Julius Streicher und der nürnberger Stürmer: Vom Volksschullehrer zum völkischen Agitator

Julius Streicher in seiner Zelle im Zellengefängnis Nürnberg, 24. November 1945Unterschrift von Julius Streicher, 1935. US Government official available from National Archives and Records Administration, College Park Md., StreicherDarkerSharpHLSL (cropped), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Julius Streicher wurde am 12. Februar 1885 in Fleinhausen bei Augsburg geboren. Er war das neunte Kind des Volksschullehrers Friedrich Streicher und dessen Frau Anna. Wie sein Vater schlug er die Laufbahn eines Volksschullehrers ein und unterrichtete ab 1904 an einer Volksschule in Augsburg. 1909 wechselte Streicher nach Nürnberg, wo er bis 1923 als Lehrer tätig war. 1913 heiratete er Kunigunde Roth, die Tochter eines Bäckers; das Paar bekam zwei Söhne (1915 und 1918). Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig und diente tapfer an der Front. Er wurde mehrfach ausgezeichnet (u. a. mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes) und bis zum Leutnant der Reserve befördert. Er kämpfte an der Westfront sowie in Rumänien und Italien.
Nach der deutschen Niederlage 1918 suchte Streicher – wie viele Verbitterte – nach Sündenböcken. Er fand sie in antisemitischen Verschwörungstheorien und radikalisierte sich politisch. Antisemitische Ideologen wie Theodor Fritsch oder der völkische Schriftsteller Artur Dinter bestärkten ihn in seinem extremen Weltbild. Er schloss sich frühen rechtsextremen, antisemitischen und völkischen Gruppierungen an. Zunächst engagierte er sich im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund, der ab 1919 eine große antisemitische Massenbewegung bildete. Im Januar 1920 trat Streicher der neu gegründeten Deutschsozialistischen Partei (DSP) bei, einer radikal völkischen Splitterpartei. Dort profilierte er sich schnell als fanatischer Redner und Publizist: Er wurde Herausgeber der Parteizeitung Deutscher Volkswille, eines antisemitischen Wochenblattes der DSP. Bereits im April 1920 zog Streicher in den Reichsvorstand der DSP ein. Als Lehrer fiel Streicher schon in diesen Jahren durch extreme Haltungen auf. Der spätere SPD-Politiker Josef Felder, der als Kind sein Schüler war, berichtete später, dass Streicher durch Jähzorn und diktatorisches Gehabe aufgefallen sei. Streicher indoktrinierte sogar seine Klassen mit nationalistischer Stimmungsmache: Zeitzeugen erzählten von Schülern, die ihn mit dem Ruf „Heil Hitler“ begrüßten – lange bevor Adolf Hitler 1933 an die Macht kam. Dieses Verhalten führte zu ersten dienstlichen Konflikten. Dennoch konnte Streicher seine politische Agitation zunächst mit dem Schuldienst vereinbaren, da ihn einflussreiche völkische Netzwerke schützten.
1922 erreichte Streichers Einfluss in der DSP seinen Höhepunkt. Er agitierte in Franken auf zahlreichen Versammlungen gegen Juden und gegen die Weimarer Republik. Bei einer Kundgebung im März 1922 in Neustadt an der Aisch war er so überzeugend, dass anschließend eine Ortsgruppe der radikal-nationalen Deutschen Werkgemeinschaft gegründet wurde. Doch innerhalb der DSP kam es zu Spannungen. Im Herbst 1922 kam es zur Auflösung der DSP. Diese Entwicklung veranlasste Streicher, sich nun ganz der aufstrebenden Bewegung Adolf Hitlers zuzuwenden. Er suchte den Schulterschluss mit Hitlers NSDAP, die in München bereits starken Zulauf hatte. Sein Übertritt zur NSDAP und die Ereignisse, die darauf folgten, führten zu einer entscheidenden Wende in seinem Leben. Streicher verstand es, mit einfachen Parolen und drastischer Sprache die Gefühle des „kleinen Mannes“ anzusprechen – ein Talent, das seine weitere Karriere beflügeln sollte. Seine Reden hielt er mitreißend lautstark und in einfachstem Tonfall – dem einfachen Publikum gefiel dies, während gebildete Zeitgenossen sein Auftreten als vulgär empfanden.
