Das Brot kam aus einer Nürnberger Großbäckerei. Bestimmt war es für Gefangene eines amerikanischen Internierungslagers in Langwasser, unter ihnen ehemalige SS-Angehörige. Im April 1946 erkrankten mehr als 2000 Männer nach dem Verzehr. Auf einer Aufnahme aus den anschließenden Ermittlungen untersuchen ein amerikanischer Offizier und ein deutscher Kriminalbeamter die Bäckerei. Hinter dem Anschlag stand eine kleine Gruppe jüdischer Holocaust-Überlebender: Nakam, Rache.

Ein amerikanischer Offizier und ein deutscher Kriminalbeamter untersuchen 1946 die Nürnberger Bäckerei nach dem Giftanschlag auf das Internierungslager Langwasser. Amtliche Aufnahme der U.S. Army, Fotograf nicht namentlich bekannt; National Archives and Records Administration, über Wikimedia Commons, gemeinfrei (PD-USGov-Military-Army).
Während in Nürnberg führende Vertreter des NS-Regimes vor Gericht standen, hatten diese Überlebenden beschlossen, selbst Vergeltung zu üben. Ihr ursprüngliches Vorhaben hatte noch eine andere Größenordnung besessen: Durch die Vergiftung deutscher Trinkwassersysteme sollten sechs Millionen Deutsche sterben. Dieser Plan wurde nicht ausgeführt. Die Geschichte seiner Vorbereitung und des späteren Brotanschlags führt in eine Nachkriegszeit, in der die Befreiung für viele Verfolgte zunächst bedeutete, das Ausmaß ihres Verlusts zu begreifen.
Ein Kriegsende ohne Heimkehr
Nach der deutschen Kapitulation suchten jüdische Überlebende nach Angehörigen, nach einer Unterkunft und nach Möglichkeiten, Europa zu verlassen. Viele konnten oder wollten nicht in ihre Herkunftsorte zurückkehren. Angehörige waren ermordet, ihre Gemeinden zerstört; auch nach dem Ende der NS-Herrschaft waren Juden antisemitischer Gewalt ausgesetzt. In den Lagern für Displaced Persons in Deutschland, Österreich und Italien warteten Menschen auf Ausreisemöglichkeiten. Zugleich entstanden dort Schulen, Zeitungen, politische Organisationen und neue Familien.
Die Wege aus der Verfolgung waren entsprechend verschieden. Der Wunsch nach Bestrafung konnte mit der Hoffnung auf ein neues Leben einhergehen, ohne in einen eigenen Gewaltakt zu münden. Nakam blieb eine kleine Minderheit. Ihre Mitglieder verstanden sich jedoch als Handelnde im Namen der Ermordeten. Nach Dina Porats Forschungen wollten sie zugleich verhindern, dass der Massenmord folgenlos blieb und die Welt erneut jüdisches Leben für schutzlos hielt.
Aus dieser Perspektive war Rache auch eine Botschaft an mögliche künftige Verfolger. Darin lag ein politischer Anspruch, der über persönliche Vergeltung hinausging. Die Gruppe wollte bestimmen, welche Antwort die Vernichtung der europäischen Juden erhalten sollte. Für ein solches Handeln besaß sie kein Mandat der Überlebenden insgesamt.
Abba Kovner: vom Widerstand zur Vergeltung
Im Mittelpunkt stand Abba Kovner, Jahrgang 1918, ein Aktivist der sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair. Während der deutschen Besatzung gehörte er zum jüdischen Widerstand in Wilna, dem heutigen Vilnius. Anfang Januar 1942 rief er die jüdische Jugend zum bewaffneten Widerstand auf. Er erkannte in den Morden an den litauischen Juden einen Teil des Vorhabens, die europäischen Juden insgesamt zu vernichten.
Kovner wirkte in der Vereinigten Partisanenorganisation des Ghettos mit. Nach dem Tod ihres ersten Führers Jitzchak Wittenberg übernahm er die Leitung. Im September 1943 gelang ihm mit anderen Widerstandskämpfern die Flucht in die Wälder; dort kämpfte er als Partisan gegen die deutschen Besatzer. Als die sowjetischen Truppen das Gebiet 1944 befreiten, hatte er überlebt. Die jüdische Welt, aus der er kam, war weitgehend zerstört.
Nach Kriegsende beteiligte sich Kovner an der Bricha, jener Bewegung, die jüdischen Überlebenden bei der Flucht aus Osteuropa und auf dem Weg nach Palästina half. Aus diesem Umfeld entstand 1945 Nakam. Die Verbindung von Fluchthilfe, zionistischen Zukunftsplänen und Vergeltungsabsichten gehörte zur Geschichte der Gruppe. Sie bedeutete keineswegs, dass die an der Bricha Beteiligten Kovners Rachevorhaben teilten.
