Der Stürmer – „deutsches Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit“ – Geschichte und Propaganda eines antisemitischen Hetzblatts

Stürmer-Verlag, Der stuermer logo, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons.
Die antisemitische Wochenzeitung „Der Stürmer“ erschien von 1923 bis 1945 und zählt zu den berüchtigtsten Publikationen des Dritten Reiches. Gegründet und herausgegeben wurde sie von Julius Streicher, NSDAP-Gauleiter in Nürnberg. Die erste Ausgabe erschien am 20. April 1923 in Nürnberg, zunächst unter dem Titel Der Stürmer. Nürnberger Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit. Von einem lokalen Parteiorgan entwickelte sich das Blatt rasch zum reichsweit bekannten Hetzblatt. Noch immer gilt die Privatzeitung des fränkischen Gauleiters Julius Streicher als Musterbeispiel erfolgreicher nationalsozialistischer Propaganda und Indoktrination. Ihre Geschichte zeigt, wie Verschwörungsmythen und Extremismus ein Publikum erreichen und mobilisieren konnten.
Julius Streicher und das Hetzblatt „Der Stürmer“
Julius Streicher, ein früher Anhänger Hitlers und späterer NSDAP-Gauleiter von Franken, gründete im April 1923 in Nürnberg die Wochenzeitung Der Stürmer. Er wollte damit ein publizistisches Instrument besitzen, um innerparteiliche Gegner anzugreifen und politische Feinde öffentlich an den Pranger zu stellen. So nutzte Streicher das Blatt etwa in der jahrelangen Auseinandersetzung mit Nürnbergs liberalem Oberbürgermeister Hermann Luppe, den er immer wieder heftig attackierte. Zunächst wurde Der Stürmer im völkischen Verlag Wilhelm Härdel in Nürnberg verlegt; ab 1935 übernahm Streichers eigener Verlag Der Stürmer den Druck. Das Blatt startete als Lokalzeitung mit einer Auflage von nur wenigen tausend Exemplaren und trug anfangs den Untertitel „Nürnberger Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“. Schon in der Weimarer Republik machten sich zahlreiche Gegner – von demokratischen Politikern bis zu jüdischen Organisationen – gegen Streichers Hetzblatt stark. Trotz mehrerer Klagen und sogar eines zeitweiligen Verbots 1931 konnte Der Stürmer jedoch weiterhin erscheinen; ein endgültiges Verbot scheiterte an den damals noch bestehenden Rechtsmitteln. Mit der Machtergreifung 1933 erfuhr das Hetzblatt dann sogar politischen Aufwind und größere Verbreitung.
Deutsches Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit
1932 erhielt Der Stürmer den neuen Untertitel „Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“, was den überregionalen Anspruch unterstreichen sollte. Die zentralen Begriffe dieses Mottos – „deutsch“, „Kampf“ und „Wahrheit“ – verraten viel über das Selbstverständnis des Blattes. Der Stürmer forderte zum Kampf gegen den Feind „Alljuda“ auf und betrachtete sich selbst als Teil dieses Kampfes. Das Wort „deutsch“ beschwor die völkische Einheit und grenzte das Blatt gegen alles als „undeutsch“ Definierte ab, während die reklamierte „Wahrheit“ suggerieren sollte, die Zeitung enthülle vermeintlich verborgene Tatsachen. Tatsächlich war Der Stürmer von Anfang an ein radikal-antisemitisches Kampfblatt. Schon Mitte der 1920er Jahre ließen Überschriften keinen Zweifel an der Ausrichtung: Sensationslüsterne Titel wie „Ritualmord? Wer ist der Kinderschlächter von Breslau?“ oder „Marxistisch-jüdischer Saustall aufgedeckt“ zeigten früh, dass die Hetze im Mittelpunkt stand. Streicher publizierte dort neben lokalen Skandalen zunehmend antisemitische Verschwörungstheorien und diffamierende Inhalte. Ab 1927 prangte auf jeder Titelseite das Zitat des Historikers Heinrich von Treitschke „Die Juden sind unser Unglück“ – ein weiterer Hinweis auf die aggressiv-diffamierende Stoßrichtung. Mit Hitlers Machtübernahme 1933 trat die Hetze gegen die Juden endgültig in den Vordergrund: Die Zeitung wurde seit 1933 weit über den Erscheinungsort Nürnberg hinaus bekannt und das antisemitische Programm wurde praktisch zum alleinigen Thema des Blattes.