Streicher gründet die NSDAP-Ortsgruppe in Nürnberg
Nach dem Zerfall der DSP wechselte Julius Streicher nahtlos ins Lager von Adolf Hitler. Am 20. Oktober 1922 gründete Streicher in Nürnberg in Anwesenheit des Führers gemeinsam mit Hermann Esser (einer von Hitlers frühen Mitstreitern) und Max Amann (der Leiter des NSDAP-Verlages) die Ortsgruppe der NSDAP. Durch den Wechsel Streichers traten auch seine zahlreichen Anhänger geschlossen in die NSDAP ein – Franken wurde damit sofort zu einer Hochburg der Partei. Hitler war persönlich angereist, um dem prominenten Neuzugang Streicher seinen Respekt zu erweisen. Streicher selbst stilisierte diese Begegnung später als den „größten Ruf“ seines Lebens. Der „Führer“ bot Streicher sogar finanzielle Unterstützung an, da dessen bisherige Publikationen in Geldnot waren. Streicher revanchierte sich mit unbedingter Loyalität. Er entwickelte sich rasch zu einem der wichtigsten Agitatoren der jungen NSDAP in Franken.
Im November 1923 nahm Streicher am Hitler-Putsch in München teil. Der Umsturzversuch scheiterte, und die NSDAP wurde daraufhin verboten. Streicher, der als treuer Gefolgsmann Hitlers offen rebelliert hatte, wurde umgehend vom Schuldienst suspendiert. Ein offizieller Schutzhaftbefehl des bayerischen Staatskommissars Gustav von Kahr führte im Januar 1924 zu Streichers Verhaftung, doch kam er nach einigen Wochen Haft wieder frei. Politisch tat dieser Rückschlag seinem Einfluss keinen Abbruch: Streicher baute in Franken ein dichtes Netz von Gesinnungsgenossen auf, teils in Tarnorganisationen, um die NSDAP-Ideen weiter am Leben zu erhalten. So übernahm Streicher gemeinsam mit Esser und Amann 1924 die Führung der Tarnorganisation „Großdeutsche Volksgemeinschaft“ in Nürnberg, um die verbotene NSDAP weiterhin vertreten zu können.
Bei der Landtagswahl 1924 gelang Streicher der Sprung in die parlamentarische Politik. Von 1924 bis 1932 war er Abgeordneter im Bayerischen Landtag in München. Anfangs saß er dort für den „Völkischen Block“, doch nach der Neugründung der NSDAP schloss er sich ab 1925 der NSDAP-Fraktion im Landtag an. Dieses Mandat verschaffte ihm zeitweilig Immunität vor Strafverfolgung, was angesichts mehrerer Prozesse gegen ihn wegen publizistischer Vergehen sehr hilfreich war. Tatsächlich wurde seine Immunität im Lauf der Jahre mehrmals aufgehoben, um ihn wegen fortgesetzter Beleidigungen und Verleumdungen vor Gericht stellen zu können.
Nach der Wiederzulassung der NSDAP 1925 wurde Streicher von Hitler persönlich zum Gauleiter des neu geschaffenen Gaus Mittelfranken ernannt. Dieses Amt als Parteichef in der Region Nürnberg bekleidete er von 1925 bis 1940. 1927 fungierte er beispielsweise als Gastgeber des ersten NSDAP-Reichsparteitags in seiner Heimatstadt Nürnberg und sonnte sich in seinem Ruf als „Franken-Führer“ – stramm nationalsozialistisch. Damit legte er den Grundstein für seinen Aufstieg zum berüchtigten Organisator der Judenverfolgung in Franken, der das politische Klima der Region entscheidend radikalisierte und die Weichen für die späteren NS-Maßnahmen stellte.