Plan A: sechs Millionen Deutsche
Ungefähr 50 junge Frauen und Männer schlossen sich Nakam an. Viele hatten bereits im Untergrund oder als Partisanen gekämpft. Die Gruppe formierte sich zunächst in Lublin; weitere Stationen ihrer Tätigkeit lagen in Bukarest, Norditalien und Paris. Ihre Verbindungen überschritten damit die Grenzen der Besatzungszonen und der europäischen Nachkriegsstaaten.
In der radikalsten Fassung ihres Vorhabens sollte die Trinkwasserversorgung mehrerer deutscher Städte vergiftet werden. Die Zahl von sechs Millionen vorgesehenen Opfern bezog sich auf die jüdischen Toten des Holocaust. Eine entsprechende Zahl deutscher Toter sollte eine als angemessen verstandene Vergeltung herstellen. Die Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung trat dabei an die Stelle der Prüfung persönlicher Verantwortung. Der Anschlag hätte auch Kinder und andere Menschen getroffen, die an den NS-Verbrechen nicht beteiligt gewesen waren.
Hier verlief eine grundlegende Grenze innerhalb der jüdischen Vergeltungsaktionen. Einzelne Angehörige der Jüdischen Brigade suchten nach identifizierten NS-Tätern und töteten sie außerhalb gerichtlicher Verfahren. Kovners Plan zielte dagegen auf die deutsche Bevölkerung als Kollektiv. Kontakte zwischen solchen Gruppen dürfen diesen Unterschied nicht verdecken. Die Jüdische Brigade, eine Einheit der britischen Armee, war mit Nakam weder organisatorisch noch in ihren Zielen gleichzusetzen.
Der Rechtswissenschaftler Shai Lavi hat beide Formen als Versuche untersucht, nach der Verfolgung jüdische Handlungsfähigkeit neu zu begründen. Damit werden die Vorhaben historisch erklärbar; die Frage nach der Verantwortung für die beabsichtigten Tötungen bleibt bestehen.
Die Reise nach Palästina und das Scheitern des Plans
Kovner reiste 1945 nach Palästina, das damals unter britischer Mandatsherrschaft stand. Dort suchte er Unterstützung und beschaffte Gift. In Deutschland liefen unterdessen Vorbereitungen; besonders konkret wurden sie in Nürnberg, wo Mitglieder Zugang zur städtischen Wasserversorgung suchten.
Auf der Rückreise nach Europa wurde Kovner Ende 1945 von den Briten festgenommen. Das mitgeführte Gift gelangte nicht nach Deutschland. Damit scheiterte eine wesentliche Voraussetzung für die Ausführung des Plans. Zu einer Vergiftung der städtischen Trinkwasserversorgung kam es nicht.
Die Reise wurde später zum Gegenstand widersprüchlicher Erzählungen. Umstritten blieben das Wissen einzelner zionistischer Politiker, Kontakte zu Wissenschaftlern und die Frage einer möglichen gezielten Verhinderung. Entscheidend ist, welche Beteiligten von welchem Vorhaben wussten: Wer einen begrenzten Anschlag auf SS-Internierte unterstützte, hatte damit nicht notwendig einen Massenanschlag auf Zivilisten gebilligt. Porat beschreibt entschiedenen Widerspruch jener führenden Vertreter des Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft in Palästina, die vom umfassenden Vergeltungsplan erfuhren. Eine einheitliche jüdische Zustimmung zu Kovners Vorhaben gab es nicht.
Plan B: der Nürnberger Giftanschlag von 1946
Das zweite Vorhaben richtete sich gegen ehemalige SS-Angehörige in amerikanischen Internierungslagern. In Nürnberg kundschafteten Mitglieder die Versorgung des Lagers Langwasser aus. Leipke Distel, ein Überlebender aus Litauen, der als Partisan gekämpft und Konzentrationslager überstanden hatte, ließ sich in der liefernden Bäckerei beschäftigen. Zu den maßgeblichen Beteiligten gehörte auch Joseph Harmatz, ebenfalls ein früherer Widerstandskämpfer aus Wilna.
In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1946 vergifteten Gruppenmitglieder Brot, das anschließend an das Lager ausgeliefert wurde. Nach zeitgenössischen amerikanischen Angaben erkrankten mehr als 2000 Gefangene. Die oft genannte Zahl von 2283 Betroffenen gelangte damals auch in die internationale Presse. Amerikanische Stellen leiteten medizinische Maßnahmen und Ermittlungen ein. Todesopfer sind nach heutigem Erkenntnisstand nicht nachgewiesen.
Der Anschlag war damit eine tatsächlich begangene Vergiftung, deren Folgen erheblich hinter der Tötungsabsicht der Beteiligten zurückblieben. Dass die Betroffenen in einem Internierungslager festgehalten wurden, ersetzte zudem kein Verfahren zur Feststellung individueller Schuld. Der Wechsel von der allgemeinen Bevölkerung zu SS-Internierten begrenzte den anvisierten Personenkreis; eine gerichtliche Bestrafung wurde daraus nicht.
