
No Good Men | No Good Men | No Good Men, Land: DEU, FRA, NOR, DNK, AFG 20262026, Regie: Shahrbanoo Sadat, Bildbeschreibung: Anwar Hashimi, Shahrbanoo Sadat, Sektion: Berlinale Special 2026, Datei: 202613960_1, © Virginie Surdej
Eine Chronik der verschwindenden Träume im Kabul von 2021
Die Premiere von Shahrbanoo Sadats neuestem Werk „No Good Men“ im Wettbewerb der 76. Berlinale markiert einen jener seltenen Momente, in denen das Kino über die reine Unterhaltung hinauswächst und zu einem lebendigen, pulsierenden Archiv der Zeitgeschichte wird. Es ist das Jahr 2026, und fünf Jahre nach dem Fall von Kabul blickt die Welt noch immer mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und schlechtem Gewissen auf die Ereignisse in Afghanistan. Sadat, die selbst Teil der dramatischen Evakuierungen im August 2021 war, liefert mit diesem Film jedoch keine bittere Anklage ab, sondern ein Werk von erstaunlicher Wärme, Menschlichkeit und einer fast schon schmerzhaften Nostalgie. Es ist der Abschluss einer Reise, die mit „Wolf and Sheep“ begann und nun in der bitteren Realität der Gegenwart ihr emotionales Zentrum findet.
Der Film entfaltet seine Handlung im Kabul des Frühjahrs und Sommers 2021. Zu Beginn steht jedoch nicht der Krieg im Vordergrund, sondern das pulsierende Leben einer Millionenstadt, die sich in einer fragilen Balance zwischen Tradition und einer hart erkämpften Moderne befindet. Inmitten dieser Kulisse begegnen wir Naru, gespielt von der Regisseurin selbst. Naru ist eine Kamerafrau beim fiktiven, aber an reale Vorbilder angelehnten Sender Kabul TV. Sie ist eine Frau, die ihren Platz in einer Welt behauptet, die Frauen zwar Sichtbarkeit auf dem Bildschirm gewährt, ihnen im Alltag jedoch nach wie vor mit tiefem Misstrauen begegnet. Naru ist alleinerziehend, geschieden und führt ein Leben, das von ständiger Organisation und dem Leugnen von Müdigkeit geprägt ist.
Der Titel „No Good Men“ fungiert als Leitmotiv und Provokation zugleich. Er entspringt Narus tief verwurzelter Überzeugung, dass die patriarchale Struktur Afghanistans – ob unter westlichem Einfluss oder im Schatten der Fundamentalisten – keinen Raum für wahrhaft partnerschaftliche Beziehungen lässt. Die Männer in ihrem Umfeld sind entweder fordernd, gewalttätig wie ihr Ex-Mann oder unfähig, ihre Privilegien zugunsten echter Gleichberechtigung aufzugeben. Doch Sadat wählt für diese Erzählung ein überraschendes Genre: die romantische Komödie. Diese Entscheidung ist brillant, denn sie ermöglicht es dem Film, die Absurdität des Alltags und die Lebensfreude der Menschen einzufangen, bevor das Dunkel der Geschichte über sie hereinbricht.
Als Naru den Reporter Qodrat trifft, verkörpert von Anwar Hashimi, beginnt eine zögerliche Annäherung, die weit entfernt ist von klassischen Hollywood-Klischees. Qodrat ist kein strahlender Held, sondern ein nachdenklicher, fast melancholischer Mann, der ebenfalls versucht, in einem zerfallenden System integer zu bleiben. Die Chemie zwischen den beiden entwickelt sich über die Arbeit, über gemeinsame Reportagen in den staubigen Straßen Kabuls und über Gespräche in überfüllten Redaktionsräumen. Hier zeigt Sadat ihre Meisterschaft in der Beobachtung des Kleinen. Man spürt das Summen der Stadt, das Klappern der Teetassen und die unterschwellige Angst, die in jedem Lachen mitschwingt.
Der politisch-historische Kontext ist in „No Good Men“ keine bloße Kulisse, sondern ein Protagonist, der langsam, aber unaufhaltsam den Raum besetzt. Während Naru und Qodrat versuchen, eine Form von privatem Glück zu finden, rücken die Taliban in den Provinzen immer weiter vor. Sadat verzichtet darauf, das Grauen direkt zu zeigen. Stattdessen lässt sie die Bedrohung durch die Nachrichten im Radio, durch die immer nervöser werdenden Anrufe von Verwandten und durch das schleichende Verschwinden westlicher Popkultur spürbar werden. Ein besonders denkwürdiger Moment ist eine Hochzeitsfeier, auf der zu den Klängen von Modern Talking getanzt wird – eine Szene von fast surrealer Fröhlichkeit, die im Wissen um das Kommende eine tiefe Melancholie auslöst. Es ist das Porträt einer Generation, die an die Versprechen der Freiheit geglaubt hat und nun zusehen muss, wie die Weltgemeinschaft sie im Stich lässt.
