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Startseite > Rezensionen > Buchrezensionen > Von Krakau bis Danzig – von Thomas Urban
Geschrieben von: Christian Saehrendt | Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2026

Von Krakau bis Danzig – von Thomas Urban

Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte, München 2004.

Zum ersten Mal seit langer Zeit sind Polen und Deutschland in stabilen und partnerschaftlich organisierten Bündnissen vereint. Mit dem diesjährigen offiziellen „Deutsch-polnischen Jahr“ sollen auch die beiden Zivilgesellschaften miteinander vernetzt werden. Nicht nur die politischen Repräsentanten, auch die Schulen, Universitäten, Kulturinstitutionen und Bürgerinitiativen beider Länder werden zum Austausch und zur Zusammenarbeit angeregt. Die Gegenwart bietet relativ wenig Konfliktstoff für die Nachbarn, doch die Vergangenheit lastet immer noch schwer und ist mitunter fähig, das Klima zu vergiften – wie die Debatte um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ gezeigt hat. Warum dieser „Dämon der Vergangenheit“ so vital und gefährlich ist, erklärt eine neue Publikation: Der Journalist Thomas Urban, langjähriger Polen-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, hat den Versuch gemacht, die tausendjährige deutsch-polnische Geschichte in Form einer Städtereise zu bilanzieren: Er erzählt die wechselvolle Geschichte der sieben größten polnischen Städte. Warschau, Krakau, Lodz, Breslau, Danzig, Posen und Kattowitz waren allesamt durch die Nachbarschaft und wechselhafte Dominanz  deutscher und polnischer Bewohner und Herrscher geprägt gewesen.

Als die deutsch-polnische Geschichte im Jahr 1000 mit dem Gipfeltreffen von Kaiser Otto dem III. und Herzog Boleslaw begann, lag der polnische Staat ungefähr an seiner heutigen geographischen Position. Zwischen den Millennien fand zunächst eine jahrhundertelang dauernde Verlagerung nach Osten und 1945 eine dramatische Verschiebung des Staatsgebietes nach Westen statt. Auf Einladung polnischer Herrscher gründeten Deutsche im mittelalterlichen Polen Städte und wurden bald zu einflussreichen Patriziern. Während sie in Warschau und Krakau im Zuge von politischen Machtkämpfen und wirtschaftlichen Prozessen polonisiert wurden, bildete sich in Danzig und Posen ein bis ins 19. Jahrhundert selbstbewusstes deutsches Bürgertum heraus. „Mourir pour Danzig?“: Der Konflikt um Danzig gehörte zu den Vorwänden der nationalsozialistischen Expansionspolitik. Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 eröffnete den Zweiten Weltkrieg in Europa. Doch zeigt die Geschichte, dass Danzig jahrhundertelang zwischen deutschen Stadtbürgern, Ordensrittern, polnischen und preußischen Herrschern umstritten war und deshalb für alle Seiten einen großen Symbolwert hatte. Mit der Industrialisierung kam eine neue Welle deutscher Bürger mit Kapital und Fachwissen ins Land: Lodz und Kattowitz verdanken ihnen ihren Aufstieg. Mit dem um sich greifenden Nationalismus wurden die Konflikte härter und totaler, sie forderten nun von jedem Einzelnen ein nationales Bekenntnis. Einen hohen Symbolwert erlangte auch Posen, das als erstes polnisches Bistum 968 vom Piastenherzog Mieszko gegründet worden war. Zudem fand hier 1918 der einzige erfolgreiche Nationalaufstand in der polnischen Geschichte statt. Dramatische Nationalitätenkämpfe prägten die multiethnischen Städte Posen, Lodz und Kattowitz in den Jahren bis 1939, bis Krieg und nationalsozialistische Okkupation das Blatt wendeten und nun auch Krakau und Warschau im polnischen Kernland in ungeheuerer Weise in Mitleidenschaft zogen. Der Mord an den Krakauer Intellektuellen ging in die Geschichte ein. Das grausigste Schicksal erlebte Warschau, die am stärksten kriegszerstörte Stadt Europas. Der NS-Herrschaft folgte die größte Vertreibung der Geschichte durch die Siegermächte. Das schwer zerstörte Breslau erlebte einen totalen Austausch der Bevölkerung, war also zunächst eine Stadt ohne Identität, während viele autochthone, binationale Schlesier in Kattowitz bleiben durften. Einige von ihnen feierten 1954 auf den Straßen sogar das „Wunder von Bern“ und mussten dies mit langen Haftstrafen büßen. In Schlesien lebt eine anerkannte deutsche Minderheit. Schlesische Herkunft oder Identität ist jedoch nicht mit deutscher Nationalität gleichzusetzen; daneben bestehen polnische, eigenständig schlesische und mehrfache Identitäten.

Die Nachkriegsordnung lässt sich nicht als „totaler Sieg der polnischen Seite“ bilanzieren. Polen verlor seine östlichen Gebiete an die Sowjetunion und erhielt im Westen und Norden zuvor deutsche Gebiete. Flucht, Vertreibung und erzwungene Umsiedlungen veränderten die Bevölkerung beiderseits der neuen Grenzen tiefgreifend. Unter dem Einfluss von Stalin entstand in Polen eine kommunistische Diktatur; territoriale Gewinne bedeuteten daher weder politische Selbstbestimmung noch einen ungebrochenen nationalen Triumph. Die deutsche Seite hat die Grenze 1990 anerkannt, beide Länder sind heute in europäische Bündnisse eingeflochten und enge Handelspartner.

Die Juden zwischen Oder und Weichsel erlebten ein tragisches Schicksal, weil sie immer wieder zwischen die Fronten gerieten. In multiethnischen Gebieten tendierten sie sprachlich und kulturell zur deutschen Seite, ihre Assimilationserfolge steigerten den polnischen Antisemitismus. Viele Juden erwarteten von den deutschen Besatzern und Herrschern Ordnung und Schutz vor Pogromen, polnische Nationalisten dachten vor 1939 daran, wie man möglichst viele Juden durch Emigration loswerden könnte. Schließlich fielen drei Millionen polnische Juden den Nationalsozialisten zum Opfer. Die Überlebenden waren im Nachkriegspolen unerwünscht, dies galt besonders für deutsche Holocaustüberlebende: Als eine kleine Gruppe Breslauer Juden in ihre Heimatstadt zurückkehren wollte, wurden sie mit anderen Deutschen in ungeheizte Güterwaggons gestopft und nach Westen zurückgeschickt.

Urban hat einen leicht verständlichen ‚Reiseführer’ für die deutsch-polnische Geschichte geschrieben – man wird die polnischen Städte nach der Lektüre mit anderen Augen sehen. Angenehm fällt auf, dass er die zahlreichen historischen Streitfragen, die deutsche und polnische Beteiligte oft sehr kontrovers diskutieren, als offene Fragen kenntlich macht und nicht im apodiktischen Ton ‚reine Wahrheiten’ verkündet. Überdies macht er das deutsche Publikum auf polnische Diskurse und Debatten aufmerksam, die durch die scharfe Sprachgrenze bislang kaum wahrgenommen werden konnten. Damit könnte sein Buch dazu beitragen, die immer noch weit verbreitete Ignoranz und Voreingenommenheit gegenüber unserem Nachbarland zu überwinden.

Rezension: Christian Saehrendt

Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. München: C. H. Beck, 2004. 345 Seiten. 14,90 €

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