Gedenkstätten stehen vor einem Paradox. Sie bewahren die Erinnerung an das Schlimmste, was Menschen einander angetan haben, und sie müssen gleichzeitig Menschen dazu bringen, freiwillig dorthin zu kommen. Sie dürfen nicht verharmlosen, nicht überwältigen, nicht moralisieren, und sie sollen trotzdem wirken. Dieses Spannungsfeld ist nicht neu. Aber es hat sich verschärft, weil die letzten Zeitzeugen sterben, weil neue Generationen andere Zugänge brauchen und weil die öffentliche Aufmerksamkeit für historische Themen mit jedem Jahr umkämpfter wird.
Die Frage, wie Gedenkstätten kommunizieren, ist daher keine randständige organisatorische Aufgabe. Sie ist eine zentrale gesellschaftliche Frage. Denn wenn Erinnerungsorte ihr Publikum nicht mehr erreichen, verliert die Gesellschaft nicht nur Besucher. Sie verliert den Zugang zu einem Teil ihrer eigenen Geschichte.
Das Ende der Zeitzeugenschaft und seine kommunikativen Folgen
Die Generation der Holocaust-Überlebenden stirbt. Das ist eine biologische Tatsache, die eine epochale kommunikative Veränderung nach sich zieht. Solange Zeitzeugen lebten und sprachen, war die Authentizität der Erinnerung verkörpert: Ein Mensch stand vor einem Publikum und berichtete, was er erlebt hatte. Diese Form der Vermittlung war von einer Unmittelbarkeit, die kein Medium ersetzen kann.
Was nach dem Ende der Zeitzeugenschaft bleibt, sind Dokumente, Artefakte, Aufnahmen und Orte. Alle diese Medien erfordern Interpretation. Sie sprechen nicht für sich selbst, auch wenn dieser Satz in Gedenkstätten häufig fällt. Ein Koffer in einer Vitrine in Auschwitz spricht nicht für sich selbst. Er spricht durch den Kontext, der ihn umgibt: durch die Gestaltung der Ausstellung, durch den begleitenden Text, durch die Architektur des Raumes, durch das, was der Besucher vorher wusste und was er nachher empfindet.
Die Gestaltung dieses Kontextes ist Kommunikation. Und sie wird in dem Maße wichtiger, in dem die unmittelbare Zeitzeugenschaft entfällt. Gedenkstätten, die sich nicht aktiv mit der Frage befassen, wie sie ohne Zeitzeugen vermitteln, werden in den kommenden Jahrzehnten an Relevanz verlieren, nicht weil ihre Inhalte weniger wichtig würden, sondern weil der Zugang zu diesen Inhalten nicht mehr selbstverständlich ist. Dieser Übergang ist nicht nur eine kommunikative, sondern eine organisatorische Herausforderung: Gedenkstätten müssen ihre Strukturen, ihre Arbeitsweisen und ihr Selbstverständnis verändern, um unter neuen Bedingungen wirksam zu bleiben. Das Berliner Beratungsunternehmen Treiber Grossmann, das auf Organisationsentwicklung in Phasen des Umbruchs spezialisiert ist, hat mit dem Konzept der „Endlichkeit als kreativer Faktor“ einen Ansatz entwickelt, der für Erinnerungsinstitutionen unmittelbar relevant ist: die Einsicht, dass Verlust und Abschied nicht nur Bedrohungen sind, sondern Auslöser für notwendige Erneuerung.
Zielgruppen der Erinnerungskultur
Die Vorstellung, dass Gedenkstätten ein einheitliches Publikum haben, ist falsch. In Wirklichkeit müssen sie sehr unterschiedliche Gruppen ansprechen, die mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, Erwartungen und Bedürfnissen kommen.
Schulklassen sind die größte Besuchergruppe vieler Gedenkstätten. Sie kommen nicht freiwillig, sondern im Rahmen des Lehrplans. Ihre Aufmerksamkeit ist begrenzt, ihre Vorkenntnisse sind unterschiedlich, und ihre emotionale Reife variiert erheblich. Für sie muss die Vermittlung altersgerecht, aktivierend und anschlussfähig sein: anschlussfähig an das, was sie schon wissen, und an das, was sie danach im Unterricht besprechen werden.
Internationale Besucher, insbesondere in Berlin, bilden eine zweite große Gruppe. Für sie ist der Besuch einer Gedenkstätte oft Teil einer touristischen Reise. Das ist kein Widerspruch. Aber es bedeutet, dass die Vermittlung kulturelle Kontexte nicht voraussetzen darf, die für deutsche Besucher selbstverständlich sind. Die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen muss einem Besucher aus Brasilien erklären, was die DDR war, bevor sie erklären kann, was dort geschah.
