Zukunft braucht Erinnerung

  • Startseite
  • Über uns
    • Auszeichnungen für unser Projekt
    • Grußwort von Yad Vashem
    • Dies sind unsere Autoren und Redakteure
  • Mitmachen
    • Themenliste Biografien
    • Themenliste Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Diktatur
    • Themenliste Geschichte Deutschlands
    • Themenliste Nahostkonflikt
    • Themenliste Rechtsextremismus und Rechtspopulismus
    • Themenliste Völkermorde im 20. Jahrhundert
    • Themenliste Völkermorde und Massenverbrechen im Nationalsozialismus
    • Themenliste Zeitalter der Weltkriege
  • Kontakt

Das Online-Portal zu den historischen Themen unserer Zeit.

  • Geschichte Deutschlands
    • Deutsche Einigungskriege
    • Deutsches Kaiserreich
    • Weimarer Republik
    • Nationalsozialismus und NS-Staat
    • Deutschland in der Besatzungszeit
    • Lexikon Deutsche Einigungskriege
    • Lexikon Deutsches Kaiserreich
    • Lexikon Weimarer Republik
    • Lexikon Nationalsozialismus
    • Lexikon Deutschland in der Besatzungszeit
  • Zeitalter der Weltkriege
    • Erster Weltkrieg
    • Zwischenkriegszeit
    • Zweiter Weltkrieg
    • Chronik Erster Weltkrieg
    • Chronik Zwischenkriegszeit
    • Chronik Zweiter Weltkrieg
    • Lexikon Erster Weltkrieg
    • Lexikon Zwischenkriegszeit
    • Lexikon Zweiter Weltkrieg
  • Völkermorde und Massenverbrechen im Nationalsozialismus
    • Antisemitismus
    • Antiziganismus
    • Jüdisches Leben im Nationalsozialismus
    • Sinti und Roma im Nationalsozialismus
    • Holocaust
    • Porajmos
    • Krankenmorde im Nationalsozialismus
    • Kriegsverbrechen im Nationalsozialismus
    • Verfolgte Gruppen im Nationalsozialismus
  • Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Diktatur
    • Erinnerung an die NS-Diktatur
    • Aufarbeitung von NS-Verbrechen
    • Wiedergutmachung von NS-Unrecht
  • Rechtsextremismus und Rechtspopulismus
    • Rechtsextreme Parteien und Organisationen
    • Rechtsextreme Gewalt und Terrorismus
    • Rechtsextreme Medien
    • Geschichtsrevisionismus
    • Rechtspopulismus
  • Völkermorde im 20. Jahrhundert
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Afrika
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Asien
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Europa
  • Nahostkonflikt
    • Vorgeschichte des Nahostkonflikts
    • Akteure des Nahostkonflikts
    • Gewalt im Nahostkonflikt
    • Friedensprozess im Nahostkonflikt
  • Biografien
  • Rezensionen
    • Ausstellungsrezensionen
    • Buchrezensionen
    • Filmrezensionen
    • Spielerezensionen
    • Theaterrezensionen
    • Veranstaltungsrezensionen
  • Aktuelles
Startseite > Völkermorde und Massenverbrechen im Nationalsozialismus > Verfolgte Gruppen im Nationalsozialismus > Sowjetische Kriegsgefangene in Bergen-Belsen: Gefangenschaft, Verfolgung, Widerstand und Erinnerung
Geschrieben von: Elena Grigoryan | Zuletzt aktualisiert am 4. November 2026

Sowjetische Kriegsgefangene in Bergen-Belsen: Gefangenschaft, Verfolgung, Widerstand und Erinnerung

Namensziegel für sowjetische Kriegsgefangene auf dem Friedhof Hörsten bei Bergen-Belsen, 26. März 2022

Namensziegel für sowjetische Kriegsgefangene auf dem Friedhof Hörsten bei Bergen-Belsen, 26. März 2022. Foto: Bärbel Miemietz, Namensziegel Bergen-Belsen (Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0. Ansicht proportional verkleinert.

