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Startseite > Geschichte Deutschlands > Nationalsozialismus und NS-Staat > Musik in Konzentrationslagern
Geschrieben von: David Schwackenberg | Erstellt: 8. Oktober 2026

Musik in Konzentrationslagern

Gedenkstein am ehemaligen KZ Börgermoor mit Zeilen des Moorsoldatenliedes

Gedenkstein mit Zeilen des Liedes „Die Moorsoldaten“ am ehemaligen KZ Börgermoor, 2008. Ulli 2mecs, Gedenkstein Moorsoldaten, CC BY-SA 4.0

Millionen von Männern, Frauen und Kindern wurden in den von den Nationalsozialisten im Dritten Reich errichteten Konzentrations- und Vernichtungslagern gefoltert, gequält und ermordet. Trotzdem oder gerade deswegen entwickelte sich eine künstlerisch-musikalische „Szene“ innerhalb der hinter Stacheldraht und Wachtürmen gefangenen Menschen, die auf ihre Weise Widerstand gegen die unmenschlichen, abscheulichen und perversen Machenschaften des braunen Regimes leistete. Deprimierend-realistische, aber auch humoristische und zuversichtliche Lieder und Texte entstanden so unter dem todbringenden Hakenkreuz.

Warum spielte gerade das Singen und Musizieren eine so wichtige Rolle in den Lagern? Inge Lammel zitiert dazu in einem ihrer Artikel den ehemaligen Dirigenten des Lagerorchesters in Auschwitz, Adam Kopycinski: „Die Musik vermittelt uns das schlichte Wissen von der Wahrheit des Lebens. Die Sehnsüchte des menschlichen Herzens suchen einen Halt in der Sphäre der Töne. Dank ihrer Macht und Suggestivkraft stärkte hier die Musik in den Zuhörern das, was das wichtigste ist – die wahre Natur […] und förderte die Selbstachtung des Menschen, die in der Zeit des Lagerlebens so grausam mit Füßen getreten wurde […]“.

Die beschriebene Suggestivkraft der Musik kommt unter anderem in dem Lied „Den Spaten geschultert“ zum Ausdruck. Es entstand im Sommer 1937 im Moorlager II, auch unter dem Namen „Aschendorfer Moor“ bekannt. Häftlinge, die von dort aus in andere Lager überführt wurden, verbreiteten es weiter. Im KZ Sachsenhausen gehörte das Lied aufgrund seiner optimistischen Aussage zu den beliebtesten Lagerliedern. Auch in Dachau war das Lied unter dem Titel „In Zehnerreihen marschieren wir“ bekannt. Text und Musik sind von unbekannten Autoren verfasst. Hier nun Auszüge aus „Den Spaten geschultert“: „Den Spaten geschultert, marschieren wir / in langem Zuge am Morgen. / Ein Lied auf den Lippen, mit frohem Mut, / so trotzen wir Kummer und Sorgen. / Denn wir wissen, dass nach dieser Not / uns leuchtet hell das Morgenrot!“

Eins der bis heute bekanntesten Lagerlieder, das Moorsoldatenlied nämlich, entstand ursprünglich im Sommer 1933 im KZ Börgermoor. Der Komponist Rudi Goguel sagte zur Entstehung des Liedes: „Der äußere Anlass zur Entstehung des Moorsoldatenliedes war die ‚Nacht der langen Latten‘, ein nächtlicher Überfall von SS-Leuten auf eine Häftlingsbaracke im KZ Börgermoor. Einige Tage nach diesem Pogrom kam der Bergarbeiter Esser aus Rheinhausen mit einem Gedicht von sechs Strophen Länge.“ Es sei etwas holprig gewesen, Mithäftling Wolfgang Langhoff aber, der den Refrain schuf, habe es in Form gebracht. Nun komponierte Rudi Goguel eine Melodie, unter widrigen Umständen, denn: „Das war nicht ganz einfach, denn im Revier arbeiteten einige Häftlinge als Anstreicher, die von morgens bis abends bei der Arbeit sangen und pfiffen.“ Nach drei Tagen jedenfalls war der Satz fertig und die Einzelstimmen zu Papier gebracht. Das Lied „Die Moorsoldaten“ war entstanden. Von den Moorlagern nun nach Theresienstadt. Hier war unter anderem Leo Straus inhaftiert. Heydrichs Befehl, die Deportation des „Menschenmaterials“ möglichst reibungs- und geräuschlos durchzuführen, wurde befolgt. Viele gingen sogar freiwillig nach Theresienstadt, denn es wurde ihnen, besonders den alten, hochdekorierten Kriegsveteranen, ein schöner Ruhesitz mit prunkvollen Hotels unter dem Namen „Theresienbad“ schmackhaft gemacht. Was die Menschen dort erwartete, war natürlich alles andere als ein Urlaubsvergnügen. Die Deportation und spätere Vernichtung von „Untermenschen“ stand nämlich in Theresienstadt weit oben auf dem „Lagerprogramm“. Leo Straus, der Sohn des berühmten Komponisten Oscar Straus, schrieb in Theresienstadt zahlreiche Lieder und Texte, unter anderem das Lied „Als ob“. Straus stieß mit diesem und anderen Werken bei seinen Mithäftlingen nicht immer auf Zuspruch, weil er indirekt auch diejenigen unter ihnen kritisierte, welche sich Illusionen über ihre wahre Situation hingaben und sich in der Verdrängung der Realität selbst belogen. Einige Passagen aus dem Text: „Ich kenn ein kleines Städtchen, / ein Städtchen ganz tiptop, / ich nenn es nicht beim Namen, / ich nenns die Stadt Als-ob. […] Es gibt auch ein Kaffeehaus, / gleich dem Café de l’Europe, / und bei Musikbegleitung, / fühlt man sich dort als ob. […] Man trägt das schwere Schicksal, / als ob es nicht so schwer, / und spricht von schönrer Zukunft, / als obs schon morgen wär“.