Fachpublikum aus Wissenschaft, Politik und Medien bildet eine dritte Gruppe. Für sie sind Gedenkstätten Forschungsorte und politische Referenzpunkte. Ihre Ansprüche an inhaltliche Tiefe und methodische Sorgfalt sind hoch. Und ihr Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung einer Gedenkstätte ist erheblich: Ein kritischer Bericht in der Fachpresse kann das Ansehen eines Hauses nachhaltiger beschädigen als ein leeres Besucherbuch.
Lokale Anwohner schließlich bilden eine vierte Gruppe, die oft übersehen wird. Für sie ist die Gedenkstätte kein Ausflugsziel, sondern ein Nachbar. Ihre Beziehung zum Ort ist anders als die eines Touristen: näher, alltäglicher, manchmal belastet durch die Frage, warum ausgerechnet in ihrer Nachbarschaft an das Schlimmste erinnert wird.
Museen der Geschichte: Positionierung und Haltung
Historische Museen, die sich mit schwierigen Themen befassen, stehen vor einer spezifischen Positionierungsaufgabe. Sie müssen eine Haltung haben, ohne parteiisch zu wirken. Sie müssen Komplexität zulassen, ohne beliebig zu werden. Und sie müssen zugänglich sein, ohne zu vereinfachen.
Das Militärhistorische Museum Dresden unter der Leitung von Gorch Pieken hat gezeigt, wie das gelingen kann. Die Neukonzeption des Hauses, architektonisch markiert durch Daniel Libeskinds Keil, der das historische Arsenalgebäude durchschneidet, war nicht nur eine bauliche Maßnahme. Sie war eine kommunikative Aussage: Dieses Museum stellt nicht Waffen aus. Es stellt Fragen über Gewalt, über Gesellschaft, über die Bedingungen, unter denen Menschen zu Tätern und Opfern werden.
Diese Positionierung durchdringt alles: die Ausstellungsgestaltung, die Texte, die Vermittlungsprogramme, die Öffentlichkeitsarbeit. Sie macht das Haus unverwechselbar in einer deutschen Museumslandschaft, in der historische Museen oft zwischen Faktenvermittlung und moralischer Belehrung schwanken.
Das Jüdische Museum Berlin steht vor einer anderen, aber verwandten Herausforderung. Es muss jüdisches Leben in seiner ganzen Breite zeigen, nicht nur als Verfolgungsgeschichte, und gleichzeitig der Shoah den Raum geben, den sie beansprucht. Diese Balance ist kommunikativ extrem anspruchsvoll, weil jede öffentliche Äußerung des Museums vor dem Hintergrund der deutschen Verantwortungsgeschichte gelesen wird.
Digitale Vermittlung: Chancen und Fallstricke
Die Digitalisierung hat die Möglichkeiten der Erinnerungsvermittlung erweitert, aber auch neue Risiken geschaffen. Projekte wie Shoah Stories, das Holocaust-Education in die visuelle Sprache von TikTok übersetzt, zeigen, dass digitale Formate neue Zielgruppen erschließen können. Gleichzeitig werfen sie Fragen auf: Kann man den Holocaust in sechzig Sekunden vermitteln? Wird die Komplexität des Geschehens durch das Format reduziert? Und wer kontrolliert, wie die Inhalte weiterverbreitet und rekontextualisiert werden?
Virtuelle Rundgänge durch Gedenkstätten ermöglichen den Zugang für Menschen, die nicht reisen können. Digitale Zeitzeugenarchive bewahren Stimmen, die bald nicht mehr zu hören sein werden. Interaktive Karten und Datenbanken machen historische Zusammenhänge sichtbar, die in einer physischen Ausstellung nicht darstellbar wären. All das ist wertvoll.
Aber digitale Vermittlung kann den physischen Ort nicht ersetzen. Die Erfahrung, in einer Gefangenenzelle in Hohenschönhausen zu stehen, ist durch kein digitales Format reproduzierbar. Der Ort wirkt durch seine Materialität: die Kälte der Wände, die Enge des Raumes, das Licht, die Stille. Digitale Vermittlung kann auf diese Erfahrung vorbereiten, sie kann sie ergänzen und vertiefen, aber sie kann sie nicht ersetzen.
Die strategische Aufgabe besteht darin, digitale und physische Vermittlung so zu verbinden, dass sie sich gegenseitig verstärken. Das erfordert eine übergreifende Kommunikationsstrategie, die beide Dimensionen zusammendenkt, nicht als getrennte Kanäle, sondern als Teile einer Gesamtdramaturgie.