Der Stürmer – Streichers antisemitisches Hetzblatt
Schon während der frühen NS-Zeit nutzte Julius Streicher die Macht des gedruckten Wortes für seine Propaganda. Bereits im April 1923 gründete er in Nürnberg seine eigene Wochenzeitung Der Stürmer. Als Herausgeber dieses Hetzblattes verbreitete er über zwei Jahrzehnte lang die primitivsten antijüdischen Hetzparolen. Der Stürmer erschien im Stil eines reißerischen Boulevardblatts und war voll von vulgären Karikaturen (gezeichnet von Streichers Haus-Karikaturisten Philipp „Fips“ Rupprecht) und antisemitischer Propaganda. Sein Leib-Thema war die angebliche „Rassenschande“: Unter diesem NS-Begriff verstanden die Nationalsozialisten jede intime Beziehung zwischen Juden und „Ariern“, die sie als abscheuliches Verbrechen brandmarkten. In beinahe jeder Ausgabe prangerte er sexuelle Kontakte zwischen jüdischen Männern und „arischen“ Frauen als verbrecherisch an. In greller Aufmachung erzählte er von angeblichen Vergewaltigungen und Ritualmorden – frei erfundene Geschichten, die die jüdische Minderheit als bösartig und gefährlich diffamieren sollten. Er scheute auch nicht davor zurück, die seit dem Mittelalter verbreitete Legende von angeblichen jüdischen Ritualmorden an christlichen Kindern erneut aufzuwärmen.
Viele Zeitgenossen empfanden Der Stürmer als obszön und skandalös. Selbst innerhalb der NSDAP wollten sich manche Funktionäre von Streichers plumpem Blatt distanzieren. In den späten 1920er-Jahren liefen zahlreiche Klagen gegen ihn und seine Zeitung. So strengte der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV, die größte jüdische Bürgerrechts-Organisation im Deutschen Reich) einen Prozess an, weil Der Stürmer Zitate aus dem Talmud verfälscht und entstellt abdruckte. In diesem sogenannten „Talmud-Prozess“ wurde Streicher 1929 wegen Beleidigung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auch gegen den liberalen Nürnberger Oberbürgermeister Hermann Luppe (DDP) führte er 1929 einen vielbeachteten Prozess, in dem er versuchte, Luppe mit Verleumdungen politisch zu Fall zu bringen. Luppe setzte sich jedoch durch und blieb bis 1933 im Amt.
Trotz solcher Rückschläge nahm Streichers publizistischer Einfluss stetig zu. Die Auflage von Der Stürmer stieg ab 1933 sprunghaft an, da das Hetzblatt nun reichsweit vertrieben werden durfte. In vielen Städten hingen die Ausgaben in sogenannten „Stürmer-Kästen“ aus, so dass auch Analphabeten die antisemitischen Schlagzeilen wahrnahmen. Seine Propaganda schürte gezielt die niedrigsten Instinkte und bereitete den Boden für die allgemeine Akzeptanz der antijüdischen Politik und Maßnahmen des NS-Regimes. Seit März 1933 hatte er zudem den Vorsitz des Zentralkomitees zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze inne, das die staatliche Boykottmaßnahme gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933 organisierte. Dieser eintägige Boykott markierte den Auftakt zur systematischen Ausgrenzung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben. In der Folgezeit profilierte sich Der Stürmer als radikalstes Sprachrohr des Judenhasses. Besonders das Thema „Rassenschande“ wurde nun auch in der NS-Gesetzgebung verankert: 1935 flossen Streichers Forderungen nach strenger Bestrafung „rassenschänderischer“ Beziehungen direkt in die Nürnberger Rassengesetze (das Blutschutzgesetz und Reichsbürgergesetz) ein. Die realen Folgen dieser Stimmungsmache zeigten sich bald: 1942 wurde in Nürnberg der jüdische Geschäftsmann Leo Katzenberger aufgrund haltloser „Rassenschande“-Vorwürfe zum Tode verurteilt – ein Urteil, das ohne seine jahrelange Hetze kaum denkbar gewesen wäre. Während des Zweiten Weltkriegs steigerte sich die Diktion von Streichers Hetze weiter – er sprach den Juden jegliche Menschlichkeit ab und fantasierte offen von ihrer Vernichtung. So hetzte sein Blatt über angebliche „Juden im Osten“ und rief dazu auf, mit diesen „Volksfeinden“ rücksichtslos umzugehen. Selbst während des Holocausts verbreitete das Blatt noch triumphale Durchhalteparolen: Noch 1944 druckte Der Stürmer Schlagzeilen über die angebliche „völlige Ausrottung“ der Juden in Europa.
