Erinnerungsarbeit geschieht nicht von selbst. Sie braucht Institutionen, die sie tragen, Menschen, die sie gestalten, und eine Öffentlichkeit, die bereit ist, sich ihr auszusetzen. Und sie braucht Kommunikation, denn Erinnerung, die unsichtbar bleibt, ist gesellschaftlich wirkungslos. Die Geschichte der zivilgesellschaftlichen Erinnerungsarbeit in Deutschland ist daher immer auch eine Geschichte der Kampagnen: der Versuche, öffentliche Aufmerksamkeit für Themen herzustellen, die ohne diesen Impuls in den Hintergrund treten.
Das ist kein Vorwurf an die Gesellschaft. Es ist eine Beschreibung der Wirklichkeit. In einer Medienwelt, die von Aktualität getrieben ist, haben historische Themen einen strukturellen Nachteil: Sie sind nicht neu. Die Shoah ist kein Ereignis von gestern. Der Nationalsozialismus ist kein aktueller Trend. Die Frage, was wir aus der Geschichte lernen, ist keine Eilmeldung. Und trotzdem muss sie gestellt werden, immer wieder, in jeder Generation neu. Die Kommunikation dieser Frage ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben der zivilgesellschaftlichen Arbeit.
Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft
Die Stiftung EVZ, gegründet im Jahr 2000 zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter, hat sich nach Abschluss der Auszahlungen zu einer der wichtigsten Förderinstitutionen für Erinnerungsarbeit und Demokratieförderung in Deutschland entwickelt. Ihre Kommunikation steht vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss die historische Verantwortung vermitteln, die der Stiftung zugrunde liegt, und gleichzeitig die Gegenwarts- und Zukunftsrelevanz ihrer Arbeit deutlich machen.
Das ist keine triviale Aufgabe. Eine Stiftung, die ausschließlich rückwärtsgewandt kommuniziert, verliert die Aufmerksamkeit einer Gesellschaft, die vorwärtsgerichtet lebt. Eine Stiftung, die ihre historischen Wurzeln verschweigt, verliert ihre Identität und ihre Legitimation. Die Lösung liegt in einer Kommunikation, die beides verbindet: die historische Verantwortung als Begründung für gegenwärtiges Handeln.
Die Amadeu Antonio Stiftung und die Sichtbarkeit rechter Gewalt
Die Amadeu Antonio Stiftung, gegründet von Anetta Kahane, ist eines der wirksamsten Beispiele dafür, wie zivilgesellschaftliche Kommunikation gesellschaftliche Debatten verändern kann. Benannt nach Amadeu Antonio Kiowa, der 1990 in Eberswalde von Rechtsextremisten getötet wurde, hat die Stiftung es geschafft, das Thema rechte Gewalt in Deutschland dauerhaft auf der öffentlichen Agenda zu verankern.
Die Kommunikationsstrategie der Stiftung basiert auf einem Prinzip, das für alle Advocacy-Organisationen lehrreich ist: Sie macht das Abstrakte konkret. Nicht „Rechtsextremismus ist ein Problem“, sondern: „Amadeu Antonio wurde am 6. Dezember 1990 in Eberswalde von einer Gruppe Rechtsradikaler angegriffen und starb am 12. Dezember an den Folgen.“ Der Name, das Datum, der Ort, die Person: Das sind die Elemente, die aus einer Statistik eine Geschichte machen und aus einer Geschichte einen Grund zu handeln.
Dieses Prinzip der Personalisierung ist in der NPO-Kommunikation gut erforscht und gilt über den Bereich der Erinnerungsarbeit hinaus. Hilfsorganisationen wissen seit Jahrzehnten, dass eine individuelle Geschichte wirksamer ist als eine Zahl. Fundraising-Kampagnen zeigen nicht die Millionen Hungernden, sondern das eine Kind. Die Erinnerungsarbeit folgt derselben Logik: nicht die sechs Millionen, sondern der eine Mensch, dessen Leben erzählt werden kann.