Am 22. Juni 1941 begann mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion der Krieg im Osten. Die nationalsozialistische Führung plante ihn von Beginn an als ideologischen und rassistisch geprägten Vernichtungskrieg. Die sowjetische Bevölkerung sollte unterworfen, wirtschaftlich ausgebeutet und zu großen Teilen getötet werden.

Bereits 1941 gerieten mehr als 3 Millionen sowjetische Soldaten und Offiziere in deutsche Gefangenschaft. Zehntausende wurden direkt nach Gefangennahme erschossen. Besonders viele wurden im Zuge der großen deutschen Angriffsschlachten und der ersten Kriegsmonate gefangen genommen. Dazu gehörten die Kesselschlacht bei Minsk vom 22. Juni bis zum 9. Juli 1941, die Schlacht bei Smolensk vom 10. bis 16. Juli 1941 und die Kesselschlacht bei Kiew vom 23. August bis zum 26. September 1941. Bis Herbst 1941 wurden 500.000 der 1941 gefangengenommenen sowjetischen Soldaten als Arbeitskräfte in das Deutsche Reich gebracht. Insgesamt gerieten zwischen 1941 und 1945 etwa 5,7 Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Gefangenschaft.

Die schweren Niederlagen der Roten Armee zu Beginn des Krieges hatten mehrere Ursachen. Die stalinistischen Säuberungen der 1930er-Jahre hatten zahlreiche erfahrene Offiziere aus der Armee entfernt. Gleichzeitig war die sowjetische Armee nur unzureichend auf den deutschen Angriff vorbereitet. Stalin rechnete trotz verschiedener Warnungen zunächst nicht mit einem deutschen Angriff. Die sowjetische Führung gab in den ersten Kriegstagen zudem widersprüchliche Befehle.

Für viele sowjetische Soldaten war die Gefangenschaft zunächst möglicherweise weniger bedrohlich als die Fortsetzung der Kämpfe. Teilweise verbanden sich damit auch Hoffnungen auf eine Befreiung von der sowjetischen Herrschaft. Angesichts der brutalen deutschen Besatzungspolitik und der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen änderten sich diese Vorstellungen jedoch rasch.

Rund 3,3 Millionen Kriegsgefangene starben in den Lagern. Damit gehören die sowjetischen Kriegsgefangenen zu einer der größten Opfergruppen der deutschen Vernichtungspolitik.

Die Gefangenen stammten aus allen Teilen der Sowjetunion und gehörten unterschiedlichen Nationalitäten, Volksgruppen und Religionen an. Unter ihnen waren Russen, Ukrainer, Kosaken, Tataren, Turkmenen, Aserbaidschaner und Kalmücken. Zu den Gefangenen gehörten Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere, auch Frauen der Roten Armee wurden in Kriegsgefangenenlager gebracht. Zu den besonders Bedrohten gehörten jüdische Angehörige der Roten Armee und Politkommissare.

Auch die jüdische Bevölkerung, Partisanen und die Zivilbevölkerung wurden verfolgt, ermordet oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt, ihre Bewohner ermordet oder deportiert.

Im Gegensatz zu den westlichen Kriegsgefangenen wurden sowjetische Soldaten von der Wehrmacht und den nationalsozialistischen Behörden von Beginn an wesentlich schlechter behandelt. Die Bestimmungen des internationalen Kriegsrechts wurden vielfach nicht eingehalten. Hunger, Krankheiten, Kälte, unzureichende medizinische Versorgung und katastrophale hygienische Bedingungen bestimmten den Alltag.

