
Georgi Konstantinowitsch Schukow. Mil.ru, Georgy Zhukov 1, CC BY 4.0
Vor mir liegen die Memoiren von Marschall Georgi K. Schukow, die zweibändig zum ersten Mal 1969 erschienen und die in weiteren 26 Ländern verlegt werden sollten. Einer der auserwählten Teilnehmer der Militärparade am 7. November 1941 war Georgi Arbatow. Dieser Parademarsch führte ihn als Chef einer Katjuscha-Einheit direkt an die Front, um Moskaus Eroberung durch die Nazi-Invasoren zu verhindern. Sein Namensvetter mit dem Nachnamen Schukow stand (vielleicht?) mit auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums. Von weit größerer Bedeutung war jedoch der Befehl Stalins an ihn, nicht nur die Verteidigung von Moskau gegen die faschistischen Eindringlinge zu organisieren, sondern gegen die Hitler-Armeen auf sowjetischem Boden die erste Gegenoffensive zur Entfaltung zu bringen. Die gelang, die Deutschen kassierten ihre erste große Niederlage. Genau genommen brachte Schukow schon mit der Offensive in Jelnja (August–September 1941) den Nimbus der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht zum Bröckeln. Während der erfolgreichen winterlichen Schlacht um Moskau schafften es die Truppen des Armeegenerals, den Händen der deutschen Eroberer über 400 Ortschaften zu entreißen, darunter war sein Heimatdorf Strelowka. So kam Schukow zu dem Prädikat, der „Retter von Moskau“ zu sein. Georgi Arbatow (1923–2010), der langjährig als Direktor des Instituts für USA- und Kanada-Studien gearbeitet hatte, machte in seinem Buch „Das System – Ein Leben im Zentrum der Sowjetpolitik“ auch deutlich, dass bei der Abfassung der Erinnerungen der Militärelite an den Großen Vaterländischen Krieg manches unbequeme Kapitel wegverlegt wurde, bevor es in den Druck und in die entsprechend aufgeräumten Buchhandlungen kam. Das war weniger das Versagen der Autoren, sondern das von „kampferprobten Mitarbeitern des Zentralkomitees der KPdSU an der ideologischen Front“. Wie inzwischen bekannt ist, wurde bei Schukow das Kapitel aus dem Buch herausgenommen, das von der politischen Verfolgung des Oberkommandos der Roten Armee handelte, so Georgi Arbatow (siehe Georgi Arbatow, Das System – Ein Leben im Zentrum der Sowjetpolitik, S. Fischer Verlag 1993, Seite 171). Nach den zahlreichen Umarbeitungen seien seine Memoiren nicht mehr sein Buch, bekannte der zensierte Kriegsheld. Erst 1995 konnten seine „Erinnerungen und Gedanken“, endgültig befreit von jeglichen zensuralen Eingriffen, ungekürzt gelesen werden. Vielleicht war dies der letzte, wenn auch posthume Triumph des Marschalls der Sieger. Was schwerer wiegt: Mit dieser Einlassung verdeutlicht der Politologe, der zuletzt für Präsident Boris Jelzin tätig war, warum die sowjetische „Ordnung auf Sand gebaut“ (Rosa Luxemburg) war: Lügen, Verzerrungen, Halbwahrheiten im Alltag und hier im Umgang mit der Geschichte führen zu Verbrechen und machen eine Gesellschaft auf Dauer nicht zukunftsfähig. Und noch ein Aspekt sollte nicht unbeachtet bleiben: Keine Berühmtheit, ob verdienstvoll oder nicht, ob ihr mehr oder weniger Seiten in den Geschichtsbüchern „genehmigt“ wurden und werden, niemand von ihnen ist vor dem Missbrauch und der Instrumentalisierung ihres Lebens durch nachgeborene Machthaber beziehungsweise durch Historiker, die dazu gehören wollen, gefeit. Das gilt vor allem für totalitäre Staatengebilde, wie es die damalige Sowjetunion war.
Wenn man sich der Person von Georgi K. Schukow biografisch annähern will, stößt man auf staunende wie ehrfurchtsvolle Bemerkungen. Aber seine Persönlichkeit hat auch polarisiert, herausgefordert und provoziert. Daraus kristallisieren sich Fragen: Wie wurde er zu diesem Ausnahmemilitär? Wie überstand er die Wirren seiner Zeit (Säuberungen in der Roten Armee), ohne (vollends!) als „Kind der Revolution“ gefressen zu werden (Versuche hat es ja gegeben). Denn inzwischen ist allgemein bekannt, dass auch ein Mann wie er in den Jahren von Stalins Regentschaft für den Fall, abgeholt zu werden, stets einen gepackten Koffer unter dem Bett stehen hatte. Dabei nützte eine gewisse Bekanntheit oft nichts, die stalinschen Verfolgungsmechanismen begannen dann erst recht anzulaufen. Veröffentlichungen zufolge musste Stalin an Schukow aber etwas (an ihm Schützendes) gefunden haben. Dennoch ergänzte die sowjetische Staatssicherheit fortlaufend bis zu seinem Lebensende die „Sonderakte Schukow“. Im kommenden Krieg sollte die geschützte Person für den roten Diktator unverzichtbar werden. Im Krieg rückte Schukow zu „Stalins bestem General“ auf und der Kremlherr geriet damit in eine gewisse Abhängigkeit. Dennoch versuchte der NKWD-Chef Lawrentij Berija besonders in den Kriegsjahren, Schukow bei Stalin zu kompromittieren. Überliefert ist, dass er, nachdem man ihn im Juni 1939 in den Moskauer Kreml einbestellte, mit seiner Verhaftung und physischen Vernichtung rechnete. Dementsprechend schrieb Schukow an seine Frau Alexandra (1900–1967) einen Abschiedsbrief.
