
Jüdisches Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen KZ Bergen-Belsen, mit Kränzen zum Befreiungsgedenken 2012. Drow69, Jewish Memorial at Bergen-Belsen, CC BY-SA 3.0
Das Konzentrationslager Bergen-Belsen war eine der größten Anlagen, die während des Zweiten Weltkriegs als Gefangenenlager von den Nationalsozialisten genutzt wurde. Das Lager befand sich nahe Bergen im heutigen gemeindefreien Bezirk Lohheide im Landkreis Celle in Niedersachsen. Zwischen 1943 und 1945 sollen hier schätzungsweise 120.000 Gefangene inhaftiert gewesen sein.
Als 1935 der Truppenübungsplatz Bergen errichtet wurde, wurden die Arbeiter in einem Lager aus Baracken untergebracht. Dieses Barackenlager, das den offiziellen Namen Heeresneubaulager Bergen-Belsen trug, wurde ab 1940 von der deutschen Wehrmacht zu einem Gefangenenlager umfunktioniert, um französische und belgische Kriegsgefangene zu inhaftieren.
1941 richtete die Wehrmacht das Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager Stalag XI C (311) ein. Bis zum Herbst trafen dort rund 21.000 sowjetische Kriegsgefangene ein. Allerdings fehlte es an Unterbringungsmöglichkeiten für die Gefangenen, sodass viele inhaftierte Soldaten gar nicht in Baracken Platz fanden. Sie mussten im Freien schlafen oder sich selber Unterkünfte aus Laubhaufen oder Erdlöchern bauen. Aufgrund der schlechten Unterbringungsmöglichkeiten starben bis 1942 ca. 14.000 Kriegsgefangene an Hunger, Unterkühlung oder Erkrankungen.
Im April 1943 wurde der südliche Bereich des Kriegsgefangenenlagers an die SS abgetreten, die daraus zunächst ein Aufenthaltslager für sogenannte Austauschjuden machte. Als Austauschjuden wurden jüdische KZ-Häftlinge bezeichnet, die man für Gefangenenaustausche von im Ausland festgehaltenen Deutschen verwenden konnte.
Die zuständige Amtsgruppe der SS nannte das Lager zunächst Zivilinterniertenlager Bergen-Belsen. Dieser Begriff wurde allerdings bereits wenige Wochen nach der Errichtung des Lagers abgeändert, weil ein Zivilinterniertenlager laut den Genfer Konventionen für entsprechende internationale Kommissionen frei besuchbar sein musste. Um die Einmischung fremder Nationen zu unterbinden, benannte die SS das Lager einfach in Aufenthaltslager Bergen-Belsen um.
Bis März 1944 wurden hier fast ausschließlich jüdische Inhaftierte interniert und auf unterschiedliche Lager verteilt. Die Aufteilung der Lager wurde nach den staatlichen Zugehörigkeiten der Insassen vorgenommen. Ein Großteil der Austauschjuden befand sich im sogenannten Sternenlager, wo die Bewohner zwar Zivilkleidung tragen durften, aber trotzdem Arbeitsdienste leisten und aufgenähte Judensterne tragen mussten. Im Neutralenlager wurden dagegen Juden aus neutralen Staaten wie der Türkei, Spanien oder Argentinien untergebracht. Außerdem gab es ein Ungarnlager, in dem Juden aus Ungarn interniert wurden. Die SS tauschte sie unter anderem gegen Devisen oder gegen Waren mit Ländern wie der Schweiz ein.
Neben den jüdischen Inhaftierten gab es außerdem noch ein abgetrenntes Lager in Bergen-Belsen, in dem bis 1944 ca. 600 Häftlinge lebten. Diese Häftlinge wurden unter anderem für Ausbaumaßnahmen verwendet, wenn das Lager vergrößert werden musste.
Ab März 1944 brachte die SS kranke und nicht mehr arbeitsfähige Männer aus anderen Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen. Der Ausdruck „Erholungslager“ verschleierte die tatsächlichen Bedingungen. Ab Dezember 1944 trafen immer mehr Räumungstransporte und Todesmärsche aus frontnahen Lagern ein. Überbelegung, Hunger und unzureichende Versorgung verschärften das Massensterben.
Im SS-Wortschatz war die Bezeichnung eines Erholungslagers gleichbedeutend mit einem Lager, wo die Gefangenen zum Sterben hin verlegt wurden. Es fehlte an Ärzten, Pflegern und Medikamenten, um die Häftlinge ausreichend zu behandeln. Entsprechend entschied die Lagerleitung, die ohnehin spärliche Behandlung der Insassen auf ein Minimum zu reduzieren. Oft wurden kränkliche Inhaftierte durch das Spritzen tödlicher Substanzen einfach getötet. Viele Inhaftierte wurden aber auch von Mitgefangenen getötet. Die Täter waren in der Regel Funktionshäftlinge, die im Auftrag der SS die Morde begingen und die dafür kleinere Vorzüge innerhalb des KZs genießen konnten.
