Der letzte Mohikaner im Niemandsland
Wenn im Februar 2026 die Berlinale-Retrospektive dem deutschen Film der Wendezeit eine Bühne bietet, wird ein Werk besonders hervorstechen: Stefan Trampes Diplomfilm „Der Kontrolleur“ (1994/95). Über 30 Jahre nach seiner Entstehung hat diese 61-minütige psychologische Studie nichts von ihrer beklemmenden Intensität verloren. Es ist die Geschichte eines Mannes, der die Grenze so sehr verinnerlicht hat, dass ihr Verschwinden seine Existenz vernichtet.
Ein Dienst ohne Staat
Hermann Hoffstedt (brillant verkörpert von Hermann Beyer) ist kein Mann der großen Worte. Er ist ein Mann der Ordnung. Dreißig Jahre lang war er das Gesicht der Staatsmacht an der Grenzübergangsstelle Drewitz – dem berüchtigten Checkpoint Bravo. Doch als Hermann nach drei Tagen Sonderurlaub für die Beerdigung seiner Frau an seinen Posten zurückkehrt, ist die Welt, die er kannte, implodiert. Die Mauer ist offen, die Grenztruppen sind aufgelöst, er selbst ist entlassen.
Was folgt, ist kein Aufbruch in die Freiheit, sondern ein manischer Rückzug in die gewohnte Struktur. Hermann weigert sich, die neue Realität anzuerkennen. Tag für Tag pendelt er mit U-Bahn und Bus zur verlassenen Station. Inmitten von Ruinen, Rost und überwucherten Betonplatten hält er einen sinnbildlichen Geisterdienst ab: Er kontrolliert nicht existierende Reisende und deklariert starrsinnig: „Ich stehe unter meiner eigenen Selbstverwaltung hier.“
Die Anatomie des Zerfalls
Der Film nutzt die reale Kulisse von Drewitz – kurz vor deren endgültigem Abriss 1993 – mit dokumentarischer Präzision. Kameramann Uwe Mann fängt den Verfall der Anlage als direktes Spiegelbild von Hermanns Psyche ein. Wo der Beton reißt, erodiert auch das Selbstbild eines Mannes, dessen Identität ausschließlich auf Pflichterfüllung und Gehorsam basierte.
Hermann Beyer spielt diesen Prozess mit einer schmerzhaften Würde. Man sieht keinen bösen Apparatschik, sondern eine tragische Figur, die in einer Scheinwelt Zuflucht sucht, weil die reale Welt keinen Platz mehr für sie bietet. Die Situation eskaliert ins Paranoide, als Hermann beginnt, „Eindringlinge“ in seinem Reich festzusetzen. Die junge Kellnerin Inge und ein gestrandeter Autofahrer werden zu Statisten in seinem privaten Kontrollwahn.
Besonders bemerkenswert ist die Besetzung von Ulrike Krumbiegel in einer Doppelrolle: Sie spielt sowohl die junge Inge als auch Hermanns verstorbene Frau Marianne in Rückblenden. Ein erzählerischer Kniff, der die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Wahn und Wirklichkeit in Hermanns Kopf vollends verwischt.
Das Echo der Wendezeit
Entstanden nur fünf Jahre nach dem Mauerfall, seziert „Der Kontrolleur“ die psychologischen Verwerfungen der Wiedervereinigung weitab von der üblichen Euphorie. Unterstützt durch die literarische Handschrift von Kerstin Hensel und die dramaturgische Beratung des DEFA-Altmeisters Egon Günther, zeichnet Trampe ein Bild der „Verlierer der Geschichte“.
Der Film stellt die unbequeme Frage: Was fängt ein Mensch mit Freiheit an, der nie gelernt hat, sie zu leben? Hermann Hoffstedt steht stellvertretend für eine Generation von Funktionsträgern, deren gesamtes moralisches und berufliches Koordinatensystem über Nacht für wertlos erklärt wurde.
Eine Metapher von bleibender Wucht
Das Schlussbild des Films ist eine der stärksten visuellen Metaphern des deutschen Kinos: Hermann zieht sich in eine Waffenkammer zurück und mauert sich Stein für Stein ein. Es ist die radikale Umkehrung des 9. Novembers 1989. Wer nur die Mauer kannte, baut sich eine neue – eine aus Stein, im Kopf, für die Ewigkeit.
Dass der rbb diesen Film nach Jahrzehnten im Archiv im November 2024 wieder ausstrahlte und die Berlinale ihn 2026 in den Fokus rückt, zeigt: Die Themen Identitätsverlust und der Umgang mit radikalen Systembrüchen sind heute so aktuell wie eh und je. „Der Kontrolleur“ ist ein sperriges, lakonisches und zutiefst menschliches Meisterwerk, das uns zwingt, Empathie mit jemandem zu finden, der im Schatten der Geschichte zurückgeblieben ist.
Der Kontrolleur (The Border Guard) / Stefan Trampe (Regie, Buch), Uwe Mann (Buch) / mit Hermann Beyer, Ulrike Krumbiegel, Eugen Krößner, Hans-Uwe Bauer, Michael Gwisdek / 62′ / Deutschland / 1995 / Farbe / Deutsch / Untertitel: Englisch / Berlinale 2026, Sektion Retrospektive