
AI Realism – Qantar 2022 | AI Realism – Qantar 2022 / Land: KAZ / Jahr: 2022 / Regie: Almagul Menlibayeva / Bildbeschreibung: / Sektion: Forum 2026 / Datei: 202616545_1 / © Almagul Menlibayeva
Das Wort „Qantar“ hallt in der kasachischen Zeitgeschichte nach wie ein dumpfer Schlag, dessen Echo noch lange nicht verebbt ist. Es bezeichnet jenen Januar des Jahres 2022, in dem das größte Land Zentralasiens von einer Welle des Protests und einer darauffolgenden, beispiellosen Welle staatlicher Gewalt erschüttert wurde. In ihrem Werk „AI Realism – Qantar 2022“ unternimmt Almagul Menlibayeva den Versuch, dieses nationale Trauma nicht bloß abzubilden, sondern es durch die Linse einer technologischen Archäologie neu zu konstituieren. Der Film, der im Rahmen der diesjährigen Berlinale in der Sektion Forum Special für intensives Aufsehen sorgt, ist eine radikale Untersuchung darüber, wie wir uns erinnern, wenn die offiziellen Bilder fehlen und die Machtstrukturen versuchen, die Geschichte unter Verschluss zu halten.
Um die Tiefe dieses 24-minütigen Werks zu erfassen, ist eine Auseinandersetzung mit dem blutigen Januar 2022 unumgänglich. Was als friedliche Demonstration gegen steigende Energiepreise in der westkasachischen Stadt Schanaozen begann, entwickelte sich binnen weniger Tage zu einer landesweiten Erhebung gegen das verkrustete politische System und die jahrzehntelange Herrschaft des Clans um Nursultan Nasarbajew. Die Reaktion der Regierung unter Präsident Toqajew war drakonisch: Ein landesweiter Internet-Blackout schnitt das Land von der Außenwelt ab, während ein „Schießbefehl ohne Vorwarnung“ hunderte Todesopfer forderte. In diesem Vakuum der Information, in dem Smartphones stumm blieben und soziale Medien abgeschaltet wurden, entstand eine Lücke im kollektiven Gedächtnis – eine visuelle Leere, die Menlibayeva nun mit den Mitteln der künstlichen Intelligenz zu füllen sucht.
Der Titel „AI Realism“ ist dabei Programm und Provokation zugleich. Menlibayeva nutzt generative KI-Modelle nicht, um eine täuschend echte Realität zu simulieren, sondern um die fragmentierte, oft traumatisierte Natur der Erinnerung selbst darzustellen. Sie arbeitet mit dem Paradoxon, dass eine Maschine, die keine eigenen Gefühle besitzt, durch die richtige Fütterung mit menschlichen Daten – Textnachrichten, Zeugenaussagen, Metadaten – eine emotionale Wahrheit ans Licht bringen kann, die rein dokumentarisches Material vielleicht verfehlt hätte. Die KI wird hier zum Medium eines „Gegengedächtnisses“, das sich der staatlich verordneten Geschichtsschreibung widersetzt.
Visuell ist der Film als ein komplexes Diptychon angelegt, das den Zuschauer unmittelbar in eine Atmosphäre der Verunsicherung versetzt. Die Leinwand ist oft horizontal geteilt. Im oberen Bereich entfalten sich die von der KI generierten Sequenzen. Wir sehen Architekturfragmente von Almaty, die sich in einem ständigen Prozess der Auflösung und Neuzusammensetzung befinden. Monumentale Gebäude, die Wahrzeichen der Macht, scheinen zu atmen oder unter einer unsichtbaren Last zu erzittern. Es sind menschenleere, gespenstische Szenerien, in denen Rauch und Licht eine unheilvolle Allianz eingehen. Die Ästhetik erinnert an die frühen, noch unvollkommenen Diffusionsmodelle des Jahres 2022. Menlibayeva hat sich bewusst dafür entschieden, jene technologische Stufe zu verwenden, die zeitgleich zu den Ereignissen existierte. Das Ergebnis ist eine körnige, oft glitschige Bildgewalt, die das Unfertige, das unterdrückte Wort und die unterbrochene Verbindung perfekt widerspiegelt.
In der unteren Bildhälfte hingegen fließen abstrakte, oft schwarz-weiße Formationen, die wie digitale Echos der oberen Welt wirken. Hier werden die „Prompts“ sichtbar – jene textlichen Befehle, die Menlibayeva in die Maschine eingespeist hat. Begriffe wie „Tränengas“, „Almaty im Feuer“, „leere Plätze“ oder „Angst“ blitzen kurz auf und geben Einblick in den Entstehungsprozess. Dieser Meta-Kommentar macht deutlich, dass wir es nicht mit einer objektiven Wahrheit zu tun haben, sondern mit einer mühsamen Rekonstruktion. Es ist ein Akt der digitalen Exhumierung: Die Künstlerin gräbt in den Datensätzen der Krise, um den Opfern ein Gesicht oder zumindest einen Raum im Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückzugeben.
