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Startseite > Geschichte Deutschlands > Nationalsozialismus und NS-Staat > Metaphern der Entmenschlichung
Geschrieben von: Dr. Christopher Schulz | Erstellt: 9. Oktober 2026

Metaphern der Entmenschlichung

Erinnerungskultur als Sprachbildung: Warum historisches Lernen grammatische Aufmerksamkeit braucht

Erinnerungskultur beginnt nicht erst am historischen Ort, nicht erst am Dokument und nicht erst im moralischen Urteil. Sie beginnt bereits an der Stelle, an der Wörter scheinbar harmlos ordnen, was Menschen über andere Menschen für sagbar, denkbar und schließlich für behandelbar halten. Nationalsozialistische Sprache war deshalb nicht bloß Begleitmusik politischer Gewalt. Sie war ein Verfahren, soziale Wirklichkeit vorzuformen: durch wiederholte Bilder der Krankheit, der Reinigung, der Bedrohung und der angeblichen Notwehr. Wer diese Sprache nur als Propaganda im engen Sinne versteht, unterschätzt ihre grammatische und metaphorische Leistung. Sie übersetzte Ideologie in alltägliche Lesbarkeit.

Die zentrale Operation bestand darin, Menschen nicht mehr als individuelle Subjekte, sondern als Gefahrenträger erscheinen zu lassen. Der Ausdruck der „Säuberung“ macht Gewalt semantisch zu Hygiene; die Rede von „Schädlingen“ verschiebt Personen in den Bereich des Biologischen; Begriffe wie „Zersetzung“, „Verseuchung“ oder „Volkskörper“ erzeugen ein Kollektivbild, in dem Gesellschaft wie ein Organismus erscheint und Abweichung wie Krankheit. Gerade diese Verschiebung ist linguistisch entscheidend: Die Grammatik der Zuschreibung verwandelt politisch gemachte Feindbilder in scheinbar naturhafte Befunde. Der Satz sagt dann nicht mehr: Jemand wird ausgegrenzt. Er legt nahe: Etwas Gefährliches müsse entfernt werden.

Die Macht solcher Sprache liegt in ihrer Kürze. Komposita, Nominalisierungen und Kollektivsingulare verdichten komplexe politische Urteile zu schnell wiederholbaren Einheiten. „Volksgemeinschaft“ schließt Zugehörigkeit und Ausschluss in einem Wort zusammen; „Rassenhygiene“ gibt Gewalt den Schein von Wissenschaftlichkeit; „Endlösung“ verdeckt Handlung, Täter und Opfer hinter einer Verwaltungsvokabel. Morphologisch sind solche Wörter effizient, weil sie viele Voraussetzungen einschließen, ohne sie argumentativ ausführen zu müssen. Sie funktionieren als semantische Container: Wer sie übernimmt, übernimmt oft unbemerkt auch den Rahmen, in dem sie sinnvoll erscheinen.

Hinzu kommt die affektive Architektur der Metapher. Krankheits-, Reinigungs- und Bedrohungsbilder mobilisieren Ekel, Angst, Scham, Zorn und den Wunsch nach Wiederherstellung von Ordnung. Sie sind deshalb über soziale Milieus hinweg anschlussfähig: Nicht jede Person muss eine Ideologie systematisch verstanden haben; es genügt, dass ein Bild einleuchtet, Wiederholung Vertrautheit erzeugt und Grammatik Verantwortung abschirmt. Die Täterhandlung wird in der Nominalisierung zur „Maßnahme“, die politische Entscheidung zur „Notwendigkeit“, die Verfolgung zur „Abwehr“. Gerade im Übergang von Rede, Zeitung, Rundfunk und Verwaltung wurde Sprache zur didaktischen Infrastruktur der Diktatur.

Eine kurze grammatische Probe zeigt die Gefährlichkeit dieser Form. Der Satz „Menschen werden verfolgt“ benennt mindestens noch ein erleidendes Subjekt. „Die Verfolgung wird durchgeführt“ macht den Vorgang abstrakter. „Notwendige Maßnahmen zur Reinigung“ löscht Subjekte fast vollständig und bindet Gewalt an einen Zweck, der positiv klingt. Dieser Weg von Handlung zu Vorgang, von Person zu Kategorie und von Urteil zu Bild ist keine Nebensache des Stils. Er ist ein politisches Grammatikproblem.

