Erich Raeder – Großadmiral der Kriegsmarine

anonym, Erich Raeder, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Erich Raeder wurde am 24. April 1876 in Wandsbek bei Hamburg geboren und schlug früh die Offizierslaufbahn in der Marine ein. Sein Vater Hans Raeder war als Studienrat (Gymnasiallehrer) tätig, und die Familie erzog ihn und seine Brüder in traditioneller Disziplin und Bildungsnähe. Nach dem Abitur 1894 trat Raeder als Seekadett in die Kaiserliche Marine ein und durchlief eine schnelle Ausbildung. Bereits 1897 bestand er sein Seeoffiziersexamen mit Auszeichnung und wurde zum Unterleutnant zur See ernannt. Es folgten Verwendungen als Signaloffizier auf Kreuzern und ab 1900 die Beförderung zum Oberleutnant zur See. Nach Studien an der Marineakademie in Kiel stieg Admiral Erich Raeder1905 zum Kapitänleutnant auf. Im April 1911 wurde Raeder als Anerkennung seiner Leistungen zum Korvettenkapitän befördert. Diese frühe Karrierephase prägte ihn; er entwickelte eine tiefe Loyalität zum Kaiser und eine lebenslange Sympathie für Kaiser Wilhelm II., dessen Yacht Hohenzollern er als Navigationsoffizier zeitweise diente.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs übernahm Raeder Stabsaufgaben bei der Hochseeflotte. Er wurde Erster Admiralstabsoffizier beim Befehlshaber der Aufklärungsschiffe und diente unter Admiral Franz von Hipper auf dem Schlachtkreuzer Seydlitz. In dieser Position nahm er an wichtigen Seegefechten teil – darunter das Gefecht auf der Doggerbank 1915 und insbesondere die Skagerrakschlacht (Schlacht am Skagerrak, englisch Battle of Jutland) 1916, die größte Seeschlacht des Krieges. Raeder bewährte sich als verlässiger Stabsoffizier in diesen entscheidenden Auseinandersetzungen der deutschen Schlachtkreuzer. Für seine Verdienste in der Skagerrakschlacht erhielt er das Preußische Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern. Im April 1917 wurde er zum Fregattenkapitän befördert, und man beließ ihn bis Anfang 1918 als Chef des Stabes bei Hippers Aufklärungsstreitkräften. Erst im letzten Kriegsjahr erhielt Raeder noch ein eigenständiges Kommando: als Fregattenkapitän führte er den Kleinen Kreuzer SMS Köln. Allerdings kam dieses Schiff bis Kriegsende nicht mehr zum Einsatz, da der Krieg in der Zwischenzeit entschieden war.
Die Niederlage Deutschlands 1918 erlebte Raeder als Marineoffizier, der trotz Umbruch und Revolution in der Marine verbleiben konnte. Bereits im Oktober 1918 wechselte er von der Front zurück in die Marineverwaltung: Er wurde zum Chef der Zentralabteilung im Reichsmarineamt ernannt. Somit gehörte er zu den wenigen höheren Marineoffizieren, die in der neuen republikanischen Marineführung verbleiben durften. In den letzten Kriegstagen und während der Revolution verhielt er sich umsichtig und blieb der Regierung gegenüber loyal. Raeder betonte in seinen Memoiren, dass er während des Kieler Matrosenaufstands und des anschließenden Kapp-Putsches von 1920 loyal zur legalen Reichsregierung gestanden habe. Dennoch geriet er aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit dem damaligen Chef der Admiralität, Adolf von Trotha, in Misskredit: Trotha war in den rechtsgerichteten Kapp-Lüttwitz-Putsch verwickelt und musste zurücktreten. Daher galt Raeder bei den republikanischen Autoritäten als politisch belastet. Konsequenterweise versetzte man ihn auf einen weniger einflussreichen Posten ins Marinearchiv. Diese Phase fernab vom Tageskommando nutzte Raeder produktiv: Er setzte Raeder alles daran, marinehistorische Studien zu verfassen. So entstand unter seiner Federführung die zweibändige Abhandlung „Kreuzerkrieg in ausländischen Gewässern“, veröffentlicht 1922. Darin analysierte er insbesondere die Operationen des deutschen Ostasiengeschwaders im Ersten Weltkrieg und kam zu kritischen Schlussfolgerungen. Raeder erkannte, dass die deutsche Flotte 1914–1918 in der Nordsee zu passiv geblieben war. In seinem Werk stellte er die These auf, dass die Untätigkeit der Hochseeflotte der Royal Navy ermöglicht habe, deutsche Überseeverbände – wie das Kreuzergeschwader von Admiral Spee – isoliert zu stellen und zu vernichten (beispielsweise im Seegefecht bei den Falklandinseln 1914). Diese Analyse beeinflusste Raeders eigenes strategisches Denken nachhaltig: Er gewann die Überzeugung, dass der Einsatz einer Flotte im eigenen Küstenmeer und das gleichzeitige Aussenden von Fernstreitkräften in Wechselwirkung stehen. Die Arbeit fand auch wissenschaftliche Anerkennung – Raeder wurde dafür 1926 Ehrendoktor der Kieler Universität, was sein Ansehen als Marinehistoriker bestätigte.
