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Startseite > Rezensionen > Filmrezensionen > Plan A: Der Frieden der anderen
Geschrieben von: Redaktion Zukunft braucht Erinnerung | Zuletzt aktualisiert am 26. Oktober 2026

Plan A: Der Frieden der anderen

Max kommt nach Hause und findet dort ein fremdes Leben vor. Andere Menschen bewohnen das Haus, in dem er mit seiner Familie gelebt hat. Seine Rückkehr ist unerwünscht. Der Krieg ist vorbei, die Verhältnisse haben sich eingerichtet. Für den jüdischen Überlebenden aber beginnt die Suche: nach seiner Frau, seinem Sohn, nach einer Verbindung zwischen dem Menschen, der er gewesen ist, und dem, der nun weiterleben soll.

In dieser Rückkehr liegt bereits die ganze Schwierigkeit des Friedens. Die Befreiung hat Max vor weiterer Verfolgung bewahrt; was ihm genommen wurde, kann sie ihm nicht zurückgeben. Doron und Yoav Paz nehmen diesen Abstand zwischen dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und dem Weiterleben ihrer Opfer zum Ausgangspunkt ihres Films „Plan A“. Sie erzählen von Menschen, denen der Neubeginn, den andere ihnen nahelegen, zunächst wie eine Forderung erscheinen muss. Wer alles verloren hat, soll wieder eine Zukunft haben wollen. Wer die Ermordung seiner Angehörigen überlebt hat, soll sich zu einer Welt verhalten, die ohne diese Angehörigen fortbesteht.

Dass daraus ein außerordentlich packender Film wird, verdankt sich einer klugen dramaturgischen Entscheidung. Die Paz-Brüder führen in die Geschichte der jüdischen Rachegruppe Nakam durch eine erfundene Figur ein. Max, gespielt von August Diehl, steht zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten, auf das Überlebte zu antworten. Er begegnet Angehörigen der Jüdischen Brigade, jener Einheit der britischen Armee, in deren Umfeld Überlebenden bei der Auswanderung nach Palästina geholfen wurde und einzelne Männer zugleich NS-Täter verfolgten. Schließlich gerät er in den Kreis um Abba Kovner. Dessen Gruppe plant eine Vergeltung von entsetzlicher Größenordnung: Durch die Vergiftung deutscher Trinkwassersysteme sollen sechs Millionen Deutsche sterben.

Mit dieser Zahl bekommt der Gedanke der Rache eine andere Bedeutung. Sie bezeichnet keine ermittelten Täter, keine nachgewiesenen Verbrechen, keine individuelle Verantwortung. Sie setzt der Zahl der ermordeten Juden eine Zahl deutscher Toter entgegen. Die Nation soll für die Nation bezahlen. Der Wunsch, die Ermordeten nicht ungesühnt zu lassen, verbindet sich mit einem Vorhaben, das Menschen unabhängig davon töten würde, was sie getan oder unterlassen haben. „Plan A“ gewinnt seine Spannung aus dem Weg an diese Grenze.

August Diehl ist dafür eine herausragende Besetzung. Er gibt Max eine innere Verschlossenheit, die sich einer raschen Erklärung entzieht. Verlust, Erschöpfung und Wut bleiben in seiner Darstellung miteinander verbunden; die Figur lässt sich auf keines dieser Gefühle reduzieren. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit, mit der Diehl Max’ Annäherung an die Gruppe vermittelt. Die Aussicht auf eine gemeinsame Tat bedeutet für diesen Vereinzelten auch, wieder zu anderen Menschen zu gehören. Eine Aufgabe zu haben. Der eigenen Ohnmacht etwas entgegensetzen zu können. Damit erhält die Verführung durch den Racheplan eine persönliche Dimension, die über jede abstrakte Debatte hinausgeht.

Diehl bewahrt dabei etwas Unabgeschlossenes in seiner Figur. Max ist für eine Entscheidung noch erreichbar. Gerade deshalb interessiert, was aus ihm wird. Seine Verletzung erklärt die Nähe zur Vergeltung, nimmt ihm jedoch die Verantwortung für sein Handeln nicht ab. Darin liegt die anspruchsvolle Aufgabe dieser Rolle: einen Menschen verständlich zu machen, ohne seine Entscheidung vorwegzunehmen. Diehl gelingt das mit einer Intensität, die den Film trägt. Sylvia Hoeks und Michael Aloni geben der Auseinandersetzung weitere, eigenständige Gewichte. Im Ensemble bleibt spürbar, wie verschieden die Vorstellungen davon sein können, was den Ermordeten geschuldet ist und was den Lebenden noch offensteht.

