
Die Deutsche Luftwaffe im Dritten Reich. Hermann Göring im Gespräch mit Erhard Milch, 1940. Bundesarchiv, Bild 146-1979-187-16 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 146-1979-187-16, Hermann Göring und Erhard Milch, CC BY-SA 3.0 DE.
Die deutsche Luftwaffe war im Zweiten Weltkrieg eine der schlagkräftigsten, aber letztlich überforderten Waffengattungen des NS-Staates. Von ihrer heimlichen Wiedergeburt in den 1930er Jahren bis zu ihrem Untergang 1945 durchlief sie eine dramatische Entwicklung. Zu Beginn des Krieges verfügte die Luftwaffe über hochmoderne Flugzeuge und gut ausgebildete Besatzungen, die Hitlers Blitzkriege mitentscheidend prägten. Deutsche Jagd- und Kampfflieger erzielten zunächst spektakuläre Erfolge und galten in der NS-Propaganda als Helden einer neuen, technischen Kriegsführung. Doch mit fortschreitendem Kriegsverlauf geriet die Luftwaffe immer stärker in die Defensive. Technische Unterlegenheit in Schlüsselbereichen, strategische Fehleinschätzungen und die überwältigende materielle Überlegenheit der Alliierten führten schließlich zum Niedergang dieser Teilstreitkraft. Am Ende standen zerschlagene Verbände, veraltete oder funktionsunfähige Maschinen und eine Generation junger Flieger, die den Krieg nicht überleben sollte.
Geheimer Aufbau der Luftstreitkräfte (1919–1935)
Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland durch den Versailler Vertrag jede militärische Luftfahrt streng verboten. Dennoch begann die Reichswehr schon in den 1920er Jahren, heimlich den Grundstein für eine neue Luftwaffe zu legen. Unter dem Deckmantel ziviler Fliegerei und mit geheimen Ausbildungsprogrammen – etwa in Kooperation mit der Sowjetunion – wurden Piloten geschult und neue Flugzeugtypen erprobt. Ende 1932 existierten in der Reichswehr bereits mehrere getarnte Fliegerstaffeln, die im Ernstfall allerdings den Luftstreitkräften anderer Mächte kaum gewachsen gewesen wären. Erst die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ebnete den Weg für den offenen Aufbau einer Luftstreitmacht. Hermann Göring, ein Erster-Weltkrieg-Fliegerass und enger Vertrauter Hitlers, übernahm das neu geschaffene Reichsluftfahrtministerium und trieb die Aufrüstung mit Nachdruck voran. Im Februar 1935 verkündete Hitler dann offiziell die Existenz einer deutschen Luftwaffe – rund 800 einsatzfähige Kampfflugzeuge standen nun bereit –, womit sie neben Heer und Marine zur dritten Teilstreitkraft der Wehrmacht wurde. Diese offene Aufrüstung markierte die Wiedergeburt der deutschen Luftstreitkräfte und läutete eine neue Ära der Kriegsführung in Europa ein.
Technologische Aufrüstung und Einsatz in Spanien (1936–1939)
In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre trieb die Luftwaffenführung die Modernisierung ihres Flugzeugparks intensiv voran und sammelte erste Kampferfahrungen. Unter Leitung von Generalluftzeugmeister Ernst Udet wurden neue Konstruktionsprinzipien umgesetzt. Anstelle der bisherigen Doppeldecker aus Holz und Stoff dominierten nun schnelle Eindecker aus Metall mit leistungsstarken Motoren und verbesserter Aerodynamik. Besonders der Sturzkampfbomber Ju 87 („Stuka“), den Udet maßgeblich förderte, verkörperte die neue Angriffslehre. Bei einem Sturzflug ließ dieses Flugzeug ein heulendes Sirenengeräusch erklingen, das gegnerische Truppen auch psychologisch zermürben sollte. Zugleich verzichtete die Luftwaffe bewusst auf die Entwicklung schwerer strategischer Bomber mit großer Reichweite und konzentrierte sich auf mittelschwere Bomber wie die Heinkel He 111, schnelle zweimotorige „Zerstörer“ vom Typ Messerschmitt Bf 110 und taktische Schlachtflugzeuge. Diese Ausrichtung bewährte sich zunächst im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939, wo die deutsche „Legion Condor“ an der Seite Francos kämpfte und die neuen Maschinen sowie Taktiken unter realen Einsatzbedingungen erprobte. Dabei zerstörten deutsche Bomber und Stukas im April 1937 die baskische Stadt Guernica, was weltweit erstmals das Schreckensbild flächendeckender Luftangriffe auf Zivilisten zeichnete. Die in Spanien gewonnenen Erfahrungen flossen direkt in Ausbildung und Rüstung ein. So verfügte die Luftwaffe am Vorabend des Zweiten Weltkriegs über etwa 4000 moderne Flugzeuge und rund 400.000 Soldaten. Ihre Piloten – viele nun mit Fronterfahrung – und Bodenkräfte fühlten sich einem umfassenden Kriegseinsatz gewachsen.
