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Startseite > SS – Schutzstaffel: Organisation und Verbrechen
Geschrieben von: Lukas Schmitt | Erstellt: 10. Oktober 2026

SS – Schutzstaffel: Organisation und Verbrechen

Die SS, kurz für Schutzstaffel, gehörte zu den zentralen Organisationen der nationalsozialistischen Herrschaft. Aus einer kleinen Bewachungseinheit für Adolf Hitler entwickelte sich ein weit verzweigter Apparat, der Parteiorganisation, Polizei, Nachrichtendienst, militärische Verbände und Konzentrationslager miteinander verband. SS-Angehörige organisierten Deportationen, führten Massenerschießungen durch und betrieben Lager, in denen Menschen ausgebeutet und ermordet wurden. Die Geschichte der SS erklärt deshalb wesentliche Voraussetzungen des Holocaust und anderer nationalsozialistischer Massenverbrechen.

Ihre verschiedenen Bereiche erfüllten unterschiedliche Aufgaben. Allgemeine SS, Waffen-SS und Lagerpersonal waren dennoch durch Führung, Personalwechsel und gemeinsame ideologische Grundlagen verbunden. Eine Trennung zwischen einer angeblich unpolitischen kämpfenden Truppe und einem ausschließlich verbrecherischen übrigen Apparat führt in die Irre. Zugleich wirkten an den Verbrechen viele Institutionen außerhalb der SS mit. Verantwortlichkeit muss anhand konkreter Zuständigkeiten und Handlungen untersucht werden.

Heinrich Himmler in der Uniform des Reichsführers-SS, Aufnahme von 1942.

Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, 1942. Fotograf: Friedrich Franz Bauer. Bundesarchiv, Bild 183-S72707 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-S72707, Heinrich Himmler, CC BY-SA 3.0 DE

Inhalt

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  • Entstehung der Schutzstaffel und Aufstieg Himmlers
  • Ideologie, Auswahl und Selbstverständnis
  • Allgemeine SS und bewaffnete Verbände
  • SS, Polizei und Reichssicherheitshauptamt
  • Konzentrationslager, Zwangsarbeit und wirtschaftliche Interessen
  • Verantwortung für Holocaust und Besatzungsverbrechen
  • Zusammenbruch und Aufarbeitung nach 1945
  • Literatur

Entstehung der Schutzstaffel und Aufstieg Himmlers

Die SS entstand 1925 nach der Neugründung der NSDAP als kleine Schutzorganisation für Hitler und nationalsozialistische Veranstaltungen. Sie war zunächst der wesentlich größeren Sturmabteilung, der SA, unterstellt. Heinrich Himmler übernahm 1929 ihre Führung. Er baute die Organisation aus und verband persönliche Gefolgschaft gegenüber Hitler mit dem Anspruch, eine nach rassistischen Kriterien ausgewählte nationalsozialistische Elite zu schaffen.

In der Weimarer Republik beteiligten sich SS-Männer am gewaltsamen Auftreten der NS-Bewegung. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 eröffneten staatliche Machtmittel neue Möglichkeiten. SS-Angehörige wirkten an der Verfolgung politischer Gegner mit und übernahmen zunehmend Aufgaben in Polizei und Haftstätten. Die Entstehung ihres Herrschaftsapparats war damit Teil der Zerstörung rechtsstaatlicher Begrenzungen.

Bei den Morden während der sogenannten Röhm-Affäre im Juni und Juli 1934 spielte die SS eine wesentliche Rolle. Anschließend wurde sie organisatorisch von der SA unabhängig. Hitler belohnte ihre Beteiligung an der Ausschaltung tatsächlicher und vermeintlicher Gegner. Der Aufstieg beruhte somit nicht allein auf organisatorischem Geschick, sondern auf der Bereitschaft, politische Gewalt und Mord auszuführen.