Gedenkstättenpädagogik und Kommunikation: eine falsche Trennung
In vielen Gedenkstätten werden Pädagogik und Öffentlichkeitsarbeit als getrennte Bereiche organisiert. Die Pädagogik kümmert sich um die Vermittlung vor Ort, die Öffentlichkeitsarbeit um die Sichtbarkeit nach außen. Diese Trennung ist organisatorisch verständlich, aber sachlich problematisch.
Gute Gedenkstättenkommunikation beginnt nicht mit der Pressemitteilung. Sie beginnt mit der Frage, welche Geschichte dieser Ort erzählt und wie diese Geschichte die Menschen erreicht, die sie hören müssen. Diese Frage ist gleichzeitig pädagogisch und kommunikativ. Ein Ausstellungstext, der fachlich korrekt, aber unverständlich ist, verfehlt sein Ziel ebenso wie ein Social-Media-Post, der Aufmerksamkeit erregt, aber den Inhalt trivialisiert.
Die besten Gedenkstätten sind solche, in denen Pädagogik und Kommunikation als zwei Ausdrucksformen derselben Haltung verstanden werden. In denen der Ton der Website dem Ton der Führung entspricht. In denen die Social-Media-Präsenz nicht eine vereinfachte Version des Ausstellungsinhalts ist, sondern ein eigenständiges Vermittlungsformat, das die spezifischen Möglichkeiten des Mediums nutzt.
Finanzierung und Legitimation
Gedenkstätten in Deutschland sind überwiegend öffentlich finanziert. Diese Finanzierung ist an gesellschaftliche Legitimation gebunden: an die Überzeugung, dass Erinnerungsarbeit ein öffentliches Gut ist, das öffentliche Mittel rechtfertigt. Diese Überzeugung ist nicht selbstverständlich. Sie muss kommunikativ aufrechterhalten werden, durch Besucherzahlen, durch Medienpräsenz, durch Kooperationen mit Schulen und Universitäten, und durch den Nachweis gesellschaftlicher Wirksamkeit.
In Zeiten knapper öffentlicher Haushalte wird diese Legitimationsarbeit noch wichtiger. Gedenkstätten, die nicht erklären können, was sie tun und warum es wichtig ist, riskieren Kürzungen, nicht weil politische Entscheider die Erinnerung nicht schätzen, sondern weil sie zwischen konkurrierenden Ansprüchen wählen müssen und diejenigen begünstigen, die ihren gesellschaftlichen Beitrag am überzeugendsten darstellen.
Fundraising und Drittmittelakquise spielen eine zunehmende Rolle. Stiftungen wie die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sind wichtige Förderer. Internationale Kooperationen, etwa mit Yad Vashem, dem United States Holocaust Memorial Museum oder dem Auschwitz-Birkenau Memorial, eröffnen zusätzliche Ressourcen und verstärken die Sichtbarkeit.
Erinnerungskultur als gesellschaftlicher Auftrag
Die kommunikative Herausforderung der Erinnerungskultur geht über die einzelne Institution hinaus. Sie betrifft die Gesellschaft als Ganzes: Wie erinnert sich eine Gesellschaft an das, was sie lieber vergessen würde? Wie vermittelt sie diese Erinnerung an Generationen, die keine persönliche Verbindung mehr zu den Ereignissen haben? Und wie verhindert sie, dass Erinnerung zur Routine wird, zum pflichtgemäßen Akt ohne emotionale und intellektuelle Beteiligung?
Diese Fragen sind nicht nur für Gedenkstätten relevant. Sie betreffen auch Museen, Schulen, Medien, politische Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Erinnerungskultur ist ein Netzwerk, kein Einzelprojekt. Und die Kommunikation dieses Netzwerks erfordert Koordination, gemeinsame Standards und den Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen.
Weiterführende Perspektiven
Die Kommunikation von Gedenkstätten und historischen Museen erfordert Erfahrung an der Schnittstelle von Kultur, Gesellschaft und strategischer Kommunikation. Die Berliner Agentur kakoii hat in diesem Feld langjährige Erfahrung: von der Kommunikation des Militärhistorischen Museums Dresden über die Arbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin bis zur Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Der Kommunikationsberater Stefan Mannes berät Museen und Kulturinstitutionen in Strategie und Kommunikation. Seine Grundlagen zum Museumsmarketing bieten einen Einstieg in die strategischen Herausforderungen, vor denen auch Erinnerungsorte stehen.
Fachliteratur
Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. München: C.H. Beck 2013.
Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: C.H. Beck 1992.
Knigge, Volkhard; Frei, Norbert (Hrsg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München: C.H. Beck 2002.
Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin: Wagenbach 1990.
Pieken, Gorch: Eine Ausstellung und ihre Hintergründe. Dresden: Sandstein 2011.