Sprachform Leistung Gefährlicher Effekt
Kompositum verdichtet Urteil und Zugehörigkeit Rahmen wird übernommen, bevor er geprüft wird
Nominalisierung macht Handlungen zu Vorgängen Täter und Verantwortung treten zurück
Krankheitsmetapher biologisiert soziale Konflikte Ausgrenzung erscheint als Heilung
Reinigungsmetapher ästhetisiert und moralisiert Gewalt Zwang wirkt wie Wiederherstellung von Ordnung
Bedrohungsmetapher erzeugt Dringlichkeit Widerspruch erscheint als Naivität oder Verrat

Abb. 1: Minimale Wirklogik politischer Verdichtung (morphologische Form -> Deutungsrahmen -> affektive Bindung -> soziales Handeln).

Für die Gegenwart folgt daraus keine schematische Gleichsetzung. Historische Analyse verliert ihre Genauigkeit, wenn sie jede politische Zuspitzung vorschnell mit dem Nationalsozialismus identifiziert. Sie verliert aber ebenso ihre Verantwortung, wenn sie wiederkehrende Muster der Entmenschlichung nicht mehr benennt. Mit Blick auf rechtspopulistische und rechtsextreme Sprache – auch im Umfeld der AfD – ist deshalb präzise zu unterscheiden: Nicht jede harte politische Rede ist nationalsozialistische Sprache; problematisch werden jedoch Muster, in denen Menschen als fremde Masse, innere Gefahr, kulturelle Krankheit oder zu entfernender Störkörper erscheinen. Rechtlich ist zudem festzuhalten, dass das Verwaltungsgericht Köln am 26. Februar 2026 dem Bundesamt für Verfassungsschutz vorläufig untersagt hat, die AfD bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens in erster Instanz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung einzustufen; zugleich beschreibt die Entscheidung weiterhin einen starken Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen in Teilen der Partei (VG Köln, 13 L 1109/25, 26.02.2026). Genau deshalb muss die sprachwissenschaftliche Analyse nicht etikettieren, sondern Muster nachweisen.

Demokratische Gegenwehr beginnt bei der Entautomatisierung solcher Muster. Bürger:innen können fragen: Wer handelt im Satz? Wer wird nur als Gruppe bezeichnet? Welche Metapher steuert mein Gefühl, bevor ein Argument vorliegt? Welche Wörter machen Gewalt, Ausschluss oder Entrechtung scheinbar sachlich? Beratungsstellen, Ehrenamt, Kirchen und zivilgesellschaftliche Einrichtungen sollten nicht nur Position beziehen, sondern Gesprächsräume schaffen, in denen Begriffe verlangsamt, Bilder offengelegt und Pauschalisierungen in konkrete Personen zurückübersetzt werden. Bildungseinrichtungen haben hier eine besondere Aufgabe: Historisches Lernen muss grammatische Aufmerksamkeit einüben. Es reicht nicht, die richtigen Daten zu kennen; demokratische Urteilskraft entsteht auch dort, wo Lernende erkennen, wie Sprache Menschen sichtbar macht – oder zum Verschwinden bringt.

Erinnerungskultur als Sprachbildung heißt daher: Die Vergangenheit wird nicht nur erinnert, sie wird an den Formen des Sprechens geprüft. Wer Metaphern der Krankheit, Reinigung und Bedrohung analysiert, lernt nicht bloß etwas über NS-Propaganda. Er lernt, wie politische Sprache Wahrnehmung organisiert, Verantwortung verschiebt und Handlung vorbereitet. Das ist die gegenwärtige Warnfunktion historischer Sprachkritik: Sie macht nicht misstrauisch gegen Sprache überhaupt, sondern wachsam gegenüber jenen Formen, die Menschen erst grammatisch entwirklichen, bevor sie politisch entrechtet werden.

Für Einzelne bedeutet Gegenwehr deshalb nicht, jedes Streitgespräch zu gewinnen, sondern die semantische Automatik zu unterbrechen. Wer mit entmenschlichenden Bildern konfrontiert ist, kann ruhig und präzise nach der sprachlichen Operation fragen: Wird ein Mensch benannt oder eine Masse? Wird ein politisches Problem als Naturereignis, Krankheit oder Befall dargestellt? Wird aus Verantwortung ein anonymer Vorgang? Solche Fragen entschärfen nicht sofort jede Aggression; sie nehmen ihr aber den Vorteil der Selbstverständlichkeit.

