Die Stadt Kowno (lit. Kaunas, dt. Kauen) in Mittellitauen am Zusammenfluss von Memel und Neris, etwa 100 km von der heutigen litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt gelegen, wurde 1361 erstmals urkundlich erwähnt. Ende des 18. Jahrhunderts wird das Gebiet, vorher polnisch-litauisch, von Russland annektiert und Kowno zur Oblasthauptstadt ernannt. Während der Unabhängigkeitszeit seit 1920 und bis zur Eingliederung in die Sowjetunion 1940 war Kowno Hauptstadt von Litauen. Seit dem 16. Jahrhundert war Kowno ein wichtiges kulturelles Zentrum des osteuropäischen Judentums. 1939 lebten beinahe 40.000 Juden in der Stadt, fast 25 % der gesamten Bevölkerung. Während der sowjetischen Besatzungszeit von 1940 bis zur deutschen Invasion wurde das kulturelle und soziale Leben der Juden stillgelegt: die hebräischen Schulen wurden geschlossen und vier von fünf jiddischen Zeitungen wurden verboten. Hunderte jüdischer Familien wurden nach Sibirien verbannt.

Jüdische Menschen in einer Sattlerwerkstatt im Ghetto Kowno, 1943. Foto: George Kadish, Workshop in the Kovno Ghetto, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons. Bildnachweis: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Association for the Lithuanian Jews in Israel.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22.6.1941 begann bereits am 24.6.1941 die Besatzung Litauens. Tausende Juden versuchten ins Innere der Sowjetunion zu flüchten. Noch vor Eintreffen der Wehrmacht gab es zahlreiche Übergriffe von litauischen Nationalisten gegen die Juden, vor allem im Vorort Slobodka. Nach dem Eintreffen der Deutschen wurde zunächst eine Zivilverwaltung in der Stadt eingerichtet, die dem SA-Brigadeführer Hans Cramer unterstand. Er erließ eine Reihe antijüdischer Verordnungen, u. a. die Einrichtung eines Ghettos, in welches die Juden innerhalb eines Monats ziehen mussten. Das eingerichtete Ghetto bestand aus einem „kleinen“ und einem „großen“ Ghetto, beide in Slobodka gelegen. Getrennt wurden die beiden Ghettos durch eine Durchgangsstraße. Ein Stacheldrahtzaun umgab das Ghetto, welches von Litauern bewacht wurde, die Tore wurden von deutschen Polizisten überwacht. Das Ghetto wurde im August 1941 abgeriegelt, zu diesem Zeitpunkt befanden sich 29.760 Juden im Ghetto.
Das Leben im Ghetto wurde durch den „Ältestenrat der jüdischen Ghetto-Gemeinde Kauen“ geregelt. Der Vorsitzende war Elchanan Elkes. Er war Arzt von Beruf und eine geachtete und bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Sein Stellvertreter war Leib Garfunkel, ein Jurist und Zionist. Die übrigen Mitglieder des Ältestenrates wurden in direkten Wahlen von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde gewählt. Außerdem gab es eine jüdische Polizei, in der Stärke von 150 Personen. Sie war für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung im Ghetto und für die Rekrutierung zur Zwangsarbeit verantwortlich. Eingesetzt und überwacht wurde die Polizeitruppe vom Ältestenrat. Des Weiteren gab es auch eine Abteilung für Gesundheit, Wohlfahrt und Kultur, mit Institutionen wie einem Krankenhaus, einem Altenheim, einer Suppenküche, einer Schule und einem Orchester. Auch die politischen Parteien waren weiterhin aktiv und versuchten ihren Mitgliedern zu helfen. Das führte zur Bildung des Zionistischen Zentrums, das von Mitgliedern des Ältestenrates und ihren Mitarbeitern geleitet wurde. Es hielt Kontakt zum Untergrund und ermöglichte es einigen Mitgliedern, sich den Partisanen in den Wäldern anzuschließen.