Weimarer Republik: Aufstieg zum Marineoberbefehlshaber
Trotz seiner monarchisch-konservativen Grundeinstellung arrangierte sich Raeder pragmatisch mit der Weimarer Republik. Er vertrat die Auffassung, die Reichswehr – und damit auch die Marine – müsse sich aus der Politik heraushalten und jeder legitimen Regierung loyal dienen. Entsprechend loyal verhielt er sich gegenüber der demokratischen Regierung, obwohl er innerlich an den alten Kaiserreichsidealen hing. Nach einigen Jahren im Marinearchiv rückte Raeder zurück in zentrale Marinepositionen: 1920 wurde er ins aktionsfähige Personal zurückgeholt und zunächst als Leiter einer Marineabteilung eingesetzt. Im Jahr 1922 wurde Raeder zum Konteradmiral befördertund gleichzeitig zum Inspekteur des Bildungswesens der Marine ernannt. In dieser Funktion verantwortete er die Ausbildung und Schulung des Marineoffizierskorps in den restriktiven Bedingungen des Versailler Vertrags. Raeder bewies hier organisatorisches Talent und hielt die Marine geistig intakt, trotz der zahlenmäßigen Beschränkungen. Bereits 1924 wechselte er wieder in ein Flottenkommando: Er übernahm als Befehlshaber die leichten Seestreitkräfte der Nordsee, eine aus Torpedobooten und leichten Kreuzern bestehende Formation. Dieses Kommando ermöglichte Raeder erneut praktischen Einblick in die Einsatzbereitschaft der verkleinerten Reichsmarine. Im Januar 1925 wurde Raederweiter befördert – zum Vizeadmiral – und zum Chef der Marinestation der Ostsee ernannt. In dieser prestigeträchtigen Position in Kiel war er für die Marinestreitkräfte und Küsteneinrichtungen der Ostsee verantwortlich. Hier in Kiel, dem traditionellen Marinezentrum, verbrachte Raeder einen Großteil seiner Dienstzeit, und er knüpfte Kontakte in Marinekreisen, die ihm später zugutekamen.
Raeders Reputation wuchs, und er galt als fähiger, wenn auch politisch rechts orientierter Offizier. Innerhalb der Marine wurde er allerdings auch mit neuen strategischen Ideen konfrontiert. 1925 publizierte Konteradmiral Wolfgang Wegener eine Denkschrift, die eine neue Ausrichtung der deutschen Seestrategie forderte – weg von der rein defensiven Haltung in Nord- und Ostsee, hin zu vorgeschobenen Stützpunkten etwa an der Atlantikküste (er nannte ausdrücklich Brest). Obwohl Wegener damit im Grunde Elemente der späteren Kriegsmarine-Strategie von 1939 vorwegnahm, lehnte Raeder diese Ideen damals entschieden ab. Er bezeichnete Wegeners Schrift 1931 sogar abfällig als „Machwerk“. Dies zeigt, dass Raeder in den 1920er Jahren traditionell dachte und zunächst an der klassischen Tirpitz’schen Flottenkonzeption festhielt – eine starke Schlachtflotte in heimischen Gewässern, statt „Kreuzerkrieg“ auf entfernten Weltmeeren. Ironischerweise sollte er Jahre später als Oberbefehlshaber doch Teile dieser neuen Denkweise übernehmen, etwa bei der Einrichtung von U-Boot-Stützpunkten an Frankreichs Atlantikküste während des Zweiten Weltkriegs.
Politisch galt Raeder Ende der 1920er als nationalkonservativ mit kritischer Distanz zur Republik, doch er bemühte sich um Korrektur seines Images. Wohl auf Betreiben des Reichswehrministers Wilhelm Groener und aufgrund einer Marineaffäre (der sogenannten „Lohmann-Affäre“) kam es 1928 zu einem Wechsel an der Marine-Spitze. Der bisherige Marinechef Admiral Hans Zenker schied aus seinem Amt. In dieser Situation setzte Groener die Ernennung Raeders zum neuen Chef der Marineleitung am 1. Oktober 1928 durch. Damit erreichte Raeder den höchsten Posten der Marine zur Zeit der Republik – er wurde faktisch Oberbefehlshaber der deutschen Seestreitkräfte (wenn auch der Titel damals noch „Chef der Marineleitung“ lautete). Raeder trat dieses Amt mit dem Bewusstsein an, ein politisch belastetes Image abzuschütteln. Er betonte öffentlich seine Loyalität zur Verfassung und suchte ein unpolitisches Auftreten. Gleichzeitig betrieb er aber insgeheim den Ausbau der Marine, soweit es die Möglichkeiten erlaubten. Raeder setzte alles daran, die begrenzte Reichsmarine personell und materiell so vorzubereiten, dass sie im Falle einer künftigen Aufrüstung schnell expandieren konnte. Bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik überschritt die Marine teilweise die engen Rüstungsgrenzen des Versailler Vertrages – etwa durch geheime Planungen oder durch den Bau von „Panzerschiffen“ (wie der Kreuzer Deutschland), die formal den Vertragsbedingungen entsprachen, aber schon an der Grenze zur Schlachtschiffklasse lagen. Raeder war in diese Vertragsverletzungen eingeweiht und unterstützte sie. So trug er schon in den Anfängen des Regimes der Republik dazu bei, die marinepolitischen Handlungsspielräume zu erweitern.