Für Beratungsstellen, ehrenamtliche Initiativen und kirchliche Einrichtungen ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe. Einerseits müssen Betroffene vor Abwertung geschützt werden. Andererseits braucht es eine Sprache, die nicht bloß moralisch widerspricht, sondern zeigt, wie Abwertung gebaut wird. Wirksam ist häufig nicht die Gegenparole, sondern die Rückübersetzung: Aus „die“ werden wieder konkrete Menschen; aus „Bedrohung“ werden prüfbare Sachverhalte; aus „Reinigung“ wird sichtbarer Zwang.

Für Schulen, Hochschulen und Erwachsenenbildung folgt ein didaktischer Auftrag. Historisches Lernen sollte Quellen nicht nur inhaltlich, sondern grammatisch lesen lassen. Lernende können markieren, wo Subjekte verschwinden, wo Nominalisierungen Verantwortung verdecken, wo Metaphern Affekte lenken und wo Komposita ganze Weltbilder verdichten. Eine solche Sprachbildung ist keine Nebensache der Erinnerungskultur, sondern ihr methodischer Kern: Sie macht demokratische Urteilsfähigkeit an konkreten sprachlichen Formen übbar.

Für Politik und Öffentlichkeit schließlich gilt: Demokratien brauchen keine sprachliche Sterilität, wohl aber eine robuste Sensibilität für Entmenschlichung. Streit, Kritik und harte Opposition gehören zur Demokratie. Nicht zur Demokratie gehört eine Sprache, die Menschengruppen aus dem Kreis gleicher Würde herausformuliert. Genau an dieser Grenze liegt die bleibende Aktualität historischer Sprachkritik.

Autor: Dr. Christopher Schulz

Kurzglossar

Begriff Erläuterung
Metapher sprachliche Übertragung, die einen Bereich durch einen anderen verständlich macht; in der Politik häufig ein Deutungsrahmen und nicht bloß sprachlicher Schmuck.
Nominalisierung Umformung von Handlungen in Substantive; kann Handelnde und Verantwortung verdecken.
Kompositum Wortbildung aus mehreren Elementen; kann ideologische Annahmen verdichten.
Dehumanisierung sprachliche oder symbolische Entziehung gleicher Menschlichkeit.
Framing Rahmung, durch die ein Ausdruck festlegt, welche Deutung naheliegt.

Quellen und Literatur

Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen. Berlin: Aufbau, 1947; mehrere Neuausgaben, u. a. herausgegeben und kommentiert von Elke Fröhlich, Stuttgart: Reclam, Druck 2019. ISBN 978-3-15-020520-4.

Dolf Sternberger / Gerhard Storz / Wilhelm E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Hamburg: Claassen, 1957; ungekürzte Ausgabe nach der erweiterten Ausgabe von 1967 (3. Auflage 1968), Frankfurt am Main / Berlin: Ullstein, 1986. ISBN 978-3-548-34335-8.

George Lakoff / Mark Johnson: Metaphors We Live By. Chicago / London: University of Chicago Press, 1980; Ausgabe mit neuem Nachwort 2003. ISBN 978-0-226-46801-3.

Andreas Musolff: Metaphor, Nation and the Holocaust. The Concept of the Body Politic. New York / London: Routledge, 2010. ISBN 978-0-415-80119-5.

Ruth Wodak: The Politics of Fear. The Shameless Normalization of Far-Right Discourse. 2. Auflage. London: SAGE, 2021. ISBN 978-1-5264-9920-2.

Martin Reisigl / Ruth Wodak: Discourse and Discrimination. Rhetorics of Racism and Antisemitism. London / New York: Routledge, 2001. ISBN 978-0-415-23150-3.

Norman Fairclough: Language and Power. 3. Auflage. London / New York: Routledge, 2015. ISBN 978-1-138-79097-1.

Jonathan Charteris-Black: Politicians and Rhetoric. The Persuasive Power of Metaphor. 2. Auflage. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2011. ISBN 978-0-230-25165-6.

Verwaltungsgericht Köln: Beschluss vom 26. Februar 2026, Az. 13 L 1109/25. Vorläufige Untersagung der Einstufung der AfD als gesichert rechtsextremistische Bestrebung bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens in erster Instanz.

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