
Only Rebels Win / Land: FRA, LBN, QAT / Jahr: 2026 / Regie: Danielle Arbid / Bildbeschreibung: Hiam Abbass, Amine Benrachid / Sektion: Panorama 2026 / Datei: 202616058_1 / © Easy Riders Films
Danielle Arbids „Only Rebels Win“ ist nicht nur ein Film; es ist ein Manifest der Zärtlichkeit in einer Welt, die zunehmend am Zynismus erkrankt. Arbid, die sich bereits mit „Simple Passion“ als Seziererin des menschlichen Begehrens einen Namen gemacht hat, kehrt hier zu ihren Wurzeln in Beirut zurück, um eine Geschichte zu erzählen, die in ihrer politischen Sprengkraft so radikal wie in ihrer emotionalen Tiefe erschütternd ist.
Die Handlung entfaltet sich in einem Beirut, das zugleich vertraut und gespenstisch wirkt. Suzanne, eine Witwe in ihren Sechzigern mit palästinensischen Wurzeln, führt ein Leben, das von den Erwartungen ihrer bürgerlichen Umgebung und dem Echo vergangener Konflikte geprägt ist. Hiam Abbass verkörpert diese Frau mit einer derart leisen, unerschütterlichen Würde, dass jede ihrer Gesten wie ein politisches Statement wirkt. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als sie Zeugin eines rassistischen Übergriffs auf Osmane (Amine Benrachid) wird, einen jungen sudanesischen Tagelöhner ohne Papiere. In einem spontanen Akt der Menschlichkeit nimmt sie ihn bei sich auf. Was als humanitäre Geste beginnt, wandelt sich schnell in eine tiefe, romantische Verbindung – eine Liebe, die vier Jahrzehnte Altersunterschied, soziale Schichten und tief sitzende ethnische Vorurteile ignoriert.
Der politisch-historische Kontext ist das eigentliche Rückgrat dieses Films. Arbid nutzt die Beziehung zwischen der palästinensischen Suzanne und dem sudanesischen Osmane, um die komplexen Hierarchien der libanesischen Gesellschaft offenzulegen. Suzanne ist als Palästinenserin selbst eine ewige Außenseiterin, doch ihre Liebe zu einem schwarzen Geflüchteten bricht ein Tabu, das die Geister der Vergangenheit weckt. Die Feindseligkeit, die dem Paar entgegenschlägt, stammt nicht von anonymen Mächten, sondern aus der Mitte der Gesellschaft: von den eigenen Kindern, den Nachbarn, den vermeintlichen Freunden. Es ist die Tragödie einer Generation, die den Libanon einst in den Abgrund riss und nun ihre verbliebene Energie darauf verwendet, die moralische Integrität einer Frau zu zerstören, die es wagt, ihr Recht auf Glück einzufordern.
Die Entstehungsgeschichte des Films verleiht ihm eine zusätzliche, fast metaphysische Ebene. Da die reale Sicherheitslage in Beirut Dreharbeiten vor Ort nahezu unmöglich machte, wich die Produktion in die Pariser Montjoie Studios aus. Dort schufen Arbid und ihre Kamerafrau Céline Bozon eine hybride Ästhetik aus physischen Kulissen und hochauflösenden Rückprojektionen realer Beiruter Straßenzüge. Diese technische Notwendigkeit erwies sich als künstlerischer Geniestreich. Die Stadt draußen wirkt wie eine flirrende, traumhafte Projektionsfläche, während Suzannes Wohnung zu einer zeitlosen Kapsel wird. Das staubige, goldene Licht der Levante, das Bozon mittels modernster LED-Technik im Studio rekonstruierte, verleiht dem Film eine Sinnlichkeit, die in krassem Gegensatz zur dokumentarischen Härte der Hintergründe steht.
Hiam Abbass liefert hier das Opus Magnum ihrer Karriere ab. Sie spielt Suzanne nicht als Opfer der Umstände, sondern mit einem Trotz, der den Titel des Films erst rechtfertigt. An ihrer Seite agiert Amine Benrachid mit einer sanften, fast zerbrechlichen Präsenz, die die existenzielle Unsicherheit eines Menschen ohne Papiere spürbar macht. Untermalt wird diese emotionale Tour de Force von den Kompositionen Bachar Mar-Khalifés, dessen Musik zwischen melancholischer Introspektion und den nervösen Rhythmen einer kollabierenden Metropole schwankt.
„Only Rebels Win“ ist ein seltener Glücksfall des Kinos. Es ist ein Film, der den Mut besitzt, die Sexualität einer älteren Frau und den alltäglichen Rassismus gleichermaßen ungeschönt zu zeigen, ohne dabei je in Didaktik zu verfallen. Danielle Arbid zeigt uns, dass Rebellion in der heutigen Zeit nicht zwingend der laute Schrei auf der Straße sein muss. Manchmal ist die radikalste Form des Widerstands schlichtweg die Weigerung, aufzuhören zu lieben. Es ist ein wohlwollendes, tief menschliches Porträt, das den Zuschauer mit der drängenden Frage entlässt: Wer sind die wahren Rebellen in einer Welt, die den Gehorsam gegenüber dem Hass zur Tugend erklärt hat?
Only Rebels Win / Danielle Arbid (Regie, Buch) / mit Hiam Abbass, Amine Benrachid, Shaden Fakih, Charbel Kamel, Alexandre Paulikevitch / 98′ / Frankreich, Libanon, Katar / 2026 / Farbe / Arabisch / Weltpremiere / Berlinale 2026, Sektion Panorama