Rassistische Begriffe und antisemitische Redensarten: Herkunft, Geschichte und warum wir sie nicht weiterverwenden sollten

Manche Wörter hört man beim Lesen sofort wieder in einer vertrauten Stimme. In der Stimme der Großmutter, die jemanden zurechtwies. Des Lehrers, der für Ruhe sorgen wollte. Oder der Kinder, die auf dem Schulhof ein Lied sangen. Dazu kommen die Namen von Süßigkeiten, Gerichten und kleinen Silvesterknallern. Vieles davon gehörte zum Alltag, lange nach 1945.
Vertrautheit ist jedoch kein Beweis für Harmlosigkeit. In beiläufigen Wörtern lebten Vorstellungen weiter, die Menschen abwerteten, ihre Kultur verspotteten oder sie auf körperliche Eigenschaften und dienende Rollen festlegten. Nicht jeder, der diese Wörter benutzte, dachte bewusst an ihre Geschichte. Die Abwertung konnte trotzdem weitergegeben werden.
Diese Sammlung erklärt ausgewählte Ausdrücke, die viele aus ihrer Kindheit kennen. Sie fragt nach ihrer Herkunft, ihrem Menschenbild und den Gründen, sie heute nicht selbstverständlich weiterzuverwenden. Wo die Herkunft ungeklärt ist und wir eine Erklärung vorschlagen, kennzeichnen wir sie als Vermutung. Dass zahlreiche Wörter inzwischen auf Widerspruch stoßen, zeigt zugleich, wie sich unsere Sprache zum Besseren verändert hat. Das bedeutet nicht, dass rassistische und antisemitische Sprache heute verschwunden wäre.
Kinderzimmer, Schulhof und Liederbuch
1. „Zehn kleine Negerlein“
Das Lied hat eine Vorgeschichte, die mit einem vermeintlich harmlosen deutschen Kinderreim wenig zu tun hat. 1868 veröffentlichte Septimus Winner in den USA „Ten Little Injuns“. „Injuns“ ist eine verballhornende Bezeichnung für indigene Menschen, hier die ursprünglichen Bevölkerungen Amerikas und ihre Nachfahren. 1869 folgte eine Frank Green zugeschriebene Fassung mit dem Titel „Ten Little Niggers“. Sie gehört in die Geschichte der Minstrel-Shows. In diesen Bühnenprogrammen wurden Schwarze Menschen als lächerliche Figuren dargestellt, häufig von weißen Darstellern mit schwarz geschminkten Gesichtern. Eine frühe deutsche Bilderbuchfassung erschien 1885 als „Aus Kamerun“, also ausdrücklich mit einem Bezug zur deutschen Kolonialexpansion.
In den zahlreichen Fassungen verschwinden die Figuren nacheinander oder kommen ums Leben. Problematisch ist die Verbindung von rassistischer Benennung, karikierender Darstellung und der Belustigung über das Verschwinden der Figuren. Wer damit zählen lernt, bekommt zugleich ein Bild davon vermittelt, über wen man lachen darf. Die Varianten unterscheiden sich allerdings erheblich; nicht jede enthält dieselben Todesarten oder dasselbe Ende.
Wir sollten deshalb weder dieses Lied unkommentiert weitergeben noch lediglich ein Wort austauschen und den Rest ungeprüft übernehmen. Es gibt genügend andere Zählreime. Eine historische Besprechung des Liedes kann dagegen gerade zeigen, wie früh rassistische Vorstellungen vermittelt wurden.
2. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“
Viele kennen das Fangspiel aus dem Sportunterricht. Hier ist eine Unterscheidung besonders wichtig: Ein eindeutig gegen Schwarze Menschen gerichteter Ursprung ist nicht gesichert. Eine Spielbeschreibung ist für 1796 nachgewiesen. Kulturhistorische Deutungen beziehen die Figur auf einen Kinderschreck oder auf die Pest. Joachim Landkammer greift die Pestdeutung ausdrücklich als eine zu prüfende Annahme auf. Daraus sollte keine neue Gewissheit werden.
Der heutige Name kann gleichwohl eine Verbindung zwischen einem schwarzen Mann und einer Gefahr herstellen. Besonders problematisch wird das, wenn Kinder dabei tatsächlich Schwarze Menschen meinen oder ein Schwarzes Kind entsprechend markieren. Unsere pädagogische Bewertung: Ein Fangspiel braucht diesen Namen nicht. „Wer hat Angst vor dem Hai?“ erhält den Spielgedanken, ohne diese Assoziation zu bedienen. Die Umbenennung lässt sich begründen, ohne dem Spiel eine unbewiesene Entstehungsgeschichte zuzuschreiben.
Quellenlage: Herkunft der Figur umstritten; heutige Wirkung und redaktionelle Bewertung davon getrennt.
3. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“
Der Satz soll Kinder zum Durchhalten bringen. Er benutzt dazu das Bild einer ganzen Menschengruppe, die angeblich anders mit Schmerz umgeht. Eine direkte Erfindung des Spruchs durch Karl May ist nicht nachgewiesen. Das zugrunde liegende Stereotyp ist bei ihm aber eindeutig belegt: Im „Schatz im Silbersee“ spekuliert der Erzähler sogar über eine geringere Empfindlichkeit der Nerven indigener Menschen.
Aus einem literarischen Klischee wird eine Erziehungsregel. Das ist doppelt problematisch: Indigene Menschen werden auf eine angeblich natürliche Härte reduziert, und dem angesprochenen Kind wird vermittelt, es solle Schmerzen verbergen. Besser ist: „Das tut weh. Du musst dich dafür nicht schämen.“
Quellenlage: Früheste Entstehung der festen Redensart offen; literarisches Stereotyp direkt belegt.
