„Jud Süß“ ist ein antisemitischer Propagandafilm von Veit Harlan aus dem Jahr 1940. Joseph Goebbels gab die Produktion in Auftrag und überwachte ihre Entstehung. Die Uraufführung fand am 5. September 1940 in Venedig statt, die deutsche Erstaufführung am 24. September in Berlin. Der Film nutzte die Geschichte des jüdischen Finanzberaters Joseph Süß Oppenheimer für die nationalsozialistische Hetze gegen Juden. Quelle: Deutsches Historisches Museum.
Die historische Person Joseph Süß Oppenheimer
Oppenheimer war Finanzberater des württembergischen Herzogs Karl Alexander. Seine Tätigkeit berührte den Konflikt zwischen dem Herzog und den Landständen um politische Macht, Privilegien und die Finanzierung des Hofes. Als der Herzog 1737 starb, verlor Oppenheimer seinen Schutz. Er wurde verhaftet und nach einem von politischen Interessen und Judenfeindschaft geprägten Verfahren zum Tode verurteilt. Am 4. Februar 1738 wurde er vor Stuttgart hingerichtet. Die Biografie Oppenheimers lässt sich nicht aus den ihm im NS-Film zugeschriebenen Verbrechen erschließen. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung.
Feuchtwangers Roman und die Verfilmung von 1934
Lion Feuchtwanger veröffentlichte 1925 seinen Roman „Jud Süß“. Dieser behandelt unter anderem jüdische Identität und die Möglichkeiten gesellschaftlicher Anpassung. Er ist von Harlans späterem Propagandafilm zu unterscheiden. Quelle: Deutsches Historisches Museum.
1934 verfilmte Lothar Mendes den Roman in Großbritannien unter dem Titel „Jew Süss“, mit Conrad Veidt in der Hauptrolle. Dieser Film war als Antwort auf den wachsenden deutschen Antisemitismus gedacht. Die spätere NS-Produktion kehrte die Perspektive um: Aus der Auseinandersetzung mit jüdischer Verfolgung wurde eine Inszenierung antisemitischer Feindbilder. Quelle: Leo Baeck Institute.
Handlung und antisemitische Konstruktion
Harlans Film stellt Oppenheimer als habgierigen, hinterlistigen und sexuell bedrohlichen Außenseiter dar. Als Gegenspieler erscheinen Staatsrat Sturm, dessen Tochter Dorothea und ihr Verlobter Faber. Die Filmhandlung lässt Oppenheimer Faber mit Folter bedrohen und Dorothea vergewaltigen. Nach dem Tod des Herzogs wird Oppenheimer verhaftet und hingerichtet; die Vertreibung der Juden bildet den Schluss.
Diese Darstellung ist keine verlässliche historische Biografie. Die erfundene Vergewaltigung und die Verknüpfung jüdischer Identität mit Gewalt, Bereicherung und politischer Zersetzung dienen der Propaganda. Die Handlung lenkt die Sympathie auf die nichtjüdischen Figuren und präsentiert die Ausgrenzung der Juden als Wiederherstellung einer vermeintlich gerechten Ordnung. Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.
Der Film als Instrument der NS-Propaganda
„Jud Süß“ verband Unterhaltung mit antisemitischer Agitation. Für SS und Polizei waren Vorführungen vorgeschrieben. Der Film wurde auch in besetzten Ländern gezeigt, teilweise im Zusammenhang mit bevorstehenden Deportationen. Er gehörte damit zu den propagandistischen Mitteln, die Verfolgung und Holocaust ideologisch begleiteten. Eine bestimmte Reaktion aller Zuschauer oder eine unmittelbare Ursache einzelner Verbrechen lässt sich daraus nicht pauschal ableiten. Quelle: Deutsches Historisches Museum.
Aufarbeitung nach 1945 und heutiger Umgang
Nach dem Krieg musste sich Harlan wegen seiner Mitwirkung an der NS-Propaganda vor Gericht verantworten. Er bestritt persönliche Schuld und berief sich auf Zwang durch die Machthaber. Die Verfahren endeten mit Freisprüchen. Seine Rückkehr zum Filmgeschäft löste Proteste aus. Quelle: Deutsches Historisches Museum.
Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung führt „Jud Süß“ als Vorbehaltsfilm. Er ist nicht für den allgemeinen Vertrieb freigegeben. Öffentliche Vorführungen werden mit einer Einführung und einer anschließenden Diskussion verbunden. Die Beschäftigung mit dem Film erfordert eine historische Einordnung seiner Feindbilder und seiner Funktion in der NS-Verfolgungspolitik. Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.
Literatur
Stefan Mannes: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film. Jud Süß und Der ewige Jude (= ZbE – Sachbuch). 2. überarbeitete Auflage. Norderstedt: BoD, 2026.
Bill Niven: Jud Süß. Das lange Leben eines Propagandafilms. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2023, Schriftenreihe Band 10919. Bibliografischer Nachweis und Leseprobe.