Inhalt

Toggle
  • Ankunft und Leben sowjetischer Kriegsgefangener in Bergen-Belsen
  • Das Hannoveraner Komitee – Widerstand sowjetischer Gefangener
  • Sowjetische Kriegsgräberstätte Bergen-Lohnheide (Hörsten)
  • Befreiung und Leben nach 1945
  • Erinnerung
  • Quellen und Literatur:
    • Quellen:
    • Literatur:

Ankunft und Leben sowjetischer Kriegsgefangener in Bergen-Belsen

Bergen-Belsen war Teil eines größeren Systems von Kriegsgefangenenlagern in der Lüneburger Heide. Zu diesem System gehörten unter anderem das Stalag XI C (311)i Bergen-Belsen, das Stalag XI D (321) Oerbke und das Stalag X D (310) Wietzendorf. Auch das Stalag XI B in Fallingbostel spielte eine wichtige Rolle bei der Unterbringung sowjetischer Kriegsgefangener.

Die ersten Transporte sowjetischer Kriegsgefangener erreichten Bergen-Belsen im Juli 1941. Die Gefangenen wurden an einer etwa sechs Kilometer vom Lager entfernten und militärisch genutzten Bahnrampe ausgeladen und mussten den letzten Weg zu Fuß zurücklegen. Die Transporte erfolgten häufig in überfüllten Güterwaggons. Menschen starben bereits während der Fahrt an Hunger und Erschöpfung.

Das Lager war zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf die Aufnahme einer so großen Zahl von Gefangenen vorbereitet. Nach ihrer Ankunft wurden die Kriegsgefangenen registriert und mussten Geld, Papiere und persönliche Wertgegenstände abgeben. Ihre Personalien wurden auf der Personalkarte I festgehalten. Dort wurden später auch Informationen über Arbeitseinsätze, Verlegungen, Aufenthalte im Lazarett und Bestrafungen eingetragen. Zusätzliche bekamen Kriegsgefangene eine Erkennungsmarkennummer, die um den Hals getragen werden musste.

Im Herbst 1941 befanden sich mehr als 21.000 sowjetische Kriegsgefangene im Stalag XI C. Für eine solche Zahl von Menschen standen nicht genügend Unterkünfte zur Verfügung. Zunächst bestand das Lager zum großen Teil aus eingezäunten Flächen ohne ausreichende Unterbringungsmöglichkeiten, es standen nur fünf von 24 geplanten Kalksandsteinbaracken, die Platz für 4000 Gefangene bieten sollten, jedoch gab es Anfang August 1941 schon 8000 Gefangene in Bergen-Belsen. Die Gefangenen mussten sich mit Erdhöhlen und primitiven Unterständen behelfen. Im Herbst 1941 begann der Bau von zusätzlichen Baracken, sodass sich die Unterbringungsbedingungen ab Frühjahr 1942 allmählich verbesserten. Die Gefangenen waren nur unzureichend mit Nahrung, Wasser, Kleidung und Schuhen versorgt. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal.

Besonders gefährdet waren jüdische Soldaten, politische Funktionäre und Angehörige der sowjetischen Intelligenz. Entsprechend dem „Einsatzbefehl Nr. 9“ des RSHA wurden bestimmte Gefangene von der Wehrmacht ausgesondert und der Gestapo übergeben. Im Rahmen dieser sogenannten „Aussonderungen“ wurden sowjetische Kriegsgefangene in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht und dort von der SS getötet. Etwa 700 bis 1000 sowjetische Kriegsgefangene aus Bergen-Belsen wurden zwischen Juli 1941 und Juli 1942 nach Sachsenhausen gebracht und fielen dort diesen Mordaktionen zum Opfer. Aus den Kriegsgefangenenlagern der Lüneburger Heide wurden zwischen 3.500 bis 4.500 sowjetische Kriegsgefangene im Rahmen solcher Aussonderungen ermordet.

Bereits im Herbst 1941 breiteten sich Krankheiten im Lager aus. Besonders Fleckfieber stellte eine große Gefahr dar. Im November 1941 wurde das Lager unter Quarantäne gestellt. Gleichzeitig stiegen die Todeszahlen weiter an. Zwischen August 1941 und Ende März 1942 starben in Bergen- Belsen etwa 14.000 sowjetische Kriegsgefangene. Hunger, Krankheiten, Kälte und die schlechten Lebensbedingungen forderten zahlreiche Todesopfer.