Belege und Einordnung: [5]
4. „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“
Der Austausch aller Vokale macht das Lied zu einem beliebten Sprachspiel. Die Kritik richtet sich besonders gegen seine Verbindung mit der Verspottung asiatischer Menschen. Die Fachstelle Kinderwelten dokumentiert einen Fall, in dem Kinder beim Singen auf Anweisung einer Lehrerin ihre Augenwinkel hochzogen. Sie diskutiert außerdem die Darstellung der chinesischen Figuren als Gegenstand polizeilicher Kontrolle.
Die Nationalitätsbezeichnung „Chinesen“ ist selbstverständlich kein Schimpfwort. Entscheidend sind das Gesamtbild, die Aufführung und die Begleitgesten. Ein Vokalspiel kann ohne ethnische Karikatur auskommen. Gerade in der Schule sollte niemand lernen, dass das Aussehen oder die Sprache anderer Kinder eine komische Einlage ist.
Quellenlage: Kontextabhängiges Beispiel; die Nationalitätsbezeichnung selbst wird nicht als rassistisch bewertet.
Belege und Einordnung: [6]
5. Der Kanon „C-a-f-f-e-e“
Carl Gottlieb Herings Kanon ist 1846 gedruckt nachgewiesen. Die alte Textfassung nennt Kaffee einen „Türkentrank“ und endet mit der Aufforderung: „Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann.“ Die musikalische Idee beruht auf den Notennamen C, A, F, F, E, E.
„Muselmann“ ist eine ältere Bezeichnung für einen muslimischen Mann. Hier wird er zum abschreckenden Beispiel eines Menschen, der seinen Kaffeekonsum nicht beherrscht. Die Warnung vor zu viel Kaffee ließe sich ohne diese Verknüpfung mit einer Religion formulieren. Das ist etwas anderes als die bloße historische Erwähnung eines früher gebräuchlichen Wortes. Wer den Kanon weiter nutzt, kann eine überarbeitete Fassung wählen und die alte gegebenenfalls historisch erklären.
6. „Ein Mann, der sich Kolumbus nannt“
Das Lied ist 1936 erstmals gedruckt belegt und wurde durch Liederbücher nationalsozialistischer Organisationen verbreitet. Nach 1945 verschwand es nicht: Das Deutsche Volksliedarchiv weist es unter anderem in der „Mundorgel“ und in einem Schulliederbuch von 1947 aus der sowjetischen Besatzungszone nach.
Die kritische Frage ergibt sich aus der erzählten Geschichte: Die europäische Ankunft erscheint als lustiges Abenteuer; die Bewohner Amerikas werden als „Wilden“ dargestellt. Ihre Perspektive und die Folgen der Eroberung verschwinden hinter einer fröhlichen Entdeckungsgeschichte. Das Lied eignet sich deshalb als Quelle für eine historische Auseinandersetzung. Als unkommentiertes Kinderlied gibt es dieses koloniale Bild weiter. Die Verbreitung in der NS-Zeit allein wäre allerdings noch kein hinreichender Beweis für einen rassistischen Inhalt.
Belege und Einordnung: [9]
7. Pippis Vater als „Negerkönig“
Pippi Langstrumpf steht für Freiheit und Eigensinn. Trotzdem enthalten ältere deutsche Ausgaben einen „Negerkönig“ als Bezeichnung für ihren Vater. Die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung dokumentierte 2010 die Erklärung des Oetinger-Verlags: Seit den Neuauflagen und Neuaufnahmen von 2009 wurden entsprechende Begriffe ersetzt, darunter dieser durch „Südseekönig“.
Das Beispiel zeigt, dass ein geliebtes Buch rassistische Sprache enthalten kann. Auch die Vorstellung eines weißen Mannes als König einer pauschal dargestellten Schwarzen Bevölkerung verdient eine kritische Betrachtung. Man kann Pippi mögen und diese Stelle problematisch finden. Eine Änderung im Kinderbuch und die Aufbewahrung älterer Ausgaben als historische Quellen schließen einander nicht aus.
Belege und Einordnung: [10]
8. „Lustig ist das Zigeunerleben“
Rassistische Vorstellungen sind nicht immer offen feindselig. Sie können auch von Freiheit, Musik und einem angeblich unbeschwerten Leben erzählen. Das Lied gehört zu einer romantisierenden Vorstellung, in der sehr unterschiedliche Menschen zur Projektionsfläche für die Sehnsüchte anderer werden.
Die Verklärung blendet Ausgrenzung, erzwungene Mobilität und die Vielfalt tatsächlicher Lebensweisen aus. Dass eine Zuschreibung freundlich klingt, macht sie noch nicht respektvoll. Das Lied kann Gegenstand historischer Beschäftigung sein. Als vermeintlich zutreffendes Bild von Sinti und Roma sollte es nicht vermittelt werden. Die Perspektiven der so Dargestellten gehören ausdrücklich dazu.
9. „Alle Kinder lernen lesen“: Was genau wird daran kritisiert?
Die Absicht des Liedes ist zunächst einladend: Alle Kinder sollen Lust aufs Lesen bekommen. Die Kritik richtet sich auf den Refrain. Nach der allgemeinen Aussage werden indigene Bevölkerungen Amerikas und Menschen aus China gesondert aufgezählt. Anschließend heißt es: „Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos.“
Der Einwand lässt sich am Wort „selbst“ erklären. Zusammen mit der gesonderten Aufzählung kann es klingen wie: Sogar diese Menschen können lesen. Die Musikpädagogin Franziska Heidemann erläutert diese Lesart als Fortsetzung eines kolonialen Blicks: Die eigene Gruppe erscheint als selbstverständlicher Maßstab für Bildung, während die Lernfähigkeit anderer eigens betont wird.
Das ist allerdings eine Interpretation, keine einzig mögliche Bedeutung. Die Ortsangabe lässt sich auch räumlich verstehen: noch an einem besonders entlegenen Ort. Dem Autor ist damit keine rassistische Absicht nachgewiesen. Der Text ist weniger eindeutig als eine offene Beschimpfung.