Der Stürmer machte ihn nicht nur berüchtigt, sondern auch wohlhabend. Dank enormer Verkaufszahlen wurde er zum Multimillionär. Seine Position als Herausgeber nutzte er zudem aus, um Einfluss und Gefallen zu verteilen. Er stellte linientreue Parteigenossen als Redakteure ein und bediente sich hemmungslos an beschlagnahmtem jüdischen Vermögen, um die Zeitung und sein eigenes luxuriöses Leben zu finanzieren. Gleichzeitig trug seine hemmungslose Hetze dazu bei, die deutsche Bevölkerung auf den Holocaust einzustimmen. Seine beispiellose propagandistische Brutalität sollte nach 1945 nicht ungesühnt bleiben. Adolf Hitler ließ Der Stürmer gewähren und meinte, es zeige den „Volksgenossen“ die „Wahrheit über die Juden“. Dass in Franken – wo es traditionell nur eine kleine jüdische Gemeinde gab – ein solcher Hass um sich griff, war wesentlich seiner Hetzpropaganda geschuldet.
Julius Streicher als Gauleiter und vor Gericht
Nach Hitlers Machtübernahme 1933 erreichte seine Karriere ihren Höhepunkt – doch seine eigenen Exzesse sollten ihn bald zu Fall bringen.
Als NSDAP-Gauleiter von Franken konnte Julius Streicher nach 1933 seine Macht weiter ausbauen. Er wurde nach 1933 auch Abgeordneter im Reichstag (bis 1945), spielte dort aber keine prägende Rolle. Er herrschte in seinem Gau nahezu unumschränkt und leistete sich zahlreiche Entgleisungen. Bereits im August 1938 ließ er eigenmächtig die prunkvolle Nürnberger Hauptsynagoge abbrechen, um ein „Judenhaus“ weniger in seiner Stadt zu haben. Sogar unter Parteigenossen war Streicher für seine exzessive Brutalität, seine sexuellen Eskapaden und seine Raffgier gefürchtet. 1939 verbot Hitlerihn daher, in der Öffentlichkeit für die Partei aufzutreten. Manche bezeichneten ihn halbironisch als „Berufsantisemit“, da er den Judenhass zu seinem einzigen Lebensinhalt gemacht habe. Obwohl Adolf Hitler ihn persönlich lange schützte und ihm viel durchgehen ließ, kam es schließlich doch zum Eklat: Streicher verteilte nach den Novemberpogromen 1938 großzügig „arisierte“ jüdische Besitztümer an seine Parteigefolgsleute. Diese willkürlichen Bereicherungen brachten das Fass zum Überlaufen. In der NS-Führung hatte sich die Kritik an Streicher längst zugespitzt – Hermann Göring etwa drängte schon seit 1938 energisch auf seine Entmachtung. Trotz Hitlers Protektion wurde er im Februar 1940 vom Obersten Parteigericht aller Parteiämter enthoben. Sein Gauleiter-Posten wurde zunächst von anderen NS-Funktionären kommissarisch verwaltet, bis 1942 sein bisheriger Schützling Karl Holz die Leitung des Gaus übernahm (Holz kam im April 1945 bei den Endkämpfen um Nürnberg ums Leben). Biographisch betrachtet bedeutete diese Entmachtung bereits das faktische Ende von seiner Laufbahn. Er zog sich verbittert auf sein Landgut Pleikershof bei Cadolzburg zurück und lebte dort weitgehend isoliert. 1943 verstarb seine Ehefrau Kunigunde; Er lebte nun mit seiner wesentlich jüngeren Sekretärin Adele Tappe zusammen, die er im Mai 1945 noch heiratete. Von dort aus schrieb er zwar noch am Stürmerweiter, spielte aber in der NS-Hierarchie fortan keine Rolle mehr.