Trotz seiner harten Haltung in militärischen Dingen zeigte Raeder intern Disziplin und strenge Moral. Ein bemerkenswertes Ereignis aus dieser Zeit ist sein Umgang mit dem jungen Offizier Reinhard Heydrich. Im April 1931 entließ Raeder einen gewissen Leutnant zur See Heydrich wegen „ehrwidrigen Verhaltens“ aus der Marine. Hintergrund war eine Affäre Heydrichs: Er hatte das Versprechen gegenüber einer Frau gebrochen, was als schwerer Verstoß gegen den Offizierseid und die Ehrenkodizes galt. Raeder zögerte nicht, ein Exempel zu statuieren, und entfernte den 29-jährigen aus den Reihen der Marine – „wegen ehrwidrigen Verhaltens“ aus der Marine entlassen. Dieser Schritt sollte weitreichende Folgen haben, denn Heydrich wandte sich daraufhin der SS zu und wurde später zum berüchtigten Chef des Reichssicherheitshauptamts und Organisator des NS-Terrors. Raeders strikte Haltung in Fragen der Ehre zeigt einerseits seinen moralischen Rigorismus, andererseits bewahrte sie die Marine vor unmittelbarer Politisierung in jener Phase. Generell kann Raeder zu Beginn der 1930er als ein Teil von Hitlers militärischer Elite im Wartestand gesehen werden: noch kein Nationalsozialist, aber ein führender Militär mit nationalistischer Einstellung, der darauf wartete, Deutschlands militärische Stärke wiederherzustellen. Als die demokratische Phase 1933 endete, war Raeder bereit, die Marine geschlossen und reibungslos dem neuen Regime zuzuführen – wie er es selbst später formulierte.
Hitler und die Kriegsmarine
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 begann für Raeder eine neue Ära. Obwohl er kein Parteimitglied war, begrüßte er wie viele konservative Offiziere Adolf Hitler’s erklärtes Ziel, die Wiederaufrüstung voranzutreiben und die als demütigend empfundene Versailler Ordnung zu revidieren. Raeder gehörte von den Anfängen des Regimes an zu den höchsten Militärs und passte sich dem neuen Machthaber an. Hitler seinerseits schätzte Raeders Fachkompetenz, auch wenn das persönliche Verhältnis distanziert blieb – anders als etwa zu Luftwaffenchef Göring oder später zu U-Boot-Kommandant Dönitz. 1935 wurde die Reichsmarine in Kriegsmarine umbenannt, als Hitler die Wehrhoheit Deutschlands offen zurückgewann. Raeders Titel änderte sich formal: Ab 1935 nannte er sich Oberbefehlshaber der Kriegsmarine(parallel zu den Titeln der Oberbefehlshaber von Heer und Luftwaffe innerhalb der neuen Wehrmacht). Hitler verlieh Raeder anlässlich einer Gedenksitzung des Kabinetts zum Jahrestag der Machtergreifung am 30. Januar 1937 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP. Diese hohe Auszeichnung, das Goldene Parteiabzeichen, erhielt Raeder als Dank für seine Loyalität und Verdienste beim Wiederaufbau der Marine. Raeder nahm das Abzeichen an – ein symbolischer Akt, der ihn quasi zum Ehrenmitglied der Partei machte. Später behauptete er allerdings, er habe das goldene Abzeichen weggeworfen, doch zeitgenössisches Verhalten spricht eine andere Sprache.
In der Tat zeigte Raeder sich öffentlich als Unterstützer des Regimes. Bereits zuvor hatte er signalisiert, dass er die neuen Machtverhältnisse akzeptiert: Am 30. Mai 1936 wurde in Laboe bei Kiel das Marine-Ehrenmal feierlich eingeweiht. Unter den versammelten Marineoffizieren und NS-Größen fiel Raeder durch demonstrative Regimetreue auf. 1936 grüßte Raeder als einziger der anwesenden Offiziere mit erhobenem gestreckten Arm – dem Hitlergruß – und folgte damit Hitlers Beispiel, während andere Generäle noch zögerten. Dieser demonstrative „Deutsche Gruß“ Raeders, der ihn als einzigen der Anwesenden Arm in Arm mit Hitler grüßend zeigte, wurde von vielen Beobachtern als Zeichen seiner persönlichen Loyalität zum Führer interpretiert. Raeder wollte zweifellos die Verbindung zwischen Marineführung und NS-Staat festigen.
Die Jahre 1935–1939 waren geprägt von einem Balanceakt zwischen Aufrüstung und Diplomatie. Raeder begrüßte zwar Hitlers Rüstungspläne – insbesondere den Bau neuer Schlachtschiffe und U-Boote, die unter seiner Leitung vorangetrieben wurden –, doch er war auch Realist in strategischen Fragen. So warnte er früh vor einem Krieg mit Großbritannien, solange die deutsche Seemacht unterlegen war. Dennoch setzte er Hitlers Vorgaben um, die Kriegsmarine massiv zu verstärken. Ein Beispiel ist das 1935 zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien geschlossene Flottenabkommen, das Deutschland eine Marine in Höhe von 35% der britischen Stärke erlaubte. Raeder akzeptierte dieses Abkommen zwar (es legitimierte ihm den Aufbau moderner Schiffe wie der Schlachtschiffe Bismarckund Tirpitz), war aber innerlich der Meinung, Deutschland müsste langfristig eine weit größere Flotte anstreben, um wirklich weltmachtfähig zu sein. Er kommentierte einmal sinngemäß: „Nur wer eine Seemacht ist, kann auch Weltmacht sein.“ Damit drückte er seinen Anspruch aus, Deutschlands Marine trotz temporärer Begrenzungen wieder auf Augenhöhe mit den großen Marinen der Welt zu bringen.