Problematisch sind zudem die pauschalisierenden Gruppenbilder, besonders wenn stereotype Illustrationen oder Gesten dazukommen. Unsere Empfehlung ist deshalb, für die Einschulung einen Refrain zu wählen, der die gemeinsame Freude am Lernen ohne diese Gegenüberstellung ausdrückt. Die Botschaft, dass alle Kinder lesen lernen können, bleibt dabei erhalten.
Quellenlage: Die kritisierte Textstelle und ihre mögliche Wirkung werden erläutert. Die Lesart des Wortes „selbst“ ist nicht eindeutig; eine Absicht des Autors wird daraus nicht abgeleitet.
Sätze, die Erwachsene ganz selbstverständlich sagten
10. „Angeben wie zehn nackte Neger“
Der Satz meint, dass jemand maßlos prahlt. Seine Verwendung ist sprachwissenschaftlich dokumentiert; Elisabeth Piirainen nennt unter anderem den Duden der Redewendungen von 1992 als Beleg.
Unsere Vermutung: Der Vergleich könnte eine sexuelle Anspielung enthalten. Die Verbindung von Prahlen und Nacktheit lässt sich auf das rassistische Klischee beziehen, Schwarze Männer hätten besonders große Genitalien und eine außergewöhnliche sexuelle Potenz. In dieser Lesart hätten sie vorgeblich etwas Körperliches vorzuzeigen, mit dem sie angeben könnten. Die Zahl zehn steigert den Vergleich zusätzlich.
Das Sexualstereotyp ist historisch belegt, diese Herleitung der Redensart dagegen nicht. Die Forschung beschreibt, wie vermeintlich große Geschlechtsorgane und eine angeblich übersteigerte Sexualität dazu dienten, Schwarze Männer als körperlich bestimmt, triebhaft und bedrohlich darzustellen. Ob genau diese Vorstellung zur Entstehung des Angebervergleichs führte, bleibt offen. Wir nennen sie deshalb ausdrücklich als mögliche Deutung.
Unabhängig von der ungeklärten Herkunft benutzt der Satz eine rassistische Bezeichnung und macht Schwarze Menschen zum grotesken Vergleich für Prahlerei. Das bleibt problematisch, auch wenn jemand dabei weder an Nacktheit noch an Sexualität denkt. Dafür genügen die Wörter „prahlen“ oder „maßlos angeben“.
Quellenlage: Gebrauch und historisches Sexualstereotyp belegt. Der Zusammenhang mit der Entstehung gerade dieser Redensart ist eine ausdrücklich gekennzeichnete Vermutung.
11. „Das haut den stärksten Neger um“
Die Wendung drückt große Überraschung oder eine besonders starke Wirkung aus. Sie ist in der phraseologischen Literatur dokumentiert. Die konkrete Entstehung ist damit noch nicht geklärt.
Unsere Deutung des Bildes: Der Satz greift neben der rassistischen Benennung die Vorstellung besonderer körperlicher Stärke Schwarzer Menschen auf. Auch eine scheinbar anerkennende Eigenschaft kann Menschen auf ihren Körper reduzieren. Daraus folgt nicht, dass jeder Sprecher bewusst eine solche Theorie vertrat. Die Formulierung transportiert das Bild trotzdem. „Das haut mich um“ oder „Das ist kaum zu fassen“ sagt alles, was gesagt werden muss.
Quellenlage: Historische Verwendung belegt; Bilddeutung von der ungeklärten Entstehung unterschieden.
Belege und Einordnung: [15]
12. „Ich bin doch nicht dein Neger“
Wer diesen Satz sagt, will sich dagegen wehren, herumkommandiert oder ausgenutzt zu werden. Gerade darin wird die Bedeutung des rassistischen Wortes sichtbar: Es bezeichnet im Satz jemanden, dem man minderwertige oder fremdbestimmte Arbeit zumuten darf.
Die eigene Würde wird verteidigt, indem eine andere Gruppe sprachlich untergeordnet wird. Die GRA erläutert den Zusammenhang dieser Wendung mit Versklavung und Dienstbarkeit. Dass beim Sprechen vielleicht keine Schwarze Person anwesend ist, ändert diese Aussage nicht. Besser ist: „Kommandiere mich nicht herum“ oder „Diese Arbeit gehört nicht zu meinen Aufgaben“.
Belege und Einordnung: [16]
13. „Arbeiten“ oder „schuften wie ein Neger“
Die Vergleiche sind in phraseologischen Wörterbüchern belegt und meinen schwere, anstrengende Arbeit. Ein bestimmter Erfinder oder ein eindeutiges Entstehungsereignis lässt sich daraus nicht ableiten.
Die problematische Verbindung liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der Schwarze Menschen zum Maßstab für harte und ausbeuterische Arbeit werden. Sie lässt sich im historischen Zusammenhang von Versklavung und kolonialer Zwangsarbeit verstehen. Auch wer die eigene Anstrengung beklagt, sollte dafür keine rassistische Personenbezeichnung einsetzen. „Ich habe heute bis zur Erschöpfung gearbeitet“ beschreibt die Erfahrung genauer.
Quellenlage: Wendungen lexikografisch belegt; historischer Zusammenhang ist eine Einordnung, keine belegte Erstentstehung.
Belege und Einordnung: [17]
14. „Hier sieht es aus wie bei den Hottentotten“
Der frühere europäische Sammelname richtete sich auf Bevölkerungsgruppen des südlichen Afrikas, die heute genauer etwa als Khoekhoe beziehungsweise Khoikhoi oder Nama bezeichnet werden. Er wurde in kolonialen Darstellungen abwertend verwendet. Das Postkoloniale Wörterbuch der Universität zu Köln dokumentiert die Fortsetzung in deutschen Redensarten über Unordnung.
