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Startseite > Rezensionen > Filmrezensionen > Un hiver russe (A Russian Winter) – von Patric Chiha
Geschrieben von: Redaktion Zukunft braucht Erinnerung | Erstellt: 20. Februar 2026

Un hiver russe (A Russian Winter) – von Patric Chiha

Un hiver russe | A Russian Winter / Land: FRA / Jahr: 2026 / Regie: Patric Chiha / Bildbeschreibung: / Sektion: Panorama 2026 / Datei: 202615476_1 / © AURORA FILMS

Un hiver russe | A Russian Winter / Land: FRA / Jahr: 2026 / Regie: Patric Chiha / Bildbeschreibung: / Sektion: Panorama 2026 / Datei: 202615476_1 / © AURORA FILMS

 

Die Berlinale 2026 hat sich einmal mehr als Seismograph für die tiefgreifenden Erschütterungen unserer Zeit erwiesen. Inmitten eines Programms, das oft lautstark nach Gerechtigkeit und Veränderung ruft, wirkt Patric Chihas neuester Dokumentarfilm „Un hiver russe“ (A Russian Winter) zunächst fast wie ein Stillleben der Melancholie. Doch hinter der scheinbaren Ruhe dieses Werks verbirgt sich eine der eindringlichsten Auseinandersetzungen mit den langfristigen Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, die wir in diesem Jahr im Panorama-Sektor erleben durften. Chiha, der sich mit Filmen wie „La Bête dans la jungle“ als Meister der atmosphärischen Verdichtung etabliert hat, wendet sich hier von der fiktionalen Stilisierung ab und blickt direkt in die Augen einer verlorenen Generation.

Im Zentrum von „Un hiver russe“ stehen Margarita, Yuri und ihr enger Freundeskreis. Es sind junge Menschen, die im Jahr 2022 vor einer Wahl standen, die eigentlich keine war: Entweder sie fügen sich dem repressiven System und riskieren ihr Leben in einem völkerrechtswidrigen Krieg, sie wählen den Weg ins Gefängnis oder sie fliehen in die Ungewissheit des Exils. Sie entschieden sich für Letzteres. Vier Jahre nach der Vollinvasion zeigt uns der Film das Ergebnis dieser Flucht. Es ist kein Heldenepos über den Widerstand im Ausland, sondern eine schmerzhaft ehrliche Bestandsaufnahme des Dazwischenseins. Die Protagonisten leben nun in Paris, einer Stadt, die für sie einst ein Symbol der Freiheit war und die nun zu einer Kulisse ihrer Stagnation geworden ist.

Der filmische Ansatz Chihas ist dabei so respektvoll wie konsequent. Er begleitet seine Protagonisten durch einen Alltag, der von einer bleiernen Schwere gezeichnet ist. Besonders eindrücklich ist das Bild von Margarita, die ihre gesamte Existenz in Schließfächern aufbewahrt. Diese Metapher zieht sich wie ein roter Faden durch den Film: Das Leben ist eingelagert, weggeschlossen, jederzeit bereit zum Abtransport, aber ohne Zielort. Chiha gibt diesen Menschen den Raum, den sie in der Weltpolitik längst verloren haben. In langen, oft statischen Einstellungen dürfen sie aussprechen, was es bedeutet, keine Heimat mehr zu haben, in die man zurückkehren kann, und gleichzeitig an einem Ort zu sein, an dem man sich nie wirklich willkommen fühlt.

Der politisch-historische Kontext von „Un hiver russe“ ist unumgänglich und bildet das Fundament, auf dem Chiha seine Beobachtungen aufbaut. Der Film thematisiert die moralische Zerrissenheit einer russischen Jugend, die sich weigert, Teil einer Aggressionsmaschinerie zu sein, aber dennoch die Last der kollektiven Schuld trägt. In den Gesprächen wird deutlich, wie tief die Risse gehen, die durch Familien und Freundschaften verlaufen. Es geht um die Entfremdung von den eigenen Eltern, die oft in einer anderen medialen Realität leben, und um das bittere Bewusstsein, dass man im Westen oft nur als „der Russe“ wahrgenommen wird – eine Identität, die in diesen Zeiten zwangsläufig mit Argwohn behaftet ist. Chiha gelingt es, diesen komplexen Zustand einzufangen, ohne die Perspektive der ukrainischen Opfer aus den Augen zu verlieren. Er macht deutlich, dass die Tragödie der Protagonisten eine Konsequenz der großen Katastrophe ist, die Russland über seine Nachbarn und letztlich über sich selbst gebracht hat.

