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Startseite > Geschichte der Juden > Antisemitismus > Der antisemitische Propagandafilm „Der ewige Jude“
Geschrieben von: Stig Hornshøj-Møller | Erstellt: 6. November 2004

Der antisemitische Propagandafilm „Der ewige Jude“

Vor und Nachgeschichte (1937 – 1945) des „Dokumentarfilms“

Der ewige Jude: Mythos des antisemitischen Propagandafilms. Hintergründe des Films, der den Mythos des "ewigen Juden" verbreitete.

Propagandafilm „Der ewige Jude“. Fritz Hippler, Der ewige Jude, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons.

Die Geschichte des Kinos im zwanzigsten Jahrhundert ist untrennbar mit den politischen Verwerfungen ihrer Zeit verknüpft, wobei kaum ein Werk die zerstörerische Kraft des Mediums so drastisch vor Augen führt wie die Produktionen der Nationalsozialisten. In der Rückschau auf die mediale Landschaft des Dritten Reiches begegnen wir einer Form der Manipulation, die weit über die bloße Information hinausging und stattdessen auf die totale emotionale Mobilisierung der Massen abzielte. Im Zentrum dieser Bemühungen stand das Jahr 1940, ein Zeitpunkt, an dem das Regime seine rassistische Agenda bereits weitgehend in Gesetze und staatliche Gewalt transformiert hatte. Die filmische Propaganda diente hierbei als das entscheidende Bindeglied, um die bereits eingeleitete Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung in den Köpfen der Zuschauer zu vollenden. Es war der Versuch, eine ganze Menschengruppe nicht nur politisch zu entrechten, sondern sie biologisch als minderwertig und gefährlich zu brandmarken. In der historischen Zeitschrift Damals widmen wir uns heute der Analyse eines Werkes, das als Inbegriff der filmischen Hetze gilt und dessen mörderische Konsequenzen bis heute die Forschung beschäftigen. Dabei müssen wir die Mechanismen verstehen, die es möglich machten, dass ein ganzer Staatsapparat seine kreativen Energien in den Dienst eines beispiellosen Vernichtungsprogramms stellte. Die Bilder, die damals über die Leinwände flackerten, waren keine Zufallsprodukte, sondern akribisch geplante Waffen in einem ideologischen Vernichtungskrieg. Es ist unsere Aufgabe als Historiker, diese Konstruktionen des Hasses freizulegen und sie in den Kontext einer Gesellschaft einzuordnen, die ihren moralischen Kompass verloren hatte.

Die ideologische Mobilmachung und das Jahr 1937

Die Entstehung der filmischen Hetze lässt sich nicht isoliert betrachten, sondern muss als Kulminationspunkt einer jahrelangen Entwicklung verstanden werden, die bereits kurz nach der Machtübernahme einsetzte. Ein wesentlicher Meilenstein auf diesem Weg war der November 1937, als in München eine Ausstellung eröffnet wurde, die das Fundament für die spätere visuelle Argumentation legte. Unter dem Titel Der ewige Jude wurde den Besuchern eine Sammlung von Zerrbildern und pseudowissenschaftlichen Statistiken präsentiert, die das Judentum als weltweite Bedrohung darstellten. Diese Schandausstellung war ein enormer Publikumserfolg und wurde in verschiedenen Städten des Reiches gezeigt, um die Bevölkerung auf eine radikalere Gangart in der Rassenpolitik einzustimmen. Die Kuratoren nutzten bereits damals Techniken der Gegenüberstellung, bei denen klassische Kunstwerke angeblich entarteten Einflüssen gegenübergestellt wurden. Es ging darum, ein Gefühl der Fremdheit und des Ekels zu erzeugen, das später durch das bewegte Bild noch verstärkt werden sollte. Das Jahr 1937 markiert somit den Übergang von der rein schriftlichen oder mündlichen Agitation hin zu einer umfassenden visuellen Indoktrination. Die Nationalsozialisten erkannten, dass die psychologische Wirkung von Bildern weitaus tiefer reichte als die von gedruckten Pamphleten. In dieser Phase wurde das Motiv des wandernden, wurzellosen Parasiten gefestigt, das später im Film die zentrale Metapher bilden sollte. Wer diese Ausstellung besuchte, wurde bereits mit den Begriffen und Symbolen vertraut gemacht, die wenig später das gesamte öffentliche Leben durchdringen würden. Man schuf eine Atmosphäre, in der die jüdische Bevölkerung systematisch aus dem Bewusstsein der Volksgemeinschaft gedrängt wurde.