Ein wesentlicher Pfeiler dieser immersiven Erfahrung ist die Zusammenarbeit mit dem Musiker und Sounddesigner German Popov (OMFO). Seine Kompositionen sind weit mehr als eine Untermalung; sie sind das akustische Rückgrat des Films. Popov webt eine Klanglandschaft aus industriellem Rauschen, tiefen Bässen und elektronischen Interferenzen, die die technische Störung – den Internet-Blackout – hörbar machen. Dazwischen dringen menschliche Stimmen durch den Äther, gefiltert und verzerrt, als kämen sie aus einer anderen Dimension. Dieser Kontrast zwischen der Kälte der Algorithmen und der Wärme der verzweifelten Sprachnachrichten erzeugt eine Spannung, die physisch spürbar ist. Die Tonspur evoziert jene beklemmende Stille, die über Kasachstan lag, als die Kommunikation gekappt wurde, nur unterbrochen vom Donner der Detonationen und dem Hall der Schüsse.
In der Hierarchie der filmischen Mittel steht die Regie hier im Dienste einer übergeordneten künstlerischen Vision, die Menlibayeva seit Jahren verfolgt: die Dekolonialisierung des zentralasiatischen Raums. Indem sie westliche Hochtechnologie nutzt, um eine indigene, spezifisch kasachische Geschichte zu erzählen, bricht sie mit der Tradition, in der über Zentralasien oft nur von außen berichtet wurde. „AI Realism – Qantar 2022“ ist somit auch ein politischer Akt. Er stellt die Frage, wem die Geschichte gehört und wer die Werkzeuge kontrolliert, mit denen sie geschrieben wird. In einer Ära, in der Deepfakes und Desinformation zu mächtigen Waffen geworden sind, dreht Menlibayeva den Spieß um. Sie nutzt die KI als Werkzeug der Transparenz, indem sie deren Grenzen und Mechanismen offenlegt.
Die Besetzung des Films besteht nicht aus Schauspielern, sondern aus den Daten der Realität. Es sind die Worte derer, die in jenen Nächten in den Straßen von Almaty standen, die den Algorithmus leiteten. Menlibayeva agiert hier als eine Art Kuratorin des Schmerzes, die die disparaten Fragmente zu einem kohärenten, wenn auch zutiefst verstörenden Ganzen zusammenfügt. Ihr Schnittrhythmus ist bedacht, fast meditativ, was in scharfem Kontrast zur Gewalt des Themas steht. Diese Entschleunigung zwingt das Publikum, sich mit jedem einzelnen Bild auseinanderzusetzen, die Details der generierten Ruinen zu studieren und die Schwere des Kontextes zu fühlen.
Innerhalb des Programms der Berlinale nimmt dieses Werk eine Sonderstellung ein. Während viele Filme versuchen, politische Konflikte durch konventionelle narrative Strukturen oder klassische dokumentarische Beobachtung greifbar zu machen, wählt Menlibayeva den Weg der Abstraktion und der technologischen Vermittlung. Sie erkennt an, dass manche Traumata so groß sind, dass eine direkte Darstellung ihnen nicht gerecht werden kann. Die „Unschärfe“ der KI wird hier zur angemessenen ästhetischen Form für eine Wahrheit, die offiziell immer noch geleugnet oder verzerrt wird.
„AI Realism – Qantar 2022“ ist ein zutiefst wohlwollendes Werk, nicht im Sinne einer Beschönigung, sondern in seiner Empathie für die Fragilität der menschlichen Existenz im Angesicht staatlicher Gewalt und technologischer Überwachung. Es ist ein Requiem für die Toten des Januars 2022 und gleichzeitig eine Warnung an die Lebenden. Der Film zeigt auf beeindruckende Weise, dass Kunst auch dort noch Zeugnis ablegen kann, wo das Licht ausgeknipst wurde und die Kameras verboten waren.
Wenn der Film nach 24 Minuten endet, bleibt ein Gefühl der Schwere zurück, aber auch eine Form der Erkenntnis. Almagul Menlibayeva hat bewiesen, dass die Zukunft des Kinos und der Geschichtsschreibung untrennbar mit der Weiterentwicklung unserer digitalen Werkzeuge verbunden ist. Sie fordert uns auf, nicht nur den Bildern zu vertrauen, die wir sehen, sondern auch nach denen zu fragen, die uns vorenthalten werden. Auf dieser Berlinale 2026 setzt „AI Realism – Qantar 2022“ einen Standard dafür, wie Technologie zur Heilung und zur Wahrheitsfindung beitragen kann, anstatt nur zur Manipulation. Es ist ein Film, der bleibt – als digitales Mahnmal und als Zeugnis einer unerschütterlichen künstlerischen Integrität.
AI Realism – Qantar 2022 / Almagul Menlibayeva (Regie, Buch) / 24′ / Kasachstan / 2022 / Farbe / Englisch, Kasachisch, Russisch / Untertitel: Englisch / Kurzfilm / Berlinale 2026, Sektion Forum Special