Einleitendes
Beim C.H.-Beck-Verlag erschien eine weitere Biografie des zweiten Mannes hinter Adolf Hitler: von Hermann Göring. Bezeichnend wie vielsagend ist schon der Untertitel: „Macht und Exzess“. So lässt sich das Leben, ja wenn nicht sogar auch der Lebensinhalt des im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilten Kriegsverbrechers umschreiben. Wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt, das war gegen Ende seiner Tage sein lapidarer Kommentar.
Inmitten von Honorationen von Armee und Partei sieht man auf der Vorderseite des Buches deren Titelfigur in der protzigen Uniform eines Reichsmarschalls. Man war auf dem Weg, um sich eine Wehrmachtsausstellung „Der Sieg im Westen“ (17. November 1940) anzusehen. Auf dem Buchrücken findet sich, bezugnehmend auf die vorliegende Biografie, diese Bemerkung des Publizisten Mathias Greffrath: „Ein erschreckendes Lehrstück: Wie wenig es braucht, einen schwachen Staat zu zerstören und die Welt in Brand zu setzen.“
Den Lehrstoff hierzu hat Andreas Molitor erarbeitet. Zu viele Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Militär weltweit haben die entsprechenden Lektionen bis heute nicht gelernt, so die bittere Erkenntnis.
Bei der biografischen Verlaufsgeschichte von Leuten, die zu Straftätern oder gar wie in diesem Fall zu Kriegsverbrechern werden, kann man bis zu einem gewissen Kipppunkt ein entsprechendes Verständnis aufbringen. Der kleine Hermann hatte es eben nicht gerade leicht. Nur ein paar Wochen nach seiner Geburt veräußerte seine Mutter Franziska ihren Sohn an eine Pflegefamilie, während sie ihrem Mann mit seinen beiden Schwestern nach Haiti folgte. Der Vater, Heinrich Ernst, war als Kolonialbeamter tätig; ein weiterer Arbeitsort war noch Deutsch-Südwestafrika. Seine Hauslehrerin konnte den Burschen kaum bändigen, die schulischen Leistungen auf dem Gymnasium waren auch nicht überragend. Erst auf der Kadettenanstalt ging seine Leistungskurve auf bis dahin unbekannte Höhenflüge.
Nach Meinung des Biografen bewegt sich noch immer vieles im Reich der Spekulationen, was die tatsächliche Beziehung der Eltern von Hermann Göring angeht. Oft musste er das Gefühl gehabt haben, gleich wieder weggeschickt zu werden. Wie soll sich unter solchen Umständen auch eine glückliche Eltern-Kind-Beziehung aufbauen? Molitor zitiert dazu den deutsch-schweizerischen Psychoanalytiker Arno Gruen: Gruen sieht in Göring „einen emotional früh kastrierten Menschen, geplagt von ‚innerem Terror und dem Erlebnis schwerer Minderwertigkeitsgefühle‘, der „abgeschnitten von seinem Schmerz lebt und ihn unentwegt außerhalb seiner selbst suchen muss“, soweit Gruen (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, C.H. Beck 2025, Seite 36). Der Geschäftsmann Baron Hermann Epenstein ermöglichte den Görings ab 1898, auf Burg Veldenstein zu wohnen. Hermanns Mutter hatte eine Liaison mit dem „Vermieter“ geführt, der 1910 in den Ritterstand erhoben worden ist. Das Ehepaar Göring führte quasi eine offene Beziehung, denn der Ehemann wurde mit auf der Burg des Taufpaten ihrer fünf Kinder (Epenstein) „einquartiert“. Dass sein „Adoptivvater“ Halbjude war, war für den Jungen, der später maßgeblich die Judenvernichtung zu verantworten hatte, damals nicht von Belang. Er hat es zumindest damals wohl auch nicht gewusst. Ritterspiele auf der Burg interessierten ihn in jener jungenhaften Lebensphase eben mehr. Im Prinzip war es anstatt der Eltern das Verdienst des ritterlichen Barons, dass Hermann auch glückliche Kindertage erleben konnte. Schließlich ist Epenstein für den Jungen zu einem „Vaterersatz“ geworden. Auch dieser Abschnitt in Görings Leben wird in der hier besprochenen Biografie aufgegriffen.