Stattdessen übertrug man ihm die Aufgabe, gemeinsam mit mongolischen Einheiten die japanischen Aggressoren vom Chalchin Gol zu vertreiben. Dabei war der Neu-Feldherr so erfolgreich, dass er mit dem Titel eines Helden der Sowjetunion ausgezeichnet wurde. Erstmals in der Kriegsgeschichte setzte der Held dabei auf den massierten Einsatz von Luftwaffe und Panzertruppen. Nicht zuletzt wurde dieser Einsatz für Schukow selbst zu einer Schule in der modernen Kriegsführung.
Am ersten Dezembertag des Jahres 1896 begann nahe Kaluga in dem russischen Dorf Strelowka ein Leben, das ereignisreich und geschichtsträchtig werden sollte. Der damals Neugeborene war Georgi Konstantinowitsch Schukow. Er sollte zu einer die Rote Armee besonders prägenden wie fähigen Gestalt heranwachsen, wovon das Land vor allem in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges profitierte. Als Schukow am 18. Juni 1974 starb, hatte er mehrere Kriege in zunehmend größeren und wichtiger werdenden Kommandoposten bekleidet und überlebt. Er konnte in Machtzirkel vordringen und erlebte aus ihnen seinen Ausschluss. Nicht immer stand Schukow auf der Gewinnerseite. Erinnert sei an den Misserfolg der Operationen in Rshew (1942), wo es ihm trotz mehrerer Anläufe nicht gelang, die militärischen Ziele zu erreichen.
Zwei Ehen und vier Töchter, mehrere Liebesaffären gehörten zu seiner privaten Lebensbilanz. Nach der Trennung von seiner ersten Frau Alexandra heiratete Schukow 1965 die Militärärztin Galina Semjonowa (Oberstleutnant der Reserve). Mit nur 46 Jahren starb sie an den Folgen eines Hirntumors. Nur ein halbes Jahr (1974) später hatte auch der Lebenslauf des Marschalls sein Ende gefunden. Gegen seinen Willen wurde der Verstorbene an der Moskauer Kremlmauer beigesetzt. Er wollte seine letzte Ruhe neben seiner Mutter und seiner Schwester auf dem Friedhof des Neujungfrauenklosters finden. So wurde selbst Schukows Tod ein Politikum.
Dröseln wir einige seiner epochalen Lebensstationen nacheinander auf und sehen uns an, zu welchen Erkenntnissen sie uns möglicherweise führen.
Kindheit und Jugend
Hineingeboren in das noch vorrevolutionäre Russland (1896), war das Dasein von Georgi und seiner Familie von Armut geprägt. Sein Vater arbeitete als Schuster und seine Mutter verdiente noch mit Fuhrarbeiten dazu. Sein Bruder Aljoscha überlebte nicht einmal das erste Lebensjahr. Zudem stürzte auch noch das Dach ihrer Hütte ein, sodass nur der Umzug in den Schuppen blieb. Nicht zu vergessen: Missernten auf zumeist unfruchtbaren Böden erschwerten ihr Leben (siehe Georgi Schukow, Erinnerungen und Gedanken, Band 1, Militärverlag der DDR, 7. Auflage 1983, Seite 13 ff.). So liest sich jedenfalls die staatsoffizielle Umschreibung der damaligen Lebensverhältnisse durch den Genossen Schukow. Dem widerspricht Philipp Ewers in seiner Schukow-Biografie. Denn anders als Schukow es den Lesern seiner Memoiren zu vermitteln versucht, gehörte seine Familie nicht zu den Ärmsten der Armen, denn, so der Biograf, das würden Unterlagen belegen. Demnach war ihr Einkommen noch so hoch, um sie zu Steuerzahlungen heranzuziehen. Ferner resümiert Ewers: „gegenüber der einfachen Landbevölkerung ist seine Familie deutlich besser gestellt“ (siehe Philipp Ewers, Marschall Schukow – Der Mann, der Hitler besiegte, edition berolina 2017, Seite 15 f.).
Sein erster Bildungsweg führte den Heranwachsenden drei Jahre in die Pfarrschule. Mehr war damals nicht drin. Um seinen kargen Bildungsstand zu heben, machte er sich als junger Mann auf den Weg in die Abendschule. Der führte ihn 1911 zum Abitur.
Schon im Alter von zehn Jahren verließ er die dörfliche Umgebung, um im großen Moskau eine Kürschnerlehre zu machen. Eigentlich wollte der Junge Drucker werden. Die Hauptstadt Moskau sollte Georgi durch ihr Flair ziemlich beeindrucken. Ingeborg Jacobs dazu: „Er ist erstaunt über die vielen Landstreicher und armen Leute, die vielen Betrunkenen, die laute und wilde Musik“ (siehe Ingeborg Jacobs in Vier Kriegsherren gegen Hitler, herausgegeben von Wolfgang Schoen und Holger Hildesheim, Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH Berlin, 2001, Seite 157). Als Lehrjunge begannen die Arbeitstage um 6 Uhr und endeten gegen 11 Uhr abends, als Geselle verdiente er mit 18 Rubel relativ gut. Geschlafen wurde auf dem Fußboden. Aber erst vier Jahre nach Lehrbeginn durfte er sein Heimatdorf besuchen. Es sollte ein hartes und entbehrungsreiches Leben werden.
