Thomas Mann im Dritten Reich: Nobelpreisträger, Schriftsteller im Exil und politischer Mahner

Thomas Mann, 1929. Nobel Foundation, Thomas Mann 1929, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons,
Thomas Mann gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Biografie spiegelt die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte von der Kaiserzeit bis ins Exil während der NS-Diktatur wider. Bereits lange vor 1933 war Thomas Mann ein gefeierter Autor und wurde 1929 zum Nobelpreisträger für Literatur. In der Weimarer Republik wandelte er sich vom anfänglich unpolitischen Künstler zum engagierten politischen Mahner und Befürworter demokratischer Werte. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten musste er ins Exil gehen und wurde zu einer wichtigen Stimme der deutschen Kultur im Ausland. Mit seinen Büchern, Essays und Radioansprachen hielt er der Diktatur ein Spiegelbild humanistischer Werte entgegen. Der folgende Überblick beleuchtet Thomas Manns Weg von der Lübecker Heimat über den literarischen Weltruhm (etwa mit den Buddenbrooks) bis hin zum Kampf gegen Hitler-Deutschland als Emigrant.
Lübeck und „Buddenbrooks“: Jugend und literarischer Aufstieg von Thomas Mann
Thomas Mann wurde im Juni 1875 in Lübeck als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater, Senator Thomas Johann Heinrich Mann, entstammte einer alten Lübecker Patrizierdynastie, und seine Mutter Julia Mann (geborene da Silva-Bruhns) brachte kosmopolitische Wurzeln aus Brasilien mit. Nach dem frühen Tod des Vaters 1891 zog die Mutter gemeinsam mit ihren Geschwistern nach München, um dort ein neues Leben zu beginnen. Thomas und sein älterer Bruder Heinrich verbrachten jedoch noch prägende Jugendjahre in der Hansestadt Lübeck – Eindrücke, die ertief literarisch verarbeitete. Schon als Gymnasiast zeigte er literarische Ambitionen: Erste Novellen und Feuilletonbeiträge erschienen um die Jahrhundertwende.
Ende der 1890er unternahm Thomas und Heinrich Mann gemeinsam Bildungsreisen nach Italien. Besonders ein längerer Aufenthalt 1896/97 in Rom und Palestrina inspirierte den jungen Autor. Dort begann er mit der Arbeit an seinem ersten großen Roman, den er in München vollendete. Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“erschien im Oktober 1901 und trug den bezeichnenden Untertitel „Verfall einer Familie“. Darin hat der Autor den Untergang einer Familie Mann-ähnlichen Lübecker Kaufmannsdynastie künstlerisch verarbeitet. Mit diesem Generationenepos, das den Verfall traditioneller Bürgertugenden schildert, gelang dem 26-Jährigen schlagartig der Durchbruch. „Buddenbrooks“ machte den jungen Schriftsteller weit über Deutschland hinaus bekannt. Der LübeckerSchauplatz und die detailreiche Zeichnung des hanseatischen Lebens trugen zum Reiz des Werkes bei. Jahrzehnte später sollte die Welt diesen Erstling als sein Hauptwerk feiern: 1929 erhielt Thomas Mann den Nobelpreis für Literatur, wobei insbesondere die künstlerische Kraft der Buddenbrooks gewürdigt wurde.
Heirat mit Katia Pringsheim: Familienleben in München
Trotz frühem Ruhm blieb Thomas Manns Privatleben bodenständig verwurzelt. Am 11. Februar 1905 heiratete er in München Katia Pringsheim, die Tochter einer angesehenen jüdischen Gelehrtenfamilie. Die Heirat mit Katia markierte den Beginn einer lebenslangen Partnerschaft. Thomas und Katia Mann führten in München ein kultiviertes bürgerliches Familienleben, das von Literatur, Musik und intellektuellem Austausch geprägt war. Aus der Ehe gingen sechs Kinderhervor: Erika (geb. 1905), Klaus Mann (geb. 1906), Golo Mann (eigentlich Angelus Gottfried Thomas, geb. 1909), Monika (geb. 1910), Michael (geb. 1919, Vater von Frido Mann) und Elisabeth Mann Borgese (geb. 1918). Katia Mann, später selbst als Katia Mann bekannt, erwies sich als starke Stütze für ihren berühmten Mann. Sie sorgte für Stabilität im Alltag und ermöglichte ihm so, sich ganz auf sein Schreiben zu konzentrieren. Thomas Mann schrieb in diesen Jahren neben Erzählungen auch kulturkritische Essays und arbeitete an neuen Romanprojekten.