Die politische Radikalisierung jener Jahre spiegelte sich auch in der Gesetzgebung wider, die bereits durch die Nürnberger Gesetze von 1935 einen ersten rechtlichen Rahmen für die Verfolgung geschaffen hatte. Joseph Goebbels, der als Propagandaminister die absolute Kontrolle über die Medien besaß, suchte nach Wegen, diese juristische Ausgrenzung emotional zu untermauern. Er sah im Film das modernste und effektivste Mittel, um die Massen im Sinne der NSDAP zu formen und auf kommende Konflikte vorzubereiten. Die filmische Arbeit sollte den Anschein von Wissenschaftlichkeit erwecken, um auch gebildete Schichten der Gesellschaft zu erreichen, die sich von simpler Straßengewalt vielleicht noch distanzierten. In den Planungsstäben des Ministeriums wurde intensiv darüber diskutiert, wie man die rassistischen Theorien am besten visualisieren könnte, ohne die Zuschauer zu überfordern. Die bereits existierende Tradition des Antisemitismus in Deutschland bot hierfür zahlreiche Anknüpfungspunkte, die lediglich in eine moderne Form gegossen werden mussten. Es war eine Zeit, in der die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion bewusst verwischt wurden, um die Lüge als Wahrheit zu tarnen. Der Film sollte nicht als Meinung erkennbar sein, sondern als objektive Bestandsaufnahme der Realität präsentiert werden. Diese strategische Vorbereitung im Zeitraum zwischen 1937 und 1939 legte das Fundament für eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Filmgeschichte. Die historische Forschung hat gezeigt, dass die Wirkung dieser frühen Kampagnen die Bereitschaft zur späteren Gewalt massiv erhöhte.

Die Genesis eines mörderischen Werks und der Ewige Jude

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 änderten sich die Rahmenbedingungen für die Propaganda drastisch, da nun die physische Vernichtung in greifbare Nähe rückte. Der Propagandafilm sollte nun die Rechtfertigung für die Maßnahmen liefern, die in den besetzten Gebieten Osteuropas bereits durchgeführt wurden. Als verantwortlicher Regisseur wurde Fritz Hippler berufen, der als Leiter der Filmabteilung im Reichspropagandaministerium über weitreichende Befugnisse verfügte. Er erhielt den expliziten Auftrag, ein Werk zu schaffen, das die jüdische Bevölkerung in ihrer angeblich wahren Gestalt zeigte. Hippler reiste persönlich mit Kamerateams nach Polen, um in Städten wie Lodz Aufnahmen zu machen, die das Elend in den dortigen Ghettos dokumentieren sollten. Das Ghetto von Lodz, das später in Litzmannstadt umbenannt wurde, diente als Kulisse für Szenen, die unter extremen Bedingungen und unter Zwang entstanden. Die Menschen wurden dort in einer Weise gefilmt, die ihre Armut und Verzweiflung als rassenbedingte Merkmale darstellte. Man unterschlug dabei bewusst, dass diese Zustände erst durch die deutsche Besatzungspolitik und die systematische Aushungerung herbeigeführt worden waren. Die Kamera fing Gesichter ein, die durch Hunger und Krankheit gezeichnet waren, um sie dem deutschen Publikum als Typen des Untermenschen zu präsentieren. Es war eine bewusste Umkehrung von Ursache und Wirkung, die das Opfer zum Täter und die Verfolgung zur Notwehr erklärte.

