Die Weimarer Republik war die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland. Sie entstand aus der Revolution von 1918 und bestand bis zur Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur 1933. Ihre Geschichte umfasst demokratische Neuerungen, soziale Reformen und kulturelle Aufbrüche ebenso wie politische Gewalt, wirtschaftliche Krisen und die Gegnerschaft einflussreicher Eliten. Der Name verweist auf Weimar, wo 1919 die Nationalversammlung tagte und die neue Verfassung beschloss.
Die Republik war nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Sie musste jedoch zugleich die Folgen des Ersten Weltkriegs, gesellschaftliche Konflikte und Angriffe auf die Demokratie bewältigen. Um ihre Zerstörung zu verstehen, müssen wirtschaftliche Bedingungen, politische Institutionen und konkrete Entscheidungen gemeinsam betrachtet werden. Der Weg von 1918 bis 1933 verlief in unterschiedlichen Phasen: revolutionärer Umbruch und Krisen, zeitweilige Stabilisierung und schließlich die Aushöhlung parlamentarischer Herrschaft.

Präsidium der Nationalversammlung 1919: Hermann Dietrich, Konrad Haussmann, Eduard David und Constantin Fehrenbach (von links). Bundesarchiv, Bild 183-2005-0901-508 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-2005-0901-508, Präsidium der Nationalversammlung, CC BY-SA 3.0 DE
1918: Krieg, Novemberrevolution und Republik
Im Herbst 1918 war die militärische Niederlage Deutschlands absehbar. Die Oberste Heeresleitung verlangte einen Waffenstillstand; zugleich wurde das Regierungssystem parlamentarisiert. Der Versuch der Marineführung, noch eine große Seeschlacht auszulösen, führte zu Meutereien. Vom Kieler Matrosenaufstand aus verbreitete sich die Revolution. Arbeiter- und Soldatenräte entstanden in zahlreichen Städten und verlangten ein Ende des Krieges sowie politische Veränderungen.
Am 9. November verkündete Reichskanzler Max von Baden die Abdankung Kaiser Wilhelms II. und übergab sein Amt an Friedrich Ebert. Philipp Scheidemann rief eine Republik aus; Karl Liebknecht proklamierte wenige Stunden später eine sozialistische Republik. Diese unterschiedlichen Vorstellungen machten den Konflikt über die neue Ordnung sichtbar. Der Kaiser floh in die Niederlande. Am 11. November unterzeichnete Deutschland den Waffenstillstand.
Der Rat der Volksbeauftragten aus Mehrheitssozialdemokraten und Unabhängigen Sozialdemokraten übernahm die Regierung. Ebert wollte eine gewählte Nationalversammlung und arbeitete zur Sicherung der Ordnung mit der militärischen Führung zusammen. Radikalere Kräfte verlangten eine Räteordnung und weitergehende soziale Veränderungen. Im Januar 1919 wurden Berliner Aufstände mit militärischer Gewalt niedergeschlagen; Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von Freikorpsangehörigen ermordet. Die Gewalt vertiefte die Spaltung der Arbeiterbewegung.
Die Weimarer Verfassung und die erste deutsche Demokratie
Die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 war die erste reichsweite Wahl, an der Frauen teilnehmen konnten. SPD, Zentrum und Deutsche Demokratische Partei bildeten die sogenannte Weimarer Koalition. Die Versammlung trat wegen der unsicheren Lage in Berlin in Weimar zusammen. Im August 1919 trat die Reichsverfassung in Kraft. Sie erklärte die Staatsgewalt zur Sache des Volkes und verband parlamentarische Demokratie mit sozialen und individuellen Grundrechten.
Der Reichstag wurde nach dem Verhältniswahlrecht gewählt. Die Regierung benötigte sein Vertrauen, wurde aber vom Reichspräsidenten ernannt. Dieser war direkt gewählt, konnte den Reichstag auflösen und besaß weitreichende Befugnisse. Artikel 48 erlaubte ihm in Notlagen Maßnahmen einschließlich der zeitweiligen Einschränkung von Grundrechten. Die parlamentarische Kontrolle solcher Maßnahmen war vorgesehen; ihre spätere Nutzung untergrub dennoch die parlamentarische Regierungsweise.
Die Verfassung eröffnete demokratische Beteiligung, schuf aber keine automatisch funktionierende Demokratie. Entscheidend war, ob Parteien, Behörden und gesellschaftliche Gruppen ihre Regeln akzeptierten. Viele Angehörige von Militär, Justiz und Verwaltung standen der Republik distanziert oder feindlich gegenüber. Die Kontinuität älterer Eliten begrenzte den politischen Neubeginn. Umgekehrt unterstützten Millionen Menschen demokratische Parteien, Gewerkschaften und republikanische Organisationen.
