
Traces / Land: UKR, PRL / Jahr: 2026 / Regie: Alisa Kovalenko, Marysia Nikitiuk / Bildbeschreibung: Liudmyla Mefodiivna / Sektion: Panorama 2026 / Datei: 202601639_2 / © Alisa Kovalenko
In der Sektion Panorama Dokumente der Berlinale 2026 wurde mit „Traces“ ein Werk uraufgeführt, das die Grenzen des dokumentarischen Erzählens neu vermisst. Die Gemeinschaftsarbeit der Regisseurinnen Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk ist weit mehr als eine Chronik des Schmerzes; sie ist eine tiefgreifende Untersuchung der menschlichen Widerstandsfähigkeit inmitten eines post-humanen Zustands, wie ihn der Krieg in der Ukraine hervorgebracht hat. Der Film widmet sich einem der dunkelsten Kapitel moderner Konflikte: der systematischen Anwendung sexueller Gewalt als Kriegswaffe. Dabei gelingt es den Filmemacherinnen, dieses hochempfindliche Thema mit einer Würde und einer analytischen Klarheit zu behandeln, die im zeitgenössischen Kino ihresgleichen sucht.
Im Zentrum der Erzählung steht Iryna Dovhan, eine Frau, deren eigenes Schicksal bereits im Jahr 2014 zum Symbol für die Grausamkeit der russischen Besatzung wurde. Damals ging ein Foto um die Welt, das sie zeigt, wie sie an einen Pfosten in Donezk gebunden, in eine ukrainische Flagge gehüllt, von Passanten gedemütigt wurde. Doch in „Traces“ begegnen wir nicht der Iryna von damals, sondern einer Frau, die ihre eigene Traumatisierung in eine fast schon sakrale Mission verwandelt hat. Sie reist durch die frisch de-okkupierten Gebiete der Ukraine – von den Vororten Kiews wie Butscha und Irpin bis hinunter in die Region Cherson – um Zeugnisse zu sammeln. Sie ist keine klassische Interviewerin; sie ist eine Schicksalsgenossin, die anderen Frauen einen sicheren Raum eröffnet, in dem das Unaussprechliche endlich in Worte gefasst werden darf.
Der politisch-historische Kontext von „Traces“ ist von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis des Films. Die Regisseurinnen machen unmissverständlich deutlich, dass die Gewaltakte, von denen die Frauen berichten, keine isolierten Exzesse einzelner Soldaten sind. Vielmehr zeichnet der Film das Bild einer gezielten Strategie der Entmenschlichung. Die Berichte von Galyna Tyshchenko, Liudmyla Mefodiivna und Tetiana Vasylenko – Frauen, die sich mutig dazu entschlossen haben, ihre Gesichter unkenntlich und ihre Stimmen ungefiltert zu zeigen – belegen eine Systematik der Unterdrückung. Hier wird deutlich, dass der Körper der Frau im Krieg zum Schlachtfeld wird, auf dem die Identität einer ganzen Nation gebrochen werden soll. Der Film ordnet diese Verbrechen in einen größeren historischen Rahmen ein und fordert implizit eine juristische Aufarbeitung, die über die bloße Dokumentation hinausgeht.
Was „Traces“ von anderen Kriegsdokumentationen unterscheidet, ist die Abwesenheit voyeuristischer Elemente. Alisa Kovalenko, die selbst während ihrer Arbeit als Filmemacherin in der Ostukraine Entführung und Gewalt erleben musste, bringt eine Perspektive ein, die von tiefer Empathie und dem Wissen um die psychologischen Nachbeben eines Traumas geprägt ist. Gemeinsam mit Marysia Nikitiuk, deren filmisches Schaffen oft durch eine starke visuelle Metaphorik besticht, schafft sie eine Bildsprache, die das Grauen eher durch das Schweigen und die feinen Risse in den Erzählungen der Frauen vermittelt als durch explizite Darstellungen. Die Kamera verharrt oft in langen Einstellungen auf den Gesichtern oder den Händen der Protagonistinnen, fängt das Zittern, das Zögern, aber auch das plötzliche Aufleuchten von Trotz und Stolz ein.
