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Startseite > Erinnerung und Aufarbeitung > Spuren einer geteilten Stadt
Geschrieben von: Dr. Christopher Schulz | Erstellt: 30. Juni 2026

Spuren einer geteilten Stadt

Geschichte von unten“ – Geschichtswerkstätten und Berlin (1945–1990)

Berlin ist nicht nur eine Stadt mit Geschichte. Berlin ist eine Stadt, in deren Straßen, Hinterhöfen, Brachen, Grenzverläufen und Wohnvierteln verschiedene Geschichten zugleich sichtbar werden. Gerade für die Jahre 1945 bis 1990 reicht es deshalb nicht aus, allein die großen Linien des Kalten Krieges nachzuzeichnen. Wer die geteilte Stadt verstehen will, muss auch danach fragen, wie Menschen ihren Alltag erlebten, welche Spuren sie bewahrten und an welchen Orten offizielle Erzählungen durch lokale Erinnerungen ergänzt, korrigiert oder herausgefordert wurden.

Leitfrage: Wie verändert sich unser Blick auf die geteilte Stadt, wenn Geschichte nicht nur aus politischen Zentren heraus erzählt wird, sondern von den Orten, Erfahrungen und Stimmen ihrer Bewohner:innen ausgeht?

„Eine Stadt erinnert sich nicht allein in ihren Denkmälern. Sie erinnert sich dort, wo Menschen beginnen, ihre übersehenen Spuren wieder lesbar zu machen.“ — Dr. Christopher Schulz

1. Die Stadt als historischer Resonanzraum

Nach 1945 wurde Berlin zum politischen und symbolischen Brennpunkt der europäischen Teilung. Seit dem 13. August 1961 umschloss die Berliner Mauer West-Berlin auf einer Länge von 155 Kilometern und durchschnitt zugleich die Innenstadt; bis zum 9. November 1989 prägte das Grenzsystem Wege, Lebensläufe und Wahrnehmungen. Die Geschichte dieser Teilung ist in Regierungsentscheidungen, diplomatischen Konflikten und institutionellen Archiven dokumentiert. Doch ihr gesellschaftlicher Sinn erschließt sich erst vollständig, wenn auch die Mikroperspektive hinzukommt: das Wohnen an der Grenze, die Erinnerung an verschwundene Nachbarschaften, die biografische Erfahrung von Verlust, Anpassung, Widerstand und Neubeginn.

Gerade hierin liegt der Erkenntniswert einer „Geschichte von unten“. Der Begriff bezeichnet keine Abkehr von wissenschaftlicher Genauigkeit. Er markiert vielmehr eine Erweiterung der Quellen und der Fragen. Neben Akten treten Fotografien, private Dokumente, Interviews, Erinnerungsberichte und die materielle Beschaffenheit des Stadtraums. Historische Forschung beginnt dann nicht erst im Lesesaal, sondern auch vor der Haustür: an einer Brandmauer, in einem Mietshaus, auf einer Brache oder entlang eines Kanals.

2. „Grabe, wo du stehst“: Die Berliner Geschichtswerkstatt

Die Berliner Geschichtswerkstatt knüpft seit ihrer Gründung im Jahr 1981 an die skandinavische Formel „Grabe, wo du stehst“ und an die angelsächsische History-Workshop-Bewegung an. In der Bundesrepublik entstanden zu Beginn der 1980er-Jahre vielerorts Geschichtswerkstätten, in denen historisch Interessierte, Laienforscher:innen und Wissenschaftler:innen lokale Alltags- und Sozialgeschichte erschlossen (vgl. Berliner Geschichtswerkstatt e. V. o. J.; Frei 1988; Grotrian 2023). Es ging um eine demokratische Öffnung historischer Arbeit: Wer erinnert? Welche Erfahrungen gelten als erzählenswert? Und wer entscheidet darüber, was in das öffentliche Gedächtnis eingeht?

Für Berlin war diese Perspektive besonders produktiv. Die Werkstatt organisierte Ausstellungen, Publikationen, Rundgänge und historische Stadtrundfahrten mit dem Schiff. Beim ersten bundesweiten Geschichtsfest 1984 kamen in Berlin mehr als 700 Personen aus der Bundesrepublik und dem europäischen Ausland zusammen. Diese Form der Geschichtsarbeit verband Recherche und Vermittlung. Sie machte aus dem Stadtraum ein begehbares Archiv und aus Öffentlichkeit einen Bestandteil der Erkenntnisproduktion.

