
The Other Side of the Sun / Land: BEL, FRA, SAU / Jahr: 2026 / Regie: Tawfik Sabouni / Bildbeschreibung: / Sektion: Panorama 2026 / Datei: 202608798_1 / © Sameer Orabi
Es gibt Momente in der Geschichte der Berlinale, in denen die Leinwand nicht nur als Fenster zu einer anderen Welt dient, sondern als ein massiver Spiegel, der die politische Realität unserer Zeit mit einer fast schmerzhaften Klarheit einfängt. In diesem Jahr ist es Tawfik Sabounis Dokumentarfilm „The Other Side of the Sun“, der diese Rolle einnimmt. In der Sektion Panorama Dokumente uraufgeführt, erweist sich dieses Werk als eine der tiefgreifendsten Auseinandersetzungen mit der syrischen Geschichte, die wir in den letzten Jahren im Kino erleben durften. Es ist ein Film, der genau zur richtigen Zeit kommt, eingebettet in das hochemotionale Klima nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes im Dezember 2024. Die Wunden der Vergangenheit sind noch frisch, die Trümmer in Damaskus noch nicht weggeräumt, und doch wagt Sabouni den Schritt zurück an einen Ort, der für Jahrzehnte das Synonym für das absolute Grauen war.
Saidnaya. Wer diesen Namen in Syrien aussprach, tat dies meist flüsternd. Das Gefängnis, etwa dreißig Kilometer nördlich von Damaskus gelegen, galt als der Ort „hinter der Sonne“ – ein Raum außerhalb der Zeit, außerhalb des Rechts und für viele außerhalb des Lebens. Der Titel des Films, „The Other Side of the Sun“, spielt direkt auf diese Bezeichnung an. Es ist die dunkle Seite der Existenz, an die Tawfik Sabouni nun, nach dem Sturz des Diktators, zurückkehrt. Doch er geht nicht allein. Er wird begleitet von vier anderen Männern – Mahmoud Alqadah, Abdelkafi Alhaj, Mohammad Hamki und Abdelhamid Jadoue –, die wie er das Unvorstellbare überlebt haben.
Der Film beginnt mit einer fast gespenstischen Stille. Die Kamera gleitet über die karge, staubige Landschaft, nähert sich dem massiven Betonbau, der nun verlassen in der Sonne liegt. Es gibt keine Wärter mehr, keine Schreie, keine Angst vor dem nächsten Verhör. Und doch ist die Präsenz der Vergangenheit in jeder Pore der Mauern spürbar. Sabouni wählt für seinen Film einen Ansatz, der weit über die klassische Dokumentation hinausgeht. Anstatt sich auf Archivmaterial oder bloße Interviews zu verlassen, nutzt er das Mittel des Reenactments, der szenischen Rekonstruktion, direkt am Originalschauplatz. Die fünf Männer kehren in ihre ehemaligen Zellen zurück, nehmen die Positionen ein, die sie über Jahre hinweg gezwungen waren zu halten, und führen die täglichen Rituale der Unterdrückung und des Überlebens noch einmal aus.
Diese Form der filmischen Aufarbeitung ist von einer ungeheuren Kraft. Wenn man sieht, wie diese Männer ihre Körper wieder in die engen Räume fügen, wie sie die Gesten der Demütigung, aber auch die geheimen Zeichen der Solidarität nachspielen, wird die Geschichte physisch greifbar. Es geht Sabouni nicht darum, die Gewalt voyeuristisch auszustellen. Vielmehr nutzt er das Reenactment als ein Werkzeug der Rückeroberung. Indem sie die Orte ihres Leidens besetzen und ihre Geschichten dort laut aussprechen, verwandeln sie das Gefängnis von einem Ort der Entmenschlichung in einen Ort des Zeugnisses. Es ist ein Akt der Emanzipation durch das Bild. „Wir kennen uns nicht. Aber wir kennen uns“, sagt Sabouni im Voice-over, und dieser Satz beschreibt die tiefe, schicksalshafte Verbundenheit dieser Männer, die durch die Hölle gegangen sind.