In der Zusammenarbeit mit Hitler gab es zunächst nur wenige Reibungen. Eine seltene Meinungsverschiedenheit trat 1936 zutage, als Hitler entgegen Raeders Rat plante, ins demilitarisierte Rheinland einzumarschieren – Raeder befürchtete ein zu hohes Risiko einer militärischen Gegenreaktion Frankreichs. Doch Raeder revidierte sich rasch und fügte sich Hitlers Wünschen; der Einmarsch im Rheinland verlief bekanntlich ohne Krieg. Seine leichte Kritik war vergeben, und Raeder blieb im engsten Kreis der militärischen Führung. Als Hitler die Aufrüstung weiter vorantrieb, etwa mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 und dem massiven U-Boot-Programm, wurde dies von Raeder und vielen Generälen begrüßt. Sie sahen ihre durch Versailles beschnittene Reichswehr nun endlich wieder auf dem Weg zu einer schlagkräftigen Wehrmacht.
Anfang 1937 erreichte Raeders persönliche Stellung einen neuen Höhepunkt. Zum vierten Jahrestag der NS-Herrschaft erhielt er – wie erwähnt – das Goldene Parteiabzeichen. Außerdem überhäufte man ihn mit Ehren. Die marinebegeisterte Stadt Kiel verlieh ihm 1934 die Ehrenbürgerschaft, und diese Auszeichnung war bis 1945 gültig. Darüber hinaus war Raeder schon seit 1936 Generaladmiral (ein neu geschaffener Rang zwischen Admiral und Großadmiral). Am 20. April 1936 (Hitlers Geburtstag) wurde Raeder zum Generaladmiral ernannt, was ihn noch näher an den Rang eines Feldmarschalls heranrückte. Die Steigerung folgte dann anlässlich von Hitlers 50. Geburtstag: Am 1. April 1939 wurde Raeder zum Großadmiral befördert. Dies war die höchste mögliche Rangstufe der Kriegsmarine und entsprach dem Rang eines Generalfeldmarschalls bei Heer und Luftwaffe. Raeder war erst der zweite Marineoffizier in der deutschen Geschichte (nach Alfred von Tirpitz im Ersten Weltkrieg), der den Titel Großadmiral erhielt – eine besondere Ehre, die Hitler ihm für seine langjährigen Dienste und Loyalität zukommen ließ. Fortan durfte Großadmiral Erich Raeder den prächtigen Marschallstab eines Großadmirals tragen. In seiner Selbstsicht stand Raeder damit auf dem Zenit seiner Karriere, als anerkannter Teil von Hitlers militärischer Elite. Tatsächlich bekannte sich Raeder in dieser Phase auch ideologisch zur NS-Weltanschauung: Am Heldengedenktag, dem 12. März 1939, bekannte sich Raeder erneut zum Nationalsozialismus in aller Öffentlichkeit. In seiner Festrede aus Anlass des Heldengedenktages erklärte er feierlich seine völlige Identifikation mit Hitlers Ideologie. Er formulierte dabei den berüchtigten Satz: „Das deutsche Volk hat den aus dem Geiste des deutschen Frontsoldaten geborenen Nationalsozialismus zu seiner Weltanschauung gemacht und folgt den Symbolen seiner Wiedergeburt mit fanatischer Leidenschaft.“ Mit dieser Aussage – in der er den soldatischen Ursprung und quasi mystischen Wiedergeburts-Charakter des Nationalsozialismus pries – machte Raeder deutlich, dass er die NS-Ideologie vollends verinnerlicht hatte. Zudem versprach er in derselben Rede, den Kampf gegen „Bolschewismus und internationales Judentum“ mitzutragen. Solche öffentlichen Bekenntnisse zeigen, dass Raeder zu diesem Zeitpunkt nicht nur pflichtgemäß ein hoher Offizier im NS-Staat war, sondern sich auch persönlich mit den Zielen und Feindbildern des Regimes identifizierte.
Großadmiral Erich Raeder im Zweiten Weltkrieg
Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 begann, stand Großadmiral Erich Raeder auf dem Gipfel seiner Macht und Verantwortung. Er war nun oberster Befehlshaber einer rapide gewachsenen Kriegsmarine. Allerdings sollte sich bald zeigen, dass die strategischen Herausforderungen des Krieges seine Beziehung zu Hitler auf eine Belastungsprobe stellten. Raeder drängte während des Zweiten Weltkriegs darauf, alle Kräfte zunächst gegen den Hauptgegner Großbritannien zu konzentrieren, bevor Deutschland neue Fronten eröffnete. Er fürchtete, das Reich könne in einen aussichtslosen Zweifrontenkrieg geraten, falls man gleichzeitig Sowjetunion und Westmächte bekämpfte. Mit dieser Einschätzung behielt Raeder zwar recht, doch Hitler schlug bekanntermaßen einen anderen Kurs ein und weitete den Krieg immer weiter aus. Trotz dieser strategischen Differenzen kam es nicht sofort zum Bruch zwischen Raeder und Hitler – zu sehr war Raeder bis dahin auf Linie des Regimes gewesen und hatte zumeist mit dem Diktator übereingestimmt.
