
Trop c’est trop | Enough Is Enough / Land: FRA, COD / Jahr: 2026 / Regie: Elisé Sawasawa / Bildbeschreibung: / Sektion: Panorama 2026 / Datei: 202605439_1 / © JBA Production
Die Berlinale 2026 hat ihren ersten großen Erschütterungsmoment gefunden. In der Sektion Panorama Dokumente feierte ein Film Weltpremiere, der nicht nur durch seine ästhetische Radikalität, sondern vor allem durch seine politische Dringlichkeit das Publikum im Kinosaal für lange Minuten in kollektives Schweigen hüllte. „Trop c’est trop“ (Enough Is Enough) des kongolesischen Filmemachers Elisé Sawasawa ist weit mehr als eine Chronik des Leidens; es ist ein bildgewaltiger Schrei nach Gerechtigkeit und eine visuelle Dekonstruktion eines Konflikts, den die Weltöffentlichkeit seit drei Jahrzehnten weitgehend ignoriert.
Sawasawa, 1994 im Osten der Demokratischen Republik Kongo geboren, gehört einer Generation an, die keinen einzigen Tag des Friedens erlebt hat. Sein Film ist das Resultat einer lebenslangen Beobachtung und einer unmittelbaren Reaktion auf die jüngste Eskalation im Januar 2025, als die M23-Rebellen erneut die Stadt Goma bedrohten und die humanitäre Lage in der Kivu-Region kollabieren ließen. Dass dieser Film nun in Berlin seine Premiere feiert, markiert einen Wendepunkt für das afrikanische Kino auf diesem Festival: Weg von der bloßen Opferrolle, hin zu einer souveränen, künstlerisch hochkomplexen Zeugenschaft.
Um die Wucht von „Trop c’est trop“ zu verstehen, muss man den historisch-politischen Rahmen betrachten, den Sawasawa mit schmerzhafter Präzision skizziert. Der Film erinnert uns an eine Bilanz, die in ihrer Grausamkeit kaum fassbar ist: 30 Jahre Krieg, zehn Millionen Tote und über sieben Millionen Binnenvertriebene. Es ist ein Konflikt, der oft als „stiller Genozid“ bezeichnet wird – im Französischen geprägt durch den Begriff „Genocost“ (Genocide for Cost), um den direkten Zusammenhang zwischen der systematischen Ausbeutung von Rohstoffen und der Vernichtung von Menschenleben zu verdeutlichen.
Sawasawa macht in seinem Werk unmissverständlich klar, dass die Gewalt in Kivu kein „ethnisches Urphänomen“ ist, wie es oft in westlichen Medien verkürzt dargestellt wird. Er verortet die Wurzeln des Schreckens in der globalen Gier nach Kobalt, Coltan, Gold und Kupfer. Die Paradoxie könnte kaum schärfer gezeichnet sein: Der Boden, auf dem die Protagonisten des Films um ihr nacktes Überleben kämpfen, enthält die Schätze, die die technologische Moderne des Westens antreiben. Jedes Smartphone, jede Autobatterie und jeder Laptop in Berlin ist potenziell mit dem Blut jener verbunden, die in Sawasawas Bildern durch den Schlamm der Flüchtlingslager waten. Der Film blickt hinter die Kulissen der diplomatischen Ohnmacht und kritisiert implizit auch das Scheitern der UN-Mission MONUSCO, die trotz massiver Präsenz den Vormarsch der Milizen nicht stoppen konnte.
Der Film verzichtet auf eine klassische Erzählstruktur. Stattdessen entscheidet sich Sawasawa für eine hybride Form, die Dokumentarisches mit performativen Elementen verwebt. Wir folgen drei zentralen Figuren, die stellvertretend für die Resilienz einer ganzen Region stehen.
Da ist Eliane Feza, eine Slam-Poetin, deren Worte wie Peitschenhiebe durch die Ruinen von Goma hallen. Ihre Texte bilden das narrative Rückgrat des Films. Sie spricht nicht über das Leid, sie klagt es an. In ihren Versen verbindet sie die Intimität weiblicher Erfahrung mit der großen geopolitischen Tragödie. Wenn sie in einer Szene vor den Zelten der Vertriebenen steht und ihre Reime gegen den Wind und den Lärm der Hubschrauber schreit, wird deutlich: Sprache ist hier das letzte Mittel der Selbstbehauptung.