Im August 1944 entschied die SS, das Konzentrationslager Bergen-Belsen zusätzlich als ein Durchgangslager zu verwenden. Frauen und Kinder wurden hier untergebracht, die später als Zwangsarbeitskräfte unter anderem von Rüstungsfirmen eingesetzt werden konnten. Im Sommer wurden die Frauen zunächst auf unbebauten Freiflächen in einfachen Zelten untergebracht. Nachdem allerdings im Herbst starke Stürme die Zelte zerstört hatten, mussten sich die Frauen und Kinder zwangsläufig in den Baracken anderer Internierter zusammendrängen.
Mangelnde Hygiene und eine unzureichende medizinische Versorgung in Kombination mit dem schlechten Gesundheitszustand vieler sorgten dafür, dass sich in dem KZ Krankheiten ausbreiteten, denen viele Menschen zum Opfer fielen. So sollen alleine im März 1945 ca. 18.000 Menschen verstorben sein.
Anfang April 1945 räumte die SS das Austauschlager weitgehend. Rund 6.700 jüdische Häftlinge wurden in drei Zügen abtransportiert, vermutlich mit dem Ziel Theresienstadt. Nur ein Zug erreichte diesen Ort. Einen weiteren befreiten US-amerikanische Truppen am 13. April bei Farsleben; den sogenannten Verlorenen Zug befreiten sowjetische Soldaten am 23. April bei Tröbitz. Viele Menschen starben während der Fahrten oder nach der Befreiung an deren Folgen.
Nach örtlichen Übergabeverhandlungen betraten britische Truppen am 15. April 1945 das Konzentrationslager. Sie fanden Zehntausende schwer geschwächte und kranke Häftlinge sowie Tausende unbestattete Tote vor. Trotz medizinischer Hilfe starben in den folgenden Wochen noch mehr als 13.000 befreite Menschen an den Folgen der Haft.
Die gefangengenommenen SS-Angehörigen mussten in den Folgewochen dabei helfen, Massengräber auszuheben und die nicht bestatteten Leichen zu beerdigen. Die Baracken wurden bis zum Mai 1945 geräumt und anschließend abgebrannt.
Für viele Überlebende endeten Unsicherheit und Entwurzelung nicht mit der Befreiung. In der nahe gelegenen ehemaligen Wehrmachtskaserne richteten die Briten zunächst ein Nothospital ein. Daraus entstand ein Camp für Displaced Persons, also Menschen, die durch Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat verschleppt oder vertrieben worden waren. Es wurde in ein polnisches und ein jüdisches Camp aufgeteilt. Die Bewohner organisierten Selbstverwaltungen, Schulen, berufliche Ausbildung und kulturelles Leben. Im jüdischen Camp lebten zeitweise bis zu 12.000 Menschen; es bestand bis 1950. Viele warteten auf die Möglichkeit, nach Palästina beziehungsweise Israel oder in andere Länder auszuwandern. Zugleich hielten Überlebende die Erinnerung an die Ermordeten wach. Bereits 1945 errichteten sie auf dem früheren Lagergelände erste Gedenkzeichen. Die Geschichte Bergen-Belsens umfasst deshalb neben Verfolgung und Massensterben auch die Bemühungen der Überlebenden um einen Neubeginn und um die Bewahrung des Andenkens an die Toten.
Nach dem Krieg wurde das Gelände des KZ Bergen-Belsen in eine 55 Hektar große Gedenkstätte umgewandelt. Da die meisten Gebäude nach der Befreiung zerstört worden waren, erinnern heute freie Flächen auf den großen Heidewiesen als Mahnmal an die Baracken, in denen die Gefangenen untergebracht worden waren.
Das 2007 errichtete Dokumentationszentrum ist dabei ein Mittelpunkt der Gedenkstätte. In dem Zentrum können Besucher in einer Dauerausstellung nachverfolgen, welche Geschehnisse sich in dem Lager abgespielt haben. Außerdem sind viele Bilder und Schriftstücke aus der Zeit des Konzentrationslagers dort ausgestellt. Unter den Dokumenten sind auch Auszüge aus dem Tagebuch der Anne Frank zu finden, die zusammen mit ihrer Schwester Margot Anfang November 1944 in das KZ Bergen-Belsen deportiert worden war und dort wahrscheinlich im Februar 1945 an Fleckfieber starb.
Literatur
Hans-Dieter Arntz: Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen. Josef Weiss – würdig in einer unwürdigen Umgebung. Helios, Aachen 2012.
Susanne Bardgett, David Cesarani: Belsen 1945. New Historical Perspectives. Vallentine Mitchell, Middlesex 2006.
Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 7: Niederhagen/Wewelsburg, Lublin-Majdanek, Arbeitsdorf, Herzogenbusch (Vught), Bergen-Belsen, Mittelbau-Dora. C.H. Beck, München 2008.
Juliane Hummel: Immobile Erinnerung: Der Bau und die baulichen Reste des Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagers Bergen-Belsen. In: Wilfried Wiedemann, Joachim Wolschke-Bulmahn (Hrsg.): Landschaft und Gedächtnis: Bergen-Belsen, Esterwegen, Falstad, Majdanek. München 2011, S. 103–124.
Website der Gedenkstätte
