Zukunft braucht Erinnerung

  • Startseite
  • Über uns
    • Auszeichnungen für unser Projekt
    • Grußwort von Yad Vashem
    • Dies sind unsere Autoren und Redakteure
  • Mitmachen
    • Themenliste Biographien
    • Themenliste Erinnerung und Aufarbeitung
    • Themenliste Extremismus
    • Themenliste Geschichte Deutschlands
    • Themenliste Nahostkonflikt
    • Themenliste NS-Völkermord
    • Themenliste Zeitalter der Weltkriege
  • Kontakt

Das Online-Portal zu den historischen Themen unserer Zeit.

  • Geschichte Deutschlands
    • Deutsche Einigungskriege
    • Deutsches Kaiserreich
    • Weimarer Republik
    • Deutschland im Nationalsozialismus (Drittes Reich)
    • Deutschland unter alliierter Besatzung
    • Geteilte Stadt Berlin
    • Bundesrepublik Deutschland (Bonner Republik)
    • Deutsche Demokratische Republik (DDR)
  • Zeitalter der Weltkriege
    • Erster Weltkrieg
    • Zwischenkriegszeit
    • Zweiter Weltkrieg
  • Völkermorde und Massenverbrechen im Nationalsozialismus
    • Antisemitismus
    • Jüdisches Leben und Verfolgung im Nationalsozialismus
    • Holocaust
    • Porajmos
  • Nahostkonflikt
  • Völkermorde im 20. Jahrhundert
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Afrika
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Asien
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Europa
  • Erinnerung und Aufarbeitung
    • Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Diktatur
    • Erinnerung und Aufarbeitung der SED-Diktatur
  • Extremismus in Deutschland
    • Rechtsextremismus in Deutschland
  • Biographien
  • Rezensionen
    • Ausstellungsrezensionen
    • Buchrezensionen
    • Filmrezensionen
    • Theaterrezensionen
    • Veranstaltungsrezensionen
  • News
Startseite > Rezensionen > Filmrezensionen > Raspad (Decay | Der Zerfall) – von Mykhailo Belikov
Geschrieben von: Redaktion Zukunft braucht Erinnerung | Erstellt: 20. Februar 2026

Raspad (Decay | Der Zerfall) – von Mykhailo Belikov

Raspad | Decay | Der Zerfall / Land: UdSSR, USA / Jahr: 1990 / Regie: Mykhailo Belikov / Bildbeschreibung: / Sektion: Retrospektive 2026 / Datei: 202611185_1 / © Dovzhenko Film Studio Raspad | Decay | Der Zerfall / Land: UdSSR, USA / Jahr: 1990 / Regie: Mykhailo Belikov / Bildbeschreibung: / Sektion: Retrospektive 2026 / Datei: 202611185_1 / © Dovzhenko Film Studio

 

Die diesjährige Berlinale 2026 wirft in ihrer Retrospektive einen bemerkenswerten Blick zurück auf ein Werk, das in seiner Intensität und historischen Bedeutung kaum zu überschätzen ist. „Raspad“ (Der Zerfall) von Mykhailo Belikov, ein Film aus dem Jahr 1990, steht im Zentrum einer filmischen Auseinandersetzung mit einer der größten Katastrophen der Menschheit: dem Reaktorunglück von Tschornobyl. Dass dieser Film nun im Rahmen des Festivals erneut eine Bühne findet, ist angesichts der aktuellen weltpolitischen Spannungen und der erneuten Sensibilisierung für nukleare Gefahren eine Entscheidung von großer Tragweite. „Raspad“ ist weit mehr als ein Katastrophenfilm; es ist eine radikale, fast schmerzhafte Sezierung einer Gesellschaft am Abgrund, deren innerer Zerfall der physischen Explosion des Reaktors bereits vorausgegangen war.

Die Handlung setzt im April 1986 ein, unmittelbar vor der Katastrophe. Der Journalist Alexander Shuravlyov, gespielt von einem unterkühlt agierenden Sergey Shakurov, kehrt nach einer Auslandsreise in seine Heimatstadt Kiew zurück. Er ist ein privilegierter Teil des sowjetischen Systems, ein Mann, der gelernt hat, sich in den Grauzonen der Macht zu bewegen. Doch seine Rückkehr ist von privatem Verfall gezeichnet. Seine Ehe liegt in Trümmern, seine Frau betrügt ihn, und die Kommunikation zwischen den Menschen scheint nur noch aus Phrasen und gegenseitiger Täuschung zu bestehen. Diese private Entfremdung dient Belikov als meisterhafte Metapher für den Zustand des gesamten Staates. Als die Katastrophe in Block 4 eintritt, erfährt Shuravlyov davon nicht durch offizielle Kanäle, sondern durch Gerüchte und informelle Kontakte – ein erster Hinweis auf das totale Versagen der staatlichen Informationspolitik.

