Von einem Gift, das die Köpfe vernebelt
Mit der Neuauflage von „Toxische Sprache und geistige Gewalt“ legt die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel ein Buch vor, das eine oft unterschätzte Dimension des Antisemitismus ins Zentrum rückt: Sprache. Nicht als bloßes Begleitgeräusch gesellschaftlicher Konflikte, sondern als aktiver Mechanismus, der Wirklichkeit mitformt – indem er verschiebt, verharmlost, normalisiert.
Ausgangspunkt ist die spürbare Verschärfung antisemitischer Bedrohungslagen seit dem 7. Oktober 2023: Unsichtbarwerden jüdischen Lebens, Angst an Hochschulen, Schutzmaßnahmen bei Veranstaltungen, Angriffe auf Erinnerungsorte und Synagogen. Das Buch fragt, wie es dazu kommt, dass Feindschaft nicht nur laut auftritt, sondern auch durch beschönigende Umschreibungen und rhetorische Routinen gesellschaftsfähig wird.
Schwarz-Friesel beschreibt Judenfeindschaft als toxische Mischung aus geistigen Brandstiftern und opportuner Anpassung – und zeigt anhand vieler Beispiele, wie Sprache Antisemitismus zugleich verschleiern und legitimieren kann. Wer verstehen will, wie Hass sich verbreitet, ohne immer als Hass zu erscheinen, findet hier ein präzises Analysewerk, das Aufklärung als Sprachkritik ernst nimmt.
Für Leserinnen und Leser ist dieses Buch besonders relevant, weil es historische Kontinuitäten nicht nur über Ereignisse, sondern über Muster des Sprechens sichtbar macht. Ein klarer Kompass für alle, die Antisemitismus nicht nur als Thema, sondern als gesellschaftliches Klima begreifen wollen – und die verstehen möchten, wie dieses Klima sprachlich hergestellt wird.
Schwarz-Friesel, Monika: Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2025. 222 S., kartoniert. ISBN 978-3-381-14341-2.