Im ersten Kriegsjahr 1939/40 konnte die Kriegsmarine einige Erfolge verbuchen, allerdings vor allem durch die U-Boot-Waffe unter Konteradmiral Karl Dönitz. Raeder hingegen setzte auch auf die großen Überwasserschiffe – die Schlachtschiffe und schweren Kreuzer – und verfolgte die sogenannte „Atlantikstrategie“, also Handelskrieg gegen Englands Versorgungslinien. Anfangs schienen die Erfolge der schweren Einheiten jedoch bescheiden. Der Kreuzerkrieg in ausländischen Gewässern – sprich das Aufbringen feindlicher Handelsschiffe durch deutsche Hilfskreuzer und Kriegsschiffe – brachte zwar Prestigeerfolge (z.B. Versenkung des britischen Flugzeugträgers Courageous durch U-29, oder den Einsatz des Panzerschiffs Graf Spee 1939). Aber die großen „Prestigeschiffe“ der Kriegsmarine, etwa die Schlachtkreuzer Scharnhorst und Gneisenau, oder das Schlachtschiff Bismarck, gingen hohe Risiken ein und erlitten teilweise Verluste ohne langfristigen strategischen Effekt. Raeder musste Hitler gegenüber diese Rückschläge verantworten. Gleichzeitig feierte Karl Dönitz’ U-Boot-Flotte ab 1940 deutlich größere – wenn auch wechselhafte – Erfolge in der Schlacht im Atlantik gegen alliierte Frachtschiffe. Hitler, der ursprünglich die Bedeutung der U-Boote unterschätzt hatte, schenkte Dönitz nun immer mehr Aufmerksamkeit.
Trotzdem blieb Raeder zunächst unverzichtbar, insbesondere bei komplexen Operationen. Ein großer Erfolg Raeders war die Planung und Durchführung des Unternehmens Weserübung im April 1940 – der Besetzung Dänemarks und Norwegens. Raeder hatte Hitler früh von der strategischen Notwendigkeit überzeugt, Norwegens Küsten als Basis gegen Großbritannien zu sichern, noch bevor die Alliierten dies tun konnten. Diese kühn durchgeführte Landung war zwar verlustreich für die Marine (es gingen Zerstörer und der Kreuzer Blücher verloren), aber strategisch erfolgreich. Hitler lobte Raeder dafür, und die Entscheidung wurde später auch als präventiv gerechtfertigt. Doch in der Folgezeit verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Hitler und Raeder. Hitler war unzufrieden mit dem Ertrag der schweren Überwasserschiffe. Insbesondere nach dem Verlust der Bismarck im Mai 1941 geriet Raeder unter Druck. Hitler zweifelte an der Oberflächestrategie und neigte Dönitz’ Ansicht zu, dass Ressourcen besser in U-Boote fließen sollten. Raeder wiederum sah seine stolze Schlachtflotte marginalisiert und argumentierte, man habe ihr nie eine faire Chance gelassen, sich zu bewähren.
Der Höhepunkt und Beginn des Falls Raeders kamen im Jahr 1942. Die Kriegsmarine war mittlerweile stark in die Defensive geraten. Im Dezember 1942 kam es zum Desaster im Nordmeer: Beim Gefecht in der Barentssee (Ende Dezember 1942) scheiterte ein deutscher Vorstoß gegen einen britischen Geleitzug. Zwei deutsche Kreuzer unter Admiral Kummetz mussten sich nach einem unentschiedenen Gefecht zurückziehen. Hitler tobte daraufhin vor Wut über die „zwecklosen“ schweren Schiffe und erklärte, die großen Überwassereinheiten seien nutzlos – er erwog, alle schweren Schiffe abzuwracken. Raeder, der diese Tirade am 6. Januar 1943 in einer Stabsbesprechung über sich ergehen lassen musste, war zutiefst getroffen. März 1939 bekannte sich Raeder erneut zur NS-Ideologie – doch im Januar 1943 stand er nun in offener Kritik. Raeder erkannte, dass er Hitlers Gunst verloren hatte und sah keine Perspektive mehr, seine Strategie zu vertreten. In der folgenschweren Besprechung Anfang Januar 1943 bot Raeder dem Diktator seinen Rücktritt an. Hitler nahm dies schließlich an. Offiziell wurde verlautbart, Großadmiral Raeder habe um Enthebung gebeten aus Altersgründen. Im Januar 1943 entließ Hitler den Großadmiral dann aus seinem Amt als Marinechef.
Damit endete Raeders 15-jährige Ära an der Spitze der Marine. Hitler ernannte Dönitz an seiner Statt zum neuen Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Karl Dönitz, der erfolgreiche U-Boot-Führer und überzeugte Nationalsozialist, übernahm nun die Marineführung – zur offensichtlichen Enttäuschung Raeders, der Dönitz teilweise geringschätzte. Raeder selbst erhielt von Hitler noch eine letzte Würde: Er wurde mit dem nicht mehr militärisch relevanten Ehrentitel eines „Admiralinspekteurs der Kriegsmarine“ bedacht, um seinen Abschied zu verschleiern. In der Praxis bedeutete dies aber seinen Ruhestand. Raeder war damals 66 Jahre alt. Er zog sich ins Private zurück und trat bis Kriegsende kaum mehr in Erscheinung.
Trotz seines Weggangs blieb Raeder ideologisch linientreu. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 reiste er demonstrativ zu Hitler ins Führerhauptquartier, um ihm seine Loyalität zu versichern – ein Hinweis, dass Raeder immer noch an Hitlers Endsieg glaubte oder zumindest dem „Führer“ persönlich ergeben war. Hitler nahm diese Geste wohlwollend zur Kenntnis und lobte Raeders unbeirrbare Treue, erinnerte daran, dass Raeder schon 1931 in der Marine jeden „Aufruhr“ im Keim erstickt habe (eine Anspielung auf die Entfernung Heydrichs und die generelle Disziplin in der Marine). In den letzten Kriegstagen blieb Raeder dann in Berlin. Er bot Hitler sogar an, mit ihm gemeinsam in der Hauptstadt auszuharren und notfalls unterzugehen. Hitler reagierte darauf nicht mehr, aber Raeder blieb in Berlin, während Dönitz in Norddeutschland das Erbe antrat. Bei Kriegsende befand Raeder sich zur Behandlung in einem Krankenhaus in Potsdam-Babelsberg. Er war gesundheitlich angeschlagen und erhielt dort medizinische Versorgung. Im Mai 1945, nach der bedingungslosen Kapitulation, geriet Raeder in sowjetische Gefangenschaft. Damit begann für den einst mächtigen Großadmiral ein neuer, bitterer Lebensabschnitt.