Die Paz-Brüder haben für diesen Stoff die Form des Thrillers gewählt. Darin steckt ein erhebliches Risiko. Geheime Vorbereitungen, Loyalitätskonflikte und die drohende Entdeckung könnten aus der historischen Erfahrung jederzeit einen bloßen Spannungsanlass machen. Hier aber bewährt sich die Dramaturgie gerade darin, dass mit dem Fortschreiten des Plans auch das moralische Unbehagen wächst. Das Publikum wird an Max gebunden und muss sich zugleich fragen, wohin es ihm folgen kann. Die Anteilnahme wird auf eine Probe gestellt, die der Film sorgfältig vorbereitet.

Das ist feinfühlig inszeniert, weil die Nähe zu den Figuren bestehen bleibt, während die Reichweite ihres Vorhabens immer deutlicher wird. Ihr Wunsch nach Vergeltung erhält Raum, auch in seiner Unversöhnlichkeit. Es wäre eine eigentümliche Fortsetzung der Entmündigung, von jüdischen Überlebenden ausgerechnet jene Großmut zu verlangen, die eine spätere Erinnerungskultur gern in ihnen sehen möchte. Zugleich steht die geplante Tötung von Millionen Menschen im Raum. Der Film hält beide Zumutungen gegenwärtig. Seine Spannung entsteht wesentlich daraus, dass das eine Wissen das andere nicht aufhebt.

Auch der deutsche Untertitel „Was würdest du tun?“ gewinnt vor diesem Hintergrund an Schärfe. Als Aufforderung, sich selbst gedanklich an die Stelle eines Holocaust-Überlebenden zu setzen, wäre er vermessen. Zwischen einer solchen Vorstellung und der historischen Erfahrung bleibt ein unüberbrückbarer Abstand. Fruchtbar wird die Frage dort, wo sie die Sicherheit des eigenen Urteils berührt. Wie leicht lässt sich von Menschen Maßhalten verlangen, deren Angehörige ermordet wurden? Und an welchem Punkt wird das Verständnis für ihre Beweggründe selbst zur Ausflucht vor der Beurteilung einer geplanten Tat? „Plan A“ macht es seinem Publikum schwer, sich mit einer einzigen Antwort zufriedenzugeben.

Sein historischer Gegenstand verdient dabei Genauigkeit. Nakam war eine kleine Gruppe jüdischer Überlebender um den ehemaligen Partisanen und späteren Schriftsteller Abba Kovner. Der Plan zur Vergiftung deutscher Trinkwassersysteme wurde nicht ausgeführt. Ein anderer Anschlag fand statt: Im April 1946 vergifteten Mitglieder Brot für ein amerikanisches Internierungslager bei Nürnberg, in dem unter anderem frühere SS-Angehörige festgehalten wurden. Tausende erkrankten; bestätigte Todesopfer sind nach heutigem Kenntnisstand nicht nachgewiesen. Diese Geschichte ist erforscht worden, blieb im breiteren öffentlichen Bewusstsein jedoch wenig präsent. Der Film erschließt sie über eine persönliche Handlung, deren Verdichtungen von den belegten Abläufen zu unterscheiden sind.

Sein Verdienst reicht über die Bekanntmachung dieses Kapitels hinaus. „Plan A“ fordert eine Erinnerung heraus, die Überlebende vor allem als Zeugen ihrer Verfolgung wahrnimmt und ihre Lebensgeschichte gern auf einen versöhnlichen Ausgang zulaufen lässt. Hier begegnen sie als Handelnde, mit widerstreitenden Absichten und Entscheidungen, die beunruhigen. Das eröffnet einen Blick auf die Nachkriegszeit, in dem die Befreiung ihren historischen Rang behält und dennoch kein glückliches Ende garantiert.

Mit seiner hervorragenden Besetzung, seiner präzisen Dramaturgie und dem Ernst seiner Inszenierung wird „Plan A“ diesem schwierigen Gegenstand auf bemerkenswerte Weise gerecht. Der Film lässt verstehen, weshalb Menschen den Gedanken an Vergeltung festhalten konnten, und zwingt zur Auseinandersetzung mit dem, was daraus werden sollte. Lange nach seinem Ende bleibt die Frage nach Max’ Zukunft bestehen: Was könnte für diesen Menschen ein Leben sein, das den Ermordeten verbunden bleibt, ohne weitere Tote zu benötigen?

Rezension: Redaktion

Plan A – Was würdest du tun? Originaltitel: Plan A. Regie und Drehbuch: Doron Paz / Yoav Paz. Mit August Diehl, Sylvia Hoeks, Michael Aloni und Ishai Golan. Deutscher Kinostart: 9. Dezember 2021. Kinolaufzeit laut deutschem Verleih: 109 Minuten. FSK: ab 12 Jahren. Deutscher Verleih: Camino Filmverleih.

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