Antisemitismus als Programm
Inhaltlich verbreitete die Zeitung mit fanatischer Wut den vulgärsten Antisemitismus. Das Hetzblatt schürte beständig Hass gegen die jüdische Minderheit, indem es eine Mischung aus Sexualobsessionen, Gewaltverbrechen und Verschwörungsmythen auftischte. Erfundene Geschichten über Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Juden, sensationsheischende Berichte über angebliche Ritualmorde sowie Warnungen vor einer „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ bestimmten die Seiten. Immer wieder wurden Menschen an den Pranger gestellt – nicht nur Juden selbst, sondern auch Deutsche, die etwa nicht mit „Heil Hitler“ grüßten oder in jüdischen Geschäften einkauften. Der Stürmer bediente sich eines umfassenden Systems der Denunziation: Leserinnen und Leser wurden regelmäßig aufgefordert, „rassenschänderische“ Vorfälle oder vermeintliche Verbrechen von Juden zu melden, um sie öffentlich bloßzustellen. Die Sprache der Artikel war bewusst einfach und derb gehalten, um auch weniger gebildete Bevölkerungsschichten anzusprechen. Grell ausgestaltete Skandalgeschichten über „Rassenschande“ zwischen jüdischen Männern und „arischen“ Frauen, über angebliche jüdische Kriminalität oder gar rituelle „Blutmorde“ zielten auf die niedrigsten Instinkte ab. Streichers Blatt dämonisierte die Juden als das absolut Böse und behauptete etwa einen „jüdischen Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit“. Im Zuge dieser immer radikaleren Propaganda forderte Streicher immer offener die physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Spätestens während des Zweiten Weltkriegs steigerte er seine Hetze ins Maßlose: Jetzt wurde offen zum „Kampf gegen den Feind“ aufgerufen, und das Blatt begrüßte jede Verschärfung der antisemitischen Politik des NS-Regimes. Neben „dem Juden“ als Hauptfeindbild rückten auch angebliche „jüdische Handlanger“ ins Visier – ob Bolschewisten, Freimaurer oder andere Gruppen, die als „verjudet“ diffamiert wurden. Die Grenze zum Aufruf zur Gewalt war spätestens dann überschritten, als er seine Leser auf die Notwendigkeit vorbereitete, die „Endlösung der Judenfrage“ notfalls mit Gewalt durchzuführen.
Karikaturen von Philipp Rupprecht und das jüdische Feindbild
Ein besonders wirkungsvolles Mittel der Stürmer-Propaganda waren die Karikaturen. Der Karikaturist Philipp Rupprecht, der ab 1925 für die Zeitung arbeitende Zeichner, prägte mit seinen wöchentlichen Bildern entscheidend das antisemitische Feindbild des Blattes. Unter seinem Pseudonym „Fips“ schuf Rupprecht groteske Karikaturen, die den sogenannten „Stürmer-Juden“ als stereotype Hassfigur darstellten. Woche für Woche präsentierte er die jüdischen Protagonisten mit langen, gebogener Nase, wulstigen Lippen, hervortretenden gierigen Augen und oft gebückter Haltung. Diese entstellenden Fratzen karikierten Juden stets als hässlich, lüstern und bedrohlich – ein Bild, das sich bei vielen Lesern einprägte. Die Karikaturen von Philipp Rupprecht vermittelten mit wenigen Strichen die simplen Botschaften der NS-Propaganda: „Der Jude“ wurde als Verbrecher, Schänder und Volksfeind dargestellt. Neben diesen Karikaturen setzte er auch auf pornographisch anzügliche Illustrationen, um Voyeurismus und Sensationslust zu bedienen. Das Zusammenwirken von Text und Bild machte das Blatt zu einem effektiven Propagandainstrument. Die einfache Sprache, die riesigen Schlagzeilen und die eindringlichen Bilder garantierten, dass auch weniger gebildete Leser die Botschaft verstanden: Die Juden seien an allem schuld und müssten bekämpft werden. Die manipulative Kraft dieser visuellen Hetze ist später auch wissenschaftlich untersucht worden – etwa in einer französischen Studie, die unter dem Titel „Der Stürmer: Instrument der nationalsozialistischen Ideologie – une analyse des caricatures d’intoxication“ (Paris 2012) die vergiftende Wirkung der Karikaturen analysiert. Rupprechts Schreckbilder trugen auf jeden Fall wesentlich dazu bei, antisemitische Vorurteile in der deutschen Bevölkerung zu verfestigen und Zustimmung zur immer radikaleren Judenverfolgung zu erzeugen.
