
Roya / Land: DEU, CZE, LUX, IRN / Jahr: 2026 / Regie: Mahnaz Mohammadi / Bildbeschreibung: Melisa Sözen / Sektion: Panorama 2026 / Datei: 202604675_1 / © Pak Film
Die 76. Berlinale im Jahr 2026 wird als ein Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das Kino des Widerstands eine neue, fast schmerzhaft physische Form angenommen hat. Inmitten des dichten Programms sticht ein Werk hervor, das die Grenzen zwischen Fiktion und Zeugenschaft, zwischen Albtraum und politischer Realität verwischt: „Roya“, der zweite Spielfilm der iranischen Regisseurin und Aktivistin Mahnaz Mohammadi. Nach ihrem beachteten Debüt „Son-Mother“ und Jahren des erzwungenen Schweigens sowie politischer Verfolgung kehrt Mohammadi mit einer Arbeit zurück, die nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern einen Raum begehbar macht – den Raum der Isolation, des Schmerzes und der unerschütterlichen Würde.
Der Film führt uns in das berüchtigte Evin-Gefängnis in Teheran, einen Ort, der in der kollektiven Psyche des Iran als Synonym für staatliche Willkür und die Unterdrückung des freien Geistes steht. Im Zentrum steht Roya, eine Lehrerin, die von der eindringlichen Melisa Sözen verkörpert wird. Ihr Vergehen ist aus Sicht des Regimes so simpel wie schwerwiegend: Sie hat ihre Schülerinnen ermutigt, das Kopftuch abzulegen und für ihre Autonomie einzustehen. Für diesen Akt der pädagogischen Aufrichtigkeit findet sie sich in einer drei Quadratmeter großen Zelle wieder, einem klaustrophobischen Kubus, in dem die Zeit aufhört, linear zu existieren.
Mahnaz Mohammadi wählt für „Roya“ eine Ästhetik, die weit über den bloßen Naturalismus hinausgeht. Die ersten zwanzig Minuten des Films sind eine Tour de Force der audiovisuellen Immersion. Das flackernde Licht einer defekten Leuchtstoffröhre, das ferne Echo von Schreien aus anderen Trakten und die bedrohliche Präsenz der unsichtbaren Peiniger erzeugen eine Atmosphäre, die den Zuschauer förmlich in die Enge treibt. Doch statt in der bloßen Darstellung von Grausamkeit zu verharren, nutzt Mohammadi die Sprache des surrealen Kinos, um Royas Innenwelt zu erkunden. Der Titel „Roya“ – persisch für Traum oder Vision – ist hier Programm. Während ihr Körper in der Zelle verfällt, wandert ihr Geist durch fragmentierte Erinnerungen und imaginierte Landschaften. Diese Szenen, oft am kaspischen Meer angesiedelt, bilden einen scharfen, fast schmerzhaften Kontrast zum grauen Beton der Haft.
Der politische Kontext von „Roya“ ist untrennbar mit der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung verbunden, die den Iran in den letzten Jahren fundamental erschüttert hat. Mohammadi, die selbst mehrfach inhaftiert war und unter einem jahrelangen Berufsverbot litt, verarbeitet in diesem Film auch ihre eigenen traumatischen Erfahrungen. „Roya“ ist kein biographisches Dokument im engen Sinne, sondern eine universelle Parabel über das Überleben in der totalen Isolation. Die Regisseurin macht deutlich, dass die Unterdrückung nicht nur den Körper angreift, sondern darauf abzielt, die Identität des Einzelnen zu zersetzen. Das zentrale Dilemma des Films ist ein erzwungenes Geständnis vor laufender Kamera. Roya soll ihre Überzeugungen widerrufen, um ihre Freiheit zu erkämpfen. Die Kamera von Ashkan Ashkani bleibt dabei oft quälend nah an Melisa Sözens Gesicht, fängt jede Nuance des Zweifelns, der Erschöpfung und des wachsenden Widerstands ein. Sözen liefert hier eine Leistung ab, die in ihrer reduzierten Intensität an die großen Heldinnen des europäischen Autorenkinos erinnert, während sie gleichzeitig tief in der persischen Erzähltradition verwurzelt bleibt.