Eine Bevölkerung wird zum Synonym für fehlende Ordnung und Zivilisation. Die genaue Herleitung der Lautform muss dafür nicht abschließend entschieden sein. Wer ein unaufgeräumtes Zimmer meint, sollte ein unaufgeräumtes Zimmer benennen. Über Menschen im südlichen Afrika sagt dessen Zustand nichts aus.
Belege und Einordnung: [18]
15. „Wie die Wilden“ und „wie zehn nackte Wilde“
Nicht jedes „wild“ ist rassistisch. Ein wildes Tier, wildes Wetter oder ausgelassenes Spielen haben andere Bedeutungen. Problematisch ist hier die Tradition, Menschen in „Zivilisierte“ und „Wilde“ einzuteilen und diese vermeintlichen „Wilden“ als Maßstab für schlechtes Benehmen zu benutzen.
Unsere kontextbezogene Bewertung: Wo die Wendung ein koloniales Menschenbild aufruft, sollte sie durch eine konkrete Beschreibung ersetzt werden. Auch der scheinbar positive „edle Wilde“ bleibt eine von außen entworfene Figur, die reale Menschen auf zugeschriebene Eigenschaften reduziert. „Sie machen großen Lärm“ ist genauer als eine pauschale Menschenschublade.
Quellenlage: Bewertung hängt vom tatsächlichen Sprachbild ab; kein pauschaler Einwand gegen das Adjektiv wild.
Belege und Einordnung: [19]
16. „Leben wie die Zigeuner“
Der Satz kann Unordnung, mangelnde Sesshaftigkeit oder vermeintliche Verwahrlosung meinen. Gerade die wechselnden Bedeutungen zeigen, dass er keine sachliche Beschreibung einer bestimmten Gruppe ist. Er greift auf das überlieferte Bild von Menschen zurück, die angeblich außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung leben.
Damit wird das abwertende Fremdbild über Sinti, Roma und weitere so stigmatisierte Menschen zum allgemeinen Tadel. Statt eines Menschenvergleichs lässt sich sagen, worum es geht: häufige Umzüge, beengtes Wohnen oder ein unaufgeräumtes Zimmer. Mobilität ist dabei für sich genommen überhaupt kein Missstand.
17. „Polnische Wirtschaft“
Als sachliche Bezeichnung für die Wirtschaft Polens ist die Wortfolge selbstverständlich unproblematisch. Gemeint ist hier ihre Verwendung als Redensart für Misswirtschaft, Unordnung und Schlamperei. Der Germanist Hubert Orłowski hat die Geschichte dieses nationalen Stereotyps untersucht und seine Verfestigung im 19. Jahrhundert beschrieben.
Ein wirtschaftliches oder organisatorisches Versagen wird als angeblich polnische Eigenschaft dargestellt. Damit dient das Nachbarland als Gegenbild zur behaupteten deutschen Ordnung. Wer einen schlecht geführten Betrieb kritisiert, kann dessen tatsächliche Fehler benennen. Eine Nationalität erklärt sie nicht.
Belege und Einordnung: [22]
18. „Mohrenwäsche“
Das Wort bezeichnet nach dem Duden den Versuch, jemanden durch Scheinbeweise von offensichtlicher Schuld reinzuwaschen. Die GRA erläutert den Zusammenhang des Ausdrucks mit dem Bild des Weißwaschens eines Schwarzen Menschen.
Unsere Einordnung: Hier steht die dunkle Haut eines Menschen im Sprachbild für etwas, das sich nicht bereinigen lasse; sie wird mit Schuld verknüpft. Das ist ein konkreter Menschenbezug und damit ein anderer Fall als jede beliebige dunkle Farbbezeichnung. Wer eine Vertuschung oder vorgeschobene Entlastung kritisiert, kann genau diese Wörter verwenden. Das überlieferte Bild braucht es dafür nicht.
19. „Getürkt“ und „einen Türken bauen“
Wer etwas als „getürkt“ bezeichnet, meint, dass es gefälscht oder nur vorgetäuscht ist. Der Ausdruck verbindet damit Täuschung sprachlich mit einer türkischen Herkunftsbezeichnung. Seine genaue Entstehung ist allerdings nicht abschließend geklärt.
Die GRA verweist auf einen älteren militärischen Sprachgebrauch. Dort bezeichnete ein „Türke“ ein vorbereitetes oder einstudiertes Manöver; „einen Türken stellen“ konnte bedeuten, bei einer Besichtigung etwas vorzumachen. Das ist eine mögliche Erklärung des Bedeutungswegs von der inszenierten Übung zur Täuschung. Aus dieser Überlieferung folgt noch kein Nachweis, dass die Wendung als Behauptung türkischer Unehrlichkeit erfunden wurde.
Für den heutigen Gebrauch bleibt die Verbindung mit einem negativ bewerteten Verhalten hörbar und kann Menschen türkischer Herkunft verletzen. „Gefälscht“, „manipuliert“ oder „vorgetäuscht“ beschreibt den jeweiligen Sachverhalt zudem genauer. Eine offene Wortherkunft hindert uns nicht daran, diesen Zusammenhang zu erklären; sie hindert uns lediglich an einer allzu sicheren Ursprungsgeschichte.
Quellenlage: Bedeutung belegt; der militärische Erklärungsansatz ist dokumentiert, die genaue Entstehung nicht gesichert.
Belege und Einordnung: [25]
Bäckerei, Gaststätte, Werbung und Vereinsfest
20. „Negerkuss“
Die frühere Bezeichnung für einen Schaumkuss verknüpft einen rassistischen Personennamen mit einer Süßigkeit. Der Duden empfiehlt ausdrücklich, sie durch „Schokokuss“ oder „Schaumkuss“ zu ersetzen.
Eine freundliche Kindheitserinnerung verändert die Bedeutung des enthaltenen Wortes nicht. Es geht auch nicht darum, die Süßigkeit oder die Freude daran aufzugeben. Der beschreibende Name bewahrt beides.