Die Versorgung mit Lebensmitteln war völlig unzureichend. Die Gefangenen erhielten nur geringe Mengen Brot und eine dünne Rübensuppe. Die Rationen reichten bei weitem nicht aus, um den täglichen Bedarf zu decken. Der Hunger bestimmte den Alltag und führte dazu, dass die Gefangenen nach allem Essbaren suchten. Sie sammelten Pilze, Würmer, Rinde und Wurzeln. Auch Leder von Gürteln wurde gekocht und verzehrt.

Die Bewachung übernahmen deutsche Soldaten, die wegen ihres Alters oder einer Invalidität nicht mehr für den Frontdienst eingesetzt wurden. Diese sogenannten Landesschützen waren angewiesen, gegen Fluchtversuche und Verstöße hart vorzugehen. Auf Gefangene, die sich widersetzten, wurde geschossen.

Ab August 1941 wurden sowjetische Kriegsgefangene in Arbeitskommandos eingesetzt. Sie mussten unter anderem in der Rüstungsproduktion, in der Landwirtschaft, im Straßenbau und in Steinbrüchen arbeiten. Die Arbeitskommandos befanden sich häufig außerhalb des eigentlichen Lagers. Der Kontakt zwischen den Gefangenen und der deutschen Bevölkerung war dabei nicht grundsätzlich ausgeschlossen, sondern wurde von den deutschen Behörden kontrolliert und teilweise gezielt beeinflusst. Es wurde darüber diskutiert, die Straßen in der Nähe des Lagers offen zu halten, damit die Bevölkerung die Gefangenen sehen und sich selbst ein Bild von ihnen machen konnte. Die Gefangenen sollten dabei als „Bestien“ wahrgenommen werden und dadurch abschreckend auf die Bevölkerung wirken.

Trotz der Verbote kam es gelegentlich zu Kontakten zwischen Gefangenen und deutschen Zivilisten. Einzelne Menschen warfen den Gefangenen Brot oder Zigaretten zu. Für die Gefangenen konnte ein solcher Kontakt lebensrettend sein. Gleichzeitig war er gefährlich: Wachen schossen auf Gefangene, die sich dem Zaun näherten, und auch für Zivilisten konnten Kontakte zu den Gefangenen Konsequenzen haben.

Im Juni 1943 wurde das Stalag XI C Bergen-Belsen aufgelöst, das Kriegsgefangenenlazarett wurde als Zweiglager des Stalag XI B Fallingbostel weitergeführt. Alle Kriegsgefangenen, die sich zurzeit der Auflösung im Lager befanden, verblieben weiterhin dort.

Das Hannoveraner Komitee – Widerstand sowjetischer Gefangener

In den Wehrkreisen des Deutschen Reiches bestanden eigene Lazarette für sowjetische Kriegsgefangene. Auch in Bergen-Belsen wurde 1942 ein solches Lazarett eingerichtet. Die medizinische Versorgung lag in deutscher Hand; sowjetische und zwei polnische Ärzte, sowie medizinisch ausgebildete Gefangene unterstützten die Behandlung ihrer Mitgefangenen.

Die Versorgung blieb jedoch unzureichend. Medikamente und medizinische Materialien waren knapp. Ruhr, Tuberkulose, Fleckfieber und andere ansteckende Krankheiten führten zu zahlreichen Todesfällen. Zwischen 1942 und 1945 starben noch weitere 5.500 sowjetische Kriegsgefangene.

Trotz der lebensbedrohlichen Situation entwickelten sich unter den Gefangenen Formen des Widerstands und der gegenseitigen Unterstützung. Sie versuchten, sich mit Nahrung und Informationen zu helfen, Nachrichten über den Kriegsverlauf auszutauschen und den Kontakt zwischen verschiedenen Arbeitskommandos und Lagern aufrechtzuerhalten. Nach der Niederlage der deutschen Truppen bei Stalingrad wuchs bei vielen die Hoffnung, dass Deutschland den Krieg verlieren würde.

