Holly-Jane Rahlens: Frostblüten. Aus dem Amerikanischen von Christiane Steen.
Jugendbücher, die sich mit der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, gibt es inzwischen viele – nicht nur Sachbücher, sondern auch Romane. Die seit vielen Jahren in Berlin lebende Amerikanerin Holly-Jane Rahlens wählt für ihren Roman Frostblüten allerdings einen Schwerpunkt, der bislang in der Jugendliteratur äußerst selten zu finden ist und auch im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland wenig bekannt sein dürfte: die Situation der etwa 250.000 jüdischen Displaced Persons um 1946/47. Also die Lage von Überlebenden der Shoa und Flüchtlingen aus Osteuropa, die nach Kriegsende vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich und Italien lebten und auf ihre Emigration vor allem nach Palästina sowie Nordamerika warteten.
Im Mittelpunkt von Frostblüten stehen zwei 16 Jahre alte junge Frauen: Die deutsch-polnische Jüdin Estera lebte als Kind in Berlin, wurde 1938 nach Polen, später in die Sowjetunion vertrieben, hat ihre Eltern verloren und bereitet sich jetzt in einem Berliner Displaced-Persons-Camp auf die Emigration in die USA vor. Lotte lebte seit ihrer Geburt in Berlin, wo sie Krieg und Zerstörung erlebte, und wohnt jetzt mit ihrer Mutter unter schwierigsten Verhältnissen zur Untermiete; sie trauert um den gefallenen Bruder und sorgt sich um ihren Vater, der in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Lotte träumt davon, in Deutschland Modedesignerin zu werden.
Wechselnd zwischen ihren Protagonistinnen, die sich eher durch Zufall begegnen und vorsichtig annähern, schildert Rahlens in kurzen Kapiteln das von Hunger, Kälte und Traumata geprägte Leben im Frühjahr 1947. Sie zeigt aber auch beide – Estera wie Lotte – als starke junge Frauen, die sich trotz aller Not und Ungewissheiten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht nehmen lassen wollen.
Zu Recht verzichtet die Autorin auf sentimentalen Kitsch oder gar ein Happy End. Zu stark ist das Misstrauen von Estera allen Deutschen gegenüber, zu gering das Wissen von Lotte um die Shoa. Geprägt von der eigenen Not sind beide unfähig, sich in die Situation der anderen hineinzuversetzen. Missverständnisse sind vorprogrammiert, mehr als eine vorsichtige Annäherung ist nicht möglich, eine tiefere Freundschaft kann nicht entstehen. Dass hier die zugrunde liegenden Barrieren einfühlsam erläutert werden und das Fortwirken von Vorurteilen und erlittenem Leid bei Jungen wie Alten anschaulich gezeigt wird, macht zusammen mit der sensiblen Sprache von der Übersetzerin Christiane Steen die besondere Qualität dieses Romans aus.
Zu Recht hat die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Rahlens Roman Frostblüten in die Liste der Buchtipps für den Monat November 2026 aufgenommen.
Autor: Tomas Unglaube
Holly-Jane Rahlens: Frostblüten. Aus dem Amerikanischen von Christiane Steen. Rotfuchs, 2026. 256 Seiten. 18,00 EUR.