Nach der Aktion: Neubeginn und Schweigen
Beteiligte verließen Deutschland und gingen nach Palästina. Kovner ließ sich mit seiner Frau und früheren Mitkämpferin Vitka Kempner im Kibbuz Ein HaHoresh nieder. Er wurde ein bedeutender hebräischer Dichter und wirkte an der Erinnerung an den jüdischen Widerstand mit. Die Bindungen zwischen früheren Gruppenmitgliedern bestanden fort; einzelne verfolgten zeitweise weitere Vergeltungsvorhaben.
Über die Geschichte von Nakam sprachen viele Beteiligte lange nur zurückhaltend. Porat führt dies unter anderem auf ihre Sorge zurück, nach den Erfahrungen der Verfolgung nun selbst ausschließlich als gewaltbereite Rächer wahrgenommen zu werden. Auch der Widerspruch zwischen ihrer früheren Erziehung und dem geplanten Massenmord blieb erklärungsbedürftig. Ein neues Leben aufzubauen bedeutete nicht notwendig, die damaligen Absichten später zu widerrufen.
Seit den 1980er-Jahren wurde die Geschichte durch Aussagen der Beteiligten und Veröffentlichungen deutlicher sichtbar. Spätere Interviews von Distel und Harmatz trugen wesentlich zur Rekonstruktion des Nürnberger Anschlags bei. Deutsche Ermittlungen wegen versuchten Mordes wurden wieder eingestellt. Daraus lässt sich keine gerichtliche Billigung des Vorhabens ableiten.
Was von Nakam zu erzählen ist
Die Quellen verlangen eine sorgfältige Unterscheidung zwischen Geschehen und Erinnerung. Amerikanische Ermittlungsunterlagen und zeitgenössische Berichte erschließen den Anschlag und seine unmittelbaren Folgen. Jahrzehnte später geführte Interviews erklären, wie Beteiligte ihre Motive und Entscheidungen verstanden. Gerade bei geheimen Absprachen und politischen Kontakten können solche Erinnerungen jedoch voneinander abweichen. Porats umfassende Untersuchung verbindet die Zeugnisse mit weiteren archivalischen Quellen.
Die Geschichte berührt zudem ein belastetes Bildgedächtnis. Vorstellungen von angeblich jüdischer Rachsucht gehörten lange zum Repertoire des Antisemitismus. Der geplante Massenanschlag einer kleinen Gruppe belegt keine solche kollektive Eigenschaft. Ebenso wenig verlangt eine angemessene Erinnerung, Überlebende ausschließlich als versöhnungsbereite Menschen darzustellen. Ihre unterschiedlichen Wünsche und Handlungen gehören zur Geschichte nach dem Holocaust.
Der Spielfilm „Plan A“ von Doron und Yoav Paz hat diesem Kapitel größere Aufmerksamkeit verschafft. Er erzählt es durch die erfundene Figur eines Überlebenden und verdichtet historische Vorgänge zu einem Drama. Die historische Untersuchung muss genauer unterscheiden: zwischen Absicht und Ausführung, individuellem Täter und nationalem Kollektiv, dem Wunsch nach Gerechtigkeit und einer Handlung, die neue Schuld begründet hätte. Dass der umfassende Massenanschlag ausblieb, gehört ebenso zu Nakam wie die Entschlossenheit, mit der seine Mitglieder ihn vorbereiteten.
Autor: Redaktion
Literatur
Dina Porat: „Die Rache ist Mein allein“. Vergeltung für die Schoa: Abba Kovners Organisation Nakam. Aus dem Hebräischen von Helene Seidler. Mit einem Geleitwort von Michael Brenner und einem Nachwort von Armin Lange. Paderborn: Brill | Schöningh, 2021.
Dina Porat: The Fall of a Sparrow. The Life and Times of Abba Kovner. Übersetzt und bearbeitet von Elizabeth Yuval. Stanford: Stanford University Press, 2009.
Jim G. Tobias / Peter Zinke: Nakam. Jüdische Rache an NS-Tätern. Hamburg: Konkret Literatur Verlag, 2000.
Shai Lavi: „The Jews are Coming“: Vengeance and Revenge in post-Nazi Europe. In: Law, Culture and the Humanities 1, Heft 3 (2005), S. 282–301.
Max Czollek / Erik Riedel / Mirjam Wenzel (Hrsg.): Rache. Geschichte und Fantasie. München: Carl Hanser Verlag, 2022.
Achim Doerfer: Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen. Die Rache der Juden, das Versagen der deutschen Justiz nach 1945 und das Märchen deutsch-jüdischer Versöhnung. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021.