Der politische und historische Kontext des Films ist untrennbar mit der Ära der Glasnost verbunden. Nur durch die unter Michail Gorbatschow eingeleitete Öffnung war es möglich, ein Werk dieser Radikalität zu schaffen. „Raspad“ zeigt ungeschönt, wie die sowjetische Bürokratie versuchte, das Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern, um das Bild der Unfehlbarkeit aufrechtzuerhalten. Die Menschen in Kiew und der nahegelegenen Arbeiterstadt Prypjat wurden wissentlich der tödlichen Strahlung ausgesetzt, während die Funktionäre bereits ihre Familien in Sicherheit brachten. Belikov fängt diesen Verrat am Volk in Bildern ein, die sich tief in das Gedächtnis graben.

Besonders eindringlich ist die Darstellung einer Hochzeit in Prypjat am Tag nach der Explosion. Während die Brautleute und ihre Gäste feiern, spielen Kinder im Staub der Straßen, der bereits hochgradig kontaminiert ist. Im Hintergrund sieht man die ersten Militärfahrzeuge und Buskolonnen, doch die Feierlichkeit darf nicht gestört werden, um keine Panik auszulösen. Es ist diese Gleichzeitigkeit von Normalität und apokalyptischem Grauen, die „Raspad“ so beklemmend macht. Die Ignoranz der Bevölkerung, gepaart mit der kriminellen Zurückhaltung von Informationen durch die Behörden, erzeugt eine Atmosphäre der Ohnmacht.

Die filmischen Mittel, derer sich Belikov bedient, sind für die damalige Zeit visionär. Die Kameraarbeit fängt die sterile Architektur der sozialistischen Musterstadt Prypjat ein, die plötzlich wie ein riesiges Mausoleum wirkt. Die Verwendung von echtem Archivmaterial, das nahtlos in die fiktionale Handlung eingefügt wird, verstärkt den dokumentarischen Charakter und verleiht dem Film eine erschütternde Authentizität. Die Farbpalette ist oft in fahlen, kränklichen Tönen gehalten, die das Unsichtbare – die Strahlung – fast visuell erfahrbar machen. Der Titel „Raspad“ bezieht sich eben nicht nur auf den radioaktiven Zerfall der Atome, sondern auf den moralischen und strukturellen Zerfall der Sowjetunion.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist das Motiv der „Mausefalle“. Kiew wird nach dem Unglück praktisch abgeriegelt. Die Bahnhöfe sind überfüllt mit verzweifelten Menschen, die versuchen, die Stadt zu verlassen, während die Behörden die Ausreise verhindern. Shuravlyov selbst gerät in diesen Strudel der Verzweiflung. Seine Reise in die Sperrzone, zunächst getrieben von journalistischer Neugier und später von einem tiefen moralischen Erwachen, führt ihn direkt in das Herz der Finsternis. Die Szenen in der Nähe des brennenden Reaktors, wo Männer ohne ausreichende Schutzkleidung gegen ein unsichtbares Monster kämpfen, sind Denkmäler für die sogenannten Liquidatoren, deren Opferbereitschaft oft die einzige Barriere gegen eine noch größere Katastrophe war.

In der Besetzung sticht neben Sergey Shakurov vor allem Aleksey Serebryakov hervor, der einen jungen Soldaten spielt, der in die Sperrzone geschickt wird. Sein Schicksal steht exemplarisch für die Generation, die von einem System verheizt wurde, das sie eigentlich schützen sollte. Die Regie von Mykhailo Belikov zeigt hier eine bemerkenswerte Balance zwischen großem Ependrama und intimen Kammerspiel. Er verzichtet auf heroische Überhöhung und konzentriert sich stattdessen auf die psychologischen Folgen der Katastrophe: die Angst, das Misstrauen und die schmerzhafte Erkenntnis, dass das bisherige Leben auf einer Lüge basierte.

Dass „Raspad“ auf der Berlinale 2026 eine so starke Resonanz erfährt, liegt auch an der zeitlosen Relevanz seiner Botschaft. Der Film mahnt uns, dass die Wahrheit das erste Opfer jeder Krise ist und dass technische Katastrophen oft nur die Symptome tieferliegender gesellschaftlicher Missstände sind. Die Arroganz der Macht, die den Schutz der Institutionen über das Leben der Individuen stellt, ist ein Thema, das weit über den historischen Kontext von 1986 hinausgeht. Belikov hat ein Werk geschaffen, das als Warnung und als Zeugnis einer untergegangenen Welt fungiert.