Blitzkrieg und Luftwaffensiege 1939–1940
Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen begann, schlug die Stunde der Luftwaffe. Schon in den ersten Kriegsstunden warfen Sturzkampfbomber ihre Bomben auf Städte – so wurde die wehrlose polnische Kleinstadt Wieluń in Schutt und Asche gelegt und über tausend Zivilisten getötet. Wie geplant errang die Luftwaffe rasch die Luftherrschaft über Polen, wodurch das Heer nahezu ungehindert vorrücken konnte. Die enge Koordination von Panzertruppen und Luftunterstützung erwies sich als Schlüssel zum Erfolg der sogenannten Blitzkriegsstrategie. Deutsche Bomberverbände zerstörten Nachschublinien und Eisenbahnknotenpunkte tief im gegnerischen Hinterland, während Tiefflieger gegnerische Kolonnen direkt auf dem Schlachtfeld angriffen. Innerhalb weniger Wochen war der polnische Widerstand gebrochen – doch der Sieg war nicht kostenlos erkauft: Rund ein Fünftel der deutschen Kampfflugzeuge ging im Polenfeldzug verloren.
Im Frühjahr 1940 setzte sich das Zusammenspiel von Luftwaffe und Heer bei der Offensive gegen Frankreich und die Benelux-Staaten fort. Wiederum leiteten Wellen von Bombern und Stukas den Angriff ein, etwa beim schnellen Durchbruch der deutschen Panzer bei Sedan. Spektakulär, aber verlustreich war der Einsatz von Fallschirmjägern und Transportflugzeugen bei der Besetzung strategischer Ziele: Beim Handstreich auf die Niederlande verlor die Luftwaffe am 10. Mai 1940 in wenigen Stunden etwa 275 Transportmaschinen vom Typ Ju 52. Nichtsdestotrotz trug die Luftüberlegenheit maßgeblich zur raschen Kapitulation Frankreichs bei. Ein erster Rückschlag deutete sich jedoch bei der Schlacht von Dünkirchen an: Hier wollte Göring die eingeschlossenen alliierten Truppen allein durch die Luftwaffe vernichten lassen. Schlechtes Wetter und das Eingreifen britischer Jäger vom nahen Heimatboden verhinderten dies – rund 338.000 britischen und französischen Soldaten gelang über den Ärmelkanal die Flucht. Trotz dieser Fehleinschätzung stand die Luftwaffe nach dem Waffenstillstand vom Juni 1940 auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. In den Augen der deutschen Führung schien sie bereit, nun auch Großbritannien in die Knie zu zwingen.
