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Startseite > Völkermorde und Massenverbrechen im Nationalsozialismus > Holocaust > Vernichtungslager KZ Chelmno
Geschrieben von: Martina Meier | Erstellt: 8. Oktober 2026

Vernichtungslager KZ Chelmno

Chełmno nad Nerem, eine kleine 350-Seelen-Gemeinde im Herzen Polens. Während der Besetzung durch das Deutsche Reich zwischen 1939 und 1945 auch als Kulmhof am Ner bekannt. Im Wald nordwestlich der Gemeinde, die damals noch eine eigenständige Stadt war, vergruben die Nazis relativ gut versteckt vor der Beobachtung durch unliebsame Augen die Leichen ihrer Opfer, Menschen, die sie im Vernichtungslager Kulmhof bzw. Chelmno ermordet hatten. Es war das erste nationalsozialistische Vernichtungslager.

Inhalt

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  • Geschichte
  • Die Opfer: polnische Juden, Sinti und Roma
  • Kriegsende und Vertuschung
  • Täterverfolgung und Gedenkstätte
  • Literatur

Geschichte

Während die Errichtung anderer Vernichtungslager vom Reichsführer SS Heinrich Himmler (1900 – 1945) von oben angeordnet wurde, kam die Initiative für den Bau Chelmnos von den zuständigen Kräften vor Ort. Im Juli 1941 richtete SS-Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Rolf-Heinz Höppner (1910 – 1998), der Führer des Leitabschnitts des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS in Posen war, einen Aktenvermerk an SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (1906 – 1962), in dem er anregte, nicht arbeitsfähige Juden „durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen“. Dies geschah wohl in Einklang mit dem Gauleiter des Warthegau und glühenden Nationalsozialisten Arthur Greiser (1897-1946), der schon viele der im Wartheland lebenden Juden und auch Polen ins Generalgouvernement im Osten Polens vertrieben hatte, um deutschstämmige Bürger aus der Sowjetunion, die sogenannten „Volksdeutschen“ im Reichsgau anzusiedeln. Im Herbst erbat auch Greiser, nicht arbeitsfähige Juden mittels eines Gaswagens ermorden zu dürfen. Die Nazis bezeichneten Gaswagen euphemistisch als „Spezialwagen“, „Sonderwagen“, „Sonderfahrzeug“, „S-Wagen“ oder „Entlausungswagen“. Die Täter ermordeten Menschen in den abgedichteten Laderäumen umgebauter Lastwagen mit Motorabgasen. Diese Gaswagen dienten als mobile Gaskammern; stationäre Gaskammern gab es in Chełmno nicht.

Auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 stimmten Vertreter der SS und mehrerer Reichsbehörden unter Reinhard Heydrichs Leitung ihre Zusammenarbeit bei der Deportation und Ermordung der europäischen Juden ab. Adolf Eichmann organisierte die Besprechung mit und verfasste das Protokoll. Der Holocaust hatte zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen; auch in Chełmno wurde schon seit Dezember 1941 gemordet. Hermann Göring hatte Heydrich im Juli 1941 mit den Vorbereitungen zur sogenannten „Endlösung“ beauftragt. Heydrich starb am 4. Juni 1942 an den Folgen des Attentats vom 27. Mai. Die „Aktion Reinhardt“ umfasste insbesondere die Ermordung der Juden im Generalgouvernement und die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Chełmno gehörte organisatorisch nicht zu diesen drei Lagern.

Wie auch in Auschwitz entstand das Vernichtungslager aus bereits bestehenden Gebäuden. Das sogenannte „Schlossgelände“ umfasste ein unbewohntes Gutshaus mit einem Park und einem Kornspeicher sowie Teile einer daran angrenzenden Gärtnerei und wurde durch einen Bretterzaun als Sichtschutz nach außen abgeschirmt. Daneben existierte ein Nebenlager im Wald, in dem die Leichen vergraben wurden. Schon im Oktober und November kamen die Angehörigen des Sonderkommandos an und nahmen am 8. Dezember 1941 (über einen Monat vor der Wannseekonferenz) ihre Arbeit, also die Vernichtung von Menschenleben, auf. Damit war Chelmno – wohl nicht zuletzt wegen des Ansinnens Höppners und Greisers – das erste Vernichtungslager, in dem aktiv Menschen ermordet wurden.

Die Opfer: polnische Juden, Sinti und Roma

Dies betraf folglich zunächst die jüdische Bevölkerung aus den benachbarten Amtsbezirken Dąbie, Koło, Kłodawa, Sompolno, Babiak und Kowale Pańskie, aber auch Roma aus dem österreichischen Burgenland. Wie in anderen Vernichtungslagern erzählte man den ankommenden Häftlingen, sie seien in einem Übergangslager zum Arbeitslager und müssten sich nun waschen, was die Kooperation der Gefangenen und den reibungslosen Ablauf des Massenmords sicherstellen sollte. Die Ermordeten wurden, bevor sie im Waldlager verscharrt wurden, von Zwangsarbeitern auf Wertsachen durchsucht. Auch die Zwangsarbeiter brachte man irgendwann um und ersetzte sie durch neue Arbeitskräfte aus den ankommenden Transporten.

