himmler es forderte. Schon im Frühjahr 1934 kontrollierte Himmler dank der Gleichschaltung fast alle politischen Polizeikräfte in Deutschland außerhalb Preußens. Er verstand es geschickt, die Rivalitäten zwischen Partei und staatlichen Stellen auszunutzen, um die SS-Position zu stärken.
Vom Röhm-Putsch zur totalen Polizeigewalt: Am 20. April 1934 erhielt Himmler einen weiteren Machtzuwachs: Auf Betreiben Hermann Görings ernannte Hitler ihn zum Inspekteur der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Preußen. Damit übernahm Himmler faktisch die Kontrolle über die politische Polizei – ein entscheidender Schritt zur Bildung eines zentralisierten Überwachungsstaates. Im Juni 1934 stellte sich Himmlers SS in der sogenannten „Röhm-Putsch“-Affäre endgültig als unbedingtes Machtinstrument Hitlers heraus. Zusammen mit Heydrich trug die SS den wesentlichen Anteil an der als Röhm-Putsch verbrämten Mordaktion gegen die SA-Führung. Himmler selbst war in Berlin an der Verhaftung und Ermordung hochrangiger SA-Leute und anderer politischer Gegner beteiligt. Diese blutige Säuberung („Nacht der langen Messer“) im Juli 1934 ebnete der SS den Weg zur Unabhängigkeit von der SA. Hitler belohnte Himmler, indem er ihn fortan als SS-Reichsführer direkt seiner Befehlsgewalt unterstellte. Die SS wurde nun endgültig Hitlers persönliche Eliteformation. 1935 übertragen Himmler und die SS die alleinige Verantwortung für das wachsende KZ-System im Reich und stellten eigene Totenkopfverbände als Lagerwachen auf.
Höhepunkt der Macht vor dem Krieg: Am 17. Juni 1936 erreichte Himmler eine der zentralen Positionen im NS-Staat: Hitler schuf für ihn das Amt eines Chefs der Deutschen Polizei im Reichsinnenministerium und ernannte Himmler zum Chef der gesamten deutschen Polizei. In dieser Funktion – formal dem Innenminister unterstellt, de facto aber mit weitreichender Selbstständigkeit – vereinigte Himmler die gesamte uniformierte Polizei, die Kriminalpolizei und die politische Geheimpolizei unter seiner Hand. Er war nun Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei in Personalunion. Die Gestapo wurde endgültig aus der Landesverwaltung gelöst und eng mit dem SD verzahnt. Himmler baute einen repressiven Überwachungsapparat auf, der Regimegegner ohne Gerichtsverfahren verfolgen und durch sogenannte „Schutzhaft“ direkt in KZ sperren konnte. 1937/38 nutzte Himmler Intrigen (etwa in der Blomberg-Fritsch-Krise), um Rivalen in Wehrmacht und Staatsapparat aus dem Weg zu räumen. Zudem entwickelte er die bewaffnete SS-Verfügungstruppe – den Kern der späteren Waffen-SS – zu einer paramilitärischen Formation, die trotz Protesten der Wehrmacht unter seiner Kontrolle blieb. Beim Eintritt in den Zweiten Weltkrieg stand Himmler somit an der Spitze eines umfassenden Polizei- und SS-Imperiums, bereit, Hitlers expansive und rassistische Vision mit aller Gewalt umzusetzen.
Reichsführer-SS: Terror, Besatzung und Völkermord (1939–1945)
Himmler als Architekt der Vernichtungspolitik: Mit Kriegsbeginn weitete sich sein Einflussbereich über ganz Europa aus. Am 27. September 1939 wurde das neue Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gegründet, das Gestapo, Kriminalpolizei und SD vereinigte. Heydrich wurde Chef dieses RSHA, das als Hauptamt der SS direkt Himmler unterstand. Eine Woche später, am 7. Oktober 1939, ernannte Hitler Himmler außerdem zum „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“. In dieser Funktion oblag Himmler die Umsiedlungs- und Verfolgungspolitik in den besetzten Gebieten im Osten. Er organisierte gewaltsame „Volkstumspolitik“ – die Ansiedlung „rassisch wertvoller“ Volksdeutscher, die Vertreibung von Polen, Tschechen und anderen Gruppen sowie die Verfolgung und Ermordung Hunderttausender. Bereits 1939/40 ließ Himmler in besetzten polnischen Gebieten durch SS-Einsatzgruppen und Polizei Zehntausende polnische Intellektuelle, Priester und Juden ermorden. Himmlers Handeln folgte dabei einer radikalen rassistischen Ideologie: Er betrachtete die eroberten Gebiete als „Lebensraum“, der ethnisch „gesäubert“ und germanisiert werden sollte. Gegenüber seinen SS-Führern rechtfertigte er die massenhafte Vernichtung als „schwere Pflicht“.