Belege und Einordnung: [26]
21. „Mohrenkopf“ und „Mohr im Hemd“
„Mohr“ geht über ältere deutsche Formen auf lateinisch „maurus“ zurück. Seine Bezugspersonen und Bedeutungen wandelten sich über die Jahrhunderte. Bei Süßspeisen wurde daraus ein vermeintlich niedliches Bild eines Schwarzen Menschen. „Mohrenkopf“ bezeichnet zudem regional unterschiedliche Produkte, nicht überall einen Schaumkuss.
Unsere Bewertung: Die Namen machen aus einer überlieferten Bezeichnung für Schwarze Menschen das Etikett einer schokoladenbraunen Süßspeise. Aussehen und Hautfarbe werden so zum scherzhaften Produktnamen. Das österreichische Dessert „Mohr im Hemd“ lässt sich beispielsweise als Schokoladenküchlein mit Schlagobers beschreiben, sofern dies zum Rezept passt. Für den „Mohrenkopf“ sollte die tatsächliche Gebäckart genannt werden. Eine identische Entstehung aller Produktnamen wird damit nicht behauptet.
Belege und Einordnung: [24]
22. Der „Sarotti-Mohr“
Die Werbefigur blieb gerade in der Bundesrepublik weithin sichtbar. Sarottis eigene Unternehmenschronik beschreibt ihre Präsenz auf Verpackungen in den 1960er Jahren, ihre nostalgische Wiederbelebung in den 1980er und 1990er Jahren und die Umgestaltung zum „Magier“ im Jahr 2004.
Unsere Einordnung: Eine exotisch inszenierte Schwarze Figur als Diener einer europäischen Genussmarke verbindet Konsum mit einem hierarchischen Menschenbild. Die Süßigkeit erscheint als Geschenk eines stets verfügbaren Anderen. Man kann die Figur als Werbegeschichte dokumentieren, ohne sie als unproblematisches Ideal wiederzubeleben. Die Firmenchronik belegt die Entwicklung; die rassismuskritische Bewertung ist unsere Analyse.
Quellenlage: Unternehmenschronik als Primärquelle; Bildinterpretation ausdrücklich redaktionell.
Belege und Einordnung: [27]
23. „Neger“ oder „Negerbier“ für ein Biermischgetränk
In regionalem Gebrauch bezeichnet das Wort unter anderem eine Mischung aus Bier beziehungsweise Weißbier und Cola. Diese Verwendung ist lexikografisch dokumentiert. Eine verlässliche Geschichte darüber, wer sie wann erfunden hat, liegt uns nicht vor.
Naheliegende, hier nicht abschließend belegte Deutung: Die dunkle Getränkefarbe dürfte bei der Benennung eine Rolle gespielt haben. Sicher ist dagegen, dass der Getränkename dieselbe rassistische Bezeichnung weiterverwendet. Ein Sachname wie „Colaweizen“ oder „Bier mit Cola“ beschreibt den Inhalt. Eine rassistische Personenbezeichnung ist dafür entbehrlich.
Quellenlage: Regionaler Gebrauch dokumentiert; Motiv der Benennung als Vermutung gekennzeichnet.
Belege und Einordnung: [28]
24. „Zigeunerschnitzel“ und „Zigeunersoße“
Die Namen machen eine diskriminierende Fremdbezeichnung zum Etikett für ein Gericht. Ob ein solches Rezept jemals in dieser Form von Sinti oder Roma gekocht wurde, ist für die Benennung nicht einfach vorauszusetzen. Der Duden kennzeichnet „Zigeunerschnitzel“ als diskriminierend und nennt „Paprikaschnitzel“ als Alternative.
Ein Klischee wird auch dann weitergegeben, wenn es auf einer Speisekarte steht. „Schnitzel mit Paprikasoße“ beschreibt das Gericht und lässt den Geschmack unverändert. Die Herkunft eines konkreten Rezepts müsste gesondert erforscht werden; sie sollte nicht aus dem alten Namen herausgelesen werden.
Belege und Einordnung: [29]
25. „Negerball“
Noch 2017 wurden Faschingsveranstaltungen unter diesem Namen öffentlich diskutiert, unter anderem im Bayerischen Rundfunk. Das ist ein Beispiel dafür, wie lange eine rassistische Bezeichnung als vermeintlich selbstverständlicher Festname weiterleben konnte.
Unsere Bewertung: Ein guter Zweck oder eine lokale Tradition macht das Wort nicht respektvoll. Wo dazu Verkleidungen und bemalte Gesichter kommen, verdient auch die Darstellung von Menschen eine eigene Prüfung. Ein Fest lässt sich feiern und ein Hilfsprojekt unterstützen, ohne eine rassistische Personenbezeichnung als Einladung zu verwenden. Der historische Name gehört in die Dokumentation der Veranstaltung, nicht selbstverständlich auf das nächste Plakat.
Belege und Einordnung: [30]
26. „Lumumba“ als Getränkename
Patrice Lumumba war 1960 der erste Ministerpräsident des unabhängig gewordenen Kongo. Er trat gegen die koloniale Bevormundung seines Landes auf und wurde 1961 ermordet. Sein Name wurde zu einem Symbol des afrikanischen Unabhängigkeitskampfes. Zugleich bezeichnet „Lumumba“ auf Getränkekarten Kakao mit Alkohol, häufig Rum.
Warum das Getränk gerade diesen Namen erhielt, ist nicht verlässlich geklärt. Eine denkbare Erklärung ist, dass die dunkle Kakaofarbe mit Lumumbas Hautfarbe verglichen wurde. Eine andere Deutung hört in „Kakao mit Schuss“ einen zynischen Bezug auf seine Ermordung. Für die tatsächliche Entstehung der Benennung haben wir für keinen dieser Erklärungsansätze einen belastbaren Nachweis gefunden.