Der politisch-historische Kontext verleiht dem Film eine zusätzliche Ebene der Dringlichkeit. Syrien befindet sich im Jahr 2026 in einem prekären Transformationsprozess. Der Fall des Regimes hat eine Flut von Erinnerungen und Forderungen nach Gerechtigkeit ausgelöst. Tausende Familien suchen noch immer nach ihren Angehörigen, die in den Kerkern verschwunden sind. „The Other Side of the Sun“ wird so zu einem kollektiven Mahnmal. Er gibt jenen eine Stimme, die nicht mehr sprechen können, den „Geistern“, wie Sabouni sie nennt, die noch immer in den Korridoren von Saidnaya zu wohnen scheinen. Der Film stellt die unbequeme Frage, wie eine Gesellschaft mit einem solchen Erbe umgehen kann. Kann man diese Orte einfach abreißen? Muss man sie als Museen erhalten? Oder werden sie, wie Sabouni im Film befürchtet, irgendwann wieder geschlossen und ihrem Schicksal überlassen, bevor die Wahrheit vollständig ans Licht gekommen ist?
Filmisch besticht das Werk durch eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Die Kameraarbeit von Laurine Estrade ist präzise und verzichtet auf dramatische Effekte. Sie lässt den Räumen und den Protagonisten Zeit. Oft verweilt der Blick auf kleinen Details: ein Kratzer an der Wand, das einfallende Licht durch eine winzige Luke, das Zittern einer Hand. Diese minimalistische Ästhetik verstärkt die emotionale Wucht der Erzählungen. Besonders bewegend sind die Momente, in denen die Männer über die kleinen Wunder berichten, die ihnen in der Haft die Menschlichkeit bewahrt haben – der Anblick eines Vogels durch ein Gitter oder die Wärme der Sonne, die sie nun endlich von der „richtigen“ Seite aus betrachten können.
Tawfik Sabouni selbst ist das Herzstück des Films. Seine eigene Biografie – 2011 verhaftet, weil er die Anfänge der Revolution dokumentierte, später im Exil in Belgien zum Filmemacher ausgebildet – verleiht dem Projekt eine unanfechtbare Authentizität. Er ist kein distanzierter Beobachter, er ist Teil der Erzählung. Sein Regiestil ist geprägt von einem tiefen Respekt gegenüber seinen Mitstreitern. Man spürt das Vertrauen, das zwischen den fünf Männern gewachsen ist, während sie gemeinsam diese schmerzhafte Reise antraten. Die Produktion, getragen von belgischen, französischen und saudi-arabischen Partnern, zeigt zudem die internationale Bedeutung dieses Themas. Es ist ein universeller Film über die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes.
Was „The Other Side of the Sun“ so außergewöhnlich macht, ist seine Fähigkeit, das Unbeschreibliche in eine Sprache zu übersetzen. Wo Worte versagen, sprechen die Körper. Wo das Gedächtnis Lücken lässt, füllt der Raum die Leere. Sabouni ist ein Film gelungen, der sowohl ein wichtiges historisches Dokument als auch ein hochkarätiges Kunstwerk ist. Er fordert sein Publikum heraus, nicht wegzusehen, sondern sich der Dunkelheit zu stellen, um das Licht am Ende des Tunnels besser zu verstehen.
In der diesjährigen Berlinale, die so stark von den Umbrüchen im Nahen Osten geprägt ist, setzt Sabouni einen Meilenstein. Sein Film ist ein Plädoyer für die Wahrheit und eine Verbeugung vor der Würde der Überlebenden. Wenn die Lichter im Kinosaal angehen, bleibt ein Gefühl der tiefen Ergriffenheit zurück, aber auch eine leise Hoffnung. Denn solange es Menschen gibt, die bereit sind, an die „andere Seite der Sonne“ zurückzukehren, um die Geschichten der Unterdrückten zu erzählen, hat die Gewalt nicht das letzte Wort behalten. Es ist ein triumphaler Einstand für Sabouni als Langfilmregisseur und ein unverzichtbarer Beitrag zur Kinokultur dieses Jahrzehnts. „The Other Side of the Sun“ ist nicht nur ein Film über Syrien; es ist ein Film über uns alle, über unsere Fähigkeit zu erinnern und unsere Verpflichtung, nie zu vergessen.
The Other Side of the Sun / Tawfik Sabouni (Regie, Buch), Laurine Estrade (Buch) / mit Tawfik Sabouni, Mahmoud Alqadah, Abdelkafi Alhaj, Mohammad Hamki, Abdelhamid Jadoue / 90′ / Belgien, Frankreich, Saudi-Arabien / 2026 / Farbe / Arabisch / Untertitel: Englisch / Weltpremiere / Debütfilm / Dokumentarische Form / Berlinale 2026, Sektion Panorama Dokumente