Ideologie, Auswahl und Selbstverständnis

Die SS stellte sich als Gemeinschaft besonders zuverlässiger Männer dar. Ihre Auswahlverfahren, Schulungen und Heiratsvorschriften folgten antisemitischen und rassistischen Vorstellungen. Abstammungsnachweise sollten eine angebliche „arische“ Herkunft belegen. Diese Kategorien besaßen keine wissenschaftliche Grundlage. Sie dienten der Einteilung von Menschen in vermeintlich höherwertige und minderwertige Gruppen und legitimierten Ausgrenzung, Entrechtung und Gewalt.

Zum Selbstbild gehörten bedingungsloser Gehorsam, Härte und die Bindung an Hitler. Feindbilder richteten sich gegen jüdische Menschen, politische Gegner und weitere als unerwünscht erklärte Gruppen. Schulung sollte Hemmungen gegenüber der Verfolgung abbauen und die eigene Gewalt als Pflicht erscheinen lassen. Der Begriff „Elite“ bezeichnet hier den Anspruch der Organisation, keine positive historische Bewertung.

Dieser Anspruch war nicht mit einer einheitlichen sozialen Herkunft ihrer Mitglieder verbunden. In der SS fanden sich Männer verschiedener Berufe und Bildungswege. Besonders ihre Verwaltungs- und Führungsstellen beschäftigten auch Akademiker und Fachleute. Bürokratische Arbeit und ideologische Radikalität schlossen sich nicht aus: Juristische, medizinische und wirtschaftliche Kenntnisse konnten für die Planung und Durchführung von Verbrechen eingesetzt werden.

Allgemeine SS und bewaffnete Verbände

Die Allgemeine SS bildete die breite Parteiorganisation mit regionalen Einheiten und zahlreichen hauptamtlichen Dienststellen. Viele Mitglieder gingen im Frieden einem zivilen Beruf nach. Ihre Tätigkeit umfasste Aufmärsche, Schulung, organisatorische Arbeit und politische Kontrolle. Daneben entstanden bewaffnete Formationen, darunter die Leibstandarte und die SS-Verfügungstruppe. Die Bewachung der Konzentrationslager wurde eigenen Verbänden übertragen.

Während des Krieges entwickelte sich aus den bewaffneten Formationen die Waffen-SS. Sie kämpfte in militärischen Operationen, gewöhnlich unter dem operativen Kommando der Wehrmacht, blieb aber organisatorisch und ideologisch mit Himmlers SS verbunden. Ihre Angehörigen wechselten teilweise zwischen Frontverbänden, Lagerdienst und anderen SS-Aufgaben. Die institutionellen Grenzen waren deshalb durchlässiger, als spätere Entlastungserzählungen behaupteten.

Die Waffen-SS wuchs stark und rekrutierte auch außerhalb Deutschlands. Neben Freiwilligen wurden im Verlauf des Krieges zahlreiche Männer unter unterschiedlichen Zwangsbedingungen eingezogen. Herkunft und Rekrutierungsweise erklären unterschiedliche Erfahrungen, beseitigen aber nicht die Verantwortung für individuelle Verbrechen. Angehörige verschiedener Waffen-SS-Einheiten ermordeten Kriegsgefangene und Zivilisten und beteiligten sich an antisemitischer Verfolgung sowie an verbrecherischen Besatzungsoperationen.

SS, Polizei und Reichssicherheitshauptamt

Himmler wurde 1936 Chef der Deutschen Polizei. Damit verband er seine Parteifunktion als Reichsführer-SS mit einer staatlichen Leitungsposition. Die Polizei verschmolz nicht vollständig mit der SS; ihre Führung, Personalpolitik und Aufgaben wurden jedoch zunehmend miteinander verflochten. Ordnungspolizei und Sicherheitspolizei bildeten unterschiedliche Bereiche. Zur Sicherheitspolizei gehörten Gestapo und Kriminalpolizei.

Der Sicherheitsdienst, kurz SD, war zunächst der Nachrichtendienst der SS und entwickelte sich zu einem Instrument politischer Beobachtung. 1939 fasste Reinhard Heydrich Sicherheitspolizei und SD im Reichssicherheitshauptamt zusammen. Dieses RSHA verband staatliche Polizeibefugnisse mit dem Nachrichtendienst der Partei. Es organisierte unter anderem die Verfolgung von Gegnern und die Deportation jüdischer Menschen.