Erste Sporen im Militärdienst
Anders als man annehmen mag: Ein Mann mit einem derart durchmilitarisierten Werdegang wie Georgi Schukow, der sich in den kommenden Jahrzehnten zu einer signifikant einflussreichen Figur in der sowjetischen Militärgeschichte entwickeln sollte, zog es zunächst nicht in die Armee. Der Anblick der heimkehrenden Kriegsversehrten, die die Kriegsmaschine des Ersten Weltkrieges produziert und ausgespuckt hatte, schreckte ihn ab. Im zweiten Kriegsjahr (1915) wurde er einberufen. Die fast einjährige Grundausbildung, die sich hart und mitunter schikanös annahm, absolvierte der Rekrut als einer der Jahrgangsbesten. Schnell sollte sich sein militärisches Talent zeigen. Frühzeitig erkannten seine Vorgesetzten seine militärischen Begabungen, sein taktisches Geschick, gepaart mit Mut. Dieses Paket war natürlich die beste Empfehlung für eine umfassende militärische Weiterbildung, die letztlich auch zur Übernahme von höheren Führungsaufgaben befähigt. Für einen Lehrgang zum Unteroffizier musste er jedoch erst von seinem Zugführer überredet werden: „An die Front kommst du noch früh genug“, hieß es dann (siehe Ingeborg Jacobs in Vier Kriegsherren gegen Hitler, herausgegeben von Wolfgang Schoen und Holger Hildesheim, Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH Berlin, 2001, Seite 159). Im Jahr 1916 war es dann so weit: Feuertaufe! Im Kriegsdienst wurde der Kavallerist, auf eine Mine reitend, verletzt. Zudem gelang Schukow die Gefangennahme eines deutschen Offiziers. Mit zwei St.-Georgs-Kreuzen dekoriert, war dieser Krieg für ihn beendet – zuletzt als Sergeant in einem kaiserlich russischen Dragonerregiment. Der Kavallerie und den Pferden galt zeitlebens seine Liebe, und Schukow war froh, dass er zu dieser Waffengattung und nicht zur Infanterie kam. Im Gegensatz zu dem legendären, berühmten Reitermarschall Semjon M. Budjonny hat er aber begriffen: Moderne Kriege werden nicht mehr durch Reiterattacken zu gewinnen sein. Dementsprechend bildete sich Schukow fortwährend militärwissenschaftlich weiter. Er öffnet sich für Methoden der mechanisierten Kriegsführung (Panzer). Ein Budjonny hingegen blieb mit seinen militärgeistlichen Hufen in alten und überlebten Vorstellungen stecken, was sich dann im Großen Vaterländischen Krieg (1941–1945) auf tragische Weise zeigen sollte. Schukow stand sozusagen nicht nur für Kampfbereitschaft, sondern auch für Lernbereitschaft. Ein Lernort war die Höhere Kavallerieschule (1924) in Leningrad.
Um chronologisch wieder in die korrekten Zeitläufe zurückzukehren: Nach dem Ritt durch die Kriegswirren des Ersten Weltkrieges, der 1,8 Millionen russischen Soldaten das Leben kostete, sattelte Schukow auf die neu entstehende Rote Armee um. Während der Februarrevolution wurde Schukow in das Soldatenkomitee seiner Schwadron gewählt. Wenig später, nach der üblichen einjährigen Kandidatenzeit, war er Vollmitglied in der Partei der Bolschewiki, die ihm im Laufe der Jahrzehnte das Leben und Überleben nicht gerade leicht machen sollte. Jetzt aber war unser Protagonist neben der Erfüllung militärischer Dienstpflichten eben auch parteipolitisch aktiv.
Im Bürgerkrieg focht er die Revolution des Roten Oktober verteidigend unter anderem gegen die weißgardistischen Truppen des Admirals Alexander Koltschak und des Generals Pjotr Wrangel.
Der Marineoffizier Admiral Koltschak fand erschossen (1920) in einem Eisloch der Angara sein Ende. Baron von Wrangel starb 1928 in Brüssel.
Da er auf den Schauplätzen des Bürgerkrieges eine gute Figur machte, Mut und Geschick bewies, versetzte man den jungen Revolutionskämpfer in Dienststellungen mit höherer Verantwortung: stellvertretender Kompaniechef, Kommandeur einer Abteilung. Dieser Trend sollte sich über die Jahre fortsetzen und steigern, auch das mit der Unmenge an Orden und Medaillen. Angefangen beim ersten Rotbannerorden (1921) und dem ersten Lenin-Orden (1933). Hervorstechend die vier Sterne zum Helden der Sowjetunion, die ihm erstmals 1939 an die Brust geheftet worden waren. Schließlich trat sein Politkommissar an ihn heran und schlug Schukow den Antritt einer Offiziersausbildung vor. So geschieht es: Auf Vorschlag der Parteizelle seines Regiments trifft der Offiziersschüler in spe dazu am 15. März 1920 in Rjasan ein (siehe Philipp Ewers, Marschall Schukow, Der Mann, der Hitler besiegte, edition berolina 2017, Seite 37). Auf der Karriereleiter ging es zunächst scheinbar unaufhaltsam aufwärts, aber natürlich sollte auf diesem Weg auch einem Schukow Bruchstellen begegnen und zurückwerfen.
In der Kampfchronik des Bürgerkriegshelden taucht jedoch auch die Niederschlagung des Bauernaufstandes in Tambow (1920) auf. Die Bauern wehrten sich gegen die Zwangseinziehung ihres Getreides. Schätzungen zufolge wurden 100.000 Menschen inhaftiert, während 15.000 Menschen ums Leben kamen. Dabei setzte die Rote Armee chemische Waffen ein. Dafür verantwortlich: Marschall Michail Tuchatschewski! Laut seiner Memoiren („Erinnerungen und Gedanken“) war sein Autor Marschall Tuchatschewski 1921 erstmals in Tambow persönlich begegnet: „Von Michail Nikolajewitsch Tuchtaschewski hatten wir viel Gutes gehört, besonders was seine operativ-strategischen Fähigkeiten betraf, und die Soldaten freuten sich, von einem so begabten Heerführer befehligt zu werden“ (siehe Georgi Schukow, Erinnerungen und Gedanken, Band 1, Militärverlag der DDR, 7. Auflage 1983, Seite 81). Schukow gehörte zu den Bewunderern Tuchatschewskis. Stalin hat diese Begabung zum Tode (1937) verurteilen und wie viele andere Uniformträger aus fadenscheinigen Gründen auslöschen lassen. Sein künftiger Kampfgefährte an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges, Marschall Konstantin Rokossowski, hatte noch „Glück“: Er kam mit drei Jahren im GULAG davon. Er selbst blieb von dieser Art Maßnahmen verschont, obwohl auch über ihm lange das Damoklesschwert der Säuberung schwebte. Ursächlich dafür war möglicherweise der Umstand, dass Stalin im Bürgerkrieg zeitweise Schukows Vorgesetzter (Vorsitzender des Militärrates) war.