Nürnberger Prozess: Verurteilung und Haft
Nach dem Krieg musste sich Erich Raeder vor Gericht für seine Rolle im NS-Regime verantworten. Beim Hauptkriegsverbrecherprozess von Nürnberg 1945/46 war er einer von nur zwei Vertretern der Marine (neben Karl Dönitz) auf der Anklagebank. Raeder, der in sowjetischer Obhut an die Alliierten überstellt wurde, war zunächst überrascht, dass man ihn als Kriegsverbrecher betrachtete – hatte er sich doch selbst als unpolitischen Marineoffizier gesehen. Die Anklage warf ihm jedoch schwerwiegende Punkte vor: Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden(Angriffskrieg) und Kriegsverbrechen. Insbesondere konzentrierte man sich auf Raeders Mitwirkung an der Planung des Überfalls auf Norwegen (Fall Weserübung) und die Vorbereitung des gesamten Kriegsmarine-Aufrüstungsprogramms vor 1939, was als Bruch des Völkerrechts (Versailler Vertrag, Flottenabkommen) gewertet wurde. Außerdem wurde ihm die Befehlsgebung zur unbeschränkten U-Boot-Kriegsführung (Versenkung neutraler Schiffe und der sogenannte Laconia-Befehl) sowie die Weitergabe des verbrecherischen „Kommandobefehls“ (der Tötung von Kommandotruppen) zur Last gelegt. Raeder bestritt persönliche Schuld. Vor Gericht gab er sich – wie viele Militärs – als pflichtgetreuer Offizier, der nur Befehle ausgeführt habe und mit Politik nichts zu tun haben wollte. Raeder behauptete, er sei apolitisch gewesenund habe die Nazis sogar abgelehnt, soweit es sein Diensteid erlaubte. Doch die Ankläger konfrontierten ihn mit seinen eigenen Reden und Taten. Ins Feld geführt wurde u.a. Raeders begeisterte Rede vom März 1939 (Heldengedenktag), in der er Hitler und die NS-Ideologie verherrlicht hatte. Raeder geriet in Erklärungsnot und verstrickte sich in Widersprüche. Seine Rechtfertigung, er habe erst 1945 beim Anblick eines misshandelten Kameraden (des früheren Ministers Otto Gessler) begriffen, dass das Regime verbrecherisch sei, wurde als unglaubwürdig abgetan. Die alliierten Ankläger führten ihm vor Augen, dass er durch Auszeichnungen wie das Goldene Parteiabzeichen und seine fanatischen Reden keineswegs unpolitisch gewirkt hatte. Schließlich musste Raeder einräumen, dass er bereits vor Kriegsbeginn aktiv am Bruch des Versailler Vertrags gearbeitet hatte – allerdings nannte er dies „notwendig“ und nicht aus niederem Antrieb. Er versuchte auch, den Angriff auf Norwegen als präventive Maßnahme gegen eine angeblich geplante alliierte Landung darzustellen. Doch Dokumente, etwa das Protokoll seiner Besprechung mit Hitler vom 26. März 1940, bewiesen, dass keine unmittelbare alliierte Invasion drohte, sondern Deutschland bewusst den Überraschungsangriff wählte. Raeders Verteidigung konnte die Richter nicht überzeugen.
Im Urteil von Nürnberg am 1. Oktober 1946 wurde Erich Raeder in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Der Richterspruch lautete auf lebenslange Haft – eine der härtesten Strafen unter den Militärführern (sein Nachfolger Dönitz erhielt zum Vergleich 10 Jahre). Raeder wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, was ihn schwer erschütterte. Er hatte insgeheim vielleicht mit 10–20 Jahren gerechnet, niemals aber mit der Höchststrafe neben dem Tod. Raeder selbst soll geäußert haben, lebenslang einsitzen zu müssen sei schlimmer als eine Hinrichtung, da er in hohem Alter keine Hoffnung mehr auf Freiheit habe. Er bat sogar vergeblich darum, standrechtlich erschossen zu werden, um dem Gefängnis zu entgehen – eine Bitte, die das Gericht jedoch ablehnte.