Das Kommando hatte zunächst SS-Hauptsturmführer Herbert Lange (1909-1945) inne. Er und die Offiziere bewohnten das Gutshaus; die Mannschaften waren anders als in anderen Lagern außerhalb im Ort selbst untergebracht. Langes Sonderkommando hatte bereits seit 1939 Patienten psychiatrischer Einrichtungen im besetzten Polen ermordet. Diese regionalen Krankenmorde sind von der zentral organisierten „Aktion T4“ zu unterscheiden. Es bestanden personelle und technische Verbindungen zwischen den nationalsozialistischen Krankenmorden und dem späteren Massenmord an den europäischen Juden. Die Einstellung der zentralen T4-Gasmorde im August 1941 bedeutete jedoch nicht das Ende der Ermordung kranker und behinderter Menschen.

Kriegsende und Vertuschung

Die genaue Opferzahl ist nicht abschließend geklärt. Das United States Holocaust Memorial Museum nennt mindestens 152.000 jüdische Menschen und 4.300 Roma. Das Museum in Chełmno hält eine Gesamtzahl von etwa 200.000 Ermordeten für wahrscheinlich. SS-Standartenführer Paul Blobel (1894 – 1951) testete im Sommer 1942 aus, wie effektiv es war, die Leichen zu verbrennen und die Knochen zu zerkleinern. Versuche, die den Nazis im Zuge der „Sonderaktion 1005“, der Beseitigung ihrer Spuren vor dem Eintreffen der Roten Armee, zugutekamen. Die Verbrennung zuvor verscharrter Leichen begann in Chełmno bereits 1942. Im April 1943 wurden das Gutshaus und weitere Anlagen zerstört.

Greiser lud die Männer, die im Lager Menschen ermordet hatten, zum Abschluss auf sein Gut ein, belohnte sie mit einem Geldgeschenk und lobte sie gegenüber Himmler in einem Schreiben mit den Worten, sie hätten „treu und brav und in jeder Beziehung konsequent die ihnen übertragene schwere Pflicht erfüllt“.

1944 nahm das Sonderkommando die Mordaktionen in Chełmno wieder auf. Zwischen dem 23. Juni und dem 14. Juli wurden nach Angaben der Gedenkstätte 7.196 jüdische Menschen aus dem Ghetto Litzmannstadt in Gaswagen ermordet. Im August gingen die weiteren Deportationen aus dem Ghetto nach Auschwitz. Die Täter begannen erneut, die Anlagen abzubauen und Spuren zu beseitigen. In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar 1945 ermordeten sie die meisten der verbliebenen jüdischen Arbeitshäftlinge; einige Gefangene leisteten Widerstand. Der Speicher wurde in Brand gesetzt. Szymon Srebrnik und Mieczysław Żurawski überlebten die letzte Mordaktion und entkamen. Die Behauptung, sämtliche letzten Häftlinge seien verbrannt worden, trifft daher nicht zu.

Täterverfolgung und Gedenkstätte

Nur wenige der Täter wurden nach dem Krieg strafrechtlich belangt. Herbert Lange war am 20. April 1945 bei Bernau gefallen. Sein Nachfolger als Lagerkommandant, Hans Bothmann (1911 – 1946), hatte am 4. April 1946 in Heide (Holstein) Suizid begangen, indem er sich erhängt hatte. Paul Blobel hatte man bereits wegen anderer Verbrechen exekutiert. Die leitenden Mitarbeiter der Staatspolizeistelle Litzmannstadt verurteilte man zu Haftstrafen. Höppner lieferte Deutschland 1947 nach Polen aus, wo er am 15. März 1949 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er wurde 1957 im Zuge der polnischen großen Amnestie entlassen und starb 1998 in einem Altersheim in Köln. Arthur Greiser kam nicht so glimpflich davon. Er wurde am 9. Juli 1946 zum Tode verurteilt und am 21. Juli 1946 gehängt. Ernst Kendzia (1894 – 1950), den Greiser mit der Organisation des Lagers betraut hatte, richtete man am 4. November 1950 im Zuchthaus Waldheim hin.

Seit Juni 1990 besteht am historischen Ort ein Museum. Es gehört seit Juli 2013 zum Museum in Żabikowo und verbindet Ausstellungen mit Bildungsarbeit und Forschung. Zur Gedenkstätte gehören die Spuren des Lagerbereichs im Dorf und der Begräbnis- und Verbrennungsstätten im Wald von Rzuchów. Archäologische Untersuchungen und erhaltene Zeugnisse helfen, die von den Tätern zerstörten Anlagen zu erschließen. Die Erinnerung ist damit auf unterschiedliche Quellen angewiesen: materielle Spuren am Ort, Aussagen von Überlebenden, Ermittlungsunterlagen und Dokumente der Täter. Sie müssen jeweils kritisch auf ihre Aussagekraft geprüft werden.

Autorin: Martina Meier

Literatur

Benz, Wolfgang / Hermann Graml / Hermann Weiß: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997.

Gutman, Israel / Eberhard Jäckel / Peter Longerich (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. München 1998.

Herbert, Ulrich / Karin Orth / Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Frankfurt/M 2002.

Kammer, Hilde / Elisabet Bartsch / Manon Eppenstein-Baukhage: Lexikon Nationalsozialismus, Berlin 1999.

Krakowski, Shmuel: „Das Todeslager Chelmno / Kulmhof – Der Beginn der ,Endlösung‚“, Wallstein Verlag, Göttingen 2007.

Rückerl, Adalbert (Hrsg.): „Nationalsozialistische Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse. Belzec, Sobibor, Treblinka, Chelmno“, München 1977 (dtv 2904).

Website der Gedenkstätte

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