Gedenkwege und Interventionen im öffentlichen Raum
Eine besondere Form der Kampagne für Erinnerung ist die Intervention im öffentlichen Raum. Gunter Demnigs Stolpersteine sind das bekannteste Beispiel: kleine Messingplatten im Gehweg vor den letzten frei gewählten Wohnorten von NS-Opfern. Sie wirken nicht durch Größe oder Lautstärke. Sie wirken durch Alltaeglichkeit: Man stolpert über sie, buchstäblich und im übertragenen Sinne, und wird an einem Ort, den man täglich passiert, mit einer Geschichte konfrontiert, die man nicht gesucht hat.
Gedenkwege funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip. Der Gedenkweg zum Jahrestag der Pogromnacht führt Teilnehmer durch die Stadt, vorbei an Orten, die mit der Verfolgung verbunden sind. Die Kombination von Bewegung, Ort und Erzählung schafft eine Erfahrung, die über das rein Kognitive hinausgeht. Man begreift, im wörtlichen Sinne, dass Geschichte nicht in Archiven stattfindet, sondern an den Orten, durch die man täglich geht.
Für die Kommunikation solcher Projekte gilt: Der Ort ist die Botschaft. Die Aufgabe der Kommunikation ist es, Menschen zum Ort zu bringen. Das erfordert Vorlauf, Medienarbeit, Einladungen an relevante Multiplikatoren und eine Dokumentation, die das Ereignis über den Tag hinaus sichtbar hält.
Die Caritas-Aktion am Brandenburger Tor: ein Fallbeispiel
Nicht jede Kampagne gegen das Vergessen bezieht sich auf den Holocaust. Die Frage, wie eine Gesellschaft mit Armut, Ausgrenzung und sozialer Ungerechtigkeit umgeht, ist ebenfalls eine Frage der Erinnerung: an Werte, an Versprechen, an das, was eine Gesellschaft sich selbst schuldet.
Die Aktion der Caritas am Brandenburger Tor, die Armut in Deutschland sichtbar machte, ist ein Beispiel dafür, wie zivilgesellschaftliche Kommunikation den öffentlichen Raum nutzen kann, um ein Thema auf die Agenda zu setzen. Die Wahl des Ortes war entscheidend: Das Brandenburger Tor ist der symbolischste Ort Berlins, verbunden mit Einheit, Freiheit und nationaler Identität. Eine Aktion gegen Armut an diesem Ort sagt: Armut ist kein Randthema. Sie gehört in die Mitte der Gesellschaft, buchstäblich.
Die kommunikative Wirkung solcher Aktionen hängt von mehreren Faktoren ab: von der visuellen Stärke der Inszenierung, von der Medienresonanz, von der Anschlussfähigkeit der Botschaft an aktuelle Debatten und von der Dokumentation, die das Ereignis über den Tag hinaus verfügbar hält. Eine Aktion, die nicht fotografiert und gefilmt wird, existiert in der medialen Öffentlichkeit nicht. Eine Aktion, die nicht in einen größeren argumentativen Zusammenhang eingebettet wird, verpufft als Einzelereignis.
Stiftungen als Träger der Erinnerung
Stiftungen spielen in der deutschen Erinnerungslandschaft eine zentrale Rolle. Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die Stiftung Topographie des Terrors: Sie alle sind institutionelle Träger einer Erinnerungsarbeit, die ohne sie nicht stattfinden würde.
Die Kommunikation dieser Stiftungen steht vor denselben Herausforderungen wie die Kommunikation aller gemeinnützigen Organisationen: Sie müssen ihren gesellschaftlichen Beitrag sichtbar machen, ohne marktschreierisch zu werden. Sie müssen Förderer und politische Entscheider überzeugen, ohne die Integrität ihrer Arbeit zu kompromittieren. Und sie müssen ein Publikum erreichen, das nicht aktiv nach ihnen sucht.
Die Marke einer Stiftung, ihre öffentliche Identität, ist dabei ein entscheidender Faktor. Eine Stiftung, die klar kommuniziert, wofür sie steht, wird eher unterstützt als eine, deren Profil unklar ist. Das gilt für Spender ebenso wie für politische Entscheider, für Medienvertreter ebenso wie für ehrenamtliche Mitarbeiter.