Im Mai 1945 wurde Streicher von amerikanischen Truppen im oberbayerischen Alpengebiet aufgespürt und festgenommen. Er hatte sich einen langen Bart wachsen lassen, um nicht erkannt zu werden, doch diese Tarnung half ihm nicht. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste er sich in den Nürnberger Prozessen vor dem Internationalen Militärgerichtshof verantworten. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher war er angeklagt und wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. Auf der offiziellen Anklageliste des Tribunals erschien sein Name als „Streicher, Julius“ – er war der einzige Angeklagte, der keine Regierungsfunktion ausgeübt hatte, sondern allein durch seine Hetzschriften schuldig geworden war. Im Gerichtssaal zeigte sich Streicher unbelehrbar und geizte nicht mit antisemitischen Ausfällen, was ihm scharfe Rügen eintrug. Streicher beteuerte in seinem Prozess, dass er nie jemanden getötet, sondern „nur“ geschrieben habe – doch seine Feder habe Millionen Morde vorbereitet. Er versuchte sogar, seine Judenfeindschaft mit historischen Beispielen zu rechtfertigen: Er berief sich auf Martin Luther, der bereits im 16. Jahrhundert gegen die Juden polemisiert hatte – doch das Tribunal ließ diese Argumentation nicht gelten. Die Gerichtspsychiater bescheinigten ihm volle Zurechnungsfähigkeit, stellten aber einen fanatisch-paranoiden Charakter bei ihm fest. Am 16. Oktober 1946 wurde das Urteil vollstreckt: Streicher wurde in Nürnberg durch den Strang hingerichtet. Reue oder Einsicht zeigte er bis zuletzt nicht – selbst auf dem Schafott schrie er noch hasserfüllte Parolen. Selbst „Purimfest 1946!“ rief er vom Galgen, um die Juden zu verhöhnen.
Damit endete das Leben eines der gefürchtetsten antisemitischen Hetzer des NS-Regimes. Sein Fall zeigt exemplarisch, wohin fanatischer Hass und menschenverachtende Propaganda führen können. Die zentrale Rolle, die er mit Der Stürmerbei der geistigen Vorbereitung des Holocaust spielte, wurde durch das Urteil des Internationalen Militärgerichtshofs deutlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Streicher war damit der einzige Nürnberger Angeklagte, der allein für „Worte als Taten“ verurteilt wurde. Sein Leben und Tod stehen bis heute sinnbildlich für die verheerende Macht antisemitischer Propaganda. Schon damals stufte man ihn im Ausland als „Judenhetzer Nummer 1“ des Nazi-Regimes ein. Historiker sind sich weitgehend einig, dass er unablässige Hetze das gesellschaftliche Klima in Deutschland entscheidend vergiftete und damit den Weg zum Holocaust mit ebnete. Sein Name steht heute sprichwörtlich für den Typus des fanatischen Hasspredigers, dessen Worte direkt in Verbrechen mündeten – ein Menetekel der Geschichte und eine Warnung für die Zukunft. Die Stadt Nürnberg, die Schauplatz seines Wirken war, setzt sich heute intensiv mit diesem Erbe auseinander: Im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände wird seine Propaganda umfassend aufgearbeitet.