Die Produktion wurde von Eberhard Taubert begleitet, einem Experten für antibolschewistische Propaganda, der die ideologische Ausrichtung des Drehbuchs sicherstellte. Er sorgte dafür, dass die Verbindung zwischen dem Judentum und dem politischen Feindbild des Ostens in den Vordergrund gerückt wurde. Man wollte dem Zuschauer suggerieren, dass hinter dem jüdischen Bolschewismus eine planvolle Verschwörung stecke, die die Zerstörung der europäischen Kultur zum Ziel habe. Der Film wurde als Kompilationsfilm konzipiert, der Archivmaterial, nachgestellte Szenen und Ausschnitte aus Spielfilmen miteinander verwebte. Diese Mischung sollte eine lückenlose Beweiskette simulieren, die keinen Raum für Zweifel ließ. Die Montage der Bilder folgte einer hasserfüllten Logik, die darauf abzielte, jegliche Empathie mit der jüdischen Bevölkerung im Keim zu ersticken. Wer den Film sah, sollte nicht mitleiden, sondern sich bedroht fühlen und Abscheu empfinden. Der ewige Jude wurde so zu einem Werkzeug der psychologischen Kriegsführung gegen die eigene Bevölkerung und die Opfer gleichermaßen. Goebbels selbst überwachte den Fortschritt der Arbeiten und gab detaillierte Anweisungen zur klanglichen und visuellen Gestaltung. Er wusste, dass die Wirkung des Films von seiner Fähigkeit abhing, Urängste zu wecken und sie auf ein klares Feindbild zu projizieren. In diesem Sinne war das Projekt ein integraler Bestandteil der Vorbereitung auf den Holocaust. Die historische Bedeutung dieses Werks liegt nicht in seinem ästhetischen Wert, sondern in seiner Funktion als Wegbereiter für den Massenmord.

Fritz Hippler und die Kamera als Waffe im Osten

In den besetzten Gebieten Polens fand das Filmteam genau die Bilder, die es für seine Zwecke benötigte, um die rassistische Theorie des Judentums bildlich zu untermauern. Die jüdische Bevölkerung wurde unter Androhung von Gewalt gezwungen, religiöse Rituale oder alltägliche Szenen vor der Kamera zu wiederholen, bis sie den Klischees der Nazis entsprachen. Diese Aufnahmen sollten zeigen, wie Juden ohne Maske agierten, wenn sie sich unbeobachtet fühlten oder in ihrer natürlichen Umgebung waren. Die Grausamkeit dieser Dreharbeiten ist heute kaum noch vorstellbar, da die Opfer bereits wussten, dass diese Aufnahmen gegen sie verwendet werden würden. Man nutzte die extremen Lebensbedingungen in den Lagern und Ghettos, um eine angebliche biologische Minderwertigkeit zu beweisen. In der Montage wurden diese Bilder dann mit Aufnahmen von Ungeziefer oder Ratten kombiniert, um eine direkte assoziative Verbindung herzustellen. Die Metapher der Ratte, die sich unkontrolliert vermehrt und Krankheiten verbreitet, wurde zum zentralen visuellen Motiv des Films. Diese Form der Dehumanisierung war darauf angelegt, die moralische Hemmschwelle für die spätere Vernichtung der jüdischen Rasse massiv zu senken. Wenn ein Mensch nicht mehr als Individuum, sondern als Schädling wahrgenommen wird, erscheint seine Auslöschung als technischer oder hygienischer Vorgang. Dieser Prozess der Entmenschlichung wurde durch die filmischen Mittel der damaligen Zeit perfektioniert.

