
Where To? | Where To? / Land: ISR, DEU / Jahr: 2026 / Regie: Assaf Machnes / Bildbeschreibung: Ehab Salami / Sektion: Perspectives 2026 / Datei: 202604888_4 / © Maayne Bouhnik
Es gibt Momente im Kino, in denen der Lärm der Weltpolitik und die erhitzten Debatten des Alltags für einen Augenblick verstummen und Platz machen für eine tiefe, fast schmerzhafte Menschlichkeit. Ein solcher Moment ist die Premiere von „Where To?“ (Originaltitel: „Anu Le’an?“), dem Spielfilmdebüt des israelischen Regisseurs Assaf Machnes. Das Werk erweist sich als eine der feinfühligsten Auseinandersetzungen mit Identität, Exil und der zerbrechlichen Möglichkeit einer Annäherung zwischen Menschen, deren Herkunft sie in der Logik der Weltgeschichte eigentlich zu Gegnern machen sollte.
Assaf Machnes, der bereits mit seinen Kurzfilmen wie „Auschwitz on my Mind“ ein besonderes Gespür für die Verflechtung von persönlicher Biografie und kollektivem Trauma bewiesen hat, wählt für seinen ersten Langfilm ein ebenso intimes wie universelles Setting: das Innere eines Wagens – genauer gesagt, den anonymen Raum eines Uber-Fahrzeugs, das durch das nächtliche Berlin gleitet. Es ist ein Film, der die politische Großwetterlage nicht ignoriert, sie aber konsequent durch das Prisma des Individuellen bricht und so eine emotionale Unmittelbarkeit erreicht, die in zeitgenössischen Produktionen über den Nahostkonflikt selten zu finden ist.
Im Zentrum der Erzählung steht Hassan, ein 55-jähriger Palästinenser, der seit Jahrzehnten in Berlin lebt und sein Geld damit verdient, Nachtschwärmer, Touristen und Verlorene von einem Ort zum nächsten zu transportieren. Ehab Salami spielt diesen Hassan mit einer stoischen Melancholie, die unter der Oberfläche von einer tiefen Erschöpfung und unerfüllten Sehnsucht zeugt. Hassan ist ein Mann zwischen den Welten. In Deutschland ist er der stille Dienstleister, zu Hause der Vater, der mit der zunehmenden Entfremdung seiner Töchter kämpft. Besonders das Verhältnis zu seiner ältesten Tochter, die einen deutschen Mann heiraten will, ist von einem Schweigen geprägt, das Hassan kaum zu durchbrechen vermag. Für ihn bedeutet diese Heirat nicht nur einen Generationenkonflikt, sondern den endgültigen Verlust einer kulturellen Ankerung, die er im Exil krampfhaft zu bewahren suchte.
Sein Gegenpart ist Amir, ein 25-jähriger Israeli, verkörpert von Ido Tako mit einer nervösen, fast fiebrigen Energie. Amir ist ein Suchender, ein junger Mann, der vor der Enge seiner Heimat und der Last der familiären und gesellschaftlichen Erwartungen nach Berlin geflohen ist, um seine sexuelle Identität zu erkunden und dem allgegenwärtigen Militärdienst-Narrativ zu entkommen. Er ist laut, oft betrunken oder berauscht und leidet sichtlich unter dem Ende einer turbulenten Liebesbeziehung. Als Amir das erste Mal zufällig in Hassans Wagen steigt, prallen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch über einen Zeitraum von zwei Jahren – der Film ist in zehn präzise getaktete Episoden unterteilt, die jeweils eine Fahrt markieren – kreuzen sich ihre Wege immer wieder.
Der politisch-historische Kontext von „Where To?“ ist omnipräsent, ohne jemals didaktisch zu wirken. Hassan trägt die Last der Nakba in sich; seine Familie stammt aus einem Dorf in Galiläa und wurde 1948 vertrieben. Berlin ist für ihn kein Ort der Neuerfindung, sondern ein Ort des Wartens, ein dauerhaftes Provisorium, in dem die Erinnerung an die verlorene Heimat das einzige ist, was ihm wirklich gehört. Für Amir hingegen ist Berlin die Verheißung von Freiheit, auch wenn diese Freiheit ihn oft in die Einsamkeit stürzt. Die Ironie, dass Hassan ausgerechnet aus der Region stammt, in der Amir aufgewachsen ist, bildet das emotionale Rückgrat des Films. Hier zeigt sich die ganze Tragik des Konflikts: Zwei Menschen sitzen auf engstem Raum zusammen, verbunden durch eine Landschaft, die der eine verloren hat und der andere verlassen wollte.
Es entsteht eine Art ungesagte Vater-Sohn-Beziehung, in der beide Männer im jeweils anderen das finden, was ihnen in ihrem eigenen Leben fehlt: Anerkennung, Verständnis und eine Form von Heimat, die nicht an Territorien oder Flaggen gebunden ist. Machnes beweist ein außergewöhnliches Talent darin, die politische Dimension des Konflikts in den banalsten Alltag zu integrieren. In einer besonders starken Szene fahren israelische Touristen in Hassans Wagen und unterhalten sich auf Hebräisch über ihn, in der arroganten Annahme, er verstünde sie nicht. Hassan reagiert darauf nicht mit Wut, sondern mit einer subtilen, fast spielerischen Provokation, indem er arabische Begriffe in seine Sätze einstreut, um die Paranoia und die Vorurteile seiner Fahrgäste zu spiegeln. Es ist ein Spiel mit Masken, das die Absurdität der Frontstellungen entlarvt. Doch zwischen Hassan und Amir entwickelt sich etwas anderes: ein Raum der Aufrichtigkeit, in dem die Masken fallen gelassen werden können.