In der dramaturgischen Struktur verzichtet der Film bewusst auf eine konventionelle Spannungskurve. Stattdessen setzt Mohammadi auf eine zyklische Erzählweise, die das Gefühl der Zeitlosigkeit in der Einzelhaft spiegelt. Vergangenheit und Gegenwart schieben sich ineinander; Begegnungen mit Mitgefangenen, wie der von Maryam Palizban gespielten Samira, wirken oft wie Geistererscheinungen oder Projektionen des eigenen Ichs. Diese erzählerische Offenheit fordert das Publikum heraus, sich auf eine Erfahrung einzulassen, die eher atmosphärisch und emotional als rein intellektuell funktioniert. Es ist ein Kino der Empathie, das den Zuschauer nicht als Beobachter, sondern als Zeugen anspricht.
Besonders hervorzuheben ist die Entscheidung der Regie, das System der Unterdrückung nicht nur durch die direkten Verfolger zu zeigen. Die Vernehmer bleiben oft schemenhaft oder werden nur durch ihre Stimmen charakterisiert, was ihre Macht ins Mythische und zugleich Banal-Bürokratische steigert. Der politische Gehalt des Films liegt gerade in dieser Verweigerung der individuellen Konfrontation zugunsten einer Analyse der strukturellen Gewalt. Mohammadi zeigt, wie die Architektur des Gefängnisses und die Rituale der Demütigung – wie das Verbot, die Toilette zu benutzen, oder das ständige grelle Licht – darauf ausgelegt sind, den menschlichen Willen zu brechen. Dass der Film unter schwierigsten Bedingungen im Untergrund und in Co-Produktion mit europäischen Partnern aus Deutschland, Tschechien und Luxemburg entstand, verleiht ihm eine zusätzliche Ebene der Relevanz. Jedes Bild scheint ein Sieg über die Zensur zu sein.
Cinematographisch besticht „Roya“ durch eine präzise Lichtsetzung, die das Unerträgliche sichtbar macht, ohne es zu ästhetisieren. Der Schnitt von Esmaeel Monsef unterstützt die fragmentierte Wahrnehmung der Protagonistin und schafft Übergänge, die oft so abrupt sind wie das Erwachen aus einem Fiebertraum. Wenn Roya in ihren Visionen über weite Felder läuft oder sich an die Gespräche mit ihrem Vater erinnert, nutzt der Film eine Farbsättigung, die in der Enge der Zelle fast wie eine Halluzination wirkt. Diese ästhetische Dualität unterstreicht das Thema des Films: Dass der Geist frei bleiben kann, selbst wenn der Körper in Ketten liegt.
Die Bedeutung von „Roya“ für das iranische Kino der Gegenwart kann kaum überschätzt werden. Während viele Filmemacher das Land verlassen mussten, bleibt Mohammadi durch ihre Kunst eine kraftvolle Stimme für jene, die im Inneren des Systems verstummt sind. Der Film endet nicht mit einer einfachen Erlösung oder einem heroischen Sieg, sondern mit einem Moment der Stille. Diese Stille ist jedoch nicht die des Aufgebens, sondern eine des aktiven Widerstands. Roya wählt das Schweigen gegenüber dem erzwungenen Wort, und in dieser Entscheidung liegt ihre größte Stärke.
Für die Berlinale ist die Premiere von „Roya“ ein Signal. Das Festival unterstreicht damit seine Rolle als Plattform für Filme, die politisch unbequem sind und formale Wagnisse eingehen. In einer Zeit, in der das Weltgeschehen oft von schnellen Bildern und flüchtigen Nachrichten dominiert wird, zwingt uns Mahnaz Mohammadi zum Hinsehen und zum Verweilen in der Dunkelheit. „Roya“ ist ein erschütterndes, aber zutiefst hoffnungsvolles Werk, das zeigt, dass das Kino nach wie vor der Ort ist, an dem das Unsichtbare sichtbar gemacht wird. Es ist ein Denkmal für den Mut der iranischen Frauen und ein filmisches Meisterwerk, das noch lange nach dem Abspann nachhallt. Wer diesen Film sieht, wird das Konzept von Freiheit fortan mit anderen Augen betrachten – nicht als Abstraktion, sondern als die tägliche, schmerzhafte Entscheidung, sich nicht brechen zu lassen.
Roya / Mahnaz Mohammadi (Regie, Buch) / mit Melisa Sözen, Maryam Palizban, Hamidreza Djavdan, Mohammad Ali Hosseinalipour, Bacho Meburishvili / 92′ / Deutschland, Tschechien, Luxemburg, Iran / 2026 / Farbe / Farsi / Untertitel: Englisch / Berlinale 2026, Sektion Panorama