Das Familienleben wurde nicht nur von literarischen Erfolgen begleitet, sondern auch von Schicksalsschlägen. 1914 bezog die wachsende Familie ein eigenes Haus in München, doch der Erste Weltkrieg trübte bald die Idylle. Katia Mann erkrankte 1912 schwer an Tuberkulose und musste zur Kur in ein Davoser Sanatorium – ein Erlebnis, das er später in seinem Roman „Zauberberg“ literarisch verarbeitete. Trotz solcher Herausforderungen blieb das Ehepaar eng verbunden. Thomas und Katia Mann meisterten gemeinsam die Wirren der Zeit und schufen ein offenes Haus, das in den 1920er-Jahren zum Treffpunkt von Künstlern und Gelehrten wurde. Die Erfahrung, eine Familie durch Krisenzeiten zu führen, prägte Thomas Manns Sicht auf Gesellschaft und Kultur nachhaltig.
Der „Zauberberg“ und politische Wandlung nach dem Weltkrieg
Während des Ersten Weltkriegs bezog Thomas Mann zunächst eine nationalkonservative Haltung. Im Gegensatz zu seinem Bruder Heinrich, der früh als Demokrat und Kritiker des Kaiserreichs auftrat, verteidigte Thomas Mann die deutsche Kultur des Bildungsbürgertums. In seinem Essayband „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) rechtfertigte er eine unpolitische Kunst und polemisierte gegen die demokratischen Ideen, die Heinrich und Thomas Mann zu dieser Zeit entzweiten. Doch nach der Niederlage 1918 vollzog Thomas Mann einen bemerkenswerten Sinneswandel. Im Gegensatz zu seinem Bruder Heinrich bekannte er sich nun offen zur Republik: Im November 1922veröffentlichte er den flammenden Essay „Von deutscher Republik“, in dem er die Weimarer Demokratie nachdrücklich unterstützte. Diese öffentliche Hinwendung zur deutschen Republik führte zur Versöhnung mit vielen liberalen Zeitgenossen – und auch zu einer Annäherung zwischen Thomas und Heinrich Mann nach Jahren der Entfremdung.
Literarisch erreichte Thomas Mann in den 1920er-Jahren einen neuen Höhepunkt. Thomas Manns Werk Der Zauberberg, erschienen 1924, gilt als Schlüsselroman der Epoche. Darin begibt sich der junge Hamburger Hans Castorp für sieben Jahre in ein Davoser Lungensanatorium – eine allegorische Reise, die die krisenhafte deutsche Kultur vor dem Ersten Weltkrieg spiegelt. Hans Castorp und die anderen Figuren diskutieren auf dem Zauberberg die großen Ideologien und Fragen ihrer Zeit, während im Tal bereits der Verfall Europas in Form des heraufziehenden Krieges spürbar ist. Der Roman, an dem er über ein Jahrzehnt gearbeitet hatte, wurde international gefeiert. Die literarische Verarbeitung von Krankheit und Gesellschaft in Thomas Manns Roman Der Zauberberg zeugte von tiefem geistigen Durchdringen der Zeitläufe. In diesen Jahren festigte sich sein Ruhm als deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhundertsvon Weltrang. Die Krönung folgte Ende 1929, als erhielt Thomas Mann den Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie hob besonders die Buddenbrooks als „klassisches Werk der Gegenwartsliteratur“ hervor, doch auch Der Zauberberg und sein erzählerisches Gesamtwerk begründeten seinen Rang als Nobelpreisträger.
Trotz des Erfolgs blieb Thomas Mann aufmerksam für die Gefahren der politischen Radikalisierung. Im Oktober 1930, nach dem Aufstieg der NSDAP bei Wahlen, hielt er in Berlin die Rede „Ein Appell an die Vernunft“, in der er eindringlich vor dem drohenden Abrutschen Deutschlands in die Barbarei warnte. Diese mutige Stellungnahme machte ihn früh zum Feindbild der Nazis. Ebenfalls in dieser Spätphase der Weimarer Republik veröffentlichte er die Novelle„Mario und der Zauberer“ (1930), eine unheilvolle Parabel über einen faschistischen Verführer in Italien. Darin hatte er bereits vor den Verlockungen totalitärer Demagogen gewarnt – ein literarisches Omen für die Ereignisse, die bald folgen sollten.