Wenden wir uns nunmehr erneut dem fruchtbaren Teil von Schukows militärischer Tätigkeit zu, die ihn zu der höchsten Rangstufe, der eines Marschalls, sowie auf die höchsten Stufen der Karriereleiter aufsteigen ließ. Seine Niederlagen, die Demütigungen durch Partei und Staat bis hin zu seinem Fall in die Bedeutungslosigkeit sind ein anderer Komplex seines Lebens, gehören aber dazu.
Als Politkommissar, vor allem als Truppenkommandeur, kann Schukow überzeugen. Einheiten, die ihm übergeben werden, bringt er quasi auf Vordermann, sodass sie zum Beispiel bei Großmanövern glänzen. Als neuer Kommandeur trieb er die 4. Kavalleriedivision zu Höchstleistungen. Sein Lohn: ein Leninorden. Er arbeitet als Gehilfe beim Kavallerieinspekteur Semjon M. Budjonny. Ende 1930 avanciert unser Mann zum stellvertretenden Inspekteur der Kavallerie. Zudem gibt der junge Kavallerieoffizier ein Handbuch für diese Truppengattung in Auftrag, um ihr Kampftraining zu verbessern. Eine weitere Kommandofunktion, die Schukow zugesprochen wird, ist die über den wichtigen Kiewer Besonderen Militärbezirk.
Eine Beurteilung aus jener Zeit sah die Person Georgi Schukow so: willensstark, entscheidungsfreudig. Beweist Initiative, Disziplin, verlangt ständig nach Leistung von seinen Leuten. Im persönlichen Umgang kalt, wenig rücksichtsvoll. Eigensinnig. Übertrieben stolz.
Sein Biograf Philipp Ewers ergänzt die Liste mit Punkten wie Gleichmut gegenüber Strapazen, Bereitschaft zum Lernen und zur eigenständigen Weiterbildung, Tapferkeit vor dem Feind und die Bereitschaft, Verantwortung und Führung zu übernehmen (siehe Philipp Ewers, Marschall Schukow, Der Mann, der Hitler besiegte, edition berolina 2017, Seite 40). Mehrfach wird die besondere Härte des einstigen Dorfknaben betont. Zum Vorwurf wird Schukow insbesondere dieser Satz gemacht: „Wenn wir auf ein Minenfeld stoßen, greifen unsere Soldaten so an, als ob es gar nicht da wäre.“ Wer weiß: Vielleicht waren die weniger sympathisch hart wirkenden Charakterzüge wesentlich und wichtig gewesen, um im kommenden deutsch-sowjetischen Krieg zu bestehen und Station für Station vorwärtstreibend in Berlin den Bahnhof des Sieges zu erreichen – mittendrin der „Mann, der Hitler besiegte“.
Schukow im Großen Vaterländischen Krieg
Zur Zeit des deutsch-faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion war die Rote Armee in einem desolaten Zustand. Notwendige Umstrukturierungen und die technische Umrüstung waren noch nicht abgeschlossen. Die Ausstattung mit neuen technischen Geräten war eben erst begonnen worden: T-43, Katjuscha. Die berühmte IL-2 (fliegender Panzer) kam auch erst 1941 mit dem Beginn der Serienproduktion aus den Startlöchern. Überproportional hoch waren die Verluste an Fluggerät der veralteten sowjetischen Luftstreitkräfte. In Größenordnungen gelang es nicht einmal, dass die Maschinen an Höhe gewinnen. Sie wurden vor allem am ersten Kriegstag zumeist schon am Boden zerstört. Nur in ihrer massigen Erscheinung mochte die Rote Armee noch mit einem kleinen Vorteil aufwarten. Aber das war nicht genug, um gegen die gut geölte und kriegserfahrene Wehrmacht anzukommen. Man erinnere sich an die verheerenden Kesselschlachten, Rückzüge sowie an die Millionen Kriegsgefangenen in der Anfangsphase des Krieges. Infolge der stalinschen Repressionen hatte die Rote Armee auch noch mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen; Tuchatschewski, Blücher, Jegorow, Jakir waren nicht mehr. Schukow hat die Repressalien Stalins gegen die Militärangehörigen jedenfalls als „widerwärtig“ bezeichnet (siehe Das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg, Band 4, DVA 1983, Seite 55). Als Verteidigungsminister (1955–1957) unternahm Marschall Schukow sehr zum Missfallen des Kremlherrn, Nikita Chruschtschow, Schritte, um Marschall Tuchatschewski zu rehabilitieren, dessen strategische Konzepte in den Kriegsjahren nicht zuletzt durch ihn persönlich zur Anwendung kamen. Man muss hierbei wissen: Chruschtschow war seinerzeit einer der Wortführer, die den jüngsten Marschall (Ernennung mit 42 Jahren) in die tödliche Verdammnis redeten.