Seine Haft trat Raeder im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis in Berlin an, das von den vier Siegermächten gemeinsam betrieben wurde. Dort waren nur sieben NS-Hauptkriegsverbrecher inhaftiert, darunter neben Raeder auch Dönitz, Funk, Schirach und Speer. Der Haftalltag war hart reglementiert, auch wenn Raeder wegen seines Alters von anstrengender Arbeit weitgehend verschont blieb. Er verbrachte viel Zeit als Bibliothekar der Gefängnisbücherei und versuchte sich geistig mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen. Physisch litt er aber unter der zunehmenden Isolation und der schmalen Kost. Dennoch blieb Raeder stolz und uneinsichtig. Anders als sein ehemaliger Untergebener Karl Dönitz, der sich wenigstens mit Einschränkungen arrangierte, soll Raeder in Spandau kaum Zeichen von Reue oder Anpassung gezeigt haben. Der französische Gefängnispfarrer Georges Casalis, der sich bemühte, Reue und Einsicht bei den Inhaftierten zu wecken, biss bei Raeder auf Granit: Der Großadmiral beharrte darauf, moralisch nichts Unrechtes getan zu haben. Auch mit Dönitz verband ihn kein freundschaftliches Verhältnis: In der Haft entluden sich frühere Spannungen. Beide Admiräle schoben einander die Verantwortung für verlorene Seeschlachten zu, insbesondere in Bezug auf den U-Boot-Krieg. Dönitz warf Raeder vor, vor 1942 zu wenige U-Boote gebaut zu haben („Politik der aufgeblähten Überwasserflotte“), was der Marine den Sieg im Atlantik gekostet habe. Raeder konterte, Dönitz habe als Nachfolger Fehler gemacht und sich zu sehr von der NS-Ideologie verblenden lassen. Diese Debatten wurden sogar außerhalb der Gefängnismauern wahrgenommen, da Aussagen beider Admiräle publik wurden. Die ehemals geeinte Marineführung präsentierte sich zerstritten – ein Umstand, der einige besorgte deutsche Veteranen und Marinehistoriker dazu brachte, die beiden zu ermahnen, ihre Fehde nicht öffentlich auszutragen.
Unterdessen formierte sich in der frühen Bundesrepublik eine Lobby aus ehemaligen Soldaten und konservativen Politikern, die auf die Freilassung Raeders drängte. Insbesondere Raeders Ehefrau Erika machte in der Öffentlichkeit auf das Los ihres inhaftierten Mannes aufmerksam. Seine Frau Erika beschrieb in Interviews dramatisch seine angeblich schlechten Haftbedingungen und appellierte an Mitleid und Gerechtigkeitsempfinden. Unterstützt wurde sie von Veteranenverbänden der Marine, die Raeder als pflichtgetreuen Offizier darstellten, der nur seine Schuldigkeit getan habe. Prominente Fürsprecher – etwa der britische Militärhistoriker Captain Basil Liddell Hart und der ehemalige britische Minister Lord Hankey – argumentierten gar, der Überfall auf Norwegen sei ein präventiver Schritt gewesen und die Verurteilung Raeders daher fragwürdig. Dieses Ansinnen mischte sich mit den politischen Entwicklungen des Kalten Krieges: Westliche Kreise dachten darüber nach, deutsche Militärs früher zu entlassen, um die Bundesrepublik als Bündnispartner aufzubauen. So kam es, dass in den 1950er Jahren die USA, Großbritannien und Frankreich schrittweise die Spandau-Häftlinge entließen – offiziell oft aus Gesundheitsgründen. Raeder, mittlerweile über 75 Jahre alt, litt tatsächlich an gesundheitlichen Beschwerden (Magengeschwüren und allgemeiner Altersschwäche). 1955 wurde er wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustands vorzeitig aus der Haft entlassen. Nach fast neun Jahren hinter Gittern durfte er das Gefängnis verlassen – als letzter neben dem ebenfalls entlassenen Baldur von Schirach und Albert Speer (Rudolf Heß blieb als letzter Häftling bis 1987).
Kiel: Entlassung, Memoiren und Lebensende
Am 26. September 1955 war es soweit: Erich Raeder wurde aus dem Spandauer Gefängnis freigelassen. Vor den Toren warteten seine Frau Erika sowie seine inzwischen erwachsene Tochter, die den betagten Großadmiral in Empfang nahmen. Nach seiner Entlassung ließ sich Raeder mit seiner Frau und Tochter in Lippstadt (Westfalen) nieder, wo er ein zurückgezogenes Leben begann. Körperlich war er gezeichnet von den Haftjahren, doch geistig noch rüstig. Schon kurz nach der Freilassung begann Raeder, an seinen Memoiren zu arbeiten – offensichtlich auch, um sein eigenes Vermächtnis zu steuern. In den Jahren 1956–57 entstand unter seiner Beteiligung das autobiografische Werk „Mein Leben“, veröffentlicht in zwei Bänden. Interessanterweise stammen große Teile dieses Buches nicht direkt aus Raeders eigener Feder: Die Memoiren wurden von einem Team ehemaliger Marineoffiziere – unter Leitung von Admiral Erich Förste – verfasst und von Raeder redigiert. Er selbst überprüfte die Kapitel und gab Anmerkungen, aber das Schreiben übernahm maßgeblich Förste. So war Raeders Memoiren letztlich ein Gemeinschaftswerk der Marineveteranen, das darauf abzielte, das Geschichtsbild in ihrem Sinne zu formen. Die Memoiren „Mein Leben“, die er nach seiner Haftentlassung veröffentlichte, wurden größtenteils von einem Komitee um den ehemaligen Admiral Erich Förste geschrieben. In diesem Buch zeigte Raeder keinerlei Schuldeinsicht. Stattdessen rechtfertigte er ausführlich seine Entscheidungen und glorifizierte – teils unverhohlen – Adolf Hitler als Führer. Raeder stellte sich als apolitischen, pflichtbewussten Soldaten dar, der vom Lauf der Dinge tragisch überrollt worden sei. Er argumentierte, die wahren Schuldigen an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs seien die Alliierten, insbesondere durch den harten Versailler Vertrag, der Deutschland in die Enge getrieben habe. Die Nürnberger Verurteilung bezeichnete er indirekt als Siegerjustiz und erklärte sich zum politischen Gefangenen. Auch antisemitische Untertöne fehlten nicht: Raeder wollte in seinem Werk den Eindruck erwecken, die Wehrmacht – insbesondere die Marine – habe mit den Verbrechen des Regimes nichts zu tun gehabt, und alles sei nur ein Verteidigungskampf gegen den Bolschewismus gewesen. Diese verzerrte Darstellung entfachte durchaus Kritik in der Öffentlichkeit. Während einige ehemalige Kameraden ihm Beifall zollten, lehnten andere Deutsche in den 1950ern es ab, ehemaligen NS-Militärs die Rolle von Helden zuzuschreiben.