Moses Sawasawa, der Bruder des Regisseurs, ist als Kameramann nicht nur Beobachter, sondern aktiver Teil des Geschehens. Die Kameraführung ist bewusst nah am Geschehen, oft unruhig, fast physisch spürbar. Sie fängt die Enge in den Lagern von Bulengo und Lushagala ein, den Staub auf den Gesichtern der Kinder und die unerträgliche Spannung in einer Stadt, die jederzeit fallen kann. Es ist eine Ästhetik des Widerstands, die mit leichtem Equipment direkt aus dem Chaos heraus entstanden ist.
Einen der stärksten Kontrapunkte zur dokumentierten Gewalt bildet der Tänzer Francis Zihindula Milindwa. Seine Performances in den Trümmern zerstörter Häuser sind von einer fast übermenschlichen Intensität. Wenn sein Körper sich verbiegt, zittert und schließlich in einer Geste der Erschöpfung und des Stolzes verharrt, übersetzt er das Unaussprechliche in Bewegung. Dieser künstlerische Kniff bewahrt den Film davor, in einen reinen „Elendsvoyeurismus“ abzugleiten. Die Kunst wird hier als Werkzeug der Vitalität gezeigt – ein Beweis dafür, dass der Geist der kongolesischen Bevölkerung trotz dreier Jahrzehnte systematischer Zerstörung ungebrochen ist.
Regisseur Elisé Sawasawa beweist mit seinem Langfilmdebüt ein erstaunliches Gespür für Rhythmus und Distanz. Trotz der emotionalen Schwere bleibt die Kamera oft statisch, lässt die Bilder atmen und zwingt das Publikum, hinzusehen. Es gibt keine wertenden Kommentare aus dem Off, keine erklärende Musik, die die Emotionen manipulieren will. Die einzige Musik, die wir hören, ist die von Jérémie Kambale (Skill2) sowie die Rhythmen der Straße und die Stimmen der Menschen vor Ort.
Die Entscheidung, den Film in Swahili, Kinyarwanda und Französisch zu belassen, unterstreicht die Authentizität des Werks. Es ist ein Film aus dem Inneren des Konflikts, gemacht für eine Welt, die wegsieht. Mit einer Laufzeit von rund 65 Minuten ist „Trop c’est trop“ von einer Dichte, die keine Sekunde verschwendet. Der Schnitt von Rodolphe Molla findet genau das richtige Tempo zwischen den harten Schnitten der Kriegsrealität und den elegischen Momenten der künstlerischen Performance.
Besonders hervorzuheben ist die Produktion durch Marianne Dumoulin und Jacques Bidou (JBA Production), die bereits für Filme wie „Yesterday“ oder Arbeiten von Rithy Panh bekannt sind. Sie haben Sawasawa den Raum gegeben, seine radikale Vision ohne westliche Weichzeichner umzusetzen. Es ist ein kongolesisch-französisches Kooperationsprojekt, das zeigt, wie internationale Unterstützung aussehen kann, wenn sie die lokale Stimme nicht übertönt, sondern verstärkt.
„Trop c’est trop“ ist kein Film, den man genießt. Es ist ein Film, den man aushalten muss. Er fordert eine moralische Positionierung ein. Wenn am Ende die erschütternde Bilanz von 30 Jahren Krieg auf der Leinwand erscheint, wird klar, dass der Titel „Enough Is Enough“ nicht nur eine Parole ist, sondern eine existenzielle Forderung.
Elisé Sawasawa ist es gelungen, die politische Komplexität der Kivu-Region in eine universelle Sprache der Kunst zu übersetzen. Er zeigt uns den Kongo nicht als einen fernen, hoffnungslosen Ort, sondern als ein Epizentrum menschlicher Stärke, das von globalen Mächten geopfert wird. In der Geschichte der Berlinale wird dieser Beitrag als eines der mutigsten Dokumente dieser Jahre in Erinnerung bleiben. Wer diesen Film sieht, wird künftig nicht mehr behaupten können, man habe von den Zuständen in Goma nichts gewusst. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Leben und ein unüberhörbares „Es reicht“.
Trop c’est trop (Enough Is Enough) / Elisé Sawasawa (Regie, Buch) / mit Eliane Feza, Moses Sawasawa, Francis Zihindula Milindwa / 65′ / Frankreich, Demokratische Republik Kongo / 2026 / Farbe / Swahili, Kinyarwanda, Französisch / Untertitel: Englisch / Weltpremiere / Debütfilm / Dokumentarische Form / Berlinale 2026, Sektion Panorama Dokumente