Wenn Hassan schließlich beginnt, Amir von seiner Vergangenheit zu erzählen – von dem Haus in Galiläa, das er nie wieder gesehen hat, und von den Olivenbäumen, die für ihn Symbol einer geraubten Existenz sind –, dann ist das kein politisches Statement für eine Kamera, sondern ein Akt des tiefen Vertrauens gegenüber einem jungen Mann, der für ihn zum Stellvertreter einer neuen Generation wird. Die Tatsache, dass Amir ihm zuhört, ohne zu urteilen oder sich zu rechtfertigen, markiert den emotionalen Wendepunkt des Films. Es ist eine Form von Anerkennung des Leids des Anderen, die im realen politischen Diskurs oft so schmerzlich vermisst wird.
Die filmische Gestaltung unterstützt diese Intimität meisterhaft. Die Kamera von Boaz Yehonatan Yaacov bleibt oft extrem nah an den Gesichtern der Protagonisten. Sie fängt das künstliche Licht der Berliner Straßenlaternen ein, das in Blau- und Gelbtönen über ihre Züge huscht, während die Welt draußen in Unschärfe verschwimmt. Das Auto wird zu einem Kokon, einem mobilen Beichtstuhl, in dem die Zeit für die Dauer einer Fahrt stillzustehen scheint. Diese räumliche Enge erzeugt eine Spannung, die sich erst in den Momenten des Gesprächs löst. Die Entscheidung, den Film in verschiedenen Sprachen – Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch – zu belassen, unterstreicht die Komplexität der Identitäten. Es ist ein Sprachgewirr, das die Realität vieler Menschen im Exil widerspiegelt, für die keine Sprache mehr vollständig ausreicht, um ihre innere Zerrissenheit auszudrücken.
Besonders hervorzuheben ist auch die Besetzung der Nebenrollen, die den Film im Berliner Kontext erden. Doch das Herzstück von „Where To?“ bleibt unbestreitbar das Zusammenspiel von Salami und Tako. Salami verleiht Hassan eine Würde und eine physische Präsenz, die niemals in Pathos abgleitet. Man sieht ihm die Jahrzehnte der Arbeit und des Wartens an jeder Geste an. Tako hingegen macht die Verletzlichkeit und die Suche Amirs so greifbar, dass sein Schmerz über die verlorene Liebe und die Suche nach sich selbst fast physisch spürbar wird. In ihren gemeinsamen Szenen entwickelt der Film eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann.
Assaf Machnes ist mit diesem Film etwas Seltenes gelungen: Er hat einen zutiefst politischen Film gedreht, der sich weigert, einfache Parolen zu rufen oder sich auf eine Seite zu schlagen. In einer Zeit, in der die Fronten so verhärtet scheinen wie selten zuvor, bietet dieses Werk eine Vision der Heilung an, die nicht auf diplomatischen Verträgen, sondern auf menschlicher Begegnung basiert. Es gibt keine plötzliche, filmreife Versöhnung, die alle historischen Wunden heilt. Was es gibt, ist der Moment des aufrichtigen Zuhörens, das gegenseitige Erkennen der menschlichen Existenz hinter den nationalen und religiösen Narrativen.
Während der Berlinale wurde deutlich, wie sehr das Publikum nach solchen Geschichten verlangt – Geschichten, die das Komplexe nicht vereinfachen, aber ihm ein Gesicht geben. Hassans Uber-App mag das Ziel jeder Fahrt technisch vorgeben, doch die eigentliche Frage des Titels – „Wohin?“ – zielt auf die Zukunft dieser beiden Männer und, im übertragenen Sinne, ihrer Völker ab. Der Film lässt diese Frage bewusst offen, doch er lässt uns mit der Hoffnung zurück, dass das gemeinsame Erzählen der erste Schritt auf einem langen, steinigen Weg sein könnte.
Machnes hat ein Werk geschaffen, das den Geist des internationalen Kinos perfekt verkörpert: mutig, empathisch und unerschrocken in seinem Glauben an die Kraft des Erzählens. „Where To?“ ist weit mehr als nur ein Film über zwei Männer in einem Auto; es ist eine Reflexion über die Möglichkeit, sich selbst im vermeintlich Fremden wiederzufinden. Es ist eine der wohlwollendsten und wichtigsten Entdeckungen dieses Kinojahres, die noch lange nach dem Abspann im Gedächtnis bleibt und dazu anregt, die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen.
Where To? / Assaf Machnes (Regie, Buch) / mit Ehab Salami, Ido Tako, Milan Peschel, Rama Nasrallah, Raheeq Haj Yahia-Suleiman / 95′ / Israel, Deutschland / 2026 / Farbe / Englisch, Arabisch, Deutsch, Hebräisch / Weltpremiere / Debütfilm / Berlinale 2026, Sektion Perspectives