Ein wichtiges Ziel des Widerstands bestand darin, zu verhindern, dass Gefangene sich deutschen Einheiten anschlossen, insbesondere der sogenannten Wlassow-Armee. Die Beteiligung am Widerstand war äußerst gefährlich und konnte mit schweren Strafen, Folter oder dem Tod geahndet werden.

Eine zentrale Rolle spielte Antonina Konjakina-Trofimowa (1914–2004), eine russische Zahnärztin. Sie wurde im Juni 1941 zur Roten Armee eingezogen und geriet im Oktober 1941 bei Wjasma in deutsche Gefangenschaft. Über Minsk kam sie zuerst in das Stalag XI D in Oerbke, wo sie an Fleckfieber erkrankte. Danach wurde sie in das Lazarett in Bergen-Belsen verlegt. Nach ihrer Genesung blieb sie aufgrund ihrer medizinischen Kenntnisse im Lazarett tätig und gehörte ab Februar 1942 zum Sanitätspersonal. Sie schloss sich dem sogenannten „Hannoveraner Komitee“ an, einer Widerstandsgruppe, die sich nach der nächstgrößeren Stadt benannte und nie entdeckt worden ist.

Das Komitee organisierte gegenseitige Hilfe, sammelte Informationen und unterstützte Flucht- und Versorgungsaktionen. Nachrichten und Informationen über den Kriegsverlauf wurden heimlich weitergegeben. Konjakina versteckte Informationen in den Verbandsmaterialien von Patienten, die die Krankenstation verließen. Auf diese Weise gelangten Nachrichten in außerhalb befindliche Arbeitskommandos.

Später wurden Informationen von Gefangenen in improvisierter Form vervielfältigt und weitergegeben. Solche Aktionen waren Ausdruck von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung. Sie halfen den Gefangenen, trotz der unmenschlichen Bedingungen ihre Würde und ihre Verbindung untereinander zu bewahren.

Sowjetische Kriegsgräberstätte Bergen-Lohnheide (Hörsten)

Etwa 600 Meter vom ehemaligen Lager entfernt befindet sich der Friedhof des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen. Zwischen 1941 und 1945 wurden dort etwa 19.580 sowjetische Kriegsgefangene bestattet. Die erste Beisetzung fand am 1. August 1941 statt. Zunächst wurden die Toten in Einzelgräbern, aber aufgrund steigender Todeszahlen wurden die Toten ab Anfang Oktober in Massengräbern bestattet.

Die Wehrmacht führte für die Kriegsgefangenen genaue Unterlagen. Zu den Angaben gehörten unter anderem der Ort der Beisetzung und die Todesursache. Die Personalunterlagen wurden anfangs zusammen mit einer Hälfte der Erkennungsmarke an die Wehrmachtauskunftsstelle weitergeleitet. Als Todesursache wurde häufig „allgemeine Schwäche“ angegeben. Solche Angaben verschleierten die tatsächlichen Todesursachen – insbesondere Hunger, Krankheiten und die katastrophalen Lebensbedingungen. Ab Herbst 1941 wurde die systematische Ausstellung von Todesbescheinigungen eingestellt.

Befreiung und Leben nach 1945

Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Lager Bergen-Belsen. Zu dem Zeitpunkt bestand das dortige Lazarett und das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Zahlreiche Gefangene starben allerdings auch nach der Befreiung an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Am 26. Mai 1945 befanden sich noch 1.277 sowjetische Staatsangehörige auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers. Sie wurden medizinisch versorgt und erhielten den Status von Displaced Persons.

Die Überlebenden wurden in den dafür eingerichteten Filtrationslagern befragt und überprüft. Sie gerieten oft unter den Verdacht, möglicherweise mit dem Feind kollaboriert zu haben. Unter Stalin wurde die Gefangenschaft als Zeichen von Verrat oder mangelnder Loyalität gegenüber der Sowjetunion gewertet. Die Rückkehrer mussten deshalb mit Verhören, Überprüfungen und möglichen Repressionen rechnen.