Auflage und Verbreitung
In den 22 Jahren seines Bestehens entwickelte sich Der Stürmer vom lokalen Parteiblatt zu einem nationalsozialistischen Massenmedium mit erstaunlicher Reichweite. Nach 1933 stieg die Auflage sprunghaft an: Hatte das Blatt in den Anfangsjahren nur einige tausend Exemplare gedruckt, so wurden 1933 erstmals etwa 25.000 Stück pro Woche verkauft. Danach ging es rasant aufwärts – seinen Höchststand erreichte er 1936/37 mit einer Auflage von 486.000 Stück. Laut dem Historischen Lexikon Bayerns entwickelte sich Streichers Hetzblatt seit 1933 zu einem NS-Massenblatt, das durch Werbemethoden wie die öffentlichen „Stürmerkästen“ enorme Verbreitung fand. In vielen Städten und Dörfern hingen ab 1933 an zentralen Plätzen die sogenannten Stürmerkästen aus – gläserne Schaukästen, in denen die neueste Ausgabe der Zeitung angeschlagen wurde, damit auch Nicht-Abonnenten sie kostenlos lesen konnten. Um die Stürmerkästen bildeten sich oft Trauben von Schaulustigen, und Parolen wie „Wer den Juden kennt, kennt den Teufel“ oder „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter“ prangten rund um diese Kästen. Massenhafte Einsendungen an den Verlag bis hin zu speziellen Aktivitäten wie der eigeninitiativen Errichtung unzähliger Stürmerkästen sind Ausdrucksformen der bewussten Zustimmung eines Teils der deutschen Bevölkerung zu den antijüdischen Inhalten. In der Tat wurde die Leserschaft aktiv in den Betrieb eingebunden: Das Blatt veröffentlichte unter der Rubrik „Lieber Stürmer“ unzählige eingesandte Briefe, Denunziationen und Zustimmungsbekundungen. Diese Leserschaft war bunt gemischt – vom Schuljungen bis zum Rentner reichten die Zuschriften – und sie alle beteiligten sich eifrig an Streichers Agitationsnetzwerk, einem „analogen antisemitischen Netzwerk“ lange vor dem Zeitalter der sozialen Medien. Auch institutionell wurde die Verbreitung gefördert: Streicher schloss nach 1933 ein Abkommen mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF), wodurch die meisten Betriebe verpflichtet wurden, den Stürmer für ihre Belegschaft zu abonnieren. So lag die Zeitung in Fabriken, Ämtern und Kasernen zum Lesen aus. Obwohl Der Stürmer nie eine offizielle Parteizeitung war und nicht das Hakenkreuz im Kopf führen durfte, galt es doch als wichtiges Sprachrohr der NS-Ideologie. Hitler selbst war ein begeisterter Leser dieses Hetzblatts, was dem Stürmer einen besonderen Schutz verschaffte. Innerhalb der NS-Führung gab es zwar immer wieder Beschwerden über die vulgäre Brutalität – manche Parteigenossen hielten Streicher für „nicht ganz zurechnungsfähig“ –, doch ein Verbot kam nie zustande. Hitler persönlich schirmte seinen Weggefährten Streicher vor allzu viel Kritik ab und ließ Der Stürmer weiter gewähren, weil er dessen propagandistische Wirkung schätzte. Dass Streicher durch sein Privatblatt enormes Geld verdiente, sei nur am Rande erwähnt: Die Einkünfte machten ihn zum mehrfachen Millionär. Bis Ende der 1930er Jahre beschäftigte der Stürmer-Verlag hunderte Mitarbeiter und unterhielt Zweigstellen in mehreren europäischen Großstädten. Der Stürmer war somit eine der bekanntesten Wochenzeitungen im „Dritten Reich“ und ragte durch seine Sonderstellung in der gleichgeschalteten Presselandschaft heraus. Bei besonderen Anlässen stiegen die Verkaufszahlen noch höher – so sollen einzelne Sondernummern zu den Reichsparteitagen in Nürnberg in Auflagen von bis zu zwei Millionen gedruckt worden sein.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit – Das Ende des Stürmer