Exil: Flucht vor dem NS-Regime ab 1933
Am 30. Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten unter Hitler die Macht – eine Zäsur, die auch Thomas MannsLeben radikal veränderte. Wenige Tage nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 befand er sich auf einer Vortragsreise in der Schweiz und kehrte vorsorglich nicht mehr nach Deutschland zurück. Diese Flucht aus Nazi-Deutschlandmarkierte den Beginn eines langen Exils. Zunächst ließ sich Thomas Mann mit seiner Frau Katia am Zürichsee (Küsnacht) nieder. Die Werke des prominenten Schriftstellers wurden derweil in der Heimat verfemt: Bereits im Mai 1933 landeten seine Bücher – wie die vieler anderer Emigranten – auf den Scheiterhaufen der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen. Persönlich blieb ihm Schlimmeres erspart, da er und die Familie früh das Land verlassen hatten. In München durchsuchte die Gestapo sein Haus, doch er war in Sicherheit. Im Exil setzte er seine schriftstellerische Arbeit ungebrochen fort: Zwischen 1933 und 1943 verfasste Thomas Mann seine monumentale Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“, in der er den biblischen Joseph-Stoff als Gleichnis für menschliche Leidens- und Aufbaugeschichten gestaltete. Damit knüpfte er an die großen Erzähltraditionen an und bewies, dass sein Schaffensdrang auch fern der Heimat ungebrochen war.
Die NS-Propaganda diffamierte ihn als „Vaterlandsverräter“, und 1936 wurde ihm offiziell die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Auch seinem Bruder Heinrich sowie den im Ausland lebenden Kindern entzog das NS-Regime die Staatsangehörigkeit. Um nicht staatenlos zu sein, nahm er im November 1936 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an – ein symbolischer Akt, der zeigte, wie sehr ihn das eigene Vaterland verstoßen hatte. Zum Jahresende 1936 erhielt er zudem einen weihnachtlichen „Gruß“ der deutschen Behörden: Die Universität Bonn entzog ihm auf Druck der Nazis die 1919 verliehene Ehrendoktorwürde. Doch er reagierte mit scharfem Geist: Im Januar 1937 veröffentlichte er in der Zürcher Presse einen offenen Briefwechsel mit der Bonner Fakultät, in dem er die Anmaßung des Regimes, sich mit der deutschen Kultur gleichzusetzen, aufdecken und verhöhnen konnte. Dieser Brief – publiziert unter dem schlichten Titel „Ein Briefwechsel“ – wurde international beachtet und heimlich sogar in Deutschland verbreitet. Darin hieß es selbstbewusst, die Tatsache, wer heute in Deutschland die Macht besitze, ihm (Mann) die Bürgerrechte zu entziehen, offenbare nur die Groteske jener Willkür. Thomas Mann bewies, dass er auch im Exil seine Stimme wirkungsvoll erheben konnte.
Während er sich publizistisch zur Wehr setzte, half er zugleich praktisch anderen Flüchtlingen. Er nutzte sein Ansehen, um zahlreichen jüdischen und regimekritischen Deutschen Visa und Unterstützung zu verschaffen. Persönlich hielt er sich jedoch von organisierten Exilgruppen fern: So lehnte er es ab, dem von linksgerichteten Emigranten gegründeten „Council for a Democratic Germany“ beizutreten – Thomas Mann bewahrte seine politische Unabhängigkeit. Stattdessen engagierte er sich literarisch und publizistisch. Ab Herbst 1937 gab er zusammen mit dem Schweizer Konrad Falke in Zürich die Exil-Zeitschrift Maß und Wert heraus, eine „Zweimonatsschrift für freie deutsche Kultur“, in der Essays, Literatur und Kritik im Geiste der Humanität veröffentlicht wurden. Hier zeigte sich Mann als wahrer Befürworter der kulturellen Vernunft gegen die Barbarei.