Die Bildungsbroschüre „AfrikaBilder“ untersucht, wie der Name in der Populärkultur in Party- und Sexualfantasien eingeht. Unsere Bewertung: Wer den Namen eines ermordeten antikolonialen Politikers auf eine exotische Getränkezutat oder einen makabren Wortwitz reduziert, entleert seine Geschichte. Eine nachträgliche Deutung beweist allerdings nicht die Absicht der ersten Namensgeber. „Kakao mit Rum“ benennt das Getränk ohne diese problematischen Bezüge. Lumumbas Name selbst ist selbstverständlich keine rassistische Bezeichnung.
Quellenlage: Biografie und Getränkename belegt. Farbvergleich und Anspielung auf die Ermordung sind ungesicherte Erklärungsansätze.
Koloniale Menschenbilder und scheinbar sachliche Bezeichnungen
27. „Mulatte“ und „Mulattin“
Der Begriff gehört zu kolonialen Klassifikationen von Menschen nach der zugeschriebenen Abstammung ihrer Eltern. Die häufig angeführte Wortherkunft über spanisch beziehungsweise portugiesisch „mulato“ und „mulo“, Maultier, wird von maßgeblichen Wörterbüchern vertreten. Daneben gibt es eine konkurrierende Herleitung; die Kölner Darstellung stellt beide vor.
Die Kritik hängt nicht allein an einem möglichen Tiervergleich. Auch unabhängig davon legt das Wort Menschen auf eine koloniale Abstammungskategorie fest. Wenn die Herkunft für den Zusammenhang wichtig ist, sind eine selbst gewählte Bezeichnung oder konkrete Angaben zur Familiengeschichte angemessener. Nicht jeder Mensch mit Eltern unterschiedlicher Herkunft verwendet dieselbe Selbstbezeichnung.
Belege und Einordnung: [33]
28. „Mongoloid“ und „Mongolismus“
Die ältere medizinische Benennung des Down-Syndroms beruht auf einer rassentheoretischen Einteilung des 19. Jahrhunderts. John Langdon Down beschrieb 1866 eine Gruppe von Menschen anhand von Merkmalen, die er einer vermeintlich „mongolischen“ Gruppe zuordnete. Das nach ihm benannte Museum dokumentiert diese Geschichte.
Die Benennung verknüpft die Abwertung von Menschen mit Behinderung mit einem verzerrten Bild einer asiatischen Bevölkerung. Als Schimpfwort wirkt sie erst recht entwürdigend. Heute sprechen wir vom „Down-Syndrom“ beziehungsweise von „Trisomie 21“. Das Wort „Mongole“ als tatsächliche Bevölkerungsbezeichnung ist davon zu unterscheiden und selbstverständlich keine Beleidigung.
Belege und Einordnung: [34]
29. „Bimbo“ als Beschimpfung Schwarzer Menschen
Der Duden dokumentiert das Wort als stark diskriminierendes Schimpfwort für einen Menschen dunkler Hautfarbe und bezeichnet seine Herkunft ausdrücklich als ungeklärt. Damit ist es ein besonders klares Beispiel dafür, dass eine fehlende Etymologie keine fehlende Bewertungsmöglichkeit bedeutet.
Die herabsetzende Verwendung ist belegt, auch wenn der Entstehungsweg offenbleibt. Die mögliche Bekanntheit gleichlautender Wörter in anderen Sprachen macht die deutsche rassistische Beschimpfung nicht harmlos. Eine gesicherte Übernahme aus dem Italienischen oder Englischen wird hier nicht behauptet. Für die beleidigende Anwendung auf Menschen gibt es keinen Bedarf an einem Ersatzschimpfwort.
Quellenlage: Rassistische Bedeutung lexikografisch belegt; Herkunft ausdrücklich ungeklärt.
Belege und Einordnung: [35]
Antisemitismus im beiläufigen Satz
30. „Judenfürze“ und „Judenfürzle“
So wurden regional kleine Silvesterknaller bezeichnet. „Judenfurz“ ist im wissenschaftlichen Dialektwörterbuch „Bayerns Dialekte Online“ ausdrücklich als Bezeichnung für einen Feuerwerkskörper nachgewiesen. Regional war auch die Verkleinerungsform „Judenfürzle“ gebräuchlich.
Wie der Name genau entstand, ist damit noch nicht geklärt. Ohne zusätzliche Belege lässt sich weder ein bestimmtes Entstehungsjahr noch eine konkrete historische Begebenheit nennen. Für die Bewertung des Sprachbildes ist das nicht erforderlich: Jüdische Menschen werden mit einem fäkalen Spottwort verbunden. Die Verkleinerungsform macht die Herabsetzung eher beiläufig als harmlos.
Gerade darin liegt die Aussagekraft für die Nachkriegsgeschichte. Antisemitische Sprache konnte in einem alltäglichen Gegenstand weiterleben, bei dessen Benennung viele gar nicht mehr über die angesprochene Menschengruppe nachdachten. „Kleinknaller“ oder die konkrete Produktbezeichnung beschreibt den Gegenstand ohne diesen Spott.
Quellenlage: Der Gebrauch als Feuerwerksname ist lexikografisch belegt. Die genaue Entstehung bleibt offen.
Belege und Einordnung: [36]
31. „Hier geht es zu wie in einer Judenschule“
„Judenschule“ war eine historische Bezeichnung für eine Synagoge. Die abwertende Redensart bezog sich auf das für christliche Außenstehende ungewohnte Stimmengewirr beim Beten und Lernen. Der Duden erläutert diese Herkunft und kennzeichnet die Wendung ausdrücklich als stark diskriminierend.
Jüdische religiöse Praxis wird zum Bild für Lärm und Unordnung. Das Unverständnis der Außenstehenden erscheint so als Mangel der anderen. Wenn in einem Klassenzimmer alle durcheinanderreden, kann man genau das sagen. Die historische Bezeichnung eines konkreten Gebäudes ist von der beleidigenden Redensart zu unterscheiden.