Dennoch genoss Raeder in Veteranenkreisen hohes Ansehen. Er trat gelegentlich bei Treffen von Marine-Kameradschaften auf und wurde dort mit Respekt behandelt. Diese Auftritte bei Kriegsmarine-Veteranen zählten zu den wenigen Freuden seines Lebensabends. Öffentlich hielt sich Raeder meist zurück, doch sein Name tauchte noch einmal prominent in den Nachrichten auf: Anfang 1956 beschloss die Stadt Kiel – die ihm 1934 die Ehrenbürgerwürde verliehen hatte –, Raeder diese Ehre offiziell zurückzugeben. Kiel erwog also, dem ehemals im Zuge der Entnazifizierung aberkannten Titel wieder Gültigkeit zu verleihen. Als dies bekannt wurde, gab es heftige Proteste im In- und Ausland. Besonders Norwegen und Dänemark reagierten empört, denn Raeder war der Architekt des Überfalls auf ihre Länder gewesen. Auch die deutsche Presse diskutierte kontrovers, ob ein wegen Angriffskriegs verurteilter Admiral wieder geehrt werden dürfe. Schließlich sah sich Kiel gezwungen, die Aktion abzublasen. 1956 plante die Stadt Kiel, Raeder die Ehrenbürgerschaft zurückzugeben, doch internationale Proteste verhinderten dies und Raeder lehnte die Auszeichnung schließlich ab. Auf Betreiben des Kieler Oberbürgermeisters wurde Raeder diskret gebeten, freiwillig auf die Wiederannahme der Ehrenbürgerschaft zu verzichten, um der Stadt die Peinlichkeit zu ersparen. Raeder kam dem nach, war aber persönlich tief verletzt. Er fühlte sich als Ausgestoßener und äußerte Freunden gegenüber Bitterkeit, dass er in seinem eigenen Vaterland nicht wieder vollständig rehabilitiert wurde.
Trotz dieser Enttäuschung blieb Raeder bis zuletzt überzeugt von seiner Lebensleistung. Er pflegte Kontakte zu Marineoffizieren der neuen Bundesmarine, blieb aber offiziell ohne Beratertätigkeit. Symbolisch bedeutsam war, dass die neue Marineführung – obwohl distanziert von der NS-Vergangenheit – den militärischen Rang und die Tradition Raeders nicht völlig mied. So kam es, dass bei Raeders Begräbnis ein besonderer Wunsch erfüllt wurde: Am 6. November 1960 starb Erich Raeder in Kiel im Alter von 84 Jahren, vermutlich an den Folgen einer Herzerkrankung. Er hatte seine letzten Tage in seiner Geburtsstadt Hamburg verbracht, begab sich jedoch zur Behandlung nach Kiel, wo er schließlich verstarb. Im November 1960 nahm somit ein langes und wechselvolles Offiziersleben sein Ende. Die Beisetzung fand in Kiel statt, und viele ehemalige Marineangehörige erwiesen ihm die letzte Ehre. Besonders bemerkenswert: Seine Grabrede hielt – auf Wunsch des Inspekteurs der Bundesmarine – kein Geringerer als Großadmiral a.D. Karl Dönitz. Dönitz, der von Raeder einst gefördert worden war und dann sein Nachfolger wurde, war zu dieser Zeit ebenfalls entlassen und lebte zurückgezogen. Obwohl sich der erste Inspekteur der Bundesmarine, Vizeadmiral Friedrich Ruge, von beiden distanziert hatte, hielt man es für angemessen, dass der einzige andere deutsche Großadmiral dem verstorbenen Kameraden das letzte Geleit gab. So sprach Dönitz am 12. November 1960 am Grab von Raeder auf dem Kieler Nordfriedhof einige Abschiedsworte – eine letzte Geste der Verbundenheit aus der alten Marine. Erich Raeder, einst Großadmiral der deutschen Marine, hinterließ ein zwiespältiges Erbe: Für die einen ein fähiger Marineoffizier mit historischem Weitblick und Loyalität, für die anderen ein Mitverantwortlicher an Hitlers Krieg und ein typischer Vertreter der militärischen Elite, die pflichtbewusst, aber ohne Gewissensprüfung einem verbrecherischen Regime diente.
Literatur
Keith W. Bird: Erich Raeder: Admiral of the Third Reich. Naval Institute Press, Annapolis 2006.
Kurt Fischer: „Großadmiral Dr. phil. h.c. Erich Raeder“. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Hitlers militärische Elite, Band 1: Von den Anfängen des Regimes bis Kriegsbeginn, Primus Verlag, Darmstadt 1998.
Michael Salewski: Raeder, Erich. In: Neue Deutsche Biographie, Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, S. 104–106.
Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich? Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft. Harnack, München 1983, S. 212 f.
Erich Raeder: Mein Leben. 2 Bände, Verlag Fritz Schlichtenmayer, Tübingen 1956/57.
Charles S. Thomas: The German Navy in the Nazi Era. Naval Institute Press, Annapolis 1990.
Hans H. Hildebrand / Ernest Henriot: Deutschlands Admirale 1849–1945, Band 3, Biblio Verlag, Osnabrück 1990 (Eintrag Erich Raeder).