Lebensdaten (Auswahl)
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1885: Geburt in Fleinhausen (Bayern) am 12. Februar 1885, als Sohn des Lehrers Friedrich Streicher.
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1904–1923: Volksschullehrer in Augsburg und Nürnberg; Teilnahme am Ersten Weltkrieg (Leutnant d. R., ausgezeichnet mit Eisernem Kreuz I. und II.).
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1919/1920: Hinwendung zum völkisch-antisemitischen Lager: Mitglied im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund (1919) und Eintritt in die Deutschsozialistische Partei (1920).
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1922: Übertritt zur NSDAP; Gründung der NSDAP-Ortsgruppe Nürnberg (20. Oktober 1922) in Anwesenheit Adolf Hitlers.
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1923: Erstausgabe der Wochenzeitung Der Stürmer (April 1923); Beteiligung am Hitler-Putsch (November 1923) – danach vom Schuldienst suspendiert.
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1924: Einzug als Abgeordneter in den Bayerischen Landtag (Völkischer Block).
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1925: Ernennung zum Gauleiter von Mittelfranken; Wiederzulassung der NSDAP – Streicher wird Vorsitzender der NSDAP-Fraktion im Landtag.
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1929: Im sog. „Talmud-Prozess“ werden Streicher und ein Stürmer-Redakteur wegen Beleidigung der jüdischen Gemeinschaft zu Gefängnisstrafen verurteilt.
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1933: „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten; Streicher organisiert als „Judenreferent“ den reichsweiten Judenboykott am 1. April 1933 und führt fortan die antisemitische Propaganda in Franken an.
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1935: Verkündung der Nürnberger Rassengesetze (Blutschutzgesetz und Reichsbürgergesetz) im September 1935, die Streichers jahrelange „Rassenschande“-Hetze in Gesetzesform gießen.
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1938: Novemberpogrom: Streichers Anhänger plündern jüdische Geschäfte (und Zerstörung der Nürnberger Hauptsynagoge im August); er selbst bereichert sich an „arisiertem“ Besitz.
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1939: Adolf Hitler erlässt ein Auftrittsverbot für Streicher (keine öffentlichen Reden mehr).
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1940: Wegen zahlreicher Vergehen (u. a. Korruption) wird Streicher durch das Oberste Parteigericht aller Ämter enthoben; Rückzug auf sein Privatgut Pleikershof.
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1945: Festnahme durch US-Truppen im Mai 1945 in der Nähe von Berchtesgaden (Bayern); zuvor war die Produktion des Stürmer im Februar 1945 kriegsbedingt eingestellt worden.
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1946: Urteil im Nürnberger Prozess: Streicher wird wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.
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1949: In einem Nachkriegsprozess wird Stürmer-Karikaturist Philipp „Fips“ Rupprecht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Literatur
Baird, Jay W.: „Julius Streicher. Der Berufsantisemit.“ In: Smelser, Ronald / Syring, Enrico / Zitelmann, Rainer (Hg.): Die braune Elite, Bd. 2: 21 weitere biographische Skizzen. Darmstadt 1999, S. 231–242.
Roos, Daniel: Julius Streicher und „Der Stürmer“ 1923–1945. Paderborn: Schöningh 2014.
Bytwerk, Randall L.: Julius Streicher – Nazi Editor of the Notorious Anti-Semitic Newspaper Der Stürmer. New York: Stein & Day 1983.
Benz, Wolfgang (Hg.): Handbuch des Antisemitismus, Band 2/2: Personen L–Z. De Gruyter, Berlin 2009, S. 808–810.
Fraenkel, Heinrich / Manvell, Roger: Die Männer von Nürnberg. München: Scherz 1963.
Friedländer, Saul: Das Dritte Reich und die Juden, Bd. 1: Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. München: Beck 1998.
Heydecker, Joe J. / Leeb, Johannes: Der Nürnberger Prozeß. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1983.
Trommer, Günter: Streicher, Julius. In: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 761–763.
DHM Beitrag zum Stürmer