Die Rückkehr verlief unterschiedlich. Frauen und Kinder kehrten vielfach bis Ende 1945 zurück. Männer blieben länger im Militär oder durchliefen verschiedene Stationen der Repatriierung. Einige kehrten erst Jahre später zurück, in einzelnen Fällen noch in den 1960er-Jahren.

Für manche hatte die Gefangenschaft auch nach der Rückkehr langfristige Folgen, u.a. konnten Nachteile bei Ausbildung, Beruf und gesellschaftlicher Stellung entstehen. Einige waren von Zwangsumsiedlungen oder Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit betroffen. Auch die Familien ehemaliger Kriegsgefangener konnten unter Repressalien und Benachteiligungen leiden. Die Rückkehr eines Soldaten aus deutscher Gefangenschaft konnte deshalb nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Angehörigen mit Misstrauen und staatlichen Kontrollen verbunden sein. Erst ab den 1980er-Jahren wurde es zunehmend möglich, über die Erfahrungen ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener zu sprechen und diese zu dokumentieren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden neue Möglichkeiten für den Kontakt mit Überlebenden und ihren Angehörigen. Westdeutsche Gedenkstätten wie Bergen-Belsen oder Neuengamme waren in der Sowjetunion lange Zeit vergleichsweise wenig bekannt.Seit den 1990er-Jahren intensivierten sich auch die Kontakte zwischen ehemaligen Gefangenen, ihren Familien und deutschen Gedenkstätten.

Bergen-Belsen wurde für viele Überlebende und ihre Angehörigen erst Jahrzehnte später zu einem Ort der Erinnerung.

Ab 1993 konnten ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa unter bestimmten Voraussetzungen finanzielle Entschädigungen beantragen. Diese Regelungen waren jedoch nicht automatisch auf ehemalige sowjetische Kriegsgefangene übertragbar. Für sie galten andere rechtliche und politische Voraussetzungen.

Erinnerung

Die Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen ist ein wichtiger Bestandteil der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Ihre Geschichte macht die Folgen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion sichtbar.

Die Gefangenen waren jedoch nicht nur eine anonyme Opfergruppe. Hinter den Zahlen standen einzelne Menschen mit eigenen Lebensgeschichten, Familien, Hoffnungen und Ängsten. Einige leisteten Widerstand, andere unterstützten ihre Kameraden oder versuchten, Informationen über den Kriegsverlauf weiterzugeben.

Die Geschichte von Antonina Konjakina-Trofimowa zeigt, dass auch unter den extremen Bedingungen der Gefangenschaft Formen von Solidarität und Widerstand möglich waren. Ihre Tätigkeit im Lazarett und ihre Beteiligung in der Widerstandsgruppe „Hannoveraner Komitee“ stehen beispielhaft für die Handlungsspielräume, die sich einzelne Gefangene trotz der Gewalt und Kontrolle bewahren konnten.

Erinnerung bedeutet deshalb mehr als die Zahl der Toten. Sie bedeutet auch, ihre Namen und Lebensgeschichten sichtbar zu machen und die Bedingungen zu benennen, unter denen sie verfolgt, ausgebeutet und ermordet wurden.

Der Kriegsgefangenenfriedhof erinnert an die Menschen, die hinter den Opferzahlen stehen. Er ist zugleich ein Ort der Erinnerung an die nationalsozialistische Kriegs- und Besatzungspolitik und an den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.

Autorin: Elena Grigoryan

Quellen und Literatur:

Quellen:

Arolsen Archives: Bericht von Emil Brüge über das Konzentrationslager Sachsenhausen. Auszug aus der Liste von Zugängen und Todesfällen.