Vom Krieg gegen die UdSSR zum Holocaust: Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 übertrug Hitler Himmler die Verantwortung für die „Sicherung“ im rückwärtigen Heeresgebiet. Damit wurde Himmler zum Hauptexekutor der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ – der systematischen Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Unter seiner Leitung und Heydrichs Organisation begannen mobile SS-Todesschwadronen (Einsatzgruppen) schon im Sommer 1941 in den besetzten sowjetischen Gebieten mit Massenerschießungen an der jüdischen Bevölkerung, an Kommunisten und anderen Zivilisten. Himmler selbst besuchte im August 1941 in Minsk eine Massenerschießung, um sich von der Durchführung zu überzeugen – ein Erlebnis, das ihn offenbar physisch anekelte, aber nicht von seinem Kurs abbrachte. Im Herbst 1941 fielen auf Himmlers Befehl die ersten Entscheidungen zur Errichtung von Vernichtungslagern (wie Belzec, Sobibor, Treblinka im Rahmen der „Aktion Reinhardt“). Nach Heydrichs Ermordung durch tschechische Widerstandskämpfer im Juni 1942 übernahm Himmler bis Anfang 1943 vorübergehend das Amt des Chefs des RSHA selbst. In dieser Zeit trieb er die industrielle Massenvernichtung voran: Bei der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 – die sein Stellvertreter Heydrich leitete – wurden die Deportation aller Juden nach Osteuropa und ihre Ausrottung beschlossen. Himmler errichtete unterdessen das Lager Auschwitz-Birkenau zum größten Zentrum des Massenmords. Millionen Menschen – Juden, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und andere – fielen bis 1945 dem nationalsozialistischen Genozid zum Opfer. In einer berüchtigten Geheimrede vor SS-Offizieren in Posen am 4. Oktober 1943 sprach Himmler offen von der „Ausrottung der Juden“ als einer historischen Mission der SS. Seine kalten Worte über diese „schwierige Aufgabe“ offenbaren die grausame Selbstgerechtigkeit, mit der er den beispiellosen Massenmord organisierte.
Letzte Kriegsjahre und Fall: Im Laufe des Krieges häufte Himmler immer neue Ämter an. Im Frühjahr 1943 entließ Hitler den bisherigen Innenminister Wilhelm Frick und ernannte Himmler zum Reichsinnenminister – offiziell „Reichsminister des Innern“. Damit übernahm Himmler auch das Reichsministerium des Innern, was seine Stellung zusätzlich stärkte. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 erhielt Himmler eine der höchsten Wehrmachtspositionen: Hitler ernannte ihn am 21. Juli 1944 zum Befehlshaber des Ersatzheeres (der Reservearmee). Zugleich wurde er Chef der Heeresrüstung. Doch militärisch erwies sich Himmler als wenig befähigt. Im Januar 1945 kommandierte er kurzzeitig die Heeresgruppe Weichsel an der Ostfront, konnte den sowjetischen Vormarsch aber nicht stoppen und zog sich bald ins Hinterland zurück. Politisch geriet Himmler in den letzten Kriegsmonaten in eine immer isoliertere Lage. Dennoch hielt er bis zuletzt an Hitlers NS-Ideologie und an den Wahngedanken eines möglichen „Endsiegs“ fest. Im Geheimen begann er jedoch, sich eine eigene Überlebensstrategie zu suchen: Im April 1945 nahm Himmler über einen schwedischen Vermittler Kontakt zu westlichen Alliierten auf, um eine Kapitulation gegenüber den Westmächten auszuhandeln. Er glaubte naiv, im Kampf gegen die Rote Armee auf das Verständnis der Briten und Amerikaner hoffen zu können. Als Hitler jedoch am 28. April 1945 von dessen eigenmächtigen Friedensfühlern erfuhr, war er außer sich. In seinem letzten politischen Testament bezeichnete er Himmler als Verräter, entzog ihm alle Ämter und schloss ihn aus der NSDAP aus. Der einst mächtige Reichsführer-SS war nun geächtet. Himmler floh aus Berlin und versuchte, unterzutauchen, während das NS-Regime endgültig unterging.
Gefangenschaft und Tod: Nach Hitlers Suizid schloss sich Himmler in Norddeutschland kurz der provisorischen Regierung Dönitz an, fand dort aber ebenfalls keine Verwendung mehr. Er legte seine Ämter ab und versuchte, verkleidet als einfacher Soldat, dem Zugriff zu entgehen. Doch am 21. Mai 1945 wurde Himmler von britischen Kontrolltruppen erkannt und festgenommen. In einem Internierungslager bei Lüneburg nahm er sich am 23. Mai 1945 das Leben, indem er eine versteckte Giftkapsel zerbiss. Damit entzog er sich der gerichtlichen Verantwortung für seine unzähligen Verbrechen. Heinrich Himmlers Name steht heute synonym für den Schrecken des SS-Terrorapparats und die bürokratische Kälte des organisierten Massenmords. Als fanatischer Vollstrecker von Hitlers Rassenwahn war er eine zentrale Figur in der Geschichte des Nationalsozialismus – ein akribischer Bürokrat und gläubiger „Ordensträger“, der zur Umsetzung der nationalsozialistischen Politik der Vernichtung bereitwillig Millionen Menschenleben opferte.
Literatur
Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler, München 2008.
Richard Breitman: Heinrich Himmler. Der Architekt der „Endlösung“. Schöningh, Paderborn 1996 (dt. Ausgabe).
Matthias Uhl u.a. (Hrsg.): Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943–1945. Piper, München 2020.
Volker Koop: Himmlers Germanenwahn. Die SS-Organisation Ahnenerbe und ihre Verbrechen. Be.bra, Berlin 2012.
Peter Padfield: Himmler. Reichsführer-SS. Cassell, London 2001.
Klaus Mües-Baron: Heinrich Himmler – Aufstieg des Reichsführers SS (1900–1933). V&R unipress, Göttingen 2011.
Katrin Himmler, Michael Wildt: Himmler privat. Briefe eines Massenmörders. Piper, München 2014.
Roger Manvell, Heinrich Fraenkel: Heinrich Himmler. The Sinister Life of the Head of the SS and Gestapo. Frontline, London 2017 (Orig. 1965).