Belege und Einordnung: [37]
32. „Nur keine jüdische Hast“
Die Wendung fordert zur Ruhe auf und ruft dabei das Klischee eines besonders geschäftigen, aufgeregten jüdischen Händlers auf. Der Schriftsteller Doron Rabinovici erklärte diesen Hintergrund 2008 anlässlich einer Äußerung des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer.
Damit wird ein vermeintlich jüdischer Charakterzug zum Gegenstand des Spottes. Die Bemerkung ist nicht deshalb unproblematisch, weil sie der Sprecher als ironisch oder vertraut empfindet. „Immer mit der Ruhe“ oder „Wir haben Zeit“ erfüllt dieselbe Funktion. Das Beispiel zeigt zudem, dass solche Formulierungen keineswegs nur in weit zurückliegenden Jahrzehnten vorkamen.
Belege und Einordnung: [38]
33. „Mauscheln“ und „Mauschelei“
Die Wortgeschichte führt zu „Mauschel“, einem antijüdischen Spottnamen, der vom Vornamen Moische beziehungsweise Moses abgeleitet wurde. Zunächst wurde damit abfällig die jüdische Sprechweise bezeichnet. Daraus entwickelte sich die Bedeutung des unlauteren Handelns oder der verdeckten Absprache.
Die Abwertung jüdischer Sprache verbindet sich so mit der Unterstellung jüdischer Unehrlichkeit. Wer heute „Mauschelei“ sagt, muss diese Geschichte nicht kennen. Sie verschwindet dadurch aber nicht aus der Bedeutungstradition. Je nach Sachverhalt sind „heimliche Absprache“, „Vetternwirtschaft“ oder „Betrug“ die genaueren Wörter. Nicht jede vertraulich geführte Verhandlung ist bereits unlauter.
Belege und Einordnung: [39]
34. „Schacher“, „schachern“ und „Postenschacher“
Das Wortfeld hat einen hebräischen beziehungsweise jiddischen Hintergrund im Handel. Problematisch ist nicht dieser Ursprung, sondern die im Deutschen entwickelte Verbindung mit dem Bild eines angeblich typisch jüdischen, gewinnsüchtigen und unlauteren Handelns.
Hier ist eine abgestufte Beurteilung nötig: Nicht jede heutige Äußerung über „Postenschacher“ ist bewusst gegen jüdische Menschen gerichtet. Der Duden erklärt jedoch ausdrücklich, dass die Wortfamilie zum Teil mit antisemitischen Vorstellungen verbunden ist, häufig als diskriminierend empfunden wird und im öffentlichen Sprachgebrauch vermieden werden sollte. „Fragwürdige Ämtervergabe“, „Feilschen“ oder „Geschäftemacherei“ können den jeweiligen Vorwurf genauer benennen. Die bloße Herkunft eines Wortes aus dem Jiddischen wäre dagegen niemals ein Grund, es abzulehnen.
Belege und Einordnung: [40]
Einwanderung, Nachbarschaft und regionale Beschimpfungen
35. „Katzelmacher“
Der Duden führt das Wort auf eingewanderte italienische Handwerker zurück, die Küchengeräte, besonders Löffel, herstellten. Dahinter steht eine Wortgeschichte um Schöpfkellen und Löffel, nicht die oft assoziierte kleine Katze. Später wurde der Ausdruck zur abschätzigen Bezeichnung für Menschen aus Italien und darüber hinaus.
Rainer Werner Fassbinders Theaterstück von 1968 machte die Hetze gegen einen griechischen Arbeitsmigranten zum Thema. Damit ist der Begriff mitten in der Geschichte der Bundesrepublik angekommen. Eine Berufs- oder Herkunftsbezeichnung wurde zum Mittel der Ausgrenzung. Sie sollte heute als historisches Zitat oder Werktitel erklärt werden, nicht als gewöhnliche Personenbezeichnung weiterleben.
36. „Polacke“
Die Nähe zum polnischen „Polak“, also Pole, wird häufig als Entlastung angeführt. Doch ein entlehntes Wort kann in einer anderen Sprache eine eigene abwertende Bedeutung annehmen. Der Duden kennzeichnet das deutsche Wort als diskriminierend.
Die Bedeutung einer deutschen Beschimpfung lässt sich nicht allein aus dem polnischen Ausgangswort bestimmen. Wer Menschen aus Polen meint, kann „Polen“, „Polinnen“ oder die jeweilige Person sagen. Die Wortgeschichte bietet keinen Freibrief, ihnen mit einer Bezeichnung zu begegnen, die im Deutschen als Herabsetzung gebraucht wird.
Belege und Einordnung: [43]
37. „Fidschi“ für vietnamesische oder andere asiatische Menschen
Die Beschimpfung ist besonders für den ostdeutschen Zusammenhang dokumentiert. Das Kölner Postkoloniale Wörterbuch beschreibt ihren Gebrauch gegenüber vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeitern. Noa K. Ha weist auch für die Zeit nach der deutschen Vereinigung auf ihre anhaltende Verwendung hin.
Die tatsächlich gemeinten Menschen werden mit einer geografisch unpassenden Sammelbezeichnung zu austauschbaren Fremden gemacht. Eine gesicherte Erklärung für den konkreten Übertragungsweg des Inselnamens ist damit noch nicht gewonnen. Die Staats- und Inselbezeichnung Fidschi selbst ist selbstverständlich unproblematisch. Gegenüber Menschen aus Vietnam oder deren deutschen Nachkommen ist diese Beschimpfung zu unterlassen.
Quellenlage: Gebrauch in DDR und Nachwendezeit belegt; genauer Übertragungsweg des Namens nicht abschließend geklärt.
Was wir hinter uns lassen können
Nicht alles, was uns vertraut ist, müssen wir bewahren. Und nicht alles, was wir heute anders sagen, bedeutet einen Verlust. Einen Schaumkuss kann man weiterhin essen, ein Fangspiel weiterhin spielen und eine Unordnung weiterhin beim Namen nennen.
