Regisseur des antisemitischen Propagandafilm „Jud Süß“ – angeklagt, freigesprochen, gestorben auf Capri.

Veit Harlan während seines Prozesses im März 1949 in Hamburg. Bundesarchiv, Bild 183-2007-1022-508 / CC-BY-SA, Bundesarchiv Bild 183-2007-1022-508, Hamburg, Prozess gegen Veit Harlan-2, CC BY-SA 3.0 DE.
Die Geschichte des deutschen Films im zwanzigsten Jahrhundert ist untrennbar mit Namen verbunden, die sowohl künstlerische Genialität als auch moralisches Versagen verkörpern. Einer der am stärksten umstrittenen Akteure dieser Epoche wurde am 22. September 1899 in Berlin geboren und sollte die Bildsprache einer ganzen Diktatur entscheidend mitprägen. Sein Vater war der Schriftsteller Walter Harlan und dessen frau Adele war die Mutter des künftigen Regisseurs, der in einem bürgerlich-künstlerischen Umfeld aufwuchs. Veit harlan wurde bereits früh mit der Welt der Literatur und des Theaters vertraut gemacht, was seinen weiteren Lebensweg maßgeblich vorzeichnete. Nach einer kurzen Silberschmiedlehre und schauspielunterricht am seminar begann er, sich vollends der darstellenden Kunst zu widmen. Dieser Schauspielunterricht am seminar von max Reinhardt legte den Grundstein für sein tiefes Verständnis von Dramaturgie und Inszenierung. Das seminar von max reinhardt galt damals als die beste Kaderschmiede für junge Talente, und Harlan sog die dortigen Lehren förmlich auf. Max reinhardt selbst erkannte das Potenzial des jungen Mannes, der bald auf den bedeutendsten Bühnen Berlins zu sehen war. In dieser Zeit lernte er die handwerklichen Grundlagen, die er später in seinen filmischen Werken zur Perfektion führen sollte. Die Atmosphäre im Berlin der zwanziger Jahre war geprägt von Experimentierfreude und einem rasanten kulturellen Wandel, den Harlan hautnah miterlebte.
Karrierestart in der Weimarer Republik und der Umbruch von 1933
Im Jahr 1922 festigte der junge Künstler seine Position im Berliner Theaterleben durch feste Engagements und wachsende Bekanntheit. Er heiratete die jüdische Schauspielerin und Sängerin Dora Gerson, eine Verbindung, die in der späteren Rückschau auf seine Karriere oft als tragischer Kontrast zu seinem späteren Werk hervorgehoben wird. Nach der Trennung von Gerson war er mit der Schauspielerin Hilde Körber verheiratet, mit der er drei Kinder hatte, darunter den späteren Filmemacher und Autor Thomas Harlan. Seine Arbeit am theater am schiffbauerdamm zeigte ihn als einen vielseitigen Darsteller, der sich sowohl im klassischen als auch im modernen Repertoire behaupten konnte. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 änderten sich die Vorzeichen für alle Kulturschaffenden in Deutschland radikal. Harlan arrangierte sich vergleichsweise schnell mit den neuen Machthabern und passte seine künstlerische Tätigkeit den neuen Gegebenheiten an. Es gab in dieser Phase durchaus kritische Stimmen, doch die opportunistische Haltung vieler Künstler ermöglichte den Nationalsozialisten zu deren Politik eine kulturelle Flanke zu sichern. Harlan erkannte früh, dass der Film das Medium der Zukunft war und suchte nach Wegen, hinter die Kamera zu wechseln. Sein Interesse galt zunehmend der Regie, da er hier die volle Kontrolle über die visuelle Erzählweise und die emotionale Führung des Publikums übernehmen konnte. Diese Entscheidung markierte den Beginn einer Laufbahn, die ihn zum privilegierten Staatsregisseur aufsteigen lassen sollte.