3. Erinnerungsarbeit als demokratische Intervention

Wie wirksam eine solche Praxis werden kann, zeigt die Aktion „1933–1945 Nachgegraben“. Am 5. Mai 1985 versammelten sich etwa 60 Personen auf dem damaligen Prinz-Albrecht-Gelände, einer Brachfläche am Rand West-Berlins. Mit einer symbolischen Grabung lenkten sie die Aufmerksamkeit auf die nationalsozialistische Vergangenheit des Ortes und forderten eine dauerhafte „Denk-Stätte“. Auf dem Gelände hatten sich zentrale Institutionen des nationalsozialistischen Terrors befunden. Die Aktion wurde zu einem wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur späteren Topographie des Terrors.

Das Beispiel ist deshalb bedeutsam, weil es den politischen Gehalt der Geschichtswerkstatt sichtbar macht, ohne historische Arbeit auf tagespolitische Parolen zu verkürzen. Die Intervention beruhte auf einer präzisen Wahrnehmung des Ortes: Was lag buchstäblich unter der Oberfläche? Welche Vergangenheit war aus dem Stadtbild verschwunden? Und welche Verantwortung entstand daraus für die Gegenwart? Der Spaten wurde zum Symbol einer methodisch kontrollierten, zugleich öffentlich wirksamen Spurensuche.

In einer geteilten Stadt erhielt diese Praxis eine zusätzliche Dimension. West-Berliner Geschichtsinitiativen arbeiteten in einem zivilgesellschaftlichen Raum, der Protest, Kritik und alternative Vermittlungsformen zuließ. Im Ostteil der Stadt waren Erinnerung und Geschichtspolitik stärker institutionell gelenkt und ideologisch gerahmt. Gerade deshalb darf eine Geschichte der geteilten Stadt nicht vorschnell symmetrisch erzählt werden. Die unterschiedlichen politischen Bedingungen müssen sichtbar bleiben; ebenso die Erfahrung, dass nach 1989/90 neue Stimmen, Archive und Konflikte in eine gesamtstädtische Erinnerungskultur eintraten.

4. Warum die Perspektive bis heute trägt

Die Stärke der Geschichtswerkstätten liegt nicht darin, eine einzige Gegen-Erzählung an die Stelle früherer Deutungen zu setzen. Ihre Stärke liegt im Verfahren: Sie fragen nach dem Übersehenen, prüfen lokale Spuren, öffnen Archive, sprechen mit Zeitzeug:innen und bringen historische Erkenntnisse in den öffentlichen Raum zurück. Damit leisten sie einen Beitrag zu einer demokratischen Erinnerungskultur, die weder bloß ritualisiert noch bequem ist.

Für die Geschichte Berlins zwischen 1945 und 1990 bedeutet das: Die Mauer bleibt ein zentrales Symbol der SED-Diktatur und der deutschen Teilung. Doch die Stadtgeschichte erschöpft sich nicht im Symbol. Sie wird verständlicher, wenn die großen politischen Zäsuren mit den kleinen räumlichen und biografischen Erfahrungen verbunden werden. Die geteilte Stadt war nicht nur Schauplatz der Weltpolitik; sie war Lebenswelt. „Geschichte von unten“ macht diese Lebenswelt lesbar und erinnert daran, dass demokratische Öffentlichkeit dort beginnt, wo Menschen die Spuren ihrer Umgebung ernst nehmen.

Autor: Dr. Christopher Schulz

 

Literatur und ausgewählte Quellen

Berliner Geschichtswerkstatt e. V. (o. J.): Chronik 1981–1990. Berlin. Online unter: Online-Ressource (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

Berliner Geschichtswerkstatt e. V. (o. J.): „Grabe, wo Du stehst!“. Selbstdarstellung des Vereins. Berlin. Online unter: Online-Ressource (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

Frei, Alfred Georg (1988): Geschichte aus den „Graswurzeln“? Geschichtswerkstätten in der historischen Kulturarbeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 2/1988. Online unter: Online-Ressource (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

Grotrian, Etta (2023): Barfuß oder Lackschuh? Geschichtswerkstätten und „neue Geschichtsbewegung“ in den 1980er Jahren. Berlin: epubli. Zugleich Dissertation, Freie Universität Berlin, 2020. Online unter: Online-Ressource (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

Hochmuth, Hanno (2021): Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin. 2. Aufl. Göttingen: Wallstein. Online unter: Online-Ressource (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

Stiftung Berliner Mauer (o. J.): Die Berliner Mauer. Berlin. Online unter: Online-Ressource (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

Stiftung Topographie des Terrors (2025): Aktion „1933–1945 Nachgegraben“ – 40 Jahre danach. Perspektiven kritischer Erinnerungsarbeit damals und heute. Berlin. Online unter: Online-Ressource (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

Wüstenberg, Jenny (2017): Civil Society and Memory in Postwar Germany. Cambridge: Cambridge University Press, bes. Kap. 4: „Dig Where You Stand: The History Movement and Grassroots Memorialization“, S. 127–177. Online unter: DOI-Link (zuletzt abgerufen am 07.06.2026).

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