Der Abschied von solchen Formulierungen verlangt auch nicht, jede Erinnerung an Eltern und Großeltern zu verwerfen. Er verlangt, genauer hinzuhören und die Perspektive derjenigen einzubeziehen, über die gesprochen wurde. Erinnerung kann erklären, wie etwas selbstverständlich werden konnte. Sie kann ebenso begründen, warum es das nicht bleiben sollte.
Welcher Ausdruck fehlt?
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Hilfreich sind der genaue Wortlaut, die Region und die ungefähre Zeit, in der der Ausdruck verwendet wurde. Wenn Sie ein altes Liederbuch, eine Speisekarte, eine Anzeige oder einen anderen Beleg haben, nennen Sie uns gern die Fundstelle. Persönliche Erinnerungen sind ebenfalls willkommen. Wir prüfen die Hinweise und ergänzen die Sammlung. Wo die Herkunft ungeklärt bleibt, machen wir das kenntlich.
Quellen und Fundstellen
- Jeff Bowersox / Deutsches Historisches Institut Washington: Zehn kleine Negerlein (1885), mit historischen Abbildungen
- I. Hagen-Jeske: Studie zu Identität und Rassismus, Abschnitt zum Zähllied, S. 245
- Joachim Landkammer: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Kultur/Reflexion, 18. Mai 2020
- GutsMuths: Spielfeldzeichnung und bibliografischer Nachweis der Spielbeschreibung von 1796, Wikimedia Commons
- Karl May: Der Schatz im Silbersee, Kapitel 12, historische Textfassung der Karl-May-Gesellschaft
- Berit Wolter / Fachstelle Kinderwelten: Kinderlieder für alle! KiDs aktuell 2/2016
- Musikland Sachsen-Anhalt: Carl Gottlieb Hering, mit Nachweis des Kaffee-Kanons von 1846
- C-a-f-f-e-e: Notendruck von 1846, Digitalisat aus dem Beethoven-Album, Wikimedia Commons
- Tobias Widmaier: Ein Mann, der sich Kolumbus nannt. Historisch-kritisches Liederlexikon, 2009, mit Editionen 1936 und 1947
- Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung: Neues von Pippi Langstrumpf, 18. Juli 2010, mit Verlagserklärung
- ORF, Redaktion Volksgruppen / Roma: Lustig ist das Zigeunerleben, 2016
- Franziska Heidemann: Kultursensible musikalische Bildung in der Grundschule, Abschnitt 3.1a zum Leselied, Offene Jazz Haus Schule, 2025
- Elisabeth Piirainen: Phraseologie, politische Korrektheit und Sprachkritik, insbesondere S. 176–178
- Wissenschaftliche Untersuchung im Repositorium der Universität Hamburg: Jean-Michel Basquiat. Der afro-amerikanische Kontext seines Werkes, insbesondere S. 149–150 zur rassistischen Konstruktion von Hypersexualität
- Stockholmer Germanistische Forschungen 80: phraseologische und lexikografische Diskussion
- GRA: Neger, historischer und gegenwärtiger Gebrauch
- Deutsch-ukrainisches phraseologisches Wörterbuch, 2005, Eintrag Neger, S. 126–127
- Postkoloniales Wörterbuch, Universität zu Köln: Hottentotten
- Postkoloniales Wörterbuch, Universität zu Köln: Edler Wilder
- Zentralrat Deutscher Sinti und Roma: Anmerkungen zu Rolf Bauerdick, mit Darstellung der Ausgrenzung nach 1945
- Zentralrat Deutscher Sinti und Roma: Erläuterungen zum Begriff Zigeuner, 2015
- Hubert Orłowski: Polnische Wirtschaft, Untersuchung zum Stereotyp
- Duden: Mohrenwäsche
- GRA: Mohr / Mohrenkopf
- GRA: Türken / getürkt, mit Diskussion der Soldatensprache
- Duden: Negerkuss, mit Gebrauchshinweis und Alternativen
- Sarotti: Unternehmenschronik, insbesondere 1960–1979, 1998 und 2004
- Wiktionary: Neger, unter anderem als Getränkename, mit Verweisen auf Wörterbücher
- Duden: Zigeunerschnitzel, mit Gebrauchshinweis
- Bayerischer Rundfunk / PULS: Wie viel Political Correctness verträgt Fasching?, 27. Februar 2017
- Bundeszentrale für politische Bildung: Afrikas steiniger Weg in die Unabhängigkeit, 2010, zur Rolle und Ermordung Patrice Lumumbas
- Arbeit und Leben: AfrikaBilder, unter anderem zur Verwendung des Namens Lumumba in Populärkultur und Getränken
- Postkoloniales Wörterbuch, Universität zu Köln: Mulatte, mit Diskussion unterschiedlicher Etymologien
- Langdon Down Museum: Medical Reputation, zur Benennung von 1866
- Duden: Bimbo, stark diskriminierendes Schimpfwort; Herkunft ungeklärt
- Bayerische Akademie der Wissenschaften, Bayerns Dialekte Online: Judenfurz, Bedeutung Feuerwerkskörper
- Duden: Judenschule, mit ausdrücklichem Gebrauchshinweis
- Doron Rabinovici: Von der jüdischen Hast. Die Presse, 11. Juni 2008
- GRA: Mauscheln
- Duden: Schacher, mit differenziertem Gebrauchshinweis
- Duden: Katzelmacher, mit Wortherkunft
- Haus der Geschichte, LeMO: Jahreschronik 1968, Katzelmacher
- Duden: Polacke, Schimpfwort
- Postkoloniales Wörterbuch, Universität zu Köln: Fidschi
- Noa K. Ha: Vietdeutschland und die Realität der Migration im vereinten Deutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte, 2020