Der Aufstieg zum Regisseur im Schatten des Hakenkreuzes
Der eigentliche Durchbruch hinter der Kamera gelang ihm im Jahr 1935, als er begann, sich als Regisseur einen Namen zu machen. Sein Film krach im hinterhaus aus diesem Jahr war eine volkstümliche Komödie, die beim Publikum großen Anklang fand und sein Gespür für publikumswirksame Stoffe bewies. In der Folgezeit festigte er seinen Ruf als handwerklich brillanter Regisseur, der in der Lage war, komplexe Geschichten emotional packend zu inszenieren. Er entwickelte eine Bildsprache, die durch opulente Ausstattung und eine intensive Lichtführung bestach. Er verstand es wie kaum ein anderer, die Sehnsüchte der Massen zu bedienen und gleichzeitig die Ideologie des Regimes subtil oder offen in seine Werke einzuflechten. Ab 1935 stieg sein Stern unaufhaltsam, und er wurde zu einem der meistbeschäftigten Filmemacher des Dritten Reiches. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen intensivierte sich, wobei er stets darauf bedacht war, seinen künstlerischen Freiraum zu betonen. Doch in einem totalitären System wie dem nationalsozialistischen Deutschland war wahre künstlerische Autonomie kaum möglich, insbesondere nicht für jemanden in seiner Position. Seine Filme zeichneten sich durch eine hohe technische Qualität aus, was ihn für die Machthaber besonders wertvoll machte. Er wurde zum Experten für Melodramen und Historienfilme, die oft eine tiefere politische Botschaft transportierten.
Die unheilvolle Allianz mit der Macht und Joseph Goebbels
Die wichtigste und zugleich verhängnisvollste Beziehung in Harlans Karriere war die zum reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Goebbels, der sich selbst als leidenschaftlicher Filmliebhaber und Patron der Künste sah, erkannte in Harlan das ideale Werkzeug für seine filmischen Ambitionen. Es entwickelte sich ein enges Verhältnis, in dem der Minister ihm oft persönlich Anweisungen gab oder Projekte initiierte. Im Jahr 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, war die Zusammenarbeit bereits so gefestigt, dass Harlan zu den wichtigsten Stützen der NS-Propaganda zählte. Goebbels schätzte an ihm vor allem die Fähigkeit, politische Botschaften in packende Unterhaltung zu verpacken, ohne dass sie plump wirkten. Der Minister beaufsichtigte viele Produktionen persönlich und griff oft korrigierend in die Drehbücher ein. Harlan genoss im Gegenzug Privilegien, von denen andere Künstler nur träumen konnten, einschließlich hoher Gagen und weitgehender Befreiung von militärischen Pflichten. Diese Nähe zur Macht ermöglichte ihm die Realisierung von Großprojekten, die enorme finanzielle Mittel verschlangen. Joseph Goebbels sah im Film das effektivste Mittel zur Beeinflussung der Volksgemeinschaft und zur Vorbereitung auf den Krieg. Harlan wurde in diesem System zu einem der wichtigsten Erfüller dieser medialen Strategie. Die gegenseitige Abhängigkeit führte dazu, dass Harlan immer tiefer in den propagandistischen Apparat hineingezogen wurde.
Die Entstehung des antisemitischen Hetzfilms Jud Süß
Der absolute Tiefpunkt seines moralischen Wirkens und zugleich sein bekanntestes Werk ist der film Jud Süß aus dem Jahr 1940. Nachdem andere Regisseure das Projekt abgelehnt oder als nicht umsetzbar empfunden hatten, übernahm Harlan die Regie bei diesem antisemitischen Hetzfilm. Er erhielt den auftrag für den antisemitischen hetzfilm direkt von der Staatsführung, wobei Goebbels massiv auf die inhaltliche Gestaltung Einfluss nahm. Das drehbuch wurde so konzipiert, dass es die historischen Tatsachen um Joseph Süß Oppenheimer massiv verzerrte, um antisemitische Ressortiments zu schüren. Der antisemitische film sollte die jüdische Bevölkerung als wurzellose, gefährliche und moralisch verkommene Gruppe darstellen. Harlan setzte all sein filmisches Können ein, um diese bösartige Botschaft in eine spannende, melodramatische Handlung zu kleiden. Die wirkung des films war verheerend, da er in ganz Deutschland und den besetzten Gebieten gezeigt wurde und oft unmittelbar vor Deportationen oder Gewaltakten gegen Juden zum Einsatz kam. In den Kinosälen wurde das Publikum systematisch aufgehetzt, wobei die professionelle Inszenierung die psychologische Wirkung noch verstärkte. Jud süss wurde zu einem der erfolgreichsten Filme der NS-Zeit, was Harlan noch enger an das Regime band. Der Film gilt bis heute als das Paradebeispiel für die manipulative Kraft des Mediums Film im Dienste des Bösen. Joseph süß oppenheimer wurde in diesem Werk zum personifizierten Feindbild stilisiert, das vernichtet werden musste.