Die Luftschlacht um England (1940)
Nach dem Sieg über Frankreich wandte sich die Luftwaffe gegen den letzten verbliebenen Gegner im Westen – Großbritannien. Im Sommer 1940 begann die Luftschlacht um England mit massiven Angriffen auf britische Flugplätze und Radarstellungen. Doch die deutschen Verbände standen einer hochmotivierten Royal Air Force gegenüber, die technisch und taktisch mindestens ebenbürtig war. Die britischen Abfangjäger vom Typ Spitfire und Hurricane erwiesen sich als formidable Gegner für die deutschen Messerschmitt Bf 109, deren geringe Reichweite zudem Einsätze über England erschwerte. Auch fehlte es der deutschen Seite an schweren Langstreckenbombern, um Britanniens Rüstungsindustrie nachhaltig zu zerstören. Hinzu kam, dass die Briten mit dem neuartigen Radar ein effektives Frühwarnsystem besaßen und ihre Luftverteidigung gut koordinierten. Göring unterschätzte diese Herausforderungen und verlegte nach anfänglichen Fehlschlägen den Schwerpunkt auf Terrorangriffe gegen London und andere Städte. Der sogenannte „Blitz“ – nächtliche Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung – brach jedoch weder den britischen Widerstandswillen noch schwächte er die RAF entscheidend. Stattdessen musste die Luftwaffe immer höhere Verluste hinnehmen. Viele ihrer besten Piloten fielen, und bis zum Frühjahr 1941 gingen über 2.000 Flugzeuge verloren. Diese erste schwere Niederlage zwang Hitler dazu, die geplante Invasion Englands abzublasen. Die Reste der stark ausgedünnten Geschwader wurden im Frühjahr 1941 in den Osten verlegt, um am bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion teilzunehmen.
Krieg an der Ostfront und im Mittelmeer (1941–1942)
Am 22. Juni 1941 eröffnete die Wehrmacht mit „Unternehmen Barbarossa“ den Krieg gegen die Sowjetunion – wiederum spielte die Luftwaffe eine tragende Rolle. Ihren Jagdfliegern gelang es, in den ersten Angriffswochen einen Großteil der überraschten sowjetischen Luftstreitkräfte am Boden zu vernichten. Die deutsche Luftwaffe errang so schnell die Luftherrschaft und unterstützte das Heer beim raschen Vormarsch bis vor Moskau. Doch der Kampf im Osten gestaltete sich zunehmend als Abnutzungskrieg, der die Kräfte der Luftwaffe überdehnte. Die enorme Ausdehnung der Front und der Nachschubmangel im Winter 1941/42 führten dazu, dass viele Verbände an Schlagkraft verloren. Zugleich musste die Luftwaffe immer mehr Kräfte gleichzeitig an verschiedenen Kriegsschauplätzen einsetzen. Seit 1941 waren deutsche Maschinen auch in Nordafrika im Einsatz, um das mit Deutschland verbündete Italien zu unterstützen. Der Transfer von Jagd- und Kampffliegergruppen in den Mittelmeerraum entzog der Ostfront wichtige Ressourcen. Diese Flugzeuge fehlten schließlich in der Großoffensive 1942 bei Stalingrad. Dort scheiterte der Versuch, die eingeschlossene deutsche 6. Armee aus der Luft zu versorgen, katastrophal. Innerhalb weniger Wochen verlor die Luftwaffe über 200 Transportmaschinen und zahlreiche Besatzungen. Die Niederlage von Stalingrad im Februar 1943 markierte einen Wendepunkt. Fortan sah sich die deutsche Luftwaffe auch im Osten in die Defensive gedrängt.
Strategischer Bombenkrieg und alliierte Luftübermacht (1943–1944)
Ab 1943 sah sich die deutsche Luftwaffe einer stetig wachsenden alliierten Luftoffensive ausgesetzt. Britische und amerikanische Bomberverbände flogen nun im 24-Stunden-Betrieb Angriffe gegen deutsche Städte und Industriezentren – nachts die Royal Air Force mit Flächenbombardements, tagsüber die USAAF mit präziseren Zielattacken. Die Heimatfront bekam die Zerstörungskraft des Luftkriegs nun mit voller Wucht zu spüren: Im Sommer 1943 legte die „Operation Gomorrha“ weite Teile Hamburgs in Trümmer und forderte über 30.000 Tote. Zwar erzielten die deutsche Flugabwehr und die neu formierten Nachtjagdverbände einzelne Abfangerfolge, doch insgesamt vermochten sie den Bombenkrieg kaum zu bremsen. Insbesondere ab 1944 begleiteten langstreckenfähige US-Jagdflugzeuge wie die P-51 Mustang die alliierten Bomber bis tief nach Deutschland und neutralisierten die letzten deutschen Abfangjäger. In immer größerer Zahl gingen daher nun auch deutsche Städte in Flammen auf. Die Luftwaffe versuchte verzweifelt gegenzuhalten und entwickelte neue, leistungsfähigere Flugzeugtypen wie das Jagdflugzeug Focke-Wulf Fw 190 oder spezialisierte Nachtjäger. Aber der Verlust erfahrener Flugzeugführer ließ sich nicht mehr wettmachen. Viele der 1944 eingesetzten Piloten waren kaum ausgebildete Jugendliche. Angesichts der erdrückenden alliierten Luftüberlegenheit konnten deutsche Truppen wichtige gegnerische Operationen nicht mehr verhindern. So ließ sich weder die alliierte Landung in der Normandie im Juni 1944 noch der Vorstoß der Roten Armee bis an die Reichsgrenzen aus der Luft aufhalten.