Ab 1944, in den letzten Kriegsjahren, sank die Erscheinungsfrequenz des Stürmer kriegsbedingt ab, und die letzte Ausgabe des Stürmers erschien Anfang Februar 1945. Kurz vor Kriegsende wurden die verbliebenen Bestände der Zeitung teilweise noch zur Verfeuerung verwendet, da das Ende des NS-Regimes absehbar war. Nach der deutschen Kapitulation gelangten die Hetzschriften des Stürmer in den Fokus der alliierten Gerichtsbarkeit. Julius Streicher, der Gründer und Herausgeber des Blattes, wurde beim Internationalen Militärgerichtshof im Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozess angeklagt. Obwohl Streicher kein militärischer Täter war, werteten die Ankläger seine unablässige antisemitische Hetze als maßgeblichen Beitrag zur Vorbereitung des Holocaust. Streicher zeigte im Prozess keinerlei Reue und berief sich zynisch auf Meinungsfreiheit – doch das Tribunal verurteilte ihn wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zum Tode. Am 16. Oktober 1946 wurde Julius Streicher in Nürnberg durch den Strang hingerichtet. Damit endete das Leben des Mannes, der mit dem Stürmer als nationalsozialistischem Massenmedium Millionen von Deutschen gegen die jüdische Minderheit aufgehetzt hatte. Auch Philipp Rupprecht, der Stürmer-Karikaturist „Fips“, wurde nach Kriegsende zur Verantwortung gezogen: Er wurde 1947 als Hauptschuldiger eingestuft und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. 1950 kam Rupprecht jedoch vorzeitig frei und lebte später zurückgezogen als Maler in Bayern. Die Hetzschrift Der Stürmer selbst ist heute ein Synonym für antijüdische Hasspropaganda. Ihre „Leistungen“ bestanden in nichts anderem als Verleumdung, Aufstachelung und geistiger Brandstiftung. Bei den Nürnberger Prozessen wurde das kleine Wochenblatt aus Franken als großer Unheilsstifter erkannt – Julius Streicher als Musterbeispiel erfolgreicher NS-Propaganda musste dafür mit seinem Leben bezahlen.
Literatur
Siegfried Zelnhefer: Der Stürmer. Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit. In: Historisches Lexikon Bayerns (05.09.2008; aktual. 21.07.2025).
Paul Hoser: Der Stürmer (Zeitung). Online-Lexikon des NS-Dokumentationszentrums München (publ. 22.08.2025).
Melanie Wager: „Der Stürmer“ und seine Leser. Ein analoges antisemitisches Netzwerk. Zur Geschichte und Propagandawirkung eines nationalsozialistischen Massenmediums. Metropol Verlag, Berlin 2024.
Daniel Roos: Julius Streicher und „Der Stürmer“ 1923–1945. Schöningh, Paderborn 2014. URL: Rezension H-Soz-Kult 2016.
Ralph B. Keysers (Hg.): Der Stürmer – instrument de l’idéologie nazie: une analyse des caricatures d’intoxication. L’Harmattan, Paris 2012.
Fred Hahn / Günther Wagenlehner: „Lieber Stürmer“. Leserbriefe an das NS-Kampfblatt 1924 bis 1945. Seewald, Stuttgart 1978.
Dennis E. Showalter: Little Man, What Now? Der Stürmer in the Weimar Republic. Archon Books, Hamden (Conn.) 1982.
Arnd Müller: Das Stürmer-Archiv im Stadtarchiv Nürnberg. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 32. Jahrg. (1984), Heft 2, S. 326–329.
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