Die filmischen Details sind dabei meisterhaft auf die emotionale Ebene abgestimmt. Die Landschaft der Ukraine spielt eine tragende Rolle; sie wird als stumme Zeugin inszeniert. Die weiten, winterlichen Felder oder die kargen Innenräume der Häuser, in denen die Gespräche stattfinden, unterstreichen die Isolation, in der sich viele der Opfer nach der Tat befanden. Doch durch den Akt des Sprechens, den der Film initiiert, wird diese Isolation aufgebrochen. Es entsteht eine Form der kollektiven Heilung, ein „Sisterhood-Netzwerk“, das weit über den Moment der Aufnahme hinausreicht. Die Regiearbeit von Kovalenko und Nikitiuk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Zurückhaltung aus; sie lassen den Frauen den Raum, den sie benötigen, um ihre Souveränität über die eigene Geschichte zurückzugewinnen.
Besetzungstechnisch ist der Film natürlich keine fiktionale Produktion, doch die Präsenz der realen Frauen hat eine schauspielerische Wucht, die jedes Drehbuch erblassen lässt. Iryna Dovhan fungiert als der rote Faden, der die verschiedenen Einzelschicksale zu einem großen, erschütternden Epos verwebt. Ihre ruhige, entschlossene Art, den Frauen zuzuhören, gibt dem Film eine Struktur und einen moralischen Kompass. Es ist bewundernswert, wie die Regie hier die Balance hält zwischen der Schwere des Themas und einer fast zärtlichen Zuneigung zu ihren Protagonistinnen.
Die Bedeutung von „Traces“ im Kontext der Berlinale 2026 kann kaum überschätzt werden. In einer Welt, die zur Abstumpfung gegenüber Kriegsbildern neigt, zwingt uns dieser Film zum Innehalten. Er thematisiert nicht nur die Vergangenheit der Okkupation, sondern auch die Zukunft einer Gesellschaft, die mit diesen Wunden leben muss. Der Fokus liegt dabei konsequent auf dem „Danach“ – auf der Frage, wie Gerechtigkeit aussehen kann, wenn die physischen Narben verblassen, die psychischen aber bleiben. Es ist ein Plädoyer für die Wahrheit als Grundlage für jeden dauerhaften Frieden.
In der filmischen Ausführung besticht das Werk zudem durch eine präzise Montage, die den Rhythmus der Erzählungen aufgreift. Die Musik bleibt dezent im Hintergrund, was die Authentizität der Zeugenaussagen unterstreicht. Jedes Wort wiegt schwer, jeder Blick in die Kamera ist eine Herausforderung an das Weltgewissen. Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk haben mit „Traces“ bewiesen, dass Dokumentarfilm eine Form des Widerstands sein kann – ein Widerstand gegen das Vergessen und gegen die Straffreiheit.
Abschließend lässt sich sagen, dass dieser Film ein essentielles Dokument unserer Zeit ist. Er begegnet seinem Publikum mit einer Ehrlichkeit, die schmerzt, aber gleichzeitig tief beeindruckt. Die Frauen in „Traces“ sind keine passiven Opfer mehr; sie sind Akteurinnen der Wahrheit, die durch ihre Weigerung zu schweigen eine moralische Überlegenheit demonstrieren, die keine Waffe der Welt zerstören kann. Es ist ein zutiefst wohlwollendes Porträt menschlicher Stärke unter extremsten Bedingungen und ein Meilenstein in der Aufarbeitung kriegerischer Gewalt im Kino. Wer „Traces“ sieht, wird die Ukraine und die Schicksale ihrer Menschen fortan mit anderen Augen betrachten – mit Augen, die nun die Spuren erkennen, die zuvor unsichtbar waren.
Traces / Alisa Kovalenko (Regie, Buch), Marysia Nikitiuk (Regie) / mit Iryna Dovhan, Tetiana Vasylenko, Liudmyla Mefodiivna, Galyna Tyshchenko, Olha Cherniak / 85′ / Ukraine, Polen / 2026 / Farbe / Ukrainisch / Weltpremiere / Dokumentarische Form / Berlinale 2026, Sektion Panorama Dokumente