Zu Beginn des Krieges amtierte Schukow als Generalstabschef. Nach einem Streit mit dem Obersten Befehlshaber erhielt er sein erstes Frontkommando: die Reservefront. Damit verbunden, wir haben es schon erwähnt, waren die Verteidigung der Hauptstadt und eine Gegenoffensive unter seinem Befehl, die unter dem Namen Operation Taifun firmierte. Die Operation wurde ein bemerkenswerter Triumph. Die Blitzkriegsstrategie der Deutschen war gescheitert. Das Kriegsbild im Osten unterschied sich fundamental von dem im Westen. Aber es sollten noch einige erbitterte und äußerst blutige Schlachten folgen, ehe Rotarmisten das Siegesbanner auf dem Berliner Reichstag hissen konnten. Schukow, der ab 1942 als stellvertretender Oberbefehlshaber der Streitkräfte fungierte, hatte auf den Kriegsschauplätzen (1941–1945), wie man so sagt, immer seine Hände im Spiel. Nicht selten schickte ihn Stalin dorthin, wo die Lage besonders brenzlig war: Moskau, Leningrad. Schukow war das, was auf kleinerer Flamme aufseiten der Wehrmacht Generalfeldmarschall Walter Model war: ein Feuerwehrmann. Beide Männer sollten zum Beispiel in der berühmten Panzerschlacht am Kursker Bogen (1943) aufeinandertreffen. Kursk war der letzte Versuch der Deutschen, die strategische Initiative wiederzuerlangen. Das ging schief. Model hat sich 1945 im Angesicht der Niederlage selbst gerichtet. Dem vorgelagert stand die 250 Tage dauernde Schlacht um Stalingrad auf dem Kriegsplan. Hier erdachten „Russlands Rommel“ (SPIEGEL 26/1974) und der Generalstabschef Alexander Wassilewski die Umfassungsoperation, die zur Einschließung der 6. Armee von General Paulus, einem Chefplaner des Überfalls auf die Sowjetunion, führen sollte. Nach dem Sieg von Stalingrad wurde er in den Rang eines Marschalls (1943) erhoben und ihm wurde der Suworow-Orden verliehen.
Genau drei Jahre später, als es der Hitler-Wehrmacht einfiel, die UdSSR mit Krieg zu überziehen, setzten die Sowjettruppen mit der Operation Bagration (22. Juni 1944) zum großen Sprung an: Sie warfen die einst mächtige Heeresgruppe Mitte aus Belorussland. Schlussendlich wurden die deutschen Eroberer vom gesamten sowjetischen Staatsgebiet vertrieben. Auch hier war Schukows Handschrift erkennbar – als Frontoberbefehlshaber.
Die Sowjetunion gehörte wieder den rechtmäßigen Landesherren. Aber elf Länder warteten noch auf die Erfüllung der Befreiungsmission der Sowjetarmee, so die Sprachregelung nach dem Krieg. Der finale Schlusspunkt konnte nur Hitlers Machtzentrale, Berlin, sein. Am 16. April 1945 begann dieser „Sturmlauf“ auf die Reichshauptstadt. Im Mai 1945 war der Sieg über Hitlerdeutschland eingefahren: in der letzten Schlacht, der Berliner Operation. In der Nacht zum 9. Mai nahm der Sowjetmarschall von der hinterbliebenen Führungsclique der deutschen Wehrmacht, an der Spitze dem Chef ihres Oberkommandos, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, deren bedingungslose Kapitulation entgegen. Eine bittere Fußnote der Zeremonie war die Anwesenheit des ehemaligen Generalstaatsanwalts der UdSSR, Andrej Wyschinski, der in den Jahren der stalinschen Schauprozesse nicht wenige seiner Berufskollegen in den Tod geschickt hat (Tuchatschewski u.a.). Im Zenit seiner Militärlaufbahn dürfte Schukow am 24. Juni 1945 gestanden haben. Es war der Tag der Siegesparade auf dem Roten Platz, die er auf einem Schimmel reitend abnahm.
Schukows Fall
Zenite haben es so an sich, dass sie überschritten werden. Dem folgt nicht selten der Fall. Schukow hat so einen Abfall in seiner Karriere mehrfach erlebt: Nach Kriegsende wurde Marschall Schukow, der fünf Fronten befehligt hatte, zum Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) (Juni 1945 – März 1946) berufen. Damit war er für die sowjetische Besatzungspolitik verantwortlich. Die von ihm geleitete Militärbehörde stand vor der schweren Aufgabe, das zivile Leben, die Wirtschaft und den Schulbetrieb wieder in Gang zu setzen, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber nur wenige Monate später ereilte Schukow, der im Krieg fünf Fronten befehligt hatte, die Absetzung und der Rückruf nach Moskau. Generalissimus Stalin begann den Marschall nach Kriegsende als Rivalen zu fürchten. Durch dessen Popularität im Volk fühlte er sich bedroht. Dem Hausherrn im Kreml missfiel, dass Schukow ungeniert seinen Ruhm genoss und öffentliche Huldigungen entgegennahm, ohne seinen Herren zu erwähnen. Stalin war das irgendwann zu viel und nährte dessen Eifersucht und Neid. Ähnliche Neurosen gegenüber Schukow sollte später der Stalin-Nachfolger Chruschtschow gleichfalls entwickeln.
Nachdem also der „Ex-Berliner“ kurzzeitig Chef der Landstreitkräfte war, versetzte der Oberbefehlshaber (Stalin) ihn in den bedeutungslosen Militärbezirk Odessa. Auf die „amtliche“ Verlustliste des Spitzenmilitärs gerieten damit die Abberufung als Vize-Verteidigungsminister und die Einbuße des Platzes als Kandidat des Zentralkomitees der Partei.
Aber die Popularität von Schukow nahm nicht den erhofften Schaden. Deshalb wurde 1948 die konspirative Durchsuchung seines Hauses angewiesen. Man fand Möbel, Teppiche, Gemälde, die der Berlin-Eroberer aus Deutschland mitgebracht hatte. Neben der Rückgabe der Kriegsbeute ging es nun noch weiter weg vom Moskauer Machtzentrum: Der Militärbezirk im Ural bekam einen neuen Kommandeur.
Zwei Fragen könnte man rein hypothetisch stellen: Was wäre, wenn Schukow nach Ende des Krieges nicht der Bannstrahl Stalins getroffen hätte? Welchen Einfluss hätte sein Wirken für den Sowjetstaat und die Entwicklung der Sowjetarmee haben können, wenn er nicht auf Provinzposten fernab der Zentren der Macht von Partei, Staat und Armee verschickt worden wäre?
Schukow ist wieder da
Erst der Tod Stalins machte für Schukow wieder den Weg frei: aus der Verbannung in minder bedeutenden Dienststellungen zurück in das politische und militärische Zentrum des Riesenreiches.