Die propagandistische Wirkung wurde zusätzlich durch einen Kommentar verstärkt, der die Bilder in einem pseudowissenschaftlichen Licht erscheinen ließ. Der Sprecher sprach mit einer sachlichen, fast unterkühlten Stimme, um den Eindruck von Objektivität zu erwecken, während er gleichzeitig die schlimmsten Verleumdungen verbreitete. Es wurde behauptet, dass das jüdische Volk eine kriminelle Vereinigung sei, die sich hinter religiösen Bräuchen verstecke. In einer besonders berüchtigten Sequenz wird das Schächten einer Kuh gezeigt, wobei die Bilder so manipuliert wurden, dass sie beim Zuschauer maximalen Horror auslösten. Man wollte die jüdische Religion als blutrünstig und grausam darstellen, um das deutsche Volk in seiner angeblichen moralischen Überlegenheit zu bestätigen. Diese Szene war so drastisch, dass sie selbst für die damalige Zeit als Grenzüberschreitung galt und in einigen Versionen für Jugendliche gesperrt wurde. Der Film diente somit als radikaler Kontrast zum eher unterhaltsamen Spielfilm Jud Süß, der im selben Jahr erschien. Während jener Film auf Emotionen und eine packende Handlung setzte, sollte dieser hier die nackte, hässliche Wahrheit präsentieren. In der Realität war er jedoch nichts anderes als eine Ansammlung von Lügen und bösartigen Verzerrungen. Die historische Forschung hat die Hintergründe dieser Produktionen umfassend dokumentiert, wobei Wissenschaftler wie Wolfgang Benz die Bedeutung der visuellen Agitation hervorgehoben haben. Es war die Geburtsstunde einer modernen Hasspropaganda, die bis heute als abschreckendes Beispiel dient.

Die Anatomie der Verleumdung im Kinosaal

Als der Film im November 1940 in den deutschen Kinos anlief, war die Erwartungshaltung der nationalsozialistischen Führung groß. Man erhoffte sich einen ähnlichen Erfolg wie bei der Schandausstellung von 1937, doch die Reaktion des Publikums war geteilt. Während überzeugte Anhänger der nsdap das Werk als Offenbarung feierten, reagierten weite Teile der Bevölkerung eher mit Befremden auf die explizite Darstellung von Elend und Gewalt. Dennoch erfüllte der Film seinen Zweck, indem er die jüdische Bevölkerung als das absolute Andere, als den ewigen Feind der Zivilisation, festschrieb. Die NS-Propaganda nutzte die Vorführungen auch in Schulen und bei verschiedenen NS-Organisationen, um die Jugend systematisch zu indoktrinieren. Es ging darum, den Hass gegen Juden tief im kollektiven Bewusstsein zu verankern, damit die späteren Deportationen reibungslos ablaufen konnten. Die Zuschauer wurden mit einer Flut von Informationen konfrontiert, die scheinbar bewiesen, dass die Judenfrage nur durch eine radikale Endlösung beantwortet werden könne. Der Film behauptete, dass Juden weltweit die Fäden ziehen würden, sei es in der Wall Street oder im Kreml, um die Nationen in Kriege zu stürzen. Diese Verschwörungstheorie war ein zentrales Element des nationalsozialistischen Weltbildes und wurde hier filmisch untermauert.

Die technische Gestaltung des Films war für die damalige Zeit durchaus professionell, was seine Gefährlichkeit noch erhöhte. Die Verwendung von Karten, Grafiken und Statistiken suggerierte eine wissenschaftliche Basis, die in Wirklichkeit völlig fehlte. Man präsentierte die Juden als ein Volk ohne eigene Kultur, das sich nur durch Raub und Nachahmung am Leben erhalte. Diese Diffamierung betraf auch Künstler und Wissenschaftler, deren Leistungen als Zersetzung des deutschen Geistes dargestellt wurden. Sogar weltberühmte Persönlichkeiten wurden in den Schmutz gezogen, um zu zeigen, dass kein Bereich des öffentlichen Lebens vor dem Einfluss sicher sei. Diese totale Diffamierung war ein notwendiger Schritt, um die Menschen auf die kommende Vernichtung der jüdischen Rasse vorzubereiten, wie sie Hitler bereits im Januar 1939 angekündigt hatte. Der Film endet konsequenterweise mit einer Aufnahme des Führers, der diese Prophezeiung vor dem Reichstag wiederholt. Damit wurde der Bogen von der angeblichen Beobachtung zur politischen Konsequenz geschlagen. Es gab kein Entrinnen mehr vor der Logik des Regimes, die im Film ihre visuelle Entsprechung fand. Die Rolle der Kinematographie als Dienerin der Macht wurde hier auf die Spitze getrieben. Die Zuschauer verließen die Kinosäle oft mit einem Gefühl der Beklemmung, das jedoch von der Propaganda als Bestätigung der eigenen Gefährdung umgedeutet wurde.