Im Jahr 1938 weitete sich das Exil jenseits Europas: Thomas Mann emigrierte im September 1938 in die USA. Ankunft in New York war am 21. Februar 1938 während einer Amerikareise, die er fortan nicht mehr als Besucher, sondern als zukünftige Heimat betrachtete. Von der Ostküste reiste er weiter nach Princeton, New Jersey, wo er eine Gastprofessur an der Universität übernahm. Die Ankunft in New York bedeutete auch einen Neuanfang für die Familie Mann: Katia und die jüngeren Kinder folgten ihm über den Atlantik ins amerikanische Exil (die ältesten, Erika und Klaus, waren bereits seit 1933/34 in den USA bzw. Europa auf eigenen Wegen im antifaschistischen Einsatz). In Princeton verbrachte er die Jahre bis 1941 mit Vortrags- und Lehrtätigkeit. Seine Emigrantenerfahrung verarbeitete er essayistisch unter anderem in der Sammlung „Deutschland und die Deutschen“. Auch literarisch blieb er aktiv: 1939 erschien in Stockholm der Goethe-Roman „Lotte in Weimar“, den er noch im europäischen Exil fertiggestellt hatte. Die Emigration bedeutete keinen Bruch seiner literarischen Produktivität – im Gegenteil, sie verlieh seinem Schreiben eine neue, politisch-moralische Dringlichkeit.
„Deutsche Hörer!“: Stimme gegen Hitler im Radio
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Thomas Mann immer mehr zur Stimme der deutschen Freiheit in der Fremde. Ab 1940 wandte er sich regelmäßig über den BBC-Rundfunk an die Menschen in Deutschland. Im Oktober 1940 sprach er seine erste Radioansprache im Rahmen der Sendereihe „Deutsche Hörer!“ – so begann eine beispiellose Folge von insgesamt 55 politischen Ansprachen, die bis 1945 monatlich ausgestrahlt wurden. Von den USA aus – zunächst aus Princeton, ab 1941 aus Kalifornien – richtete er seine Worte an die „lieben deutschen Hörer“ und bot eine Alternative zur Propaganda des NS-Regimes. Ankunft in New York oder London war für seine Worte nicht nötig: Über Kurzwelle fanden sie den Weg nach Deutschland. Ab April 1941 lebte er in Pacific Palisades bei Los Angeles, wo sich viele deutsche Exilanten niedergelassen hatten. Aus seinem Haus in der 740 Amalfi Drive, Pacific Palisades, sprach er ins Mikrofon und erreichte heimlich lauschende Ohren in der alten Heimat. In seinen BBC-Reden zeigte er sich als politischer Mahner und Befürworter der Freiheit und Menschlichkeit. Er appellierte an die Vernunft seiner Landsleute und erinnerte an das bessere Deutschland jenseits von Hakenkreuz und Krieg.
Charakteristisch für Thomas Manns Radiosendungen Deutsche Hörer! war die Verbindung von scharfer Analyse und moralischer Leidenschaft. Er thematisierte die Verbrechen des Regimes – etwa die Judenverfolgung und die Kriegsgreuel – und rief die Deutschen dazu auf, die Augen nicht vor der Wahrheit zu verschließen. Berühmt wurde seine rhetorische Frage in einer Weihnachtsansprache 1940: „Deutsche Hörer, singt ihr immer noch ‚Stille Nacht‘ – oder hat man euch befohlen, irgendeine blutige Parteihymne zu singen?“ Solche Sätze, vorgetragen mit klangvoller Stimme, sollten die Zuhörer aufrütteln. Thomas Mann stellte Tradition und Anstand dem verbrecherischen Alltag im „Dritten Reich“ entgegen. So erinnerte er an Goethe, Schiller, Beethoven und die humanistischen Grundlagen der deutschen Kultur, um die Nazis als Fremdkörper dieser Tradition erscheinen zu lassen. In diesen Reden erwies er sich als wahrer Vertreter der deutschen Kultur im Exil: konservativ im besten Sinne, der Bildung und Humanität verpflichtet, und zugleich entschieden modern im Kampf gegen die Tyrannei.
Die Familie Mann arbeitete mit vereinten Kräften im amerikanischen Exil: Tochter Erika Mann unterstützte den Vater oft bei der Redaktion der Reden, Sohn Golo half im Kriegsdienst mit seinem Wissen über Deutschland. Thomas Mann selbst nahm 1944 die amerikanische Staatsangehörigkeit an – am 23. Juni 1944 wurde er feierlich eingebürgert. Mittlerweile genoss er als Nobelpreisträger in den USA großes Ansehen und wurde vom Roosevelt-Regime auch für propagandistische Zwecke geschätzt. Seine Reden wurden 1943 in einer zweisprachigen Ausgabe gedruckt und als Flugblätter in Deutschland verteilt, um den Widerstandsgeist zu stärken. Als literarischen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem „anderen Deutschland“ schrieb er parallel seinen wohl dunkelsten Roman: „Doktor Faustus“. In dieser 1947 veröffentlichten Geschichte eines Teufelspakts eines Künstlers verarbeitete er literarisch die geistige Entstehung des „Doktor Faustus“ im Zeichen des Nationalsozialismus – der Roman ist ein tiefer Kommentar auf den moralischen Niedergang Deutschlands. Während in Europa die Bomben fielen, schrieb Thomas Mann in Kalifornien an dieser großen Parabel über Genie, Versuchung und Verderbnis. Der Krieg endete im Mai 1945 mit der Niederlage Deutschlands – ein Sieg der Freiheit, den er in seinem letzten Radioappell an die Deutschen als Chance zu geistiger Erneuerung begrüßte.