Neben heimlich gesungenen Widerstandsliedern gab es auch offizielle Lagerlieder, die sogenannten „Lagerhymnen“. Im Lager Buchenwald ordnete 1938 der Lagerführer Rödl sogar einen Wettbewerb an. Für die Fertigstellung eines Liedes wurden 10 Mark in Aussicht gestellt. Die SS entschied sich für ein Lied, dessen Text von Fritz Beda-Löhner stammte, der früher die Texte zu Franz Lehars Operetten verfasst hatte und von dem viele Schlager der 20er Jahre wie beispielsweise „Ausgerechnet Bananen“ noch heute bekannt sind. Die Vertonung besorgte der Wiener Kabarettsänger Leopoldi. Dieser konnte später nach Amerika fliehen, während Beda-Löhner in einem Nebenlager von Auschwitz umkam. In einem unmittelbar nach dem Krieg erschienenen Artikel in der „Thüringer Volkszeitung“ berichtet der Zeitzeuge Stefan Heymann von der offiziellen „Einführung“ der Lagerhymne: „Text und Melodie des Liedes mussten in der Freizeit eingeübt werden, bis es eines Tages nach dem Abendappell – es war Ende Dezember 1938, bitterkalt und alles tief verschneit – hieß: ‚Das Buchenwald-Lied singen!‘ Selbstverständlich konnte das beim ersten Mal (11000 Menschen standen auf dem Appellplatz) nicht klappen. […] Endlich, gegen 10 Uhr abends, kamen wir ausgehungert und steifgefroren auf unsere Blocks. Diese Szene im tiefsten Winter, als die hungernden und frierenden Menschen im grellen Licht der Scheinwerfer im tiefen, grellweißen Schnee auf dem Appellplatz singend standen, hat sich jedem Teilnehmer unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben.“ Der Refrain des „Buchenwald-Liedes“: „O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, / weil du mein Schicksal bist. / Wer dich verließ, der kann es erst ermessen, / wie wundervoll die Freiheit ist. / O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen, / und was auch unsre Zukunft sei – / wir wollen trotzdem „ja“ zum Leben sagen, / denn einmal kommt der Tag – dann sind wir frei.“

Trotz oder gerade wegen allen Leids in den Konzentrationslagern kam der Humor nicht zu kurz. Das „Lied vom heiligen Caracho“ aus dem KZ Sachsenhausen ist nur ein Beispiel für den ungebrochenen Lebensmut der Häftlinge. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde den Häftlingen in Sachsenhausen der Befehl erteilt, sämtliche Bewegungen im Laufschritt zu vollziehen. Das berühmte Studentenlied „Studio auf der Reis“ diente als Vorlage für die Melodie, der Verfasser der Worte ist, wie so oft, unbekannt: „Kommt nach Sachsenhausen man, jumheidi, jumheida, / trifft man einen Heil´gen an, jumheidi, heida, / den Sachsenhausen hoch verehrt, / auch wenn die Welt sich nicht drum schert. / Jumheidi… […] Lagertempo Sachsenhausen, jumheidi, jumheida, / im Laufschritt stets die Hacken sausen, jumheidi, heida. / Ob Klinker, Speer, Kanal, Transport – / Caracho regiert hier wie dort. Jumheidi… Beim Baden stehst du lange draußen, jumheidi, jumheida, um mit Caracho dann zu brausen, jumheidi, heida, / sollt´ Seife für den Körper fehlen, Caracho reinigt auch die Seelen. Jumheidi…[…]“

Natürlich sind dies nur winzige Bruchstücke des Gesamtwerkes zahlloser Häftlinge in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern. 

Autor: David Schwackenberg

Literatur

Inge Lammel (Hrsg.): Lieder aus den faschistischen Konzentrationslagern. Leipzig, 1962.

Fred K. Prieberg: Musik im NS-Staat. Frankfurt/M., 1982.

Ulrike Migdal (Hrsg.): Und die Musik spielt dazu. München, Januar 1986.

Fania Fenelon: Das Mädchenorchester in Auschwitz. Frankfurt/M., 1980.

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