Letzte Hoffnungen und Untergang (1944–1945)
Im letzten Kriegsjahr versuchte die Luftwaffe verzweifelt, mit technischen Neuerungen das Blatt noch zu wenden. In geringer Stückzahl kamen ab Sommer 1944 die ersten strahlgetriebenen Jagdflugzeuge vom Typ Messerschmitt Me 262 und Arado Ar 234 zum Einsatz. Diese Düsenmaschinen waren deutlich schneller als alle alliierten Flugzeuge. Doch ihr Einfluss blieb gering. Fehlender Treibstoff, Bombenschäden an Fabriken und ein eklatanter Mangel an ausgebildeten Piloten verhinderten einen nachhaltigen Effekt dieser „Wunderwaffen“. Zugleich wurden die Luftangriffe der Alliierten bis ins Frühjahr 1945 hinein immer weiter intensiviert. Die deutsche Flugabwehr war zu diesem Zeitpunkt praktisch zusammengebrochen. Mangels Treibstoff blieben viele Jäger am Boden. Beim letzten großen Einsatz – einer Überraschungsoperation der Jagdverbände am Neujahrstag 1945 („Unternehmen Bodenplatte“) – verlor die Luftwaffe ihre letzten erfahrenen Piloten. In den letzten Kriegswochen existierte de facto kein wirksamer Luftschutz des Reichs mehr. Alliierte Bomberverbände konnten ungehindert die verbliebenen deutschen Städte in Schutt und Asche legen. Bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 waren insgesamt rund 430.000 Angehörige der Luftwaffe gefallen. Die einstige Vorzeigewaffe Hitlers lag am Ende in Trümmern, während die Alliierten den Himmel über Deutschland uneingeschränkt beherrschten.
Literatur
Horst Boog (1982): Die deutsche Luftwaffenführung 1935–1945. Führungsprobleme, Spitzengliederung, Generalstabsausbildung. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
Lutz Budrass (1998): Flugzeugindustrie und Luftrüstung in Deutschland 1918–1945. Düsseldorf: Droste.
Karl-Heinz Völker (1967): Die Deutsche Luftwaffe 1933–1939 – Aufbau, Führung und Rüstung der Luftwaffe sowie die Entwicklung der deutschen Luftkriegstheorie. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
Cajus Bekker (1964): Angriffshöhe 4000. Ein Kriegstagebuch der deutschen Luftwaffe. Oldenburg/Hamburg: Gerhard Stalling.
Williamson Murray (1983): Strategy for Defeat: The Luftwaffe 1933–1945. Maxwell AFB (AL): Air University Press.
Richard Overy (2014): Der Bombenkrieg: Europa 1939–1945. Berlin: Rowohlt.
Sönke Neitzel (1995): Der Einsatz der deutschen Luftwaffe über dem Atlantik und der Nordsee 1939–1945. Bonn: Bernard & Graefe.
Bernhard R. Kroener, Rolf-Dieter Müller und Hans Umbreit (Hrsg.) (1988): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1: Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
Herbert Molloy Mason (1981): Die Luftwaffe – Entstehung, Höhepunkt und Niedergang der deutschen Luftwaffe bis 1945. München: Wilhelm Heyne.