Klaus Mann: Literatur und Kampf im Exil
Klaus Mann war Thomas Manns ältester Sohn und folgte früh den literarischen Fußstapfen seines Vaters. Geboren 1906 in München, avancierte er schon in den späten 1920er-Jahren selbst zum Schriftsteller. Als Homosexueller und Linksliberaler stand Klaus in scharfem Gegensatz zur Ideologie der Nationalsozialisten. Unmittelbar nach Hitlers Machtantritt 1933 ging er ins Exil – zuerst nach Paris, dann weiter in die USA. Klaus Mann engagierte sich im Ausland mit Wort und Tat gegen das NS-Regime. So gründete er 1933 in Amsterdam die Zeitschrift Die Sammlung, um exilierten Schriftstellern eine Stimme zu geben. Er schrieb eine Reihe mutiger Romane und Essays, die den moralischen Bankrott Nazi-Deutschlands anprangerten. Besonders bekannt wurde sein Schlüsselroman Mephisto (1936), in dem er am Beispiel eines opportunistischen Schauspielers (angelehnt an Gustaf Gründgens, den Schwager seiner Schwester Erika) den Pakt vieler deutscher Künstler mit dem Teufel des Faschismus anklagte. Das Buch erschien im Exil und war in Deutschland verboten – und selbst in der Bundesrepublik nach dem Krieg lange umstritten.
Im amerikanischen Exil schloss sich Klaus Mann wie viele Emigranten den Alliierten aktiv an. 1942 meldete er sich zur US-Armee. Als einfacher Soldat – und dank seiner Sprachkenntnisse zum Propagandisten ausgebildet – nahm er 1944/45 am Italienfeldzug teil. Er bereitete dort Flugblätter und Radiosendungen für deutsche Wehrmachtssoldaten vor, um sie zur Aufgabe zu bewegen. Nach Kriegsende kehrte Klaus Mann nach Europa zurück und erlebte 1945 die Befreiung seines zerstörten Heimatlandes. Doch der Zusammenbruch des NS-Regimes brachte ihm persönlich keinen Frieden. Heimatlos und enttäuscht von der Nachkriegsentwicklung, verfiel er in Depressionen. Am 21. Mai 1949, nur wenige Jahre nach Kriegsende, nahm sich Klaus Mann im französischen Cannes das Leben. Sein Freitod erschütterte ihnund die Familie Mann zutiefst – war Klaus doch derjenige Sohn gewesen, der am entschiedensten und frühesten gegen Hitler angeschrieben und angekämpft hatte. Heute wird Klaus Mann als wichtiger Vertreter der Exilliteratur gewürdigt. Sein Werk – autobiographisch festgehalten etwa in Der Wendepunkt (1942) – dokumentiert die Zerrissenheit einer Künstlergeneration im Kampf gegen das Unrecht. Über Klaus Mann und sein Schicksal hinaus steht er exemplarisch für viele talentierte junge Deutsche, die ihre Heimat verlassen mussten, um sie letztlich aus der Ferne zu retten.
Erika Mann: Kabarettistin, Kriegsreporterin und Chronistin
Erika Mann, geboren 1905, war sein ältestes Kind und entwickelte sich zu einer vielseitigen Kulturkämpferin gegen das NS-Regime. Schon in den „goldenen“ 1920ern fiel sie als energische und unkonventionelle Frau auf – sie schockierte das Bürgertum mit Bubikopf, Hosenanzug und rasanter Fahrt im Sportwagen. Wie ihr Bruder Klaus erkannte Erika früh die Gefahr des Nationalsozialismus. Bereits 1932 gründete sie in München ein politisch-satirisches Kabarett namens „Die Pfeffermühle“, in dem sie und Gleichgesinnte das Zeitgeschehen kritisch kommentierten. Nach Hitlers Machtantritt 1933 musste die Familie Mann auch Erika ins Exil folgen; die Pfeffermühle zog mit ihr erst in die Schweiz und später bis nach New York weiter. Auf der Bühne geißelte Erika Mann mit scharfem Witz und Chansons die Diktatur – sehr zur Wut der Nazis, die ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannten.