Künstlerische Ästhetik und die Rolle der Kristina Söderbaum
Neben den politisch aufgeladenen Hetzfilmen spezialisierte ser sich auf groß angelegte Melodramen, oft mit seiner Frau kristina söderbaum in der Hauptrolle. Die frau kristina söderbaum wurde zum Idealbild der arischen Frau stilisiert und war in fast allen bedeutenden Filmen ihres Mannes präsent. Ihre Rollen endeten oft mit einem tragischen Opfertod im Wasser, was ihr im Volksmund den Beinamen Reichswasserleiche einbrachte. Ein Beispiel für diese Art der Inszenierung war der Film die goldene stadt aus dem Jahr 1942, der in Agfacolor gedreht wurde und das Publikum durch seine visuelle Pracht beeindruckte. Die goldene stadt thematisierte die Sehnsucht nach der Heimat und die Gefahren der Großstadt, eingebettet in eine völkische Ideologie. In Filmen wie immensee oder opfergang perfektionierte Harlan die Verbindung von Naturmystik und emotionaler Überwältigung. Diese werke dienten dazu, das Volk in schwierigen Kriegszeiten abzulenken und gleichzeitig die Werte von Treue und Opferbereitschaft zu festigen. Die publikumswirksame Darstellung von Leid und Entsagung traf den Nerv der Zeit und machte das Ehepaar zu den größten Stars des deutschen Kinos. Harlans Ästhetik war geprägt von einer gewissen Schwere und Sentimentalität, die perfekt in das kulturelle Konzept der Nationalsozialisten passte. Seine Filme mit seiner frau waren Kassenknüller, die Millionen von Menschen in die Kinos lockten. Durch die Verwendung moderner Farbfilmtechnik setzte er Maßstäbe, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Beachtung fanden.
Preußenmythos und Durchhaltepropaganda im Totalen Krieg
Ein weiteres wichtiges Standbein in seinem Schaffen waren monumentale Historienfilme, die den preußischen Geist und den Führerkult feierten. Im Jahr 1942 erschien der große könig, ein Werk über Friedrich den Großen, das die Notwendigkeit des unbedingten Durchhaltens in Krisenzeiten betonte. Der große könig sollte die Moral der Bevölkerung und der Soldaten stärken, indem er historische Parallelen zur aktuellen Kriegslage zog. In der Hauptrolle brillierte Heinrich George, einer der damals bekanntesten deutschen Schauspieler, der auch in vielen anderen Harlan-Produktionen mitwirkte. Heinrich George verkörperte oft die wuchtigen, urwüchsigen Charaktere, die Harlan so meisterhaft zu inszenieren wusste. Als der Krieg sich gegen Deutschland wendete, wurde die Propaganda immer verzweifelter und aggressiver. Harlan wurde beauftragt, den film kolberg zu drehen, der als das teuerste und aufwendigste Projekt der gesamten NS-Filmgeschichte gilt. Kolberg wurde mit einem Budget von mehreren millionen reichsmark realisiert und forderte enorme Ressourcen, während an der Front bereits alles zusammenbrach. Tausende von Soldaten wurden als Statisten von der Front abgezogen, um die Belagerung der Stadt Kolberg im Jahr 1807 nachzustellen. Der Film sollte den unbedingten Verteidigungswillen der Deutschen bis zum letzten Blutstropfen symbolisieren. Es war ein Werk der totalen Mobilmachung, das erst kurz vor dem kriegsende in den Kinos anlief, aber seine beabsichtigte Wirkung kaum noch entfalten konnte. Harlan zeigte sich hier als treuer Diener des Regimes, der bis zum Schluss bereit war, die filmischen Waffen für den Endsieg zu schärfen.