Parteien, Gesellschaft und politische Gegensätze
Das Parteiensystem spiegelte religiöse, soziale und weltanschauliche Unterschiede. Die SPD vertrat große Teile der Arbeiterschaft; das Zentrum war im katholischen Milieu verankert. Die DDP stand für linksliberale Positionen, die Deutsche Volkspartei entwickelte sich unter Gustav Stresemann zu einer wichtigen Kraft der Verständigungspolitik. Die Deutschnationale Volkspartei bekämpfte zunächst die republikanische Ordnung. Die KPD wollte sie durch eine kommunistische Ordnung ersetzen. Später wurde die NSDAP zu ihrem gefährlichsten Gegner.
Koalitionen mussten diese Unterschiede ausgleichen. Das war oft schwierig, aber kein Beweis, dass parlamentarische Politik grundsätzlich ungeeignet gewesen wäre. Parteien verfügten über starke gesellschaftliche Bindungen; politische Zeitungen, Vereine und Verbände prägten den Alltag. Konflikte um Eigentum, Sozialleistungen, Religion und nationale Identität wurden zugleich durch die Erfahrung von Krieg und Revolution verschärft.
Die Republik brachte wichtige soziale Neuerungen. Der Achtstundentag wurde 1918 vereinbart, Tarifverträge und die Anerkennung der Gewerkschaften gewannen Bedeutung. 1927 entstand eine reichsweite Arbeitslosenversicherung. Ihre Finanzierung wurde während der Weltwirtschaftskrise zum politischen Streitpunkt. Die soziale Absicherung blieb begrenzt, veränderte jedoch die Erwartungen an den Staat und die politische Bedeutung sozialer Rechte.
Die Demokratie besaß auch organisierte Verteidiger. Im Februar 1924 gründeten Mitglieder von SPD, Zentrum und DDP das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Der überparteiliche Verband sollte die Republik gegen ihre Gegner schützen, öffentliche Veranstaltungen sichern und republikanische Symbole sichtbar machen. Sozialdemokraten stellten den größten Teil seiner Mitglieder. Seine Existenz widerspricht dem verbreiteten Bild einer Republik, der niemand verbunden gewesen sei. Der Einsatz ihrer Anhänger konnte allerdings nicht verhindern, dass Gewalt und die Entscheidungen demokratiefeindlicher Eliten ihren Handlungsspielraum zunehmend begrenzten.
Auch die Länder waren für die Stabilität der parlamentarischen Ordnung wichtig. Besonders in Preußen arbeiteten Sozialdemokraten, Zentrum und linksliberale Kräfte über längere Zeit in Regierungskoalitionen zusammen. Das größte deutsche Land bildete dadurch ein wichtiges Gegengewicht zu autoritären Bestrebungen auf Reichsebene. Die politische Entwicklung verlief also nicht überall gleich. Der spätere Eingriff der Reichsregierung in Preußen traf eine konkrete institutionelle Stütze der Demokratie. Wer die Republik nur von ihrem Ende her betrachtet, übersieht solche Möglichkeiten politischer Zusammenarbeit und die Arbeit ihrer Verteidiger. Ihr Scheitern war eine historische Entwicklung, die durch Entscheidungen verschärft wurde und nicht schon 1918 feststand.
1919–1923: Versailler Vertrag, Gewalt und Inflation
Der Versailler Vertrag von 1919 verlangte Gebietsabtretungen, militärische Beschränkungen und Reparationen. Viele Deutsche lehnten ihn ab. Republikanische Politiker wurden für Bedingungen verantwortlich gemacht, die aus der Niederlage hervorgegangen waren. Die „Dolchstoßlegende“ verschob die Verantwortung auf vermeintliche Verräter im Inneren. Sie verband Nationalismus mit Angriffen auf Demokraten und antisemitischen Feindbildern.
1920 versuchten rechte Kräfte beim Kapp-Lüttwitz-Putsch, die Regierung zu stürzen. Ein Generalstreik trug entscheidend zum Scheitern bei. Politische Morde, darunter die Ermordung Matthias Erzbergers 1921 und Walther Rathenaus 1922, bedrohten die Demokratie weiter. Die Justiz ging gegen rechtsgerichtete Täter häufig milder vor als gegen linke Gegner. Diese ungleiche Behandlung schwächte das Vertrauen in die republikanische Ordnung.
1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet wegen ausstehender Reparationsleistungen. Die Reichsregierung rief zum passiven Widerstand auf. Dessen Finanzierung verschärfte die bereits bestehende Inflation zur Hyperinflation. Geldvermögen und regelmäßige Einkommen verloren ihren Wert, während Schuldner unter Umständen profitierten. Im November scheiterte Hitlers Putschversuch in München. Die Einführung der Rentenmark und das Ende des passiven Widerstands ermöglichten eine Stabilisierung.
1924–1929: Stabilisierung, Kultur und gesellschaftlicher Wandel
Die mittleren Jahre der Republik waren durch wirtschaftliche Erholung und außenpolitische Verständigung geprägt. Der Dawesplan von 1924 regelte die Reparationszahlungen neu; ausländische Kredite erleichterten Investitionen. Stresemann verfolgte eine schrittweise Verbesserung der internationalen Stellung Deutschlands. Die Verträge von Locarno 1925 und der Beitritt zum Völkerbund 1926 waren wichtige Schritte. Die Konflikte um die Friedensordnung verschwanden dadurch jedoch nicht.