Die Gestapo konnte Menschen ohne reguläres Gerichtsverfahren in sogenannte „Schutzhaft“ bringen. Dieser beschönigende Ausdruck bezeichnete ein Instrument willkürlicher Verfolgung. Die Sicherheitspolizei nutzte Verhöre, Folter und Haft, während der SD Informationen sammelte und politische Lageberichte erstellte. Ihre Tätigkeit beruhte auch auf Denunziationen und Zusammenarbeit mit Verwaltungen, Unternehmen und anderen Teilen der Bevölkerung.

Konzentrationslager, Zwangsarbeit und wirtschaftliche Interessen

Das 1933 errichtete Konzentrationslager Dachau wurde unter Theodor Eicke zu einem wichtigen Modell für die Organisation weiterer Lager. Die SS zentralisierte schrittweise Lagerverwaltung und Bewachung. Gewalt gegen Häftlinge war kein zufälliges Fehlverhalten einzelner Wachleute, sondern Bestandteil der Haftordnung. Menschen wurden entrechtet, gedemütigt, misshandelt und unter Bedingungen gehalten, die Krankheit und Tod hervorriefen.

Im Krieg vergrößerte sich das Lagersystem erheblich. Neben den Hauptlagern entstanden zahlreiche Außenlager bei Industriebetrieben und Baustellen. Das 1942 geschaffene SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unter Oswald Pohl vereinigte wirtschaftliche Aufgaben mit der Verwaltung der Konzentrationslager. Es organisierte den Arbeitseinsatz der Häftlinge und betrieb eigene Unternehmen. Zugleich profitierten private und staatliche Betriebe von ihrer Ausbeutung.

Arbeitskräftebeschaffung und Mordpolitik waren miteinander verbunden, ohne überall dieselbe Abfolge zu haben. Manche Menschen wurden sofort ermordet, andere zunächst zur Arbeit gezwungen. Hunger, Erschöpfung, Gewalt und mangelnde Versorgung führten zu massenhaftem Sterben. Die wirtschaftliche Nutzung der Häftlinge bedeutete keinen Schutz ihres Lebens. Entscheidungen über Produktionsbedarf und rassistische Vernichtung konnten nebeneinanderstehen und sich gegenseitig verstärken.

Verantwortung für Holocaust und Besatzungsverbrechen

Nach dem Überfall auf Polen 1939 und besonders nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 beteiligten sich SS- und Polizeieinheiten an systematischen Massenmorden. Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD folgten den deutschen Truppen. Gemeinsam mit weiteren Einheiten und örtlichen Helfern erschossen sie jüdische Männer, Frauen und Kinder sowie andere Verfolgte.

Die Höheren SS- und Polizeiführer koordinierten in besetzten Gebieten verschiedene Gewaltapparate. Unter der Bezeichnung „Partisanenbekämpfung“ wurden auch Dörfer zerstört und Zivilisten ermordet. Solche Operationen dürfen nicht pauschal als gewöhnliche militärische Maßnahmen beschrieben werden. Ihre Ziele und Durchführung verbanden Sicherheitsvorwände mit rassistischer Verfolgung, Plünderung und der gewaltsamen Neuordnung besetzter Gesellschaften.

Bei der sogenannten Aktion Reinhardt organisierte die SS die Ermordung der Juden im Generalgouvernement. Die Vernichtungszentren Bełżec, Sobibór und Treblinka gehörten zu diesem Mordprogramm. In Auschwitz-Birkenau verband die SS Konzentrationslager, Zwangsarbeit und Massenmord. Deportierte jüdische Menschen wurden vielfach unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Lager und Vernichtungszentren hatten unterschiedliche Funktionen, auch wenn sie personell und organisatorisch verbunden waren.