Das Ende des Regimes und die juristische Aufarbeitung
Nach der Kapitulation Deutschlands im Jahr 1945 stand der Regisseur vor den Trümmern seiner Karriere und musste sich für sein Wirken während der Diktatur verantworten. Er wurde interniert und im Rahmen der Entnazifizierung als einer der Hauptschuldigen des kulturellen Apparats identifiziert. Besonders schwer wog die Anklage wegen seiner Beteiligung an jud süss, die als Beihilfe zum Völkermord gewertet werden konnte. Im Jahr 1949 wurde Harlan vor einem Schwurgericht in Hamburg angeklagt, wobei der prozess internationales Aufsehen erregte. Es war das erste Mal, dass sich ein Künstler wegen verbrechen gegen die menschlichkeit vor einem deutschen gericht verantworten musste. Die Anklage stützte sich maßgeblich auf die Wirkung, die sein antisemitischer Hetzfilm auf die Verfolgung der Juden hatte. Harlan verteidigte sich damit, dass er unter Zwang gehandelt habe und lediglich ein Befehlsempfänger des Propagandaministers gewesen sei. Er behauptete sogar, er habe versucht, das Drehbuch abzumildern, was durch historische Dokumente jedoch weitgehend widerlegt wurde. Der Prozess in Hamburg im april 1949 endete überraschend mit einem Freispruch, was zu heftigen Protesten im In- und Ausland führte. Das Gericht unter dem Vorsitz von Walter Tyrolf folgte der Argumentation Harlans, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Film und den konkreten Verbrechen der Nationalsozialisten nicht zweifelsfrei nachzuweisen sei. 1949 wird harlan somit juristisch entlastet, doch moralisch blieb er für weite Teile der Gesellschaft gebrandmarkt. Der harlan in hamburg geführte Prozess gilt heute als ein Beispiel für die mangelhafte juristische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik.
Die Nachkriegsjahre und der Fall Erich Lüth
Trotz des Freispruchs blieb der Name Harlan in der jungen Bundesrepublik ein Synonym für die Verstrickung der Kunst in die Verbrechen der Diktatur. Als er versuchte, im Jahr 1950 mit seinem ersten Nachkriegsfilm unsterbliche geliebte wieder Fuß zu fassen, formierte sich massiver Widerstand. Der Hamburger Senatsdirektor Erich Lüth rief zum Boykott des Films auf, woraufhin die Produktionsfirma gegen Lüth klagte. Dieser Rechtsstreit führte schließlich zum berühmten Lüth-Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 1951, das die Meinungsfreiheit als überragendes Gut festschrieb. Unsterbliche geliebte wurde dennoch gezeigt, doch der Erfolg blieb hinter früheren Zeiten zurück. Harlan versuchte in der Folgezeit, sein Image durch unpolitische Stoffe zu rehabilitieren, was ihm jedoch nur teilweise gelang. Er blieb eine isolierte Figur im Kulturbetrieb, auch wenn er technisch weiterhin auf hohem Niveau arbeitete. In einem späteren Prozess im Jahr 1951 wurde er erneut mit seiner Vergangenheit konfrontiert, was seine Position weiter schwächte. Die öffentliche Debatte über seine Person spaltete das Publikum, wobei viele seine technische Brillanz bewunderten, aber seine moralische Haltung ablehnten. Er selbst sah sich zeitlebens als Opfer der Umstände und zeigte wenig Einsicht in die verheerenden Folgen seines propagandistischen Wirkens. Seine Filme aus dieser Zeit wirkten oft wie Relikte aus einer vergangenen Ära, die nicht mehr in die moderne Bundesrepublik passten. Er lebte zeitweise in der Schweiz oder in Italien, um der ständigen Kritik in Deutschland zu entgehen.