Erste Kriegserfahrungen
Wie für jeden Menschen ist die Teilnahme an Kriegen ein einschneidendes Erlebnis. Göring hatte zwei davon, und dann gleich Weltkriege. Im Ersten Weltkrieg machte er seine Runden über den Schlachtfeldern, erst als Beobachter, dann als Jagdflieger. Circa 20 Abschüsse hat er, der nie zur Infanterie wollte, erzielt. Dafür bekam der Jäger aus Bayern den höchsten Orden für Tapferkeit, den Pour le Mérite. Was Göring aus fliegerischer Perspektive vom Kriegsgeschehen am Boden mitbekommen haben dürfte, liest sich so: „Dort oben, in 1000, 2000, 3000 Meter Höhe, hat der Kampf noch einen Sinn, Flugzeug gegen Flugzeug, Mann gegen Mann. Unten am Boden gibt es keinen Sinn, da ist nur menschliche Masse, Fleisch, Blut, Gedärme, abgerissene Arme und Beine, Produktionsabfall der fabrikmäßigen Kriegsführung“ (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 46 f.). Im Ersten Weltkrieg machte Göring offensichtlich eine gute Figur. Denn als der legendäre Kommandeur Manfred von Richthofen den Fliegertod (1918) gestorben war, stieg er auf und übernahm.
Als Oberbefehlshaber (1935–1945) der neuen Luftwaffe und Reichsmarschall trieb Göring deren Aufrüstung voran und befehligte sie im Zweiten Weltkrieg. Es gelang ihm zwar, den Bestand der Luftwaffe in den Vorkriegsjahren zu vervierfachen, aber dennoch war der einstige Hauptmann zunehmend damit überfordert, im Sinne Hitlers ein effizienter Luftkrieger zu sein. Über die einst leichten Luftsiege in Polen sowie im Westfeldzug sollte sich alsbald der Schatten der Niederlage legen. Doch dazu kommen wir, beziehungsweise der Autor, später noch einmal.
Der Weg in die Diktatur und in den nächsten Krieg
Auch nach dem „Großen Krieg“ (1914–1918) nahm der Lebenslauf unseres Protagonisten nicht weniger dramatische Züge an. Insbesondere bei den heimgekehrten Frontsoldaten sollten die Abmachungen des Versailler Vertrages für Verdruss sorgen. Der Jagdpilot Göring dürfte vor allem die Enthauptung der deutschen Luftwaffe verärgert haben. Heute wissen wir: Göring tat einiges, um die Fesseln des Versailler Vertrages zu kappen, die eine deutsche Luftwaffe auf den Boden zwangen; am Ende war er ihr Oberbefehlshaber. Allein dieser Vertrag war ein Bindemittel für den Aufstieg von rechtskonservativen und faschistischen Parteien, die dann ab 1933 für zwölf Jahre in die Nazi-Herrschaft münden sollten. Molitor macht das in seinen Ausführungen, so wie andere Autoren vor ihm und nach ihm (hoffentlich) deutlich.
In diesem Abschnitt des Buches geht der diplomierte Volkswirt (Molitor) auf die ersten Begegnungen mit der kommenden Führer-Persönlichkeit, Adolf Hitler, ein. Das war schon in den 20er Jahren. Der Gefreite trägt dem Hauptmann auf, die Sturmabteilung (SA) zu gründen, was der „Befehlsempfänger“ sehr ernst nimmt. Die Aufgabe des SA-Kommandeurs besteht darin, der „Putztruppe“ Disziplin beizubringen. „Die Gewalt muss ‚armeemäßig‘ organisiert werden.“ Unter ihm bekommen die SA-Leute eine straffe militärische Ausbildung verpasst (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 82 f.). Erwähnung findet hier natürlich seine aktive Teilnahme am Hitlerputsch (1923). Die schwere Verwundung, die der erfolglose Putschist sich dabei zuzog, wurde zum Drogeneinstieg (Morphin). Aus jener Frühzeit der (braunen) Bewegung rührt auch seine „Neigung für Fantasieuniformen“, so Molitor.
