Jilek, Grit: Nation ohne Territorium. Über die Organisierung der jüdischen Diaspora bei Simon Dubnow, Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Band 24; Baden-Baden 2013.
Nachdem in letzter Vergangenheit die Lebenserinnerungen (Buch des Lebens; Göttingen 2004/05) von und eine Biographie (Kelner, Göttingen 2010) über Simon Dubnow (1860 bis 1941) erschienen sind, fügt Grit Jilek mit ihrer Dissertation über sein politisches Engagement einen weiteren Mosaikstein in das Gesamtbild der Persönlichkeit des russisch-jüdischen Historikers ein.
Dubnow zählt zu den bedeutenden jüdischen Nationalhistorikern. Mit seiner zehnbändigen „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ ging er neue Wege für das Selbstverständnis der rassisch, religiös und ideologisch verfolgten Minderheit. Im Zentrum seiner Reflektionen stehen nicht mehr das religiöse (leidensgeschichtlich dominierte), sondern das säkular wie national bestimmte Volk. Sein Diaspora-Nationalismus ist Geschichtsphilosophie, er betrachtet den Staat allerdings nur als äußeres Element einer Nation, deren Aufgabe es war, Minderheitenrechte in den Gastländern einzufordern und die Grundlagen für die Schaffung des jüdischen Staates, der Heimstatt Israel (ohne selbst Zionist zu sein), zu unterstützen. Die Ausführungen Grit Jileks sind den Anstrengungen Dubnows gewidmet, welche er für eine Organisierung der jüdischen Diaspora aufwandte. In ihr sah der Wissenschaftler und Publizist die Zukunft des Judentums als eine universale Weltbürgerschaft auf ethnischer und kultureller wie sekundär (orthodox-) religiöser Basis. Seine Interpretation fußt auf der Auswertung der geschichtswissenschaftlichen Strömung des (deutschen) Historismus. Denn dieser „betonte die Geschichtlichkeit des Menschen und dessen Verwurzlung in einer Tradition“ (S. 89) und deutete den Staat als organisch gewachsen.
Die Visionen Simon Dubnows sind aktuell (siehe Rürup: Praktiken der Differenz; Göttingen 2009), denn: „angesichts der heutigen fortschreitenden ‚Diasporasierung’ der Welt durch die Migrationsbewegungen der Globalisierung, den zahlreichen ungeschützten Minderheiten, des Aufbrechens historischer und neuer ethno-religiöser Konfliktherde und des Fortwirkens historischer Ereignisse auf die Entwicklung der einst beteiligten Gruppen“ (S. 6) wirken Vorbehalte weiter.
Unter dem Begriff des „Autonomismus“ führte Dubnow sein Diasporakonzept in die national-kulturellen Bestrebungen in die politische Diskussion ein. Sein damit verbundenes Anliegen war, die zum Teil rasch wechselnden Bedingungen in den Diasporaländern anzupassen und ist wesentlich durch die eigenen Erfahrungen im Ostjudentum geprägt. Sie differieren inhaltlich im Verhältnis und in der Reaktion des Westjudentums zeitweise erheblich. Zur Erinnerung: Die geographischen Räume entwickelten sich nationalstaatlich seit ungefähr Mitte des 18. Jahrhunderts hinsichtlich der politischen, territorialen, wissenschaftlichen und ökonomischen Veränderungen vollends unterschiedlich. Das beeinflusste natürlich gleichfalls die jüdischen Gemeinschaften. Die Gedanken der bürgerlichen Aufklärung kamen im Zarenreich und den osteuropäischen Ländern nicht an. Woraus die Differenz des jüdischen Selbstbildes entstand. Das heißt, während die westlichen Juden in Mittel- und Westeuropa sich als individuell und abnehmend religiös betrachteten und handelten, erhielt sich das Ostjudentum ihr kollektives Verständnis in Form von eigener Sprache, Institutionen und Kultur. Nationale Assimilation und bürgerliche Emanzipation im Zuge der Haskala stellen für das Westjudentum keine unüberwindliche Hürde dar. In der russischen Gesellschaft war das praktisch ausgeschlossen. Weiterhin zu Bedenken gilt, dass in den beiden Vielvölkerstaaten Europas (Osmanisches und Habsburgerreich) neben dem russisch dominierten Zarenreich das Judentum eine Minderheit unter vielen anderen war, was nur wenige Möglichkeiten für relativ eigenständige Gruppenrechte zuließ.
Die kurzzeitigen Integrationsbemühungen unter Zar Alexander II., der 1881 einem Attentat zum Opfer fiel, wurden durch den Thronfolger abrupt abgebrochen. Infolge der weiterhin wirkenden Isolation entstand neben der zionistischen Heimstatt-Bewegung 1897 der „Algemeje jiddische arbeterbund in lite, poiln un rusland“, kurz: Bund, als Sammelbecken sozialdemokratisch Orientierter. Einhergehend gelangte die bisher rechtlich diskriminierte Judenheit im alten Ständestaat ungeahnt und paradoxerweise zu einer wirtschaftlich bedeutenden Rolle in den neuen kapitalistischen Produktionsverhältnissen. „Die von der Landwirtschaft als auch in vielen Handwerksberufen rechtlich ausgeschlossenen Juden konzentrierten sich so in urbanen, kommerziellen Berufen und wurden so zu Protagonisten im Wandlungsprozess“ und zunehmend „von der russisch-christlichen Bevölkerung als neue kollektive wirtschaftliche Konkurrenz, ja mehr noch als Bedrohung, wahrgenommen“ (S. 149). Pogrome wüteten im Land.