Spätwerk und die Suche nach verlorener Anerkennung
In den späten fünfziger Jahren versuchte der Regisseur noch einmal, an seine alten Erfolge anzuknüpfen, indem er exotische oder melodramatische Stoffe wählte. So entstand im Jahr 1953 das zweiteilige Epos sterne über colombo, das die Sehnsucht nach fernen Ländern und Abenteuern bediente. Sterne über colombo zeigte erneut sein Talent für großartige Landschaftsaufnahmen und eine packende Inszenierung, doch der politische Beigeschmack blieb. Im Jahr 1957 drehte er den Film anders als du und ich, der das Thema Homosexualität auf eine Weise behandelte, die erneut heftige Kontroversen auslöste. Harlan wurde vorgeworfen, erneut Vorurteile zu bedienen und eine reaktionäre Moral zu vertreten. Sein Versuch, sich als moderner Filmemacher zu präsentieren, scheiterte oft an seinem Unvermögen, sich wirklich von der Ästhetik der Vergangenheit zu lösen. Zu seinen letzten Arbeiten gehörten Filme wie die blaue stunde oder liebe kann wie gift, die jedoch kaum noch Beachtung fanden. Die blaue stunde aus dem Jahr 1953 war ein verzweifelter Versuch, im Genre des Kammerspiels zu bestehen. Liebe kann wie gift aus dem Jahr 1958 markierte das Ende seiner aktiven Laufbahn in Deutschland. Er blieb bis zu seinem Lebensende eine Figur, die mehr durch ihre Vergangenheit als durch ihre gegenwärtige Arbeit definiert wurde. Die Branche hatte sich weiterentwickelt, und junge Regisseure suchten nach neuen Wegen, die nichts mehr mit dem Pathos der Harlan-Ära zu tun hatten.
Das Erbe des Veit Harlan und der Schatten der Vergangenheit
Am 13. April 1964 verstarb er während eines Urlaubs auf der italienischen Insel Capri. Bis zu seinem Tod am 13 april 1964 hatte er versucht, seine Rolle im Dritten Reich zu rechtfertigen oder zu verharmlosen. In seinen Memoiren, die unter dem Titel schatten meiner filme erschienen, stilisierte er sich erneut als jemanden, der vom System missbraucht wurde. Sein Sohn Thomas Harlan wurde zu einem seiner schärfsten Kritiker und widmete sein eigenes künstlerisches Schaffen der Aufarbeitung der Verbrechen, in die sein Vater verstrickt war. Thomas harlan suchte zeitlebens nach der Wahrheit hinter den Lügen seines Vaters und konfrontierte die deutsche Öffentlichkeit mit der ungeschönten Realität der NS-Propaganda. Die Familie Harlan blieb tief gespalten, was das Erbe des Vaters betraf, wobei einige Mitglieder versuchten, das Andenken zu wahren, während andere sich radikal davon distanzierten. Veit harlans filmisches Werk wird heute in Filmarchiven unter strengen Auflagen verwahrt, insbesondere die sogenannten Vorbehaltsfilme, zu denen auch jud süß gehört. Diese Filme dürfen nur unter wissenschaftlicher Kommentierung gezeigt werden, um ihre manipulative Wirkung einzuordnen. Das Studium seiner Inszenierungstechniken ist bis heute Teil der Ausbildung von Filmhistorikern, da es die dunkle Seite der audiovisuellen Kommunikation offenlegt. Er bleibt ein mahnendes Beispiel dafür, wie Talent und Ambition in den Dienst einer menschenverachtenden Ideologie gestellt werden können. Die Reflexion über sein Leben und Werk ist ein notwendiger Teil der deutschen Auseinandersetzung mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Veit Harlan als Spiegelbild einer Epoche
Betrachtet man die Biografie dieses Mannes in ihrer Gesamtheit, so offenbart sich das Dilemma eines Künstlers, der seine Seele für den Erfolg verkaufte. Sein Weg vom talentierten Theaterschauspieler unter Max Reinhardt zum wichtigsten Regisseur eines Terrorregimes ist beispielhaft für viele Karrieren jener Zeit. Er war kein überzeugter Nationalsozialist der ersten Stunde, doch sein Opportunismus und seine Eitelkeit machten ihn zu einem idealen Handlanger für Goebbels. Harlans Fähigkeit, Emotionen zu manipulieren und Ideologie in Schönheit zu hüllen, machte ihn gefährlicher als jeden plumperen Propagandisten. Die technischen Innovationen, die er vorantrieb, insbesondere im Bereich des Farbfilms, können nicht über die moralische Leere seiner Intentionen hinwegtäuschen. Er schuf Bilder, die den Boden für den Völkermord bereiteten oder die Grausamkeit des Krieges glorifizierten. Auch nach 1945 blieb er eine Figur des Übergangs, an der sich die junge Bundesrepublik in ihrem Umgang mit der NS-Vergangenheit abarbeitete. Die Freisprüche in seinen Prozessen spiegelten die damalige Sehnsucht nach einem Schlussstrich wider, die jedoch durch den Widerstand von Menschen wie Erich Lüth durchbrochen wurde. Das Leben Harlans endet in der Isolation auf Capri, fernab der einstigen Pracht der Berliner Filmpremieren. Seine Filme existieren weiter als historische Dokumente einer Zeit, in der das Kino zur Waffe wurde. Heute dient die Auseinandersetzung mit ihm vor allem der Sensibilisierung für die Verantwortung, die jeder Künstler gegenüber der Gesellschaft trägt. Die Geschichte von Veit Harlan ist eine Erzählung über die Verführbarkeit durch Macht und die bleibende Last der Schuld.