Görings erste Ehefrau, Carin (geb. Frelin von Fock) (1923–1931), war Hitler gegenüber in „mystischer Frömmigkeit“ ergeben, vermerkt der Journalist. Nur wenige Treffen mit ihm waren dazu nötig: Der Nationalsozialismus wurde ihr zur Ersatzreligion und Hitler zu ihrem Messias (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 80). Hitlers Machtergreifung erlebte Carin nicht mehr. Sie starb (1931) an Tuberkulose. Mit Emmy (geb. Sonnemann) trat 1935 „ehelicher Nachwuchs“ in sein Leben. Sie wurde durch den Selbstmord (1946) des Ehemannes geschieden. Sie hatten mit Edda (1938–2018) eine gemeinsame Tochter.
Der Witwer gelangte nach Carins Tod endgültig in den elitären Kreis der Naziführung: Reichstagspräsident, Innenminister, preußischer Ministerpräsident, Beauftragter des Vierjahresplanes und schließlich der Oberbefehl über die Luftwaffe. Auf die mitunter skurril bis befremdlich anmutende Ämterhäufung des hitlerischen Paladins gehen wir hier mal nicht ein. Das übernahm stellenweise der – autorisierende – Biograf.
Krieg und Zusammenbruch
Aus der Sicht des Luftwaffenchefs nahmen, wie schon angedeutet, die ersten Kriegsjahre der zweiten Ausgabe der Weltkriege im 20. Jahrhundert noch günstige Wendungen: Polen, Westfeldzug. Nun, in der Luftschlacht gegen England (1940) bekam der „Dicke“ – er brachte irgendwann 120 Kilogramm auf die Waage und passte in keine Flugzeugkanzel mehr – eine mächtige Delle. War nicht gerade günstig für sein – Führungszeugnis – gegenüber Hitler. Nehmen wir an dieser Stelle eine Anleihe bei einer Biografie über den britischen Kriegspremier Winston Churchill, die Franziska Augstein zu Papier brachte: Sie datiert den Beginn des Niedergangs von Görings Luftwaffe mit der Luftschlacht gegen England. Demnach „waren die deutschen Bomber aus den Heinkel- und Junkerswerken weniger effektiv als erhofft. (…) Dafür ausgelegt, Schlachten am Boden zu unterstützen, fehlt es ihnen an Leistungsfähigkeit.“ Und: „Die deutschen Piloten der Me-109 waren verblüfft, als sie am Himmel auf die Spitfire Submarine trafen, den eigenen Maschinen durchaus ebenbürtig“ (siehe Franziska Augstein, Winston Churchill. Biographie, dtv, München, 3. Auflage 2024, Seite 329).
Beim Überfall auf die Sowjetunion (Juni 1941) konnten seine Flieger noch mal glänzen: Schon am ersten Tag zerstörten Görings Kameraden über 2000 Flugzeuge des sowjetischen Gegners am Boden.
Allerdings muss der Buchautor die Frage aufwerfen: Wo war ihr Oberbefehlshaber? Während deutsche Soldaten mit „Barbarossa“ gegen die UdSSR marschierten und flogen, zeigte sich Göring wochenlang nicht in Hitlers Reichskanzlei oder in seinem Ministerium. Er verbrachte die Zeit bis zum Beginn der Operation Taifun (Moskau, Oktober 1941) auf seinem Landsitz Carinhall: Empfang von Verwandten, Wanderungen, Jagd. Erst am 8. Oktober 1941 erschien er wieder in seinem Ministerium (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 286 f.). Was sagt das über die Setzung von Prioritäten und über die Führungsqualitäten eines Militärbefehlshabers aus?
Die Reputation des alten Kämpfers beim Führer kannte längst nur noch ein – Flugmanöver –: Sinkflug. Als Hitler Göring vor versammelter Generalität Ende August 1944 zusammengefaltet hat, soll der Reichsmarschall Tränen vergossen haben. „Falten“ konnte Hitler ja, wenn das (Klischee?) stimmt. Nach Molitor soll er ihn so angeherrscht haben: „Die Luftwaffe taugt nichts“ (…) „Das ist ihre Schuld“ (…) „Sie sind faul“ (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 283). Man erinnere nur an das Debakel der Luftwaffe in Dünkirchen, an die zugesagte, aber gescheiterte Luftversorgung des Kessels in Stalingrad oder an ihr Versagen bei der „Reichsverteidigung“. Ihren ersten Generalstabschef und führenden Strategen verlor die Luftwaffe mit Generaloberst Walther Wever per Flugzeugabsturz schon 1936. In der Folgezeit zogen der Generalluftfahrzeugmeister Ernst Udet (1941) und der Generalstabschef Hans Jeschonnek (1943) die suizidale Reißleine und gingen dem „Eisernen“ von Bord. Dabei war Göring auf gute Fachleute und Berater angewiesen, ob als Beauftragter des Vierjahresplanes oder im operativen Tagesgeschäft des Reichsluftfahrtministeriums. Das benennt der Historiker Dietrich Elsholtz sehr klar (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 159).
