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Startseite > Rezensionen > Buchrezensionen > Antisemitismus vor dem Holocaust – von Richard E. Frankel,
Geschrieben von: Thomas Gräfe | Erstellt: 30. Juni 2026

Antisemitismus vor dem Holocaust – von Richard E. Frankel,

Richard E. Frankel, Antisemitismus vor dem Holocaust. Deutschland und die Vereinigten Staaten im Vergleich. Eine Neubewertung

Eine vergleichende Geschichte des deutschen und amerikanischen Antisemitismus vom späten 19. Jahrhundert bis 1945 auf 170 Seiten ist ein gewagtes Unterfangen. Richard E. Frankel gelingt dieses Kunststück mit einer geschickten Quellenauswahl und einer einleuchtenden Hypothese: Vor dem Hintergrund des Holocaust sei der Antisemitismus in den USA als harmlos und marginal aufgefasst worden, während Historiker den deutschen Antisemitismus vor 1933 überschätzten und einen teleologischen Weg in den Nationalsozialismus zeichneten. Diese Hypothese möchte der Autor einer Neubewertung unterziehen. Nun muss man relativierend vorausschicken, dass die Unterschätzung des amerikanischen und die Überschätzung des deutschen Antisemitismus bereits von dem legendären Forschungsprojekt „Studies in Prejudice“ angezweifelt wurden. Das ist vielleicht deshalb nicht aufgefallen, weil die einzige im Rahmen des soziologisch ausgerichteten Projekts erfolgte historische Veröffentlichung unter dem irreführenden Titel „Rehearsal for Destruction“ erschien, obwohl sie der These einer Einbahnstraße in den Holocaust widersprach.[1]

Frankels Vergleichsstudie zeigt nun, dass der moderne Antisemitismus in Deutschland und den USA zur gleichen Zeit entstand sowie in Ideologie und sozialer Praxis eine ähnliche Entwicklung aufwies. Ebenso erlebten beide Antisemitismen dieselben Radikalisierungsschübe nach dem Ersten Weltkrieg und während der Großen Depression, und manchmal lässt sich sogar eine transnationale gegenseitige Beeinflussung nachweisen. Als Rahmenbedingungen für die Herausbildung des modernen Antisemitismus benannt Frankel Territorialisierung, Industrialisierung, Globalisierung und Kommunikationsrevolution. Die Selbstdefinition als Nation erforderte die negative Integration durch die Abgrenzung gegenüber Fremdgruppen. Dies habe sich in Deutschland und den USA in Form der Migrantenfeindlichkeit geäußert. Die ostjüdischen Einwanderern zugeschriebenen Stereotype seien auch auf andere Gruppen übertragen worden, wie auf Chinesen (USA) und Polen (Deutschland). Es entwickelten sich in Deutschland und den USA ähnliche Praktiken der Diskriminierung, was Frankel am Beispiel des Einwanderungsrechts, des Bäder-Antisemitismus und der Ausgrenzung von Juden an den Universitäten zeigt.

Feindseligkeit gab es aber nicht nur gegenüber ostjüdischen Zuwanderern, sondern auch gegenüber assimilierten Juden. Für Deutschland ist dies auf den langen und widersprüchlichen Emanzipationsprozess zurückgeführt worden. Da nicht alle Staaten der Gleichstellung auf Bundesebene folgten, habe es den langen Kampf um die Gleichberechtigung auch in den USA gegeben. Dieser Kampf wurde nur de jure zugunsten der Juden entschieden. Der Antisemitismus brach während des Ersten Weltkriegs in beiden Ländern wieder verstärkt aus und zwar im Vorwurf mangelnder nationaler Loyalität. So kam es 1916 zu einer „Judenzählung“ im kaiserlichen Heer, um dem Vorwurf der Drückebergerei nachzugehen. In den USA setzte sich der Antisemitismus in den Streitkräften im Zweiten Weltkrieg nahtlos fort. Obwohl Frankel auf beiden Seiten des Atlantiks unter anderem Prediger und Theologen als Träger des Antisemitismus ausmacht, kommen religiöse Motive im modernen Antisemitismus in seiner Studie zu kurz. Es ist schon erklärungsbedürftig, warum dieselben evangelikalen (bzw. in Deutschland pietistischen) Kreise einst Vorkämpfer des Antisemitismus waren und heute Philosemitismus und Philo-Zionismus predigen.

Frankel unterscheidet einen eher moderat auftretenden gesellschaftlichen Antisemitismus von einem hochideologisierten Radikalantisemitismus. Dieser entwickelte chimärische Stereotype (Gavin Langmuir) wie die Verschwörungstheorie vom jüdischen Bolschewismus. Massenhaft verbreitet wurde sie von Henry Fords „Dearborn Independent“, der 1924 eine Auflage von 400.000 Exemplaren erreichte. Demgegenüber war der ideologisch verwandte „Völkische Beobachter“ ein unbedeutendes bayerisches Provinzblatt. (S. 100-111)

Die Weltwirtschaftskrise gab dem zwischenzeitlich abgeflauten Antisemitismus neue Nahrung. Boykottaufrufe, Übergriffe und gewalttätige Rhetorik waren nicht nur in der Weimarer Republik an der Tagesordnung, sondern auch in den USA. Nicht einmal die Denunzierung der Weimarer Republik als „Judenrepublik“ war ein Alleinstellungsmerkmal. So behauptete die rechtsradikale und christlich-fundamentalistische Anti-Roosevelt-Propaganda, die Staatsspitze in Washington sei von einem jüdischen „deep state“ unterwandert. Doch zu einer Machtübernahme der zersplitterten radikalantisemitischen Kräfte kam es in den USA nicht. Sie blieben ohne exekutive Macht. Das spiegelte sich in den Gallup-Umfragen 1940-46: Die Amerikaner lehnten antisemitische Maßnahmen ab, weil ihnen das abschreckende Beispiel des Dritten Reich vor Augen stand. Gleichzeitig stimmen sie antisemitischen Vorurteilen aber zu. (S. 153f.)

In Einzelfällen gelingt es Frankel, von einer international vergleichenden zu einer transnationalen Betrachtungsweise überzugehen. Das gilt zum Beispiel für die Agitationsreise Hermann Ahlwardts durch die USA oder der Versuch des Ku-Klux-Klans, sich im Deutschland der Weimarer Republik zu etablieren. Ebenso interessant ist der Verweis darauf, dass Adolf Hitler die Schriften amerikanischer Antisemiten und Rassisten bekannt waren und er in „Mein Kampf“ die rassischen Kriterien folgende US-amerikanische Einwanderungspolitik lobte.

Vergleichen bedeutet, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Als zentraler Unterschied zwischen dem deutschen und amerikanischen Antisemitismus verbleibt in Frankels Studie letztlich nur noch die Person Adolf Hitlers. Für die Erklärung der nach 1933 erfolgten dramatischen Weggabelung ist das zu wenig. Hier müsste die Forschung nacharbeiten und auch langfristige Strukturbedingungen berücksichtigen, wenn man nicht auf die überwundene Betriebsunfall-These zurückfallen möchte.

 Autor: Thomas Gräfe

 

Richard E. Frankel, Antisemitismus vor dem Holocaust. Deutschland und die Vereinigten Staaten im Vergleich. Eine Neubewertung, Berlin 2026.

 

Anmerkungen

[1] Paul W. Massing, Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, hrsg. und mit einem Nachwort von Ulrich Wyrwa, Hamburg 2021.

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