Wissenschaftliche Maskerade und rassistische Biologie

Ein besonders perfider Aspekt der Produktion war der Versuch, rassistische Vorurteile durch biologische Argumente zu untermauern. Der Film widmete lange Passagen der Physiognomie und behauptete, man könne das Wesen an bestimmten körperlichen Merkmalen erkennen. Diese pseudowissenschaftliche Herangehensweise war typisch für den Antisemitismus im Dritten Reich, der sich oft hinter einer Fassade von Biologie und Hygiene versteckte. Man wollte dem Volk einreden, dass die Vermischung mit der jüdischen Bevölkerung zum Untergang der eigenen Rasse führen würde. Diese Angst vor der Degeneration wurde durch die Bilder aus dem Ghetto geschürt, die als das wahre Gesicht des Judentums präsentiert wurden. Es wurde behauptet, dass die Juden ohne Maske, also ohne die zivilisatorische Hülle Europas, eine Gefahr für die Menschheit darstellten. Diese Argumentation diente dazu, die Juden  aus der Kategorie der menschlichen Wesen zu entfernen. In der Logik des Films waren sie keine Mitmenschen mit Rechten, sondern biologische Gefahrenquellen, die man isolieren oder beseitigen musste. Diese radikale Abkehr von humanistischen Werten war die Voraussetzung für die Gräueltaten des Holocaust.

Die Forschung, wie sie heute am Fritz Bauer Institut oder durch Experten wie Hanno Loewy betrieben wird, betont immer wieder die Bedeutung dieser ideologischen Vorbereitung. Ohne die jahrelange Indoktrination durch solche Medien wäre die Durchführung des Massenmords in diesem Ausmaß kaum möglich gewesen. Der Propagandafilm schuf die mentalen Voraussetzungen dafür, dass normale Bürger zu Tätern oder zumindest zu gleichgültigen Zuschauern wurden. Die Geschichte und Wirkung des Holocaust ist untrennbar mit der Geschichte dieser Bilder verbunden. Wir müssen verstehen, dass Propaganda nicht nur dazu dient, Menschen zu überzeugen, sondern sie auch zu entfremden und moralisch zu korrumpieren. Der ewige Jude ist ein Paradebeispiel für diese Korruption, da er die Zuschauer dazu brachte, das Leid anderer als notwendiges Übel oder sogar als Sieg der Vernunft zu sehen. Die Einbindung von rassistischen Theorien in den Alltag wurde durch das Kino massiv beschleunigt. Man schuf eine Parallelrealität, in der die Verfolgung als Verteidigung und der Mord als Erlösung erschien. Diese Verkehrung der Werte ist das eigentliche Verbrechen, das in diesen Filmen begangen wurde. Die visuelle Sprache der Nationalsozialisten war darauf ausgelegt, das Denken kurzzuschließen und direkt das Unterbewusstsein anzusprechen.

Die Rezeption in einer Gesellschaft im Kriegszustand

Während der Kriegsjahre wurde der Film zu einem festen Bestandteil der Ausbildung von SS-Wachen und Polizisten, die im Osten eingesetzt wurden. Man nutzte das Werk, um die Männer für ihren blutigen Dienst abzuhärten und ihnen das Gefühl zu geben, für eine höhere Sache zu kämpfen. Der Film sollte jeden Zweifel an der Notwendigkeit der Endlösung der Judenfrage im Keim ersticken. In den Berichten des Sicherheitsdienstes der SS wurde vermerkt, dass der Film bei politisch geschulten Kreisen eine starke Wirkung entfaltete, während er bei der breiten Bevölkerung oft auf Desinteresse stieß. Dies lag auch daran, dass das Publikum in Zeiten des Krieges eher nach Unterhaltung und Ablenkung suchte als nach düsteren Dokumentarfilmen. Dennoch blieb das Werk ein mächtiges Instrument in den Händen derer, die die Vernichtung organisierten. Auch im Ausland wurde der Film eingesetzt, etwa in der französischen Version Le Juif et la France, um Kollaborateure zu gewinnen und den Hass gegen Juden international zu verbreiten. Die Propaganda war somit nicht nur nach innen gerichtet, sondern Teil einer globalen Strategie der Nationalsozialisten. Sie wollten beweisen, dass die Welt nur dann Frieden finden könne, wenn das Judentum vollständig beseitigt sei.

