Mit Das geheime Stockwerk ist Norbert Lechner ein Film gelungen, der sich einer der größten Herausforderungen der Erinnerungskultur stellt: Wie lässt sich die Zeit des Nationalsozialismus Kindern und Jugendlichen nahebringen, ohne zu überfordern, zu banalisieren oder zu traumatisieren? Die Antwort, die dieser Film gibt, ist ebenso klug wie mutig – und hochaktuell.
Im Zentrum steht der zwölfjährige Karli, der im Hotel seiner Eltern einen alten Lastenaufzug entdeckt, der ihn ins Jahr 1938 zurückführt. Dort freundet er sich mit dem jüdischen Mädchen Hannah und dem Schuhputzer Georg an. Was zunächst wie ein klassisches Abenteuer beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer Konfrontation mit Ausgrenzung, Unrecht und der schleichenden Bedrohung jüdischen Lebens am Vorabend der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Der Film bleibt dabei konsequent in der Perspektive seiner jungen Figuren – und genau darin liegt seine große Stärke.
Historisch ist das Jahr 1938 ein Kipppunkt. Der „Anschluss“ Österreichs, die zunehmende Entrechtung jüdischer Menschen, offene antisemitische Gewalt und schließlich die Novemberpogrome markieren den Übergang von Diskriminierung zu systematischer Verfolgung. Das geheime Stockwerk bildet diese Zuspitzung nicht über große historische Ereignisse ab, sondern über Alltagsbeobachtungen: Blicke, Gerüchte, Denunziationen, plötzliche Ausschlüsse. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Film seine Authentizität. Er zeigt, wie Normalität brüchig wird – ein Erfahrungsraum, der historisch korrekt und emotional nachvollziehbar ist.
Der gewählte Kunstgriff der Zeitreise erweist sich dabei nicht als Flucht ins Fantastische, sondern als pädagogisch präzises Mittel. Karli weiß, was kommen wird – und muss zugleich lernen, dass Wissen allein nicht reicht, um Geschichte aufzuhalten. Diese Spannung verweist auf eine zentrale Frage der Erinnerungskultur: Was bedeutet Verantwortung, wenn man um das Unrecht weiß? Der Film beantwortet diese Frage nicht moralisch belehrend, sondern erzählerisch – durch Handlungen, Zweifel und Entscheidungen der Figuren.
Auch filmisch überzeugt Das geheime Stockwerk. Der Detektiv-Plot, das historische Setting des Grandhotels, die Ausstattung und die zurückhaltende, aber wirkungsvolle Musik schaffen eine Atmosphäre, die zwischen Abenteuer und Bedrohung balanciert. Besonders hervorzuheben sind die jungen Darstellerinnen und Darsteller, die ihre Rollen mit großer Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit spielen. Dass Silas John und Annika Benzin hier ihre ersten Filmrollen übernehmen, ist umso bemerkenswerter.
Im Kontext der deutschen Erinnerungskultur reiht sich der Film in eine Tradition ein, die seit den 1990er Jahren verstärkt versucht, neue Zielgruppen zu erreichen – weg von reiner Dokumentation, hin zu erzählenden, identifikationsstiftenden Formaten. Angesichts des Verschwindens der Zeitzeug*innen gewinnt dieser Ansatz weiter an Bedeutung. Das geheime Stockwerk macht deutlich: Erinnerung ist kein statisches Wissen, sondern ein Prozess des Verstehens, der Empathie und der Haltung.
Gerade vor dem Hintergrund erstarkender rechtsextremer und antisemitischer Strömungen in Europa wirkt der Film wie ein notwendiger Gegenentwurf. Er zeigt, dass demokratische Werte, Toleranz und Zivilcourage nicht abstrakt sind, sondern im Alltag beginnen – oft unscheinbar, oft im Kleinen.
Für ein Gedenkportal wie unseres ist dieser Film deshalb mehr als eine Empfehlung: Er ist ein Beispiel dafür, wie Erinnerung heute gelingen kann. Das geheime Stockwerk ist kein einfacher Film. Aber er ist ein wichtiger. Und er zeigt, dass Erinnerung dann besonders wirksam ist, wenn sie berührt, ohne zu überfordern – und wenn sie junge Menschen ernst nimmt.
Mehr Informationen und Unterrichtsmaterialien unter: www.farbfilm-verleih.de/filme/das-geheime-stockwerk/
Der Film steht im Zentrum des „Augen auf Kinotag“. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2026 werden Kinos in ganz Deutschland zu Orten der Erinnerung. Weitere Infos dazu unter: www.augenauf-kinotag.de