Die Besetzung – wenn man bei einem Dokumentarfilm von einer solchen sprechen möchte – ist von einer Authentizität, die tief berührt. Yuri, der in Russland Teil einer lebendigen Punk-Rock-Szene war, verkörpert den kulturellen Bruch besonders schmerzlich. Seine Liebe zur Musik, die einst Ausdruck von Rebellion und Lebensfreude war, wirkt im Pariser Exil wie ein fernes Echo aus einer anderen Welt. Es gibt Szenen, in denen er einfach nur dasitzt und in die Ferne starrt, während die Zeit an ihm vorbeizieht. Diese Momente der Stagnation sind es, die den Rhythmus des Films bestimmen. Chiha verweigert sich dem Zwang zur dramaturgischen Zuspitzung. Er lässt die Langeweile und die Perspektivlosigkeit seiner Protagonisten für sich sprechen. Das mag für ein Publikum, das an schnelle Schnitte und klare Handlungsbögen gewöhnt ist, herausfordernd sein, doch es ist die einzige ehrliche Art, diesen Zustand des Wartens abzubilden.

Regietechnisch zeigt Patric Chiha eine bemerkenswerte Reife. In enger Zusammenarbeit mit seiner langjährigen Editorin Anna Riche hat er ein Werk geschaffen, das trotz seiner dokumentarischen Natur eine fast traumwandlerische Qualität besitzt. Die Kameraarbeit fängt die frostige Atmosphäre des „russischen Winters“, der sich metaphorisch über das Leben der Exilanten in Paris gelegt hat, meisterhaft ein. Das Licht ist oft fahl, die Farben entsättigt, was das Gefühl der emotionalen Taubheit unterstreicht. Dennoch blitzt immer wieder eine zarte Wärme auf – in einer Umarmung, in einem gemeinsamen Lachen oder in der solidarischen Stille zwischen den Freunden. Diese kurzen Augenblicke der Menschlichkeit sind die Ankerpunkte in einem Film, der ansonsten von Verlust und Entwurzelung handelt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt von „Un hiver russe“ ist die Auseinandersetzung mit der Sprache. Der Film ist überwiegend in russischer Sprache gehalten, was ihm eine intime, fast hermetische Qualität verleiht. Man fühlt sich als Zuschauer wie ein Gast in einem privaten Raum, in dem die Protagonisten versuchen, sich ihrer Identität zu versichern. Wenn sie ins Französische wechseln, wirkt die Sprache oft hölzern und funktional – ein Werkzeug zum Überleben, aber kein Medium für die Seele. Diese sprachliche Barriere verdeutlicht die Isolation, in der sich Margarita und Yuri befinden.

In der Gesamtschau der Berlinale 2026 nimmt „Un hiver russe“ eine Sonderstellung ein. Es ist ein wohlwollender Film im besten Sinne des Wortes: Er blickt mit Empathie auf Menschen, die leicht in Vergessenheit geraten oder vorschnell verurteilt werden. Chiha erhebt nicht den moralischen Zeigefinger, sondern lädt zur Reflexion ein. Er stellt die Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn man ihm seine Vergangenheit, seine Heimat und seine Zukunftsvisionen nimmt. Der Film liefert keine einfachen Antworten und bietet keinen tröstlichen Ausweg. Er endet so, wie er begonnen hat: mit der Ungewissheit.

Die Stärke von „Un hiver russe“ liegt in seiner Unbeirrbarkeit. Chiha traut sich, die Leere auszuhalten. Er zeigt uns die „Phantom-Schmerzen“ einer Generation, die physisch unversehrt ist, deren Identität aber in Trümmern liegt. Es ist ein Film über das Überleben im Stillstand. Wer die Berlinale in diesem Jahr besucht, kommt an diesem leisen, aber gewaltigen Werk nicht vorbei. Es ist eine notwendige Ergänzung zum politischen Diskurs unserer Zeit und ein Beweis dafür, dass das Kino immer dann am stärksten ist, wenn es sich ganz nah an das menschliche Empfinden heranwagt, auch wenn dieses Empfinden von Kälte und Einsamkeit geprägt ist.

Margaritas schwerfälliger Gang am Ende des Films, als sie auf einer Treppe sitzt und die Last ihres Lebens in ihren Taschen spürt, bleibt noch lange nach dem Abspann im Gedächtnis. Es ist ein Bild für eine ganze Generation, die versucht, in einer Welt Fuß zu fassen, die sich unaufhörlich weiterdreht, während sie selbst in einem ewigen Winter feststeckt. Patric Chiha hat mit diesem Film ein wichtiges Dokument unserer Gegenwart geschaffen, das durch seine ästhetische Konsequenz und seine tiefe Menschlichkeit besticht.

 

Un hiver russe (A Russian Winter) / Patric Chiha (Regie, Buch) / 87′ / Frankreich / 2026 / Farbe / Russisch / Untertitel: Englisch / Weltpremiere / Dokumentarische Form / Berlinale 2026, Sektion Panorama Dokumente

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