Medien und die Sichtbarkeit von Erinnerung
Erinnerungsarbeit ist auf Medien angewiesen, um über den Kreis der unmittelbar Beteiligten hinaus zu wirken. Ein Gedenkweg, der nicht in der Presse erwähnt wird, bleibt eine lokale Veranstaltung. Eine Kampagne, die nicht in den sozialen Medien geteilt wird, erreicht nur diejenigen, die ohnehin schon überzeugt sind. Die Medienarbeit ist daher ein zentraler Bestandteil jeder Erinnerungskampagne.
Das Verhältnis zwischen Erinnerungsarbeit und Medien ist dabei nicht frei von Spannungen. Medien folgen einer Nachrichtenlogik, die Neuigkeit, Konflikt und Emotion begünstigt. Erinnerungsarbeit folgt einer anderen Logik: Wiederholung, Vertiefung, Dauer. Der jährliche Jahrestag der Pogromnacht ist für die Erinnerungskultur zentral. Für die Medien ist er ein wiederkehrendes Ereignis, das mit jedem Jahr schwerer zu vermitteln ist, weil es nicht neu ist. Die Aufgabe der Kommunikation ist es, diese Spannung produktiv zu nutzen: den jährlichen Anlass mit neuen Geschichten, neuen Perspektiven und neuen Formaten zu verbinden, die den Medien einen Nachrichtenwert bieten, ohne die Erinnerung zu trivialisieren.
Advocacy und Kampagnenkommunikation
Die Grenze zwischen Erinnerungsarbeit und Advocacy ist fließend. Wer an die Vergangenheit erinnert, tut dies fast immer mit einem Gegenwartsanliegen: dass es nicht wieder geschieht, dass die Opfer nicht vergessen werden, dass die Gesellschaft aus der Geschichte lernt. Diese Anliegen sind politisch, auch wenn sie nicht parteipolitisch sind.
Die Kommunikation von Advocacy-Anliegen erfordert spezifische Kompetenz. Sie muss Emotionen wecken, ohne zu manipulieren. Sie muss Dringlichkeit erzeugen, ohne in Alarmismus zu verfallen. Sie muss Handlungsoptionen aufzeigen, ohne zu vereinfachen. Und sie muss glaubwürdig sein, was bedeutet, dass die kommunizierende Organisation eine Reputation haben muss, die ihre Botschaften trägt.
Die professionalisierte Kampagnenkommunikation, wie sie in der internationalen Hilfsarbeit seit Jahrzehnten Standard ist, hält zunehmend auch in die Erinnerungsarbeit Einzug. Das ist kein Verlust an Authentizität. Es ist ein Zugewinn an Wirksamkeit. Denn eine Botschaft, die niemanden erreicht, ist gesellschaftlich wertlos, unabhängig davon, wie wichtig sie inhaltlich ist.
Weiterführende Perspektiven
Zivilgesellschaftliche Organisationen, die Erinnerungsarbeit leisten, brauchen Kommunikationspartner, die sowohl die Mechanismen der öffentlichen Aufmerksamkeit als auch die Sensibilität des Themenfelds verstehen. Die Berliner Agentur kakoii hat über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Kommunikation für gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und gesellschaftliche Kampagnen, unter anderem für die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, die Amadeu Antonio Stiftung und die Caritas. Der Kommunikationsberater Stefan Mannes berät NPOs und Stiftungen in Kampagnenstrategie und Advocacy-Kommunikation. Seine Arbeit im Bereich Stiftungsmarketing verbindet strategische Klarheit mit dem Respekt vor der Sache, der in diesem Themenfeld unverzichtbar ist. Für Organisationen, die sich in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess befinden, etwa nach einem Generationenwechsel in der Führung oder einer strategischen Neuausrichtung, bietet Treiber Grossmann Begleitung in der Organisationsentwicklung, die solche Übergänge als Wachstumschancen gestaltet.
Fachliteratur
Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H. Beck 2006.
Demnig, Gunter: Stolpersteine. Spuren und Wege. Dokumentation der Verlegungen. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2019.
Habermas, Jürgen: Vom öffentlichen Gebrauch der Historie. In: Die Zeit, 7. November 1986.
Kahane, Anetta: Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten. Berlin: Rowohlt 2004.
Zick, Andreas; Klein, Anna (Hrsg.): Fragile Mitte, Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Bonn: Dietz 2014.