Der Nachmieter im Moskauer Kreml, Nikita Chruschtschow, brauchte ihn. Mit einer Reihe hochrangiger Militärs übernahm Marschall Schukow während einer Präsidiumssitzung der KPdSU, der Chruschtschow vorsaß, die Verhaftung des NKWD-Chefs Lawrenti Berija. Das dürfte ihm angesichts der Versuche der wiederholten Denunziationen seiner Person gegenüber von Stalin ein innerer Vorbeimarsch gewesen sein. Stalin selbst hatte ihn (Berija) bei der Konferenz in Jalta (Februar 1945) als „unser Himmler“ vorgestellt, erinnerte sich der spätere Langzeit-Außenminister Andrej Gromyko (siehe Vladimir F. Nekrassow (Hrsg.), Berija – Henker in Stalins Diensten, Ende einer Karriere, Bechtermünz Verlag 1997, Seite 274). In Nekrassows Buch schaut der führende Aktionär (Schukow) auf diese Verhaftung zurück: Nach einer Stunde des Wartens im Nebenzimmer, das verabredete Zeichen. (…) „Ich stellte mich hinter Berija und befahl: Aufstehen! Sie sind verhaftet. Bevor Berija aufstehen konnte, riss ich seine Arme nach hinten und drückte ihn hoch. Er war kreidebleich und regungslos“ (siehe Vladimir F. Nekrassow (Hrsg.), Berija – Henker in Stalins Diensten, Ende einer Karriere, Bechtermünz Verlag 1997, Georgi Schukow, Eine riskante Operation, Seite 342 ff.). Das war am 26. Juni 1953. Am 23. Dezember erging das Todesurteil, dessen Vollstreckung am selben Tag ein General übernahm.
Schukow nahm daraufhin den frei gewordenen Platz von Berija im Zentralkomitee ein und stieg zum Verteidigungsminister auf. Aber viel Zeit blieb ihm nicht. Schon nach zwei Jahren (1955–1957) hatte der Marschall sich mit dem Partei- und Staatschef N. Chruschtschow überworfen und musste den Rückzug aus dem Büro antreten. Trotzdem: Nicht nur an den Fronten des Krieges, sondern auch im Ministerbüro hat er tiefe Spuren hinterlassen. Es war zudem eine ereignisreiche Zeit: Circa 1,1 Millionen Soldaten wurden demobilisiert. „Garniert“ wurde seine Amtszeit mit einer Reihe von Abrüstungsvorschlägen, darunter einem Verbot von Atomwaffen. Das Warschauer Vertragsbündnis (1955) wurde aufgebaut, woran der sowjetische Minister mit seinen Einflüssen auf eine defensive Gestaltung des Vertragswerkes beteiligt war. Allerdings fiel auch der sowjetische Einmarsch in Ungarn (1956) in die Zeit, da er die verantwortliche Trägerschaft über das sowjetische Verteidigungsministerium innehatte. Demgegenüber stand sein Vorschlag, die Truppenstärke der Sowjetarmee in Ungarn zu reduzieren (Ewers). Jedenfalls bekam Schukow für den Ungarn-Einsatz einen weiteren Lenin-Orden. Zur Überwurfaktion des Parteichefs Chruschtschow mit dem Minister Schukow kam es 1957. Gestärkt von einem Urlaub kommend, ließ er das Regierungsmitglied und bisherigen Mitstreiter „wie eine heiße Kartoffel fallen“, so schildert es Lothar Kölm (siehe Kremlchefs, Nikita Chruschtschow, Dietz Verlag Berlin 1991, Seite 99). Und weiter: Als Kündigungsgründe galten für den damaligen Politoffizier im Generalsrang (Stalingrad, Ukraine; dort hatten sie miteinander zu tun) „Kontroversen im Aufbau der Streitkräfte; Reduzierung der Gesamtmannschaftsstärke, Aufbau und Förderung der taktisch-strategischen Waffensysteme (Raketen) auf Kosten konventioneller Waffengattungen hatten nicht die Unterstützung der Marschälle des Großen Vaterländischen Krieges gefunden“, Schukow eingeschlossen. Das oft gegen den nunmehr gefallenen Marschall vorgebrachte Argument, er habe sich selbst und die Armee über die Partei stellen wollen, benennt der Autor (Kölm) mit Hinweis auf Tuchatschewski als nicht „stichhaltig“. Ein anderer Militärführer, Armeegeneral Anatoli Gribkow (1919–2008), rekapitulierte die Vorkommnisse betreffs der Entlassung des Ministers Schukow auf diese Weise: „Im Jahre 1957 es dann zu dem hinlänglich bekannten Oktoberplenum des ZK, auf dem G.K. Schukow aus dem Präsidium ZK ausgeschlossen und als Verteidigungsminister abgelöst wurde. Das löste in der Führung der Streitkräfte eine Kettenreaktion aus: Zum Verteidigungsminister wurde Marschall Rodion Malinowski, Marschall Andrej Gretschko wurde sein 1. Stellvertreter, Marschall Matwei W. Sacharow übernahm die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (von Gretschko) (…) Zur Auswertung des ZK-Plenums fanden Versammlungen des Parteiaktivs statt, auf denen G.K. Schukow wegen seiner Selbstherrlichkeit verurteilt wurde. Die Zeitungen schrieben viel darüber. Selbst Marschall Iwan Konew veröffentlichte nach dem Plenum einen vernichtenden Artikel (Prawda, 3. November 1957) über Schukow, über dessen Inhalt ich (Gribkow) empört war“ (siehe Anatoli Gribkow, Im Dienste der Sowjetunion, Erinnerungen eines Armeegenerals, edition q 1992, Seite 215 f.). Beide Männer kannten sich schon aus dem Krieg. Gribkow war damals für den Generalstab tätig und traf erstmals 1942 bei einem Einsatz an der Kalininer Front auf den prominenten Armeegeneral (siehe Anatoli Gribkow, Im Dienste der Sowjetunion, Erinnerungen eines Armeegenerals, edition q 1992, Seite 141/142). Eine lange Zeit (1976–1988) war der Armeegeneral Stabschef des Warschauer Vertrages. Nach diesen gedanklichen Ausläufern zurück zum Ausgangspunkt: Beide Marschälle wurden des Bonapartismus beschuldigt. Tuchatschewski hat man noch erschossen, bei Schukow ging das nicht mehr so einfach. Schlussendlich hat der „beste General des Zweiten Weltkrieges“ (General Dwight Eisenhower) diese Schlacht verloren. Weniger schmeichelhaft urteilte der US-Panzergeneral George Patton über Marschall Schukow: „Schukow sei ihm wie ein Operetten-Buffo vorgekommen, mit dem ganzen Ordensblech an seiner Brust, zudem sei er ziemlich klein, fett, habe ein Affengebiss, aber gute blaue Augen“ (siehe Philipp Ewers, Marschall Schukow – Der Mann, der Hitler besiegte, edition berolina 2017, Seite 250). So jedenfalls der Viersterne-General George S. Patton am Rande einer Siegesparade mit den Alliierten in Berlin.