Im Exil entfaltete Erika Mann eine beeindruckende Aktivität als Schriftstellerin und Journalistin. Gemeinsam mit Bruder Klaus veröffentlichte sie 1938 in Amsterdam das Buch „Escape to Life“ (deutsch: „Das Buch von der Emigration“), in dem sie Porträts vertriebener deutscher Intellektueller zeichnete. Unter dem Pseudonym Erika Mann erschien im selben Jahr in New York ihr englischsprachiges Sachbuch „School for Barbarians“, das schonungslos das nationalsozialistische Erziehungssystem entlarvte (deutsch: „Zehn Millionen Kinder. Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“). Während des Zweiten Weltkriegs berichtete Erika Mann als Kriegsreporterin für amerikanische Medien. Sie begleitete 1944/45 alliierte Truppen durch Westeuropa und dokumentierte die Schrecken des Krieges sowie die Befreiung deutscher Konzentrationslager – Erlebnisse, die sie als eine der ersten in Artikeln an die Öffentlichkeit brachte. Mit ihrer Stimme sprach sie auch im Rundfunk: Für die BBC und den amerikanischen Nachrichtensender Voice of America kommentierte sie das Kriegsgeschehen aus antifaschistischer Sicht.
Darüber hinaus stand Erika Mann zeitlebens ihrer Familie nah. Im US-Exil wurde sie zur engen Mitarbeiterin und Beschützerin ihres Vaters. Sie organisierte Thomas Manns Lesereisen, tippte Manuskripte und managte die Korrespondenz – ohne ihren Einsatz wäre manches Werk langsamer gediehen. Nach dem Krieg kehrte Erika mit ihren Eltern 1952 nach Europa zurück und ließ sich in der Schweiz nieder. Obwohl sie die Möglichkeit gehabt hätte, im kulturellen Leben der jungen Bundesrepublik mitzuwirken, blieb sie Deutschland fern – zu tief waren die Wunden des Exils. Sie starb 1969 in Zürich nach längerer Krankheit. Erika Mann verkörpert das Bild einer mutigen Frau, die in dunkler Zeit ihre Talente furchtlos für Freiheit und Aufklärung einsetzte.
Golo Mann: Historiker zwischen den Welten
Golo Mann, geboren 1909 als drittes Kind, ging anders als seine Geschwister nicht den Weg der schönen Literatur, sondern fand seine Berufung in der Geschichtsschreibung. Schon früh zeigte sich sein Interesse an Philosophie und Geschichte. Er promovierte 1932 in Heidelberg bei Karl Jaspers – doch seine aufkeimende akademische Karriere in Deutschland wurde durch Hitlers Machtergreifung jäh beendet. 1933 floh Golo Mann ins Ausland, zunächst in die Schweiz und nach Frankreich. Anders als seine extrovertierten Geschwister hielt er sich publizistisch zunächst zurück, doch innerlich lehnte er das NS-Regime ebenso entschieden ab. 1940 gelang ihm die Emigration in die USA, wo er – inzwischen über 30 – erneut Fuß fassen musste. In amerikanischen Diensten leistete er einen direkten Beitrag im Kampf gegen Hitler: 1943 trat Golo Mann in die US-Armee ein. Als Freiwilliger wurde er in einem Nachrichtendienst-Bataillon ausgebildet und 1944 im Rang eines Gefreiten nach Europa geschickt. Wegen seiner Sprachkenntnisse kam er bei der psychologischen Kriegsführung zum Einsatz. Golo Mann wirkte an der Front in Frankreich und später in Deutschland als Dolmetscher und Vernehmer deutscher Kriegsgefangener mit. So trug er dazu bei, die nationalsozialistische Herrschaft auch militärisch zu überwinden.