In der Gesamtschau ist „Raspad“ ein filmisches Monument. Es ist ein mutiger Film, der zu einer Zeit entstand, als die Wunden der Katastrophe noch frisch waren und die politische Zukunft der Ukraine und der gesamten Sowjetunion völlig ungewiss war. Der Film ist ein Akt der Reinigung, eine notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, die nichts beschönigt. Die Berlinale ehrt mit dieser Vorführung nicht nur einen bedeutenden Regisseur, sondern gibt auch dem Publikum die Gelegenheit, ein Meisterwerk zu entdecken, das in seiner emotionalen Wucht und analytischen Schärfe heute genauso aktuell ist wie vor über drei Jahrzehnten.

Die Wirkung des Films wird durch das Wissen verstärkt, dass viele der Drehorte heute Orte des Schmerzes und der Erinnerung sind. Belikov gelingt es, die Stille der verlassenen Zone einzufangen, eine Stille, die lauter schreit als jede Explosion. Die Schlussszenen, die eine gewisse spirituelle Suche nach Erlösung andeuten, lassen den Zuschauer mit einer tiefen Melancholie zurück. Es bleibt die Erkenntnis, dass der Zerfall eines Systems vielleicht unvermeidlich war, der Zerfall der Menschlichkeit jedoch das eigentliche Trauma darstellt, das bis heute nachwirkt. „Raspad“ ist ein essenzieller Beitrag zum Verständnis des 20. Jahrhunderts und eine bleibende Mahnung für die Zukunft.

 

Raspad (Decay | Der Zerfall) / Mykhailo Belikov (Regie, Buch), Oleg Prikhodko (Buch) / mit Sergey Shakurov, Tatyana Kochemasova, Stanislav Stankevich, Georgiy Drozd, Aleksey Serebryakov / 95′ / UdSSR, Ukrainische SSR, USA / 1990 / Farbe / Russisch, Ukrainisch / Untertitel: Englisch / Berlinale 2026, Sektion Retrospektive

Verwandte Beiträge:

  • Who Killed Alex Odeh? - von Jason Osder
  • Chronicles From the Siege - von Abdallah Alkhatib
  • Der Kontrolleur (The Border Guard) - von Stefan Trampe
  • Tutu - von Sam Pollard
  • Flying Tigers - von Madhusree Dutta

Verwandte Beiträge:

  • Who Killed Alex Odeh? - von Jason Osder
  • Chronicles From the Siege - von Abdallah Alkhatib
  • Der Kontrolleur (The Border Guard) - von Stefan Trampe
  • Tutu - von Sam Pollard
  • Flying Tigers - von Madhusree Dutta
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen
  • Barrierefreiheit
Barrierefreiheitsanpassungen

Präsentiert von OneTap

Wie lange möchten Sie die Werkzeugleiste ausblenden?
Dauer des Ausblendens der Werkzeugleiste
Wählen Sie Ihr Barrierefreiheitsprofil aus
Modus für Sehbehinderte
Verbessert das Erscheinungsbild der Website
Profil für Anfallsicherheit
Entfernt Blitze und reduziert die Farbe
ADHS-freundlicher Modus
Fokussiertes Browsen, ablenkungsfrei
Blindmodus
Reduziert Ablenkungen, verbessert die Konzentration
Sicherer Modus bei Epilepsie
Dimmt die Farben und stoppt das Blinken
Inhaltsmodule
Schriftgröße

Standard

Zeilenhöhe

Standard

Farbmodule
Orientierungsmodule
Zukunft braucht ErinnerungLogo Header Menu
  • Geschichte Deutschlands
    • Deutsche Einigungskriege
    • Deutsches Kaiserreich
    • Weimarer Republik
    • Deutschland im Nationalsozialismus (Drittes Reich)
    • Deutschland unter alliierter Besatzung
    • Geteilte Stadt Berlin
    • Bundesrepublik Deutschland (Bonner Republik)
    • Deutsche Demokratische Republik (DDR)
  • Zeitalter der Weltkriege
    • Erster Weltkrieg
    • Zwischenkriegszeit
    • Zweiter Weltkrieg
  • Völkermorde und Massenverbrechen im Nationalsozialismus
    • Antisemitismus
    • Jüdisches Leben und Verfolgung im Nationalsozialismus
    • Holocaust
    • Porajmos
  • Nahostkonflikt
  • Völkermorde im 20. Jahrhundert
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Afrika
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Asien
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Europa
  • Erinnerung und Aufarbeitung
    • Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Diktatur
    • Erinnerung und Aufarbeitung der SED-Diktatur
  • Extremismus in Deutschland
    • Rechtsextremismus in Deutschland
  • Biographien
  • Rezensionen
    • Ausstellungsrezensionen
    • Buchrezensionen
    • Filmrezensionen
    • Theaterrezensionen
    • Veranstaltungsrezensionen
  • News