Das Ende
Die Hitler-Diktatur hat nach zwölf Jahren aufgehört zu „diktieren“, die Waffen haben nach sechs Jahren Krieg geschwiegen. Der damit verbundene Absturz für die überlebende höchste Nazi-Elite, Göring eingeschlossen, in die Gefangenschaft und in den Nürnberger Gerichtssaal 600 war endgültig. Vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 saßen im Hauptkriegsverbrecherprozess die Vertreter der Antihitlerkoalition über sie zu Gericht. Der Angeklagte G. gedachte, so der Eindruck, den Molitor vermittelt, den Prozess zu nutzen, um sich in sehr lang anhaltender Form über sein Dasein im Dritten Reich zu (end)äußern. Nach einer strengen, vom Gefängnisdirektor Oberst Andrus angeordneten Diät war Göring auch dazu in der Lage, weil er wieder fit und angriffslustig war. So gelang es ihm, seine Ankläger vor allem anfangs einige Male aus dem Konzept zu bringen. „Seine letzte Show als Reichsmarschall des untergegangenen Großdeutschlands will er sich nicht stehlen lassen.“ (…) „Seine letzte Rolle auf der Bühne, die man ihm im Nürnberger Justizpalast bereitet hat, will Göring auskosten bis zur Neige“, so der Urheber dieser Biografie (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 315).
Aber irgendwann waren die vorgelegten Beweise so überzeugend, dass sie nicht mehr mit noch so glänzender Rhetorik weggedrückt werden konnten. Der Prozessbeobachter der Süddeutschen Zeitung, Wilhelm E. Süskind, resümiert die Rolle Görings im Prozess so: „Seine Elogen auf das NS-Regime wirken wie eine einzige Volksausgabe sämtlicher Nazi-Ideologien von 1923 bis 1944, unter besonderer Berücksichtigung des Göringschen Selbstgefühls“ (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 319). Fünf lange Tage währte das Kreuzverhör Görings. Für Presse und Zuschauer war es schwer auszuhalten, schrieb Molitor. Überheblichkeit, Zynismus, fehlendes Unrechtsbewusstsein sorgten bei den Zuhörern für Befremden und Entsetzen.
Schuldig in allen vier Anklagepunkten bekam Göring am 1. Oktober 1946 das erwartete Todesurteil: Tod am Strang. In der Absicht, als Soldat erschossen zu werden, wandte er sich an das Gericht sowie an den Alliierten Kontrollrat. Beide Gremien lehnten sein Begehren ab. Der verurteilte Hauptkriegsverbrecher meinte ernsthaft: „Einen Reichsmarschall kann man nicht wie einen Verbrecher am Strang hängen.“ Erschießen lassen hätte er sich schon. In einer Mischung bestehend aus einer „letzten trotzigen Geste der Eitelkeit“ (Seite 326) und dem ihm eigenen Größenwahn nahm der gefallene Marschall Gift. Im erwähnten Schreiben an den Alliierten Kontrollrat berief sich der Verurteilte in der Wahl seiner Todesart auf den großen Hannibal.
Lassen wir durch Andreas Molitor das letzte Urteil über Hermann Göring durch den Gefängnispsychologen Gustave Gilbert (Nürnberger Tagebücher) sprechen: „Göring starb so, wie er gelebt hatte, als ein Psychopath, der versuchte, alle humanen Werte zu verspotten und seine Schuld durch dramatische Gesten zu vertuschen“ (siehe Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess, Eine Biografie, Verlag C.H. Beck, München 2025, Seite 330).
Autor: René Lindenau
Literatur
Andreas Molitor, Hermann Göring: Macht und Exzess. Eine Biografie, Verlag C. H. Beck, München 2025
Franziska Augstein, Winston Churchill. Biographie, dtv, München, 3. Auflage 2024