Analyse der filmischen Mittel und der propagandistischen Strategie
Um die Wirkung von Werken wie Jud Süss zu verstehen, muss man die psychologische Tiefe der Inszenierung betrachten. Harlan nutzte keine einfache Agitation, sondern arbeitete mit den Mitteln des klassischen Melodramas, um Identifikation und Abneigung zu erzeugen. Er setzte Musik, Licht und Montage ein, um das Publikum in einen Zustand emotionaler Erregung zu versetzen, in dem rationale Kritik ausgeschaltet wurde. Die Darstellung des jüdischen Protagonisten folgte jahrhundertealten Klischees, die filmisch modernisiert und dadurch scheinbar beglaubigt wurden. In seinen Historienfilmen wiederum nutzte er das Motiv der nationalen Opferbereitschaft, um das Individuum vollständig dem Willen des Staates unterzuordnen. Die Ästhetik der Filme war darauf ausgelegt, ein Gefühl der Erhabenheit und der Zugehörigkeit zu einer überlegenen Gemeinschaft zu vermitteln. Diese visuelle Strategie war integraler Bestandteil der NS-Propaganda und funktionierte über die Grenzen des Verstandes hinweg. Harlan war sich dieser Wirkung durchaus bewusst und bekennt sich harlan in seinen späteren Schriften zumindest dazu, ein Perfektionist der Form gewesen zu sein. Doch die Trennung von Form und Inhalt, die er nach dem Krieg immer wieder behauptete, war eine Schutzbehauptung. In einem totalitären System ist die Form selbst bereits politisch, da sie der Formierung der Massen dient. Die Erforschung seiner filmischen Mittel zeigt, wie professionell die Nationalsozialisten das Medium Film zu nutzen wussten. Seine Karriere bleibt damit ein Studienobjekt für die Macht der Bilder in der Politik.
Literatur
Friedrich, Knuth: Die Regie von Veit Harlan. Eine filmwissenschaftliche Untersuchung. Berlin: Duncker & Humblot 1985.
Harlan, Thomas: Veit. Ein Roman. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2011.
Knopp, Guido: Hitlers Helfer. Täter und Vollstrecker im Dritten Reich. München: Goldmann 1998.
Mannes, Stefan: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film – Jud Süß und Der ewige Jude, Berlin 2022.
Moeller, Felix: Der Filmminister. Goebbels und der Film im Dritten Reich. Berlin: Henschel 1998.
Ploog, Karin: Als die Noten laufen lernten. Geschichte und Geschichten der Ufa. Norderstedt: Books on Demand 2015.
Rentschler, Eric: The Ministry of Illusion. Nazi Cinema and Its Afterlife. Cambridge, MA: Harvard University Press 1996.
Tegel, Susan: Jud Süss. Nazi Propaganda through Medium of Film. London: I.B. Tauris 2007.
Zielinski, Siegfried: Veit Harlan. Analysen und Dokumente zur Filmgeschichte. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1981.
Internetquellen
Deutsches Historisches Museum: Biografie Veit Harlan. https://www.dhm.de/lemo/biografie/veit-harlan.html(Zugriff am 30.01.2026)
Filmportal.de: Veit Harlan – Regisseur, Schauspieler. https://www.filmportal.de/person/veit-harlan_303030 (Zugriff am 30.01.2026)
Bundesarchiv: Dokumente zum Prozess gegen Veit Harlan. https://www.bundesarchiv.de/veit-harlan-prozess(Zugriff am 30.01.2026)
Stiftung Murnau: Die Vorbehaltsfilme des Veit Harlan. https://www.murnau-stiftung.de/vorbehaltsfilme (Zugriff am 30.01.2026)