Nach Kriegsende blieb Golo Mann zunächst in Europa. Im Gegensatz zu seinem Vater, der die USA erst 1952 verließ, kehrte Golo bereits Ende der 1940er Jahre auf den alten Kontinent zurück. Er arbeitete als Journalist und begann, historische Essays und Studien zu veröffentlichen. Sein wissenschaftlicher Durchbruch gelang 1958 mit dem opus magnum „Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“. Dieses umfangreiche Werk, geschrieben in einer glänzenden literarischen Prosa, etablierte Golo Mann als einen der großen Historiker seiner Generation. Darin zeichnete er den Weg Deutschlands von Napoleon bis Bismarck nach und reflektierte implizit auch die Vorgeschichte des Dritten Reiches. In Westdeutschland und international wurde Golo Mann nun hochgeschätzt; er erhielt Professuren und Ehrungen. Obwohl er ein Leben lang unter dem Schatten des berühmten Vaters stand, entwickelte Golo eine eigenständige Stimme als Gelehrter. In den folgenden Jahrzehnten publizierte er weiter erfolgreich, etwa Biografien (über Wallenstein) und politische Analysen zur Gegenwart. Zeitweise lebte Golo Mann wieder in der Schweiz und in Österreich, blieb aber auch mit der Bundesrepublik in regem Austausch. Er starb 1994 in Leverkusen.
Rückblickend erscheint Golo Mann als Brückenfigur: ein Mann des Geistes, der die Erfahrung von Emigration und Krieg in profundes historisches Wissen ummünzte. Er konnte – vielleicht gerade durch den Abstand des Exils – das vergangene Jahrhundert der Deutschen mit klarem Blick deuten. Während sein Vater Thomas die Geschichte literarisch gestaltete, hielt Golo Mann der Nation den Spiegel der historischen Wahrheit vor. Gemeinsam aber teilten Vater und Sohn das Anliegen, aus der Vergangenheit Lehren für eine bessere Zukunft zu ziehen.
Elisabeth Mann Borgese: Die jüngste Tochter und das Vermächtnis
Elisabeth Mann Borgese, geboren 1918, war das Nesthäkchen der Familie und ging im Gegensatz zu ihren Geschwistern einen Weg außerhalb von Literatur und Politik – und doch trägt auch sie das Vermächtnis der Manns weiter. Als jüngste Tochter erlebte Elisabeth ihre Kindheit im Schatten der berühmten Eltern und der älteren Geschwister. Sie war erst 15 Jahre alt, als die Familie 1933 ins Exil gezwungen wurde. In der neuen Heimat Amerika besuchte Elisabeth Mann das College und fand bald ihre eigene Bestimmung: die Liebe zum Meer und zum internationalen Recht. 1939 heiratete sie den italienischen Literaturprofessor Giuseppe Antonio Borgese, der ebenfalls ein antifaschistischer Emigrant und enger Vertrauter Thomas Manns war. Fortan trug sie den Namen Elisabeth Mann Borgese. Während des Krieges unterstützte sie ihren Vater und ihren Mann bei verschiedenen publizistischen Projekten. Nach 1945 wandte sie sich jedoch vor allem den Natur- und Sozialwissenschaften zu. Sie entwickelte sich zu einer Pionierin der Meeresforschung und setzte sich für den Schutz der Weltmeere ein. Als einzige der Mann-Kinder betrat Elisabeth somit fachlich Neuland und erwarb sich einen Namen als Ozeanologin und Juristin. 1970 gründete sie das International Ocean Institute und engagierte sich maßgeblich bei den Vereinten Nationen für ein internationales Seerechtsübereinkommen. Diese ungewöhnliche Karriere machte sie zur anerkannten Kapazität fernab der literarischen Sphäre der Familie.
Trotz ihrer eigenen Lebenswege blieb Elisabeth Mann Borgese stets Teil des Familiennetzwerks. Sie bewahrte die Erinnerung an ihren Vater und die Familie Mann und trat in späteren Jahren gelegentlich als Zeitzeugin über die Exilzeit auf. Elisabeth überlebte alle ihre Geschwister – sie starb 2002, fast 47 Jahre nach dem Vater. Mit ihr erlosch die direkte Nachkommenschaft (ihre Kinder und die Kinder der Geschwister leben jedoch weiter). Ihr langes Leben verband die Epoche des Exils mit der Gegenwart des 21. Jahrhunderts.