Die zionistische Dominanz im „Verband für die Gleichberechtigung des Jüdischen Volkes“ führte neben anderen Neugründungen 1907 zur Etablierung der „Folkspartej“. Sie verstand Simon Dubnow als programmatische Fortsetzung vor allem seines autonomistischen Diasporakonzeptes mit dem Ziel der Einberufung eines gesamtjüdischen Kongresses auf Reichsebene. Aufgabe der Partei war, einerseits die nationalen Kräfte zu organisieren um andererseits die national-kulturelle Wiedergeburt einzuleiten. Nicht einfach umzusetzen in einer Phase gegenseitiger Abgrenzungen und dem Streben nach Eigenprofilierung der verschiedenen Gruppierungen. Keine der Zusammenschlüsse führten zum anvisierten Ziel. Simon Dubnow musste sich eingestehen, dass die Einberufung einer russisch-jüdischen Versammlung nicht nur an der Zersplitterung der individuellen Interessen gescheitert war, sondern damit gleichzeitig auch der geheimen politischen Polizei Gelegenheit gegeben wurde, Zusammenkünfte zu verhindern um das Programm umzusetzen.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges eröffnete sich eine neue Dimension der „Jüdischen Frage“. Erklärtes Kriegsziel der Entente war die Schaffung eigenständiger, national bestimmter kleiner Länder in Europa und damit die Zerschlagung der Vielvölkerstaaten. Dubnow leitete darauf folgerichtig die Erklärung von Minderheitsrechten auf Grundlage von internationalen Übereinkünften ab. Dem Schicksal der russischen Judenheit nahmen sich jetzt Schriftsteller durch die Initiative Maxim Gorkis an, schufen 1915 mit der „Liga des Kampfes gegen den Antisemitismus“ eine Plattform und veröffentlichten ein Jahr später unter dem Titel „Schild“ eine Anthologie mit Stellungnahmen der Literaten zur „Jüdischen Frage“. Für Dezember 1917 war ein „Gesamtrussischer Jüdischer Kongress“ einberufen worden, den die Machtübernahme der Bolschewiki einen Monat vorher verhinderte. Die unübersichtliche Lage ausnutzend repräsentierte stattdessen der jüdische „Nationale Rat“ seit Frühjahr 1918 kurze Zeit als provisorisches Vertretungsorgan die Minderheitsinteressen. Infolge des politischen Umsturzes verließ Dubnow seine Heimat und siedelte nach Berlin über. Hier setzte er seine Bemühungen der jüdischen Organisierung auf internationaler Ebene fort. Unter anderem engagierte er sich für den „Rat zum Schutz der jüdischen Minderheitsrechte“ (1927) und die Vorbereitungen für die Gründung des „Jüdischen Weltkongresses“ (1936).
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat Simon Dubnow erneut den Weg ins Exil an. Seine neue Wahlheimat war Riga. In der lettischen Hauptstadt ereilte den mittlerweile 81- jährigen ein unnatürlicher Tod. Vermutlich während der Räumung des Rigaer Ghettos soll laut einigen Zeitzeugenaussagen der Hochbetagte am 8. Dezember 1941 durch die deutschen Besatzer umgebracht worden sein. Überliefert ist als letzte Äußerung: „’Schraibt Jidn, un varschaibt!’ – schreibt auf und erinnert“ (S.457).
Grit Jilek schrieb eine umfangreiche Monographie über das politisch-organisatorische Engagement des russisch-jüdischen Historikers Simon Dubnow. Obwohl sie detailliert über ihn und die jüdischen Einigungsbestrebungen berichtet, sind dennoch einige grundsätzliche Mängel anzuzeigen. Der vorliegende Text ist zu stark untergliedert. Durch die Straffung der Inhalte und der Gedankenführung wären die vielen Wiederholungen entfallen. Aussagen sind niedergeschrieben, ohne erforderliche Belege oder Quellenangaben dem Leser mitzuteilen und genau hinterfragt, sogar falsch oder ohne inhaltlichen Zusammenhang. Klingen in einigen Nebenbemerkungen die Situation des russischen Volkes vage an, fehlen auf jeden Fall Aussagen zum sozialen Alltag der jüdischen Minderheit. Sie erwähnt den wirtschaftlichen Aufstieg der Juden, den die autochthonen Russen als tägliche Bedrohung empfinden, aber sagt nichts über das „Warum“ der Entwicklung und die Art der „Ängste“ aus. An der tragfähigen Einschätzung der innenpolitischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Lage im zaristischen Russland mangelt es ebenso wie an dem Nennen historischer Ereignisse. Vor allem, weil die russisch-sowjetische Geschichtsentwicklung und politische Lage sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts innerhalb kurzer Zeitintervalle gravierend wandelte. Notwendig wäre ein Personenregister gewesen, welches das aussagefähige Glossar nicht ersetzt. Grundsätzlich zu beanstanden ist, dass Grit Jilek allein über die Einforderung von Rechten referiert, aber nirgends über die sich daraus ergebenden Pflichten schreibt.
Autor: Uwe Ullrich
Jilek, Grit: Nation ohne Territorium. Über die Organisierung der jüdischen Diaspora bei Simon Dubnow, Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Band 24; Baden-Baden 2013; 524 S., 79 Euro