Von den fast 30.000 Bewohnern wurden in den ersten beiden Monaten nach Abriegelung des Ghettos etwa 3000 ermordet. Bei der sog. „großen Aktion“ wurden am 28.10.1941 Menschen ausgewählt; am folgenden Tag ermordeten die Täter weitere 9000 Menschen (davon etwa die Hälfte Kinder). Die Menschen wurden ins in der Nähe gelegene Fort IX gebracht und dort erschossen. Bis zum März 1944 folgte eine Phase von relativer Ruhe. Die noch im Ghetto lebenden Personen mussten Zwangsarbeit leisten, in der Regel bei Rüstungsunternehmen außerhalb des Ghettos. Ein Teil arbeitete aber auch in den Ghetto-Werkstätten, in denen sie nicht von Deutschen oder Litauern überwacht wurden. Bezahlt wurden die Arbeiter mit Lebensmitteln. Die Rationen waren allerdings so gering, dass die Menschen auf Schmuggelware angewiesen waren. Während der sog. ruhigen Phasen wurden den Juden weitere Strafmaßnahmen befohlen, so erging z. B. im Februar 1942 der Befehl, alle Bücher, Druckschriften und Manuskripte abzuliefern; im August desselben Jahres wurden die Synagogen geschlossen und öffentliche Gottesdienste und Andachten verboten. Ein beträchtlicher Teil der Bewohner wurde schließlich nach Riga oder in Arbeitslager in anderen Teilen Litauens verschleppt.
In Bezug auf den Befehl Heinrich Himmlers über die Errichtung von Konzentrationslagern im Reichskommissariat Ostland vom 21.6.1943 wurde im Herbst 1943 das Ghetto Kowno zentrales Konzentrationslager, das KL Kauen. Dem Lager wurden zahlreiche kleinere Lager am Rande oder außerhalb Kownos unterstellt, wohin auch etwa 4000 Bewohner verlegt wurden. Im Oktober 1943 wurden 2800 Menschen in Arbeitslager in Estland verlegt. Am 27.3.1944 erfolgte eine weitere große Mordaktion: etwa 1800 Lagerbewohner wurden aus ihren Wohnungen gezerrt und ermordet. Die meisten waren Kinder, Frauen und ältere Männer. Im Rahmen derselben Aktion wurden auch 40 Offiziere der jüdischen Polizei hingerichtet, weil ihre Aktivitäten mit dem Untergrund aufgeflogen waren. Die übrigen Polizisten wurden zum Jüdischen Ordnungsdienst unter direkter SS-Kontrolle umfunktioniert. Der Ältestenrat wurde schließlich aufgelöst, Elkes wurde zum Judenältesten ernannt, jedoch ohne wirklich eine Macht zu besitzen.
Im Juli 1944 näherte sich die Rote Armee Kowno und die SS begann die Häftlinge in Konzentrationslager in Deutschland zu verlegen. Die meisten von ihnen kamen in die Lager in Kaufering oder Stutthof. Während dieser Auflösungsaktion gelang es vielen Menschen sich in unterirdischen Bunkern zu verstecken. Die SS jedoch setzte auf der Suche nach ihnen Spürhunde, Brandbomben und Rauchgranaten ein, sodass etwa 2000 Personen starben, weil sie in ihren Verstecken erstickten oder verbrannten. Die Ankunft der Roten Armee am 1.8.1944 erlebten nur noch 90 Personen. Insgesamt rechnet man damit, dass ungefähr acht Prozent der ursprünglichen Bewohner die Besatzungszeit überlebt haben.
Die Geschichte des Ghettos ist auch durch Zeugnisse seiner Bewohner überliefert. George Kadish, der als Zvi beziehungsweise Hirsh Kadushin geboren wurde, fotografierte den Alltag heimlich und unter Lebensgefahr. Er hielt Zwangsarbeit, Erniedrigungen, Deportationen und das Leben in den Werkstätten und Einrichtungen des Ghettos fest. Teilweise benutzte er eine durch das Knopfloch seines Mantels verborgene Kamera. Seine Bilder zeigen Menschen und Situationen aus der Perspektive eines Verfolgten; sie unterscheiden sich damit grundlegend von Aufnahmen, die Täter zur eigenen Dokumentation oder Propaganda herstellten.