In den besetzten Gebieten, insbesondere in den osteuropäischen Städten wie Litzmannstadt, war die Präsenz der Kameras allgegenwärtig. Die Juden lebten in ständiger Angst, für neue Aufnahmen missbraucht zu werden. Evelyn Hampicke hat in ihren Arbeiten zur Filmgeschichte aufgezeigt, wie die Realität des Holocaust durch diese filmischen Produktionen bereits vorweggenommen wurde. Es war eine Inszenierung des Todes, die noch vor dem eigentlichen Sterben begann. Die Bilder, die wir heute in Dokumentationen über das Dritte Reich sehen, stammen oft aus diesen Propagandafilmen und müssen daher mit größter Vorsicht behandelt werden. Man darf nicht vergessen, unter welchen Umständen diese Aufnahmen entstanden sind und welches Ziel sie verfolgten. Die Geschichte des Films ist auch eine Geschichte der Zeugenschaft und des Missbrauchs von Zeugenschaft. Wir sehen heute durch die Augen der Mörder auf ihre Opfer, was eine enorme ethische Herausforderung für die historische Aufarbeitung darstellt. Die Untersuchung dieser Quellen erfordert eine kritische Distanz, um nicht den Manipulationsversuchen der Vergangenheit zu erliegen. Der Film bleibt ein Mahnmal für die Gefährlichkeit einer ungefilterten Bildmacht in den Händen einer totalitären Diktatur.

Erbe und Mahnung in der heutigen Erinnerungskultur

Nach 1945 wurde der Film von den alliierten Siegermächten verboten und sein Besitz unter Strafe gestellt. Er gilt heute als Vorbehaltsfilm, der nur zu wissenschaftlichen Zwecken und unter fachlicher Anleitung gezeigt werden darf. Diese Regelung ist umstritten, da einige Kritiker argumentieren, dass eine offene Auseinandersetzung wichtiger sei als ein Verbot. Doch die Sorge bleibt, dass das giftige Material auch heute noch antisemitische Vorurteile schüren könnte, wenn es unkommentiert bleibt. In Einrichtungen wie der Gedenkstätte Topographie des Terrors wird der Film genutzt, um über die Mechanismen der NS-Propaganda aufzuklären. Es ist wichtig zu zeigen, wie die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung systematisch dehumanisierten, um den Boden für den Holocaust zu bereiten. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk, wie sie etwa durch Wolfgang Benz, den ehemaligen Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, gefördert wurde, ist essenziell für unser Verständnis jener Zeit. Wir müssen lernen, die Zeichen der Zeit zu deuten und zu erkennen, wann Medien instrumentalisiert werden, um Hass gegen Minderheiten zu säen. Der ewige Jude ist ein Zeugnis einer Zeit, in der die Menschlichkeit im Namen einer mörderischen Ideologie geopfert wurde.

Der Blick in die Vergangenheit lehrt uns, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern jeden Tag neu verteidigt werden müssen. Die Mechanismen der Propaganda haben sich im digitalen Zeitalter zwar gewandelt, aber die grundlegenden Muster der Ausgrenzung sind geblieben. Heute werden Verschwörungstheorien über soziale Medien verbreitet, die oft ähnliche Strukturen aufweisen wie die filmischen Hetzschriften der 1940er Jahre. Daher bleibt die Analyse historischer Beispiele wie dieses Films von brennender Aktualität. Wir müssen die Kompetenz entwickeln, Bilder zu hinterfragen und die Absicht hinter der Inszenierung zu erkennen. Nur so können wir verhindern, dass sich die Geschichte in neuem Gewand wiederholt. Die Erinnerung an die Opfer ist untrennbar mit der Analyse der Täter und ihrer Werkzeuge verbunden. In der Tradition von Damals werden wir weiterhin Licht in die dunklen Kapitel der Geschichte bringen, um die Gegenwart besser zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit diesem Propagandafilm ist schmerzhaft, aber notwendig, um die Abgründe zu begreifen, zu denen Menschen fähig sind, wenn sie sich von Hass leiten lassen. Möge dieses Wissen uns als Kompass für eine friedliche und tolerante Zukunft dienen.