Die wirtschaftliche Stabilisierung blieb ungleich. Landwirtschaft und Teile des Mittelstands gerieten schon vor 1929 unter Druck. Die Abhängigkeit von kurzfristigen Auslandskrediten machte die Wirtschaft verwundbar. Der Ausdruck „Goldene Zwanziger“ kann deshalb nur begrenzt die Lebensverhältnisse beschreiben. Für viele Menschen bedeuteten diese Jahre Chancen und größere Sicherheit; andere erlebten weiterhin Not und soziale Unsicherheit.
In Kunst, Architektur, Literatur und Film entstanden international bedeutende Entwicklungen. Das Bauhaus, neue Formen des Theaters und die Großstadtkultur standen für ästhetische Experimente. Frauen waren politisch gleichberechtigt, stießen im Beruf und Familienleben aber auf fortbestehende Grenzen. Neue Rollenbilder wurden besonders in Städten sichtbar. Konservative und rechtsradikale Kräfte deuteten solche Veränderungen als moralischen Verfall und machten sie zum Gegenstand politischer Mobilisierung.
Weltwirtschaftskrise 1929 und Präsidialkabinette
Die internationale Wirtschaftskrise traf Deutschland besonders schwer. Kredite wurden abgezogen, Unternehmen schränkten die Produktion ein und die Arbeitslosigkeit stieg auf Millionenhöhe. Armut und Angst vor sozialem Abstieg verstärkten politische Konflikte. Radikale Parteien gewannen an Unterstützung. Die Krise erklärt diesen Aufstieg, macht ihn aber nicht zu einem unvermeidlichen Ergebnis: Politische Strategien und Entscheidungen beeinflussten, welche Antworten sich durchsetzten.
1930 zerbrach die Große Koalition unter Hermann Müller am Streit über die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung. Reichspräsident Hindenburg ernannte Heinrich Brüning zum Reichskanzler. Dessen Regierung stützte sich zunehmend auf Notverordnungen statt auf eine stabile parlamentarische Mehrheit. Sparmaßnahmen und Deflationspolitik verschärften die soziale Belastung. Die SPD tolerierte Teile dieser Politik, um eine noch weiter rechts stehende Regierung zu verhindern.
Die nachfolgenden Kabinette Franz von Papens und Kurt von Schleichers setzten diese Regierungsweise fort. Papens „Preußenschlag“ vom Juli 1932 entmachtete die demokratisch legitimierte preußische Regierung. Damit wurde ein wichtiges Zentrum republikanischer Macht ausgeschaltet. Zugleich radikalisierten sich Wahlkämpfe und Straßengewalt. Bei der Reichstagswahl im Juli erreichte die NSDAP 37,3 Prozent, verlor im November aber wieder Stimmen. Ihr Aufstieg verlief somit nicht ohne Rückschläge.
1933: Die Zerstörung der Demokratie
Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Papen und weitere konservative Akteure unterstützten die Entscheidung und glaubten, den Parteiführer in einer von ihnen dominierten Regierung kontrollieren zu können. Die Zerstörung der Demokratie war daher nicht bloß die Folge wirtschaftlicher Not oder einer automatischen Wirkung der Verfassung. Sie beruhte auch auf der bewussten Zusammenarbeit einflussreicher Gegner der parlamentarischen Ordnung.
Nach dem Machtantritt beseitigten Reichstagsbrandverordnung, Terror, Ermächtigungsgesetz und „Gleichschaltung“ die verbliebenen demokratischen Handlungsmöglichkeiten. Die Republik endete durch die Errichtung einer Diktatur. Ihre Geschichte zeigt, dass demokratische Institutionen Schutz, gesellschaftliche Unterstützung und handelnde Verteidiger benötigen. Sie umfasst zugleich die Leistungen einer Gesellschaft, die politische Gleichberechtigung und kulturelle Freiheit unter schwierigen Bedingungen erweiterte.
Autor: Lukas Schmitt
Literatur
Ursula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Stuttgart: Klett-Cotta, 2008.
Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. 4. Auflage. München: C.H.Beck, 2024.
Eberhard Kolb / Dirk Schumann: Die Weimarer Republik. 9. Auflage. Berlin/Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2022.
Detlev J. K. Peukert: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987.
Rüdiger Graf: Die Zukunft der Weimarer Republik. Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918–1933. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2008.
Gerd Krumeich: Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik. Überarbeitete Taschenbuchausgabe mit neuem Vorwort. Freiburg im Breisgau: Herder, 2021.
Volker Ullrich: Schicksalsstunden einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik. 3. Auflage. München: C.H.Beck, 2024.
Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. 3., um ein Nachwort erweiterte Auflage. München: C.H.Beck, 2023.