Die Regiearbeit von Shahrbanoo Sadat zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Unmittelbarkeit aus. In Zusammenarbeit mit der Kamerafrau Virginie Surdej entstehen Bilder, die dokumentarische Präzision mit kinofilmischer Ästhetik verbinden. Die Kamera bleibt oft nah an den Gesichtern der Protagonisten, fängt jedes Zögern und jede kleine Geste des Widerstands ein. Besonders hervorzuheben ist die Lichtgestaltung, die das warme, goldene Licht des afghanischen Sommers nutzt, um eine Welt zu zeichnen, die man am liebsten festhalten möchte. Dass der Film größtenteils im Exil gedreht werden musste, sieht man ihm dank der akribischen Szenenbild-Arbeit und der geschickten Nutzung von Archivmaterial und Innendrehs nicht an – im Gegenteil, Kabul wirkt in diesem Film lebendiger als in fast jeder anderen zeitgenössischen Produktion.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Films ist die Auseinandersetzung mit der Rolle der Medien. „No Good Men“ zeigt die afghanischen Journalisten als die eigentlichen Helden dieser Ära. Sie sind es, die bis zum Schluss versuchen, die Wahrheit zu berichten, während die diplomatischen Korps das Land bereits verlassen. Die Redaktionssitzungen bei Kabul TV sind von einem Galgenhumor geprägt, der zeigt, wie Menschen mit extremer Belastung umgehen. Sadat widmet diesen Teil des Films explizit jenen Kollegen, die nach der Machtübernahme der Taliban in den Untergrund gehen mussten oder deren Stimmen für immer zum Schweigen gebracht wurden.
Gegen Ende des Films verdichtet sich die Atmosphäre zusehends. Die Leichtigkeit der romantischen Komödie weicht einer beklemmenden Spannung, die schließlich in den chaotischen Tagen des August 2021 mündet. Die Szenen am Flughafen von Kabul sind mit einer emotionalen Wucht inszeniert, die das Publikum im Saal spürbar erschütterte. Doch auch hier bleibt Sadat ihrer Linie treu: Sie zeigt nicht das Massenereignis, sondern den individuellen Abschied. Die Trennung von Naru und Qodrat, die Entscheidung zwischen Bleiben und Gehen, zwischen Pflicht und Überleben, wird zum Spiegelbild einer kollektiven Tragödie.
In der Besetzung brilliert Anwar Hashimi, auf dessen realen Tagebüchern die Geschichte basiert. Seine Darstellung des Qodrat ist von einer entwaffnenden Ehrlichkeit geprägt. Sadat selbst als Naru liefert eine Performance ab, die von Stärke und gleichzeitiger Verletzlichkeit lebt. Es ist ein Akt der Selbstermächtigung, dass sie diese Rolle selbst übernommen hat, um die Kontrolle über ihre eigene Geschichte und die Geschichte ihres Landes zu behalten. Die Nebenbesetzungen, oft mit Laiendarstellern aus der afghanischen Diaspora besetzt, verleihen dem Film eine zusätzliche Ebene der Authentizität.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „No Good Men“ ein Werk von immenser Bedeutung ist. Es ist ein Film, der sich gegen die Vereinfachung wehrt. Er zeigt Afghanistan nicht nur als Ort des Leidens, sondern als Ort der Liebe, der Musik und des intellektuellen Austauschs. Shahrbanoo Sadat ist es gelungen, ein Denkmal für eine Stadt und eine Zeit zu setzen, die es so nicht mehr gibt, und gleichzeitig eine universelle Geschichte über die Suche nach Anstand in einer unanständigen Welt zu erzählen.
Der Film hinterlässt einen bleibenden Eindruck, nicht weil er Antworten gibt, sondern weil er die richtigen Fragen stellt: Was bleibt von uns übrig, wenn das System, in dem wir leben, über Nacht kollabiert? Und ist es möglich, an das Gute im Menschen zu glauben, wenn die Umstände alles daransetzen, dieses Gute zu vernichten? „No Good Men“ bejaht diese Fragen auf eine leise, aber beharrliche Weise. Es ist ein wohlwollender Blick auf eine verlorene Welt, der zugleich die Hoffnung nährt, dass die Saat der Freiheit, die in jenen Jahren in Kabul gepflanzt wurde, irgendwann wieder aufgehen wird. Ein filmisches Meisterwerk, das zu Recht als einer der stärksten Beiträge dieser Berlinale gefeiert wird.
No good Men / Shahrbanoo Sadat (Regie, Buch) / mit Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi, Liam Hussaini, Yasin Negah, Torkan Omari / 103′ / Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Afghanistan 2026 / Farbe / Dari, Paschtu