In der abschließenden Betrachtung müssen wir feststellen, dass die Macht der Bilder im Dritten Reich eine tödliche Dimension erreichte. Der Film war weit mehr als nur ein Medium der Unterhaltung; er war ein Instrument der Herrschaftssicherung und ein Katalysator für Gewalt. Die Akteure hinter der Kamera, von Joseph Goebbels bis zu Fritz Hippler, trugen eine schwere Verantwortung für die Radikalisierung der Gesellschaft. Ihre Werke schufen die ideologische Grundlage für die Vernichtung der jüdischen Rasse, ein Verbrechen, das die Menschheit für immer gezeichnet hat. Wir stehen heute in der Verantwortung, diese Geschichte lebendig zu halten und die Lügen der Vergangenheit als solche zu entlarven. Die wissenschaftliche Forschung hat hierbei bereits Enormes geleistet, doch die Aufgabe der Vermittlung bleibt eine dauerhafte Herausforderung. Jeder Artikel, jedes Buch und jeder Vortrag zu diesem Thema ist ein Beitrag zum Schutz unserer freiheitlichen Werte. Lassen wir nicht zu, dass die Stimmen des Hasses jemals wieder die Oberhand gewinnen. Das Studium der Geschichte ist der beste Schutz gegen die Versuchungen der Gegenwart. Wir blicken zurück, nicht um in der Vergangenheit zu verharren, sondern um mit geschärftem Blick nach vorne zu schauen. In diesem Sinne endet unsere Analyse eines der dunkelsten Werke der Filmgeschichte, dessen Lehren wir niemals vergessen dürfen.

Autor: Dr. Stig Hornshøj-Møller. Ergänzt von der Redaktion

 

Literatur

Benz, Wolfgang: Der ewige Jude. Metaphern und Bilder des Hasses. In: Geschichte und Wirkung des Holocaust. Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts. Frankfurt am Main: Campus, 2011.

Hippler, Fritz: Betrachtungen zum Filmschaffen. Berlin: Hesse, 1942.

Loewy, Hanno: Lügenbilder. Die Propaganda im Dritten Reich. München: C.H. Beck, 2005.

Hampicke, Evelyn: Der ewige Jude. Zur Geschichte eines Propagandafilms. In: Filmblatt, Heft 14. Berlin: CineGraph Babelsberg, 2000.

Mannes, Stefan:  Antisemitismus im nationalsozialistischen Film – Jud Süß und Der ewige Jude, Berlin 2022.

Taubert, Eberhard: Das Drehbuch zum Film Der ewige Jude. Eine kritische Edition. Hrsg. vom Bundesarchiv. Koblenz: Bundesarchiv, 1998.

Longerich, Peter: Goebbels. Biographie. München: Siedler Verlag, 2010.

Friedländer, Saul: Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Vernichtung 1939–1945. München: C.H. Beck, 2006.

Barkhausen, Hans: Filmweltkrieg 1914–1918. Über die Vorläufer der NS-Filmpolitik. Basel: Guhl, 1982.

Internetlinks

Topographie des Terrors: Dokumentation der NS-Verbrechen und ihrer Propaganda (https://www.topographie.de/ausstellungen/)

Fritz Bauer Institut: Archiv und Forschung zur Geschichte und Wirkung des Holocaust (https://www.fritz-bauer-institut.de/)

Deutsches Historisches Museum: LeMO – Der ewige Jude als Propaganda Film des NS-Regime (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/propaganda/der-ewige-jude.html)

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