Paul Carell – von Wigbert Benz

Wigbert Benz: Paul Carell, Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Berlin, 2005.

ImageKaum etwas hat die Gemüter in der jungen Bundesrepublik mehr bewegt als die Tatsache, dass ehemals aktive Nationalsozialisten in Politik und Wirtschaft, Militär und Verwaltung Anerkennung fanden und sie über ihr Expertentum den Weg in die Republik fanden. Doch so wie Hans Globke ein Repräsentant der Regierung Adenauer sein konnte, obwohl er an den berüchtigten Nürnberger Rassegesetzen mitgewirkt hatte, wurde die Integration der Eliten des NS-Regimes nicht klamm-heimlich betrieben. Sie war Bestandteil und ein bezeichnender Aspekt der Vergangenheitspolitik (Norbert Frei) schon in den frühen fünfziger Jahren. Die daraus resultierende Ambivalenz des Neuanfangs kommt in einer sprachlichen Besonderheit der damaligen Zeit gut zum Ausdruck, wenn man wichtige Projekte der Politik mit dem Wörtchen »wieder« ergänzte: Wieder-Aufbau, Wieder-Bewaffnung …

Hinweise auf derartige gesellschaftliche Traditionslinien bleiben zumeist abstrakt und lassen kaum erkennen, welche persönliche und ethische Dimensionen sich mit solchen Karrieren verbinden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel eines beruflichen Aufstiegs vom NS-Regime in die Bundesrepublik legt Wigbert Benz vor. Nach intensiven Akten- und Literaturrecherchen präsentiert Benz den durch historische Sachbücher vor allem zum Zweiten Weltkrieg weit über die Grenzen hinaus bekannten Paul Carell. Kaum jemand, dem nicht dessen »Unternehmen Barbarossa« (zuletzt 2002 aufgelegt) oder die »Wüstenfüchse« (zuletzt 2003) in die Hände gefallen ist und der seine Erklärungen zur Geschichte des NS-Regimes und des Weltkrieges kennt. Wer aber war dieser Autor, der mit wortgewaltigem Journalismus so gewichtige Beiträge zur nahen Vergangenheit veröffentlichte? Sein bürgerlicher Name war Paul Karl Schmidt, geboren 1911, als Oberprimaner 1931 Mitglied der NSDAP, NS-Studentenführer – mit 29 Jahren Leiter der Nachrichten- und Presseabteilung des Auswärtigen Amtes im Rang eines SS-Obersturmbannführers und als Ministerialdirigent besoldet. Schmidt machte, typisch für die junge wissenschaftlich geschulte ideologische NS-Elite, eine rasante Karriere als planender und durchgreifender »Tatmensch« (S. 13) am grünen Tisch, rücksichtslos und gewaltbereit zugunsten des NS-Projekts der rassischen Neuordnung Europas. Daher verwundert es auch nicht, dass er aktiv in die Propagandabegleitung (um “negative Rückwirkungen auf die Moral der Heimatfront“ zu vermeiden) der Judenverfolgung involviert war, wie Benz in Bezug auf den Fall der Budapester Juden herausarbeitet.

Geschwind und geschmeidig passte sich Carell alias Schmidt 1945 dem Zeitgeist der Persilscheine an: Selbst Opfer der zentralen NS-Pressesteuerung habe er eine echte, freie Presse “schmerzlich vermisst” – und empfahl sich so der »positiven« Propaganda (S. 57) für den demokratischen Aufbau, wie schon bald seine Aktivitäten für die staatlich finanzierte Marshallplan- und Europawerbung zeigten. Die Integration in die publizistische Welt der jungen Republik gelang mithilfe eines dicht geknüpften Netzes alter Kameraden, die über Jahrzehnte den Karrieren aller dienten. Stationen dieser Karriere von Carell alias Schmid waren Kristall, Zeit, Welt und der Spiegel. Er verantwortete dort die berühmten populärwissenschaftlichen Serien über Reichstagsbrand, Ostfeldzug und Höhepunkte des Weltkrieges. Die geschichtspolitischen Tendenzen waren eindeutig: Entschuldung der Verantwortung der deutschen Eliten in Politik und Militär am Krieg, den die Deutschen geradezu präventiv führen mussten. Ex-braune Journalisten waren lange Zeit fähig, eine von Verbrechen und Verantwortung »saubere« Vergangenheit der Wehrmacht und des NS-Regimes zu malen. Signifikant zeitigte im Kalten Krieg die Position eines unkonditionierten Antikommunismus ihre Erfolge: Ab Mitte der sechziger Jahre war Carell alias Schmidt persönlicher Berater von Axel C. Springer, für den er nicht nur patriotische Reden schrieb, mit dem er auch die Sorge vor der Bedrohung durch den Osten teilte.

Wigbert Benz hat mit größter Sach- und Fachlichkeit ein Legendengespinst der Zeitgeschichte vorgeführt, das die Geschichte des NS-Regimes und den demokratischen Beginn der Republik, die ideologisch ausgerichteten Täter des NS-Rassismus und die journalistischen Streiter für ein freiheitliches Europa in dem Lebensbericht des Carell alias Schmidt schillernd vereint. Es zeigt sich wie lohnend es ist, der Verwobenheit der oft verborgenen Traditionslinien Einzelner auf den Grund zu gehen, um gesellschaftliche Verhältnisse der Zeitgeschichte zu klären.

Autor: Dr. Detlef Bald. Erstveröffentlichung in W & F. Wissenschaft und Frieden 1/2006, S. 53; Rezensent: Dr. Detlef Bald, ehemaliger Leiter des Bereichs Militär und Gesellschaft des sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, seit 1996 Publizist in München, freier Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg

 

Wigbert Benz: Paul Carell, Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945, Wissenschaftlicher Verlag Berlin, 2005, 112 Seiten, 16,80 €