Stahl, Schuld und Streaming-Prestige
Ein deutscher Tiger-Panzer als Bühne: fünf Wehrmachtssoldaten, eingeschlossen in Metall, Lärm und Angst, unterwegs auf einer geheimen Mission an der Ostfront 1943. „Der Tiger“ setzt auf das Versprechen maximaler Unmittelbarkeit – klaustrophobisch, dröhnend, schmutzig – und will zugleich mehr sein als nur ein Genrefilm. Das Ergebnis ist handwerklich oft beeindruckend, erzählerisch aber unstet und moralisch ambivalent. Genau diese Ambivalenz wird zur eigentlichen Sollbruchstelle: Der Film möchte die Faszination entlarven, produziert sie jedoch mit.
Dass ausgerechnet Dennis Gansel diesen Stoff inszeniert, ist kein Zufall, sondern Programmatik. Mit „Napola“ und „Die Welle“ hat er sich früh auf jene Zone spezialisiert, in der Verführung, Gruppendynamik, autoritäre Logik und moralischer Kontrollverlust ineinander greifen. „Der Tiger“ wirkt wie der Versuch, diese Beschäftigung in die historische Urszene zu verlängern: nicht die Ideologie als abstraktes System, sondern als Lebensform, als Habitus, als praktizierte Entmenschlichung – verpackt in den Druckraum eines Panzers. Wer Gansel kennt, rechnet mit Zuspitzung, mit Didaktik, mit dem Drang zur Allegorie. Der Film liefert all das – und stolpert gerade dort, wo er am entschiedensten sein müsste.
Der Panzer als Hauptdarsteller
Die Inszenierung macht aus dem Tiger-Panzer keine Kulisse, sondern eine Figur. Das ist technisch konsequent und ästhetisch gefährlich. Denn der Tiger ist längst ein popkulturelles Objekt: Ikone der Übermacht, Mythos der Maschine, Sammelstück im historischen Bewusstsein, in der militärischen Nerdkultur ohnehin. Wer dieses Objekt ins Zentrum rückt, übernimmt seine Aura. „Der Tiger“ versucht, sie moralisch zu brechen – mit Höllenbildern, Schuldimpulsen, Kriegsverbrechen, zunehmender Desorientierung. Aber die Kamera, der Schnitt, der Sound erzählen parallel eine zweite Geschichte: Stahl als Schutz, Stahl als Kompetenzraum, Stahl als letzte Schale des Überlebens.
Der Film kann Atmosphäre. Er kann Enge. Er kann das vibrierende Dröhnen, das man nicht mehr „hört“, sondern körperlich spürt. Innenaufnahmen, in denen die Körper aneinanderstoßen, das Atmen schwer wird, Schweiß wie eine zweite Haut über Gesichter läuft; draußen eine Ostfront, die nicht Landschaft ist, sondern alptraumhafte Kulisse aus Rauch, Feuer, Schlamm. Der Aufwand ist sichtbar, der Produktionswert hoch, die visuelle Physis ernst gemeint. Gerade dadurch entsteht jedoch jene Faszination, die später behauptet wird, sie sei nur Mittel zum Zweck.
Cast als glaubwürdiges Maschinenpersonal
Die Ensemblebesetzung trägt die Idee des Kammerspiels: kein Starvehikel, sondern eine Arbeitsgemeinschaft im Ausnahmezustand. David Schütter als Leutnant Gerkens bildet das Zentrum: kontrolliert, pflichtbewusst, innerlich brüchig – eine Figur, die den Film durch ihre Verhärtung und ihr späteres Zerbröseln strukturieren soll. Um ihn herum ein Quintett, das zunächst nach archetypischem Kriegsfilm-Personal aussieht: der Junge, der Intellektuelle, der Handwerker, der Zyniker, der Pragmatiker. Genau diese Typisierung ist vermutlich Teil des Konzepts: Nähe erzeugen über Wiedererkennung, um dann die moralische Rechnung zu stellen.
Die Schauspieler liefern dafür solide Arbeit, oft mehr mit Blicken und Körperhaltung als mit Dialogen. Der Film setzt auf physische Präsenz: schwitzend, blutend, erschöpft – die Crew wirkt glaubwürdig als Maschinenpersonal, als Menschen, die in dieser Stahlkiste funktionieren müssen, weil das Funktionieren der einzige Schutz vor Panik ist. Gerade das macht die Zuschauerbindung stark: Das Ensemble spielt nicht „groß“, sondern dicht. Und genau diese Dichte ist das Risiko.
Denn Nähe ist nicht neutral. Ein Film, der die Täterperspektive wählt, muss doppelt präzise sein, damit Empathie nicht in Entlastung kippt. „Der Tiger“ möchte diese Präzision herstellen – aber zu häufig bleibt das Gegengewicht schwächer als die dramaturgische Bindung an die Crew.
Prestige-Logik: das deutsche Genre-Event für die Plattform
„Der Tiger“ steht sichtbar in einer Gegenwart, in der Streaming-Plattformen deutsches „Event-Kino“ suchen: hochwertig, international verwertbar, in der Logline sofort verständlich. Ein Panzer-Kammerspiel erfüllt die Bedingungen perfekt: kontrollierbarer Raum, hoher Immersionsfaktor, große Wirkung bei kalkulierbarer Struktur. Dazu ein historischer Stoff, der Aufmerksamkeit garantiert, und ein Regisseur, der für kontroverses, diskursfähiges Material steht. Das Ganze wirkt wie ein Produkt aus Prestige-Anspruch und Marktlogik: Kino-Qualität, die später als Streaming-Highlight skaliert.
Das erklärt die Form: ein Film, der gleichzeitig ernst und spannend sein will, moralisch und packend, Diskurs und Unterhaltung. Genau diese Doppelspur lässt ihn in der Mitte auseinanderlaufen. Denn Genremechanik belohnt – zwangsläufig – Kompetenz, Team, Durchhalten, Mission. Sie erzeugt Identifikation. Wer diese Identifikation nicht permanent bricht, produziert Komplizenschaft, selbst wenn das Drehbuch Schuldtexte mitführt.
Täterperspektive ohne Opfergestalt
In den moralischen Setzungen ist „Der Tiger“ grundsätzlich auf der „richtigen“ Seite: Es gibt Momente, die Befehlslogik als Ausrede markieren, die Mitwisserschaft und Unterlassung als Schuld zeigen, die Kameradschaft nicht romantisieren wollen. Der Film arbeitet sich ausdrücklich am Mythos des „sauberen Soldaten“ ab. Aber: Die Opfer bleiben schemenhaft. Zivilisten und Vernichtungsrealität sind eher Hintergrund, Katalysator, Symbol – selten Gestalt. Damit wird die moralische Achse verschoben: Der Blick bleibt auf dem inneren Drama der Täter, auf ihrer Angst, ihrem Zerfall, ihrer Verdrängung.
Das kann als Strategie gelesen werden: Die Täter sollen sich selbst als Täter erkennen, nicht über Opferblicke geläutert werden. Nur funktioniert das nur dann, wenn die Inszenierung eine gnadenlose Kälte gegenüber jeder potenziellen Verklärung behält. Und genau diese Kälte hält „Der Tiger“ nicht durchgehend. Zu oft wirkt die Gewalt dramaturgisch funktionalisiert – als Schock, als Station, als Treibstoff fürs Mindgame –, statt als Zentrum eines Vernichtungskriegs, der sich jeder „coolen“ Form entzieht.
Das Parabel-Finale als Ausfahrt aus der Verantwortung
Im letzten Drittel kippt der Film in Surreales, Symbolisches, in eine Art psychologisches Fegefeuer. Der Twist rahmt vieles als Schuldvision, als inneres Tribunal, als Höllenfahrt. Das ist als Idee ambitioniert und in der Tradition von „Apocalypse Now“-Anleihen leicht zu verorten: Mission als Abstieg, Suche nach dem Offizier als Suche nach dem eigenen Abgrund. Nur wirkt die Wendung weniger wie Erkenntnis als wie dramaturgischer Trick, der die zuvor behauptete Konkretion unterläuft. Die körperlich realistische Zuspitzung wird nachträglich in Allegorie verwandelt. Das kann entlasten – nicht die Figuren, aber den Film. Denn Symbolik ersetzt Präzision. Und bei diesem Thema ist Präzision nicht Luxus, sondern Pflicht.
Gerade hier fällt der Vergleich zu „Im Westen nichts Neues“ ins Gewicht, obwohl ein anderer Krieg erzählt wird: Dort gibt es keine Ausflucht in Metaphysik, keine rettende Mehrdeutigkeit, kein ästhetisches Hintertürchen. Der Blick bleibt konsequent entzaubernd. „Der Tiger“ dagegen flirtet zu lange mit Genre-Attraktionen, um am Ende moralische Eindeutigkeit symbolisch nachzuliefern.
Warum es nicht „Fury“ ist – und warum das keine Entschuldigung ist
Holzhammervergleiche helfen selten, aber einer drängt sich auf: „Fury“ ist Hollywood-Pop mit Star-Aura, der seine Verführung offen trägt und als Entertainment lesbar bleibt. „Der Tiger“ möchte deutsches „serious cinema“ sein – und nutzt gleichzeitig die Werkzeuge des Thrillers. Diese Mischung ist heikler, weil sie moralische Bedeutsamkeit behauptet, während sie im Untergrund die gleichen emotionalen Hebel bedient wie der Actionfilm: Dringlichkeit, Überleben, Team, Maschine als Fetisch.
Und ja: Ein Wehrmacht-Panzerfilm, der auch nur streckenweise das Gerät zum faszinierenden Objekt macht, bewegt sich in Deutschland auf dünnem Eis. Das Problem ist nicht, dass über Täter nicht erzählt werden dürfte. Das Problem ist die ästhetische Bilanz: Was bleibt hängen? Die Schuld – oder der Stahl?
Fazit: gutes Handwerk, falscher Glanz
„Der Tiger“ ist keinesfalls ein Verherrlichungsfilm. Die Intentionen sind erkennbar ernst. Gansel will Schuld, Mitläufertum, moralische Feigheit sichtbar machen, nicht weicherzeichnen. Das Ensemble spielt dicht, der Film ist atmosphärisch kraftvoll, technisch oft auf hohem Niveau. Gerade deshalb ist das Ergebnis so unerquicklich: Ein Film, der das Richtige sagen möchte, aber formal zu oft das Falsche belohnt.
Am Ende bleibt die skeptische Pointe: Dieser Film hätte sich sparen lassen – nicht weil er tabu wäre, sondern weil er in einer deutschen Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg nur dann zu rechtfertigen ist, wenn jede Spur von Coolness konsequent zerstört wird. „Der Tiger“ zerstört sie nicht konsequent genug. Er versucht, die Faszination moralisch zu überschreiben – und bestätigt sie dabei ein Stück weit.