Staatsarchiv Hamburg (StA HH), 213-12, Nr. 0004, Bd. 001-002: Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Hamburg aus den 1960er-Jahren.

Literatur:

Baberowski, Jörg: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. München, 2012.

Hilbich, Vera: Der „Friedhof der Namenlosen“ in Oerbke. Göttingen, 2017

Nolte, Hans-Heinrich (Hrsg.): Häftlinge aus der UdSSR in Berge-Belsen. Dokumentation der Erinnerung. Frankfurt am Main, 2001.

Petry, Silke / Keller, Rolf (Hrsg.): „Ruhet in Frieden, teure Genossen“. Der Friedhof des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen. Göttingen, 2016.

Preusse, Ruth / Seybold, Katja: „Rotarmistin, Kriegsgefangene, Widerständlerin – und Aktivistin: die Ärztin Antonina Konjakina-Trofimowa (1914-2004)“. In: Lernen aus der Geschichte. Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e. V., 2022

Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (Hrsg.): Bergen-Belsen Kriegsgefangenenlager 1940- 1945 – Konzentrationslager 1943-1945 – Displaced Persons Camp 1945-1950. Katalog der Dauerausstellung, Göttingen, 2009.

i Stalag XI: Bezeichnung für die Stammlager für Kriegsgefangene im Wehrkreis XI (Hannover). Die einzelnen Lager wurden durch Buchstaben und Nummern näher bezeichnet, etwa Stalag XI B und Stalag XI C (311)

  • Impressum
  • Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen
  • Barrierefreiheit
  • Cookie-Einstellungen
Zukunft braucht ErinnerungLogo Header Menu
  • Geschichte Deutschlands
    • Deutsche Einigungskriege
    • Deutsches Kaiserreich
    • Weimarer Republik
    • Nationalsozialismus und NS-Staat
    • Deutschland in der Besatzungszeit
    • Lexikon Deutsche Einigungskriege
    • Lexikon Deutsches Kaiserreich
    • Lexikon Weimarer Republik
    • Lexikon Nationalsozialismus
    • Lexikon Deutschland in der Besatzungszeit
  • Zeitalter der Weltkriege
    • Erster Weltkrieg
    • Zwischenkriegszeit
    • Zweiter Weltkrieg
    • Chronik Erster Weltkrieg
    • Chronik Zwischenkriegszeit
    • Chronik Zweiter Weltkrieg
    • Lexikon Erster Weltkrieg
    • Lexikon Zwischenkriegszeit
    • Lexikon Zweiter Weltkrieg
  • Völkermorde und Massenverbrechen im Nationalsozialismus
    • Antisemitismus
    • Antiziganismus
    • Jüdisches Leben im Nationalsozialismus
    • Sinti und Roma im Nationalsozialismus
    • Holocaust
    • Porajmos
    • Krankenmorde im Nationalsozialismus
    • Kriegsverbrechen im Nationalsozialismus
    • Verfolgte Gruppen im Nationalsozialismus
  • Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Diktatur
    • Erinnerung an die NS-Diktatur
    • Aufarbeitung von NS-Verbrechen
    • Wiedergutmachung von NS-Unrecht
  • Rechtsextremismus und Rechtspopulismus
    • Rechtsextreme Parteien und Organisationen
    • Rechtsextreme Gewalt und Terrorismus
    • Rechtsextreme Medien
    • Geschichtsrevisionismus
    • Rechtspopulismus
  • Völkermorde im 20. Jahrhundert
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Afrika
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Asien
    • Völkermorde im 20. Jahrhundert in Europa
  • Nahostkonflikt
    • Vorgeschichte des Nahostkonflikts
    • Akteure des Nahostkonflikts
    • Gewalt im Nahostkonflikt
    • Friedensprozess im Nahostkonflikt
  • Biografien
  • Rezensionen
    • Ausstellungsrezensionen
    • Buchrezensionen
    • Filmrezensionen
    • Spielerezensionen
    • Theaterrezensionen
    • Veranstaltungsrezensionen
  • Aktuelles