Schukow ist wieder weg
Nun, man hatte den namhaften Marschall aus dem Ministerium abgeschoben und eine Personalrochade in der Führungsebene der Armee in Marsch gesetzt, aber das hatte nicht nur unmittelbare Folgen für Schukow. Die sowjetische Armee bezahlte dies mit einem Machtvakuum sowie mit einem Bedeutungsverlust. Darauf verweist Raimond L. Garthoff (1929–2024) in seinem Buch „Sowjetstrategie im Atomzeitalter“. Die Publikation ist zwar älteren Datums (1959), aber seine Überlegungen hierzu laden noch heute zur Kenntnisnahme und zu einer Auseinandersetzung mit ihnen ein. Garthoff schreibt: (…) „Es wird ihr (der Armee) keine Gelegenheit mehr gegeben, als politische Kraft zu handeln. Die Marschälle sind im Parteipräsidium nicht mehr durch einen Berufssoldaten vertreten, der zugleich ein politisches Profil hat“ (siehe Raimond L. Garthoff, Sowjetstrategie im Atomzeitalter, Droste Verlag Düsseldorf 1959, Seite 55). In der Konsequenz habe das Militär mit dem Ausscheiden von Schukow an „Stimme und erheblich an Gewicht verloren“, meinte Garthoff. Auf der anderen Seite betonte der Senior Fellow der Brookings Institution (Garthoff): „Aber Schukows Entfernung ließ natürlich keinen Zweifel daran, dass die Armee in eine Position zurückverwiesen wurde, die unterhalb (!) der Ebene lag, auf der im Präsidium die nationale Politik gemacht wurde“ (siehe Raimond L. Garthoff, Sowjetstrategie im Atomzeitalter, Droste Verlag Düsseldorf 1959, Seite 56).
Nach diesem „Gezeitenwechsel“ fand sich der stets umtriebige Mann im Ruhestand wieder. Schukow war zur Untätigkeit verurteilt. Alles Betteln half nichts. Weder ein Truppenkommando noch einen Posten an einer Militärakademie wollte man dem versiegten Marschall noch zugestehen. Für ihn sicher mit Schmach empfunden, wurde er 1958 endgültig aus den Streitkräften entlassen. Erst mit dem Machtantritt von Leonid Breschnew erlebte der berühmte Feldherr wieder eine Renaissance.
Aber wie verbringt ein Mensch, der über Jahrzehnte mit so viel Hingabe und vollem Einsatz seinem Beruf nachgegangen ist, jetzt die Tage? Mitunter dürften sie einsam gewesen sein: zuerst die fehlende Arbeitsumgebung, dann das gewohnt hohe Pensum an Aufgaben und Terminen. Leider hat sich der Pensionär mit seinem schroffen, launischen, rücksichtslosen Verhalten, mit seinem brutalen Führungsstil – ein Todesurteil war da schnell mal gefällt – nicht gerade viele Freunde gemacht. Dass die militärischen Operationen unseres Schlachtenlenkers oft auf einen exorbitant hohen Blutzoll seiner Soldaten zusteuerten, steigerte auch nicht gerade die Beliebtheitswerte des Militärs G. K. Schukow. Der Umstand, dass der Marschall im Ruhestand zahlreiche Siege im Großen Vaterländischen Krieg sich allein zuschrieb und dabei die Verdienste anderer Kollegen untergrub, war auch nicht nett, milde gesagt. Nebenher gab Schukow Interviews, darunter mit dem bekannten Kriegsschriftsteller Konstantin Simonow (1915–1979). Dem Militärhistoriker Pawlenko gegenüber gab er über Stalin dieses Statement ab: „Er war und blieb ein Zivilschnauzer“ (es ging um eine Einschätzung der „Feldherrenqualitäten“ des Genossen Stalin) (siehe Dimitri Wolkogonow, Stalin, Triumph und Tragödie, ECON, 3. Auflage 1996, Seite 617). Jahre zuvor dachte Schukow (zensurbedingt?) noch anders: „Ich trug einen gewaltigen Glauben an Stalin in mir“ (siehe Dimitri Wolkogonow, Stalin, Triumph und Tragödie, ECON, 3. Auflage 1996, Seite 537).
