
Hangar rojo | The Red Hangar / Land: CHL, ARG, ITA / Jahr: 2026 / Regie: Juan Pablo Sallato / Bildbeschreibung: Nicolás Zárate, Marcial Tagle, Boris Quercia / Sektion: Perspectives 2026 / Datei: 202605144_1 / © Villano
Die 76. Berlinale präsentiert in diesem Jahr mit „Hangar rojo“ (The Red Hangar) ein Werk, das sich mit einer fast seismografischen Präzision den Erschütterungen der chilenischen Geschichte widmet. Regisseur Juan Pablo Sallato, der sich bereits einen Namen als profilierter Dokumentarfilmer gemacht hat, wählt für seinen ersten großen Spielfilm einen erzählerischen Ansatz, der die Grenzen zwischen historischer Rekonstruktion und psychologischem Kammerspiel auflöst. Es ist ein Film, der seine Kraft nicht aus der Explikation von Gewalt zieht, sondern aus der Darstellung der schleichenden moralischen Korrosion innerhalb eines abgeschlossenen Systems.
Die Handlung setzt an einem der traumatischsten Daten der lateinamerikanischen Moderne an: dem 11. September 1973. Während die Welt auf die brennende Moneda in Santiago blickt, richtet Sallato sein Objektiv auf die chilenische Luftwaffenakademie. Im Zentrum steht Captain Jorge Silva, verkörpert von Nicolás Zárate mit einer beklemmenden, fast erstarrten Intensität. Silva ist ein Mann der Institutionen, ein Offizier, der seine Identität aus Ordnung, Disziplin und einer vermeintlich unpolitischen Professionalität bezieht. Er ist kein glühender Ideologe des Putsches, sondern ein Rädchen im Getriebe, das glaubt, durch die bloße Erfüllung seiner Pflicht die eigene Integrität bewahren zu können.
Doch die Realität des Ausnahmezustands bricht in Form von Colonel Jahn, gespielt von einem unterkühlt bedrohlichen Boris Quercia, über die Akademie herein. Unter Jahns Kommando verwandelt sich ein Hangar des Geländes innerhalb weniger Stunden von einer Wartungshalle in ein improvisiertes Internierungslager. Dieser titelgebende „rote Hangar“ wird zum räumlichen und moralischen Gravitationszentrum des Films. Hier kollidieren Silvas Vorstellungen von militärischer Ehre mit der rohen, gesetzlosen Brutalität des neuen Regimes.
Sallato und sein Kameramann Diego Pequeño entscheiden sich für eine visuelle Gestaltung, die den Zuschauer in eine klaustrophobische Enge zwingt. Das hochauflösende Schwarz-Weiß des Films verzichtet auf jede nostalgische Verklärung. Stattdessen betont es die harten Kontraste zwischen den akkuraten Uniformen und der staubigen, kalten Architektur der Akademie. Die Kameraarbeit ist geprägt von einer extrem geringen Schärfentiefe; oft sind nur die Augen Silvas oder ein Detail seiner Ausrüstung scharf gestellt, während die Welt um ihn herum – die einrückenden Lastwagen, die namenlosen Gefangenen, die fernen Schreie – in einer bedrohlichen Unschärfe verschwindet. Diese ästhetische Entscheidung spiegelt Silvas Versuch wider, die Realität des Terrors aus seinem Bewusstsein auszugrenzen. Er sieht nur das, was er sehen muss, um seine Funktion zu erfüllen, während das Grauen im Off der Wahrnehmung bleibt.
Der politisch-historische Kontext von „Hangar rojo“ ist von einer schmerzhaften Präzision. Der Film basiert auf den realen Ereignissen in der Fachschule für Luftfahrt (Academia de Guerra Aérea), die nach dem Putsch zu einem berüchtigten Folterzentrum wurde. Sallato zeigt auf, wie die Sprache des Militärs – Begriffe wie „Sicherheit“, „Effizienz“ und „Notwendigkeit“ – instrumentalisiert wird, um das Unaussprechliche zu normalisieren. Der Film macht deutlich, dass die Diktatur Pinochets nicht nur durch die Grausamkeit weniger, sondern durch die organisierte Gleichgültigkeit und den Gehorsam vieler ermöglicht wurde. Es ist eine Studie über die Banalität des Bösen in einem spezifisch chilenischen Gewand.
Besonders hervorzuheben ist das Drehbuch von Luis Emilio Guzmán, das Silva auch in seinem privaten Umfeld beobachtet. Die Szenen mit seiner Frau Rosa, gespielt von Catalina Stuardo, bilden den einzigen emotionalen Ankerpunkt des Films. Rosa, eine Frau von stiller, aber unnachgiebiger moralischer Klarheit, wird zum Spiegel für Silvas inneren Verfall. In ihren kurzen Begegnungen wird die häusliche Stille nicht als Zuflucht, sondern als Vorwurf inszeniert. Die Unfähigkeit Silvas, über das zu sprechen, was im Hangar geschieht, vergiftet schleichend auch das Private. Hier zeigt der Film meisterhaft, wie politische Gewalt die intimsten menschlichen Beziehungen zersetzt.
Die Besetzung ist bis in die Nebenrollen exzellent gewählt. Marcial Tagle und Aron Hernández verleihen dem militärischen Apparat verschiedene Gesichter – vom karrieristischen Mitläufer bis zum sadistischen Handlanger. Doch es ist Zárate, der den Film trägt. Seine Darstellung eines Mannes, der unter dem Druck der eigenen Feigheit langsam zerbricht, ohne jemals die Maske der Beherrschung ganz fallen zu lassen, ist eine der beeindruckendsten schauspielerischen Leistungen dieses Berlinale-Jahrgangs.
In der Regie beweist Juan Pablo Sallato ein bemerkenswertes Gespür für Rhythmus und Atmosphäre. Der Verzicht auf eine herkömmliche Filmmusik verstärkt das Gefühl der Isolation; das Sounddesign setzt stattdessen auf das Dröhnen von Flugzeugmotoren, das Hallen von Stiefeln auf Beton und den Wind, der durch die Stahlkonstruktion des Hangars pfeift. Diese akustische Kälte korrespondiert perfekt mit der visuellen Strenge.
„Hangar rojo“ ist kein Film, der den Zuschauer entlässt, ohne ihn zu fordern. Er ist eine tiefgreifende Meditation über die persönliche Verantwortung in Zeiten der Tyrannei. Wohlwollend betrachtet, ist es ein Akt der filmischen Vergangenheitsbewältigung, der keine billige Katharsis bietet, sondern zur Reflexion über die Mechanismen der Macht zwingt. Sallato ist ein Werk gelungen, das die chilenische Geschichte nicht nur bebildert, sondern sie als eine Warnung an die Gegenwart begreift. In der Sektion Perspectives der Berlinale setzt dieser Film einen markanten Akzent und beweist einmal mehr die Vitalität und Ernsthaftigkeit des zeitgenössischen lateinamerikanischen Kinos. Es ist ein stilles, aber gewaltiges Epos über die Schatten der Vergangenheit, die niemals ganz verschwinden, solange die Türen zu den Hangars der Geschichte nicht weit geöffnet werden.
Hangar rojo (The Red Hangar) / Juan Pablo Sallato (Regie), Luis Emilio Guzmán (Buch) / mit Nicolás Zárate, Boris Quercia, Marcial Tagle, Catalina Stuardo, Aron Hernández / 81′ / Chile, Argentinien, Italien / 2026 / Schwarz-Weiß / Spanisch / Untertitel: Englisch / Weltpremiere / Debütfilm / Berlinale 2026, Sektion Perspectives