Thomas Mann selbst erlebte nach 1945 noch zehn Jahre einer zweiten Heimatlosigkeit. Die Rückkehr nach Deutschland kam für ihn zunächst nicht in Frage. Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre – so betitelte er einen vielbeachteten Aufsatz im Oktober 1945, in dem er seine Entfremdung von der alten Heimat erklärte. Darin kritisierte er den Mangel an Widerstand im „Dritten Reich“ und die Tatsache, dass viele belastete Eliten weiterhin in Amt und Würden waren. Statt nach Deutschland zu übersiedeln, blieb er in den USA, bis ihn dort der aufkommende McCarthyismus und die kommunistenfeindliche Hysterie der frühen 1950er ebenso enttäuschten. 1952 kehrte er dem amerikanischen Exil den Rücken und ließ sich in der Schweiz nieder, wo er einst begonnen hatte. Er verbrachte seine letzten Jahre in Erlenbach und Zürich, weiterhin literarisch produktiv. 1947 war bereits sein Roman „Doktor Faustus“erschienen – seine gewaltige dichterische Abrechnung mit dem deutschen Pakt mit dem Teufel. 1949veröffentlichte er zudem „Die Entstehung des Doktor Faustus“, ein Buch, in dem er tagebuchartig die Genese seines Romans reflektierte. Es folgte 1951 der Roman „Der Erwählte“, und 1954 kam der humoristische Spätroman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (erster Teil) heraus – ein letztes Aufblitzen seines ironischen Erzähltemperaments. Am 12. August 1955 stirbt er im Alter von 80 Jahren in Zürich, kurz nachdem er noch öffentlich mit großen Ehrungen (Goethe-Preis, Ehrendoktorwürden) bedacht worden war. Sein Tod markierte für viele das Ende einer Ära: Thomas Mann, der Exponent der alten Bildungsbürgerkultur und zugleich mahnende Chronist des Jahrhunderts, hatte die Bühne verlassen.
Das geistige Vermächtnis des Schriftstellers lebt jedoch bis heute fort. Die Erinnerung und Forschung werden unter anderem von der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft in Lübeck gepflegt, die das Thomas Mann Jahrbuchherausgibt und Konferenzen veranstaltet. Das Wohnhaus der Familie Mann in Pacific Palisades – die Villa, von der aus er einst die Deutsche Hörer!-Reden sprach – ist heute als Thomas Mann House ein transatlantisches Kulturzentrum, das an Demokratie und Freiheit erinnert. Zahlreiche Biografien, wissenschaftliche Abhandlungen und Dokumentationen befassen sich mit seinem Leben und Werk. Auch seine Nachfahren tragen das Erbe weiter: Frido Mann, ein Enkel Thomas Manns, engagiert sich als Schriftsteller und Redner für den Dialog zwischen den Kulturen und berichtet über das Familienerbe. Mann und die Familie Mann insgesamt sind zu einem Symbol der deutschen Kulturgeschichte geworden – für den Glanz und Verfall einer Familie, aber auch für Mut, Humanismus und den Widerstand gegen die Barbarei. SeineLebensgeschichte und seine Werke werden in der Heimat und weltweit gelesen, diskutiert und literarisch verarbeitet. Sein Appell an die Vernunft, ausgesprochen im Exil, hallt bis in unsere Gegenwart nach.
Literatur
Buddenbrock, Erich: Thomas Mann – Deutsche Kultur im Exil. München 2015. URL: http://www.thomasmann-exil.de
Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. München 2009. URL: https://www.campus.de/thomas_mann
Laube, Adelheid: “Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre” – Thomas Manns öffentliche Briefe 1936–1945. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64 (2016), S. 123–150. URL: https://www.ifz.de/Vierteljahrshefte
Lahme, Tilmann: Die Manns – Geschichte einer Familie. Berlin 2015. URL: https://www.rowohlt.de/die-manns
Mann, Thomas: Deutsche Hörer! 55 Radiosendungen nach Deutschland. Stockholm 1945 (Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1987). URL: https://www.fischerverlage.de/deutsche_hoerer
Mann, Thomas / Mann, Katia (Hrsg. Holger Pils): „Liebes Fräulein Herz“. Briefwechsel mit Ida Herz 1924–1955. Frankfurt a.M. 2025. URL: https://www.fischerverlage.de/liebes_fraeulein_herz_briefwechsel
Scammell, Michael: Thomas Mann – His Life and Times. London 2021. URL: https://www.theguardian.com/thomas-mann-biography
Schwarz, Jens (Hrsg.): Thomas Mann Jahrbuch, Band 32 (2020). Lübeck: Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft. URL: https://www.thomas-mann-gesellschaft.de/jahrbuch32
Weigand, Hans: Mass und Wert – Thomas Manns Schweizer Jahre 1933–1938. Zürich 2010. URL: https://www.dodis.ch/Thomas-Mann-Schweiz
Ziolkowski, Theodore: The Tragedy of Exile: Thomas Mann in America. New York 2022. URL: https://doi.org/10.7312/ziol19234