Schlussrapport
Der Umgang mit Georgi K. Schukow war ganz bestimmt nie einfach. Man kann sich fragen: Welche Einflüsse haben ihn zu diesem Menschen geformt? Waren es die Entbehrungen in Kindheit und Jugend? War es das Antlitz der Kriege, die er zu sehen und zu tun bekam? Waren es die Intrigen und Demütigungen in Armee und Partei? Festzuhalten ist: Er war ein überragender Soldat, dem die Sowjetunion ganz maßgeblich den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg zu danken hat. Man hat es ihm nicht vergessen, obwohl frühere Machthaber/Kriegskameraden Schukow eine Zeit lang in Darstellungen über diesen Krieg sowie in anderen militärwissenschaftlichen Diskursen nicht oder kaum beachteten (zugegeben, wie er es selbst lange tat). Im Grundlagenwerk der Sowjetarmee „Militärstrategie“ (1965), das Marschall Wassili D. Sokolowski veröffentlichte, findet sich gar keine Erwähnung von Schukow. Marschall Konstantin Rokossowski schaffte es in einer Abhandlung über die Stalingrader Schlacht (1965), in der er als Herausgeber fungierte, den Namen des Delinquenten immerhin am Rande zu nennen. Als er doch wieder zu öffentlichen Anlässen (Tag des Sieges, Konferenzen) eingeladen wurde und auftrat, wurde der Marschall a. D. sehr freundlich und oft mit stehenden Ovationen begrüßt.
Sprechen wir von Erinnerungspolitik, dann ist festzustellen, dass Marschall Schukow im Gegensatz zu den anderen einst gefeierten Galionsfiguren des gescheiterten Sowjetsystems überlebt hat. Er bleibt bis in die Gegenwart im Gespräch, ob im Buch, auf Podien oder im Film.
Eine Stadt nahe seinem Geburtsort trägt seit seinem Tod seinen Namen. Bis heute füllt er Museen oder es werden eigens für ihn neu gebaut. Präsident Jelzin ließ für Schukow auf dem Roten Platz ein Reiterdenkmal errichten. Jelzin war es auch, der Schukow vollends von allen negativen Vorwürfen und Anklagen freisprach.
Wofür der Pensionär neben seiner weiteren publizistischen Tätigkeit zur Geschichte und Aufarbeitung des Großen Vaterländischen Krieges und der Wahrnehmung mancher Termine nunmehr deutlich mehr Zeit hatte, war ein Privatleben. Kyrill D. Kalinow, ein sowjetischer Offizier, der die Sowjetunion nach dem Krieg verließ, schrieb über die außermilitärischen Handlungen des Marschalls: „Schukow schätzt weder das Theater noch die Oper oder Symphoniekonzerte. Als Zerstreuung bevorzugt er das Kino (…) Andererseits entwickelte er eine wirkliche Leidenschaft für russische Volkstänze“ (siehe Kyrill D. Kalinow, Sowjetmarschälle haben das Wort, Hansa Verlag Josef Toth Hamburg 1950, Georgi K. Schukow, das Symbol des Sieges, Seite 152). Offenbar war der alte Knochen aber ein begnadeter Tänzer. Denn zur Freude der alliierten Teilnehmer einer Siegesfeier nach der deutschen Kapitulation legte Schukow eine kesse Sohle aufs Parkett. Kalinow schildert diese Episode im zitierten Buch (Kyrill D. Kalinow, Sowjetmarschälle haben das Wort, Hansa Verlag Josef Toth Hamburg 1950, Georgi K. Schukow, das Symbol des Sieges, Seite 152). Schon im Vorwort seines Marschallbuches erklärt Kalinow: „Schukow bleibt dabei für mich der größte Heerführer, dem ich begegnet bin, mag man ihn auch, als der Krieg vorbei war und er seine Schuldigkeit getan hatte, aus seinem Aufgabenbereich jäh herausgerissen und irgendwohin abgeschoben haben“ (siehe Kyrill D. Kalinow, Sowjetmarschälle haben das Wort, Hansa Verlag Josef Toth Hamburg 1950, Seite 7/8).
Er ging zudem gerne angeln und las sehr viel; neben militärgeschichtlichen Werken waren es die Klassiker der russischen Literatur, die zu seinem Lesestoff gehörten. In seiner Datscha hatte sich der Filmfreund einen Raum für Filmvorführungen eingerichtet. Dabei lebte er wie sein früherer Dienstherr Stalin seine Vorliebe für US-Gangsterfilme aus.
Vor allem dürfte Schukow die gewonnene freie Zeit genutzt haben, um sie mit seiner Zweitfrau Galina sowie mit ihrer gemeinsamen Tochter Maria zu verbringen – ohne zu ahnen, dass Galinas früher Tod ihrer Ehe (1965–1973) nur eine knapp bemessene Zeit zugestehen würde.
Während des Grenzkonflikts am Chalchin Gol (1939) feierte ein geflügeltes Wort seinen Ursprung:
Dort, wo Schukow ist, wird angegriffen. Und dort wird gesiegt.
Aber schwer erkrankt verließ den hochgeehrten wie umstrittenen Marschall der Sowjetunion zunehmend der gewohnte Angriffselan und Offensivgeist. Seine Abwehrkräfte wurden immer schwächer bis sie ganz erschöpft waren. Mit 77 Jahren hat er seinen letzten Kampf verloren.
Autor: René Lindenau
Literatur
Georgi Arbatow, Das System – Ein Leben im Zentrum der Sowjetpolitik –, S. Fischer Verlag 1993
Georgi Schukow, Erinnerungen und Gedanken, Band 1, Militärverlag der DDR, 7. Auflage 1983
Philipp Ewers, Marschall Schukow – Der Mann, der Hitler besiegte, edition berolina 2017
Ingeborg Jacobs in Vier Kriegsherren gegen Hitler, herausgegeben von Wolfgang Schoen und Holger Hildesheim, Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH Berlin, 2001
Vladimir F. Nekrassow (Hrsg.), Berija – Henker in Stalins Diensten, Ende einer Karriere, Bechtermünz Verlag 1997
Kremlchefs, Nikita Chruschtschow, Dietz Verlag Berlin 1991
Anatoli Gribkow, Im Dienste der Sowjetunion, Erinnerungen eines Armeegenerals, edition q 1992
Dimitri Wolkogonow, Stalin, Triumph und Tragödie, ECON, 3. Auflage 1996
Raimond L. Garthoff, Sowjetstrategie im Atomzeitalter, Droste Verlag Düsseldorf 1959
Kyrill D. Kalinow, Sowjetmarschälle haben das Wort, Hansa Verlag Josef Toth Hamburg 1950