Das RSHA, regionale SS-Führungen, Lagerkommandanturen und wirtschaftliche Dienststellen teilten Aufgaben untereinander auf. Diese Arbeitsteilung erleichterte die Verbrechen; sie verringerte die Verantwortung der Beteiligten nicht. Auch Reichsbahn, Ministerien, Besatzungsverwaltungen und Wehrmacht wirkten mit. Der Holocaust war ein arbeitsteilig organisierter Massenmord, bei dem die SS eine zentrale, aber keine isolierte Rolle spielte.

SS-Dienststellen wirkten außerdem an der rassistischen Neuordnung besetzter Gebiete mit. Menschen wurden aus ihren Wohnungen und von ihrem Land vertrieben, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Das Rasse- und Siedlungshauptamt und weitere Einrichtungen bewerteten Menschen nach angeblichen rassischen Merkmalen. Solche Prüfungen waren keine wissenschaftliche Feststellung menschlicher Unterschiede, sondern Instrumente einer gewaltsamen Politik der Zugehörigkeit und Ausgrenzung.

Zu den Verbrechen gehörte die Verschleppung von Kindern, die als vermeintlich „eindeutschungsfähig“ eingestuft wurden. Sie wurden ihren Familien entzogen, erhielten teilweise neue Namen und sollten in deutschen Familien aufwachsen. Andere Kinder wurden ausgegrenzt, inhaftiert oder ermordet. Die Beteiligung verschiedener SS-Stellen an Vertreibung und Kindesentführung wurde nach dem Krieg unter anderem im Nürnberger RuSHA-Prozess untersucht. Dieser Bereich zeigt, dass SS-Gewalt nicht allein in Lagern und durch bewaffnete Einheiten ausgeübt wurde. Auch Verwaltung, Begutachtung und die Veränderung von Personenunterlagen konnten unmittelbar in die Verfolgung eingebunden sein.

Zusammenbruch und Aufarbeitung nach 1945

In der Kriegsendphase trieb die SS Häftlinge auf Todesmärsche, ermordete Gefangene und versuchte, Spuren zu beseitigen. Nach der deutschen Niederlage wurde die Organisation aufgelöst. Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg erklärte die SS 1946 zur verbrecherischen Organisation. Dabei unterschied das Urteil unter anderem zwischen wissender Beteiligung und zwangsweise aufgenommenen Personen ohne eigene Verbrechen.

Weitere Verfahren betrafen Lagerpersonal, Einsatzgruppen, Wirtschaftsverwaltung und andere SS-Bereiche. Dennoch entzogen sich zahlreiche Täter der Strafverfolgung oder erhielten vergleichsweise geringe Strafen. In der Bundesrepublik verbreiteten ehemalige Waffen-SS-Angehörige das Bild einer gewöhnlichen Soldatentruppe. Historische Forschung widerlegt diese pauschale Entlastung und untersucht die Verbindungen zwischen Frontdienst, Besatzungsgewalt und dem übrigen SS-Apparat.

Für die Aufarbeitung sind Verwaltungsakten, Befehle, Prozessunterlagen und Zeugnisse der Verfolgten gemeinsam auszuwerten. Täterdokumente zeigen Zuständigkeiten, verschleiern aber häufig Gewalt durch bürokratische Sprache. Überlebendenberichte erschließen Erfahrungen, die in solchen Akten fehlen. Eine Geschichte der Schutzstaffel muss deshalb Organisation und Handlungen erklären und zugleich die Menschen sichtbar machen, gegen die sich ihre Verbrechen richteten.

Autor: Lukas Schmitt

Literatur

Bastian Hein: Die SS. Geschichte und Verbrechen. München: C.H. Beck, 2015.

Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. München: Oldenbourg, 2012.

Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. München: Siedler, 2008.

Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Eine politische Organisationsanalyse. Hamburg: Hamburger Edition, 1999.

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München: Siedler, 2016.

Jan Erik Schulte: Zwangsarbeit und Vernichtung. Das Wirtschaftsimperium der SS. Oswald Pohl und das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt 1933–1945. Paderborn: Schöningh, 2001.

Jan Erik Schulte / Peter Lieb / Bernd Wegner (Hrsg.): Die Waffen-SS. Neue Forschungen. Paderborn: Schöningh, 2014.

Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg: Hamburger Edition, 2002.

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