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Startseite > Rezensionen > Filmrezensionen > Szenario (Scenario) – von Marie Wilke
Geschrieben von: Redaktion Zukunft braucht Erinnerung | Erstellt: 20. Februar 2026

Szenario (Scenario) – von Marie Wilke

Szenario | Scenario / Land: DEU / Jahr: 2026 / Regie: Marie Wilke / Bildbeschreibung: / Sektion: Forum 2026 / Datei: 202610214_1 / © Salzgeber & Co. Medien

Szenario | Scenario / Land: DEU / Jahr: 2026 / Regie: Marie Wilke / Bildbeschreibung: / Sektion: Forum 2026 / Datei: 202610214_1 / © Salzgeber & Co. Medien

 

Inmitten der Berlinale 2026 entfaltet Marie Wilkes neuer Dokumentarfilm Szenario (Scenario) im Programm des Forums eine ganz eigene, fast schon meditative Wucht. Es ist ein Film, der sich der herrschenden Aufgeregtheit entzieht und stattdessen mit einer chirurgischen Präzision und einer fast schon unheimlichen Ruhe auf das schaut, was man in Deutschland derzeit als „Zeitenwende“ bezeichnet.

Marie Wilke hat sich bereits mit Aggregat (2018) als eine der präzisesten Beobachterinnen bundesdeutscher Institutionen etabliert. Wo sie damals die Mühsal der parlamentarischen Demokratie und den medialen Betrieb sezierte, richtet sie nun ihren Blick auf eine Institution, die lange Zeit fast unsichtbar im Hintergrund des gesellschaftlichen Bewusstseins operierte: die Bundeswehr. Doch Szenario ist kein klassischer Militärfilm. Es ist vielmehr die Studie eines Staates, der versucht, sich unter dem Eindruck veränderter globalpolitischer Realitäten neu zu erfinden.

Zentrum der Erzählung ist Schnöggersburg, Europas größte militärische Modellstadt in Sachsen-Anhalt. Ein Ort, der allein schon durch seine Existenz eine tiefe Ambivalenz ausstrahlt. Schnöggersburg ist eine künstliche Stadt, eine Kulisse aus Beton und Stahl, errichtet für den Ernstfall. Es gibt dort U-Bahn-Schächte ohne Züge, Sakralbauten ohne Gotteshäuser und Wohnblöcke ohne Bewohner. Hier wird der Häuserkampf trainiert, hier wird das Töten und Überleben im urbanen Raum simuliert.

Wilke nähert sich diesem Ort nicht über eine kommentierende Off-Stimme oder erklärende Interviews. Sie lässt die Bilder sprechen, die ihr Kameramann Alexander Gheorghiu in meist statischen, perfekt komponierten Einstellungen eingefangen hat. Wir sehen Soldaten, die in den künstlichen Ruinen taktische Manöver durchführen, wir hören das Echo von Befehlen in leeren Straßenzügen. Doch die Stärke des Films liegt darin, dass er über das rein Militärische hinausgeht. Wilke zeigt uns die Bundeswehr als einen Kommunikationsraum. Wir sehen Pressetermine, bei denen die neue Realität in Worte gefasst werden soll, wir erleben Besuchergruppen, die durch das Übungsgelände geführt werden, und wir beobachten Vereidigungen, die in ihrer rituellen Strenge fast wie aus einer anderen Zeit wirken.

Der historisch-politische Kontext ist in jeder Minute des Films präsent, ohne dass er explizit benannt werden müsste. Über allem schwebt die geopolitische Erschütterung durch Russlands Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 und die daraufhin proklamierte „Zeitenwende“. Wilke zeigt eine Institution, die jahrzehntelang auf Auslandseinsätze und Krisenmanagement getrimmt war und nun schmerzhaft zur Landes- und Bündnisverteidigung zurückkehren muss. Dieser Prozess der Umkehrung, der Neuausrichtung des kollektiven Selbstverständnisses, ist das eigentliche Thema von Szenario.

In einer besonders bezeichnenden Szene beobachtet der Film eine Gruppe von Offizieren bei einer Nachbesprechung einer Simulation. Hier wird deutlich, wie sehr das Militärische von einer ganz eigenen, fast hermetischen Sprache geprägt ist. Begriffe wie „Wirkung“, „Raumordnung“ oder „Sicherungsbereich“ füllen den Raum. Wilke gelingt es, diese Sprache in ihrer Funktionalität ernst zu nehmen, während sie gleichzeitig die Distanz wahrt, die es dem Zuschauer ermöglicht, das Absurde dieser bis ins kleinste Detail durchgeplanten Gewaltanwendung zu erkennen. Es entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen der Professionalität der Akteure und der existenziellen Grausamkeit dessen, worauf sie sich vorbereiten.

Szenario ist dabei ein tief wohlwollender Film, allerdings nicht im Sinne einer affirmativen Propaganda. Das Wohlwollen liegt in Wilkes Bereitschaft, hinzuschauen, ohne vorab zu urteilen. Sie nimmt die Menschen in der Institution Bundeswehr ernst. Sie zeigt keine hohlen Befehlsempfänger, sondern Individuen, die versuchen, einen Sinn in ihrer Aufgabe zu finden, während sich die Welt um sie herum radikal verändert. Der Film macht die enorme Anstrengung sichtbar, die es bedeutet, eine Armee, die lange Zeit nur als lästiges Anhängsel des Sozialstaats betrachtet wurde, wieder in das Zentrum der staatlichen Identität zu rücken.

Besonders faszinierend ist die Darstellung der Modellstadt Schnöggersburg selbst. Wilke inszeniert diesen Ort fast wie eine Theaterbühne. Die Kulissenhaftigkeit der Architektur korrespondiert mit der Rollenhaftigkeit der Soldaten. In den Übungsszenarien nehmen sie verschiedene Identitäten an – mal sind sie Angreifer, mal Verteidiger, mal Zivilisten. Diese spielerische Komponente der Simulation bildet einen scharfen Kontrast zur tödlichen Ernsthaftigkeit der realen Kriege, die wir täglich in den Nachrichten sehen. Marie Wilke fängt dieses Paradoxon meisterhaft ein: Das Militär bereitet sich in einer künstlichen Welt auf eine Realität vor, von der man nur hoffen kann, dass sie niemals eintreten wird.

Der Film zeichnet so auch ein Porträt der deutschen Gesellschaft. In den Szenen, in denen Zivilisten auf das Militär treffen – sei es bei Führungen oder öffentlichen Auftritten –, wird die tiefe Entfremdung spürbar, die zwischen der Bundeswehr und weiten Teilen der Bevölkerung über Jahrzehnte gewachsen ist. Man betrachtet die Soldaten wie seltene Exponate in einem Museum der Wehrhaftigkeit. Wilkes Beobachtungen zeigen eine Gesellschaft, die sich mit dem Gedanken an Krieg und Verteidigung sichtlich schwertut, die aber gleichzeitig spürt, dass die alten Gewissheiten nicht mehr tragen.

Filmisch besticht Szenario durch seine formale Strenge. Der Schnitt von Jan Soldat und Marie Wilke selbst rhythmisiert das Material so geschickt, dass trotz der langen, ruhigen Einstellungen eine stetige Intensität gewahrt bleibt. Der Sound von Uwe Bossenz unterstreicht die sterile, oft windgepeitschte Atmosphäre von Schnöggersburg. Es gibt keine Musik, die Emotionen diktiert; das Dröhnen von Panzermotoren oder das Klappern von Ausrüstung in der Stille der Modellstadt ist klangliche Untermalung genug.

Dass Marie Wilke für diesen Film einen so umfassenden Zugang zu den internen Prozessen der Bundeswehr erhalten hat, spricht für ihr Geschick als Dokumentaristin. Sie verfällt nie in den Gestus des Enthüllungsjournalismus. Stattdessen schafft sie einen Raum für Reflexion. Szenario fordert uns auf, über das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Gewalt nachzudenken, ohne einfache Antworten zu liefern.

Wenn der Film nach gut 90 Minuten endet, bleibt ein Gefühl der Nachdenklichkeit zurück. Szenario ist ein Dokument unserer Zeit, das weit über den Moment der Berlinale hinaus Bestand haben wird. Es ist ein Film über das Warten, das Planen und die paradoxe Hoffnung, dass all die gezeigte Mühe der Vorbereitung am Ende umsonst war, weil das Szenario niemals Wirklichkeit wird. Ein beeindruckendes Werk, das die Komplexität unserer Gegenwart in klare, unvergessliche Bilder fasst.

 

Szenario (Scenario) / Marie Wilke (Regie, Buch) / 91′ / Deutschland / 2026 / Farbe / Deutsch / Weltpremiere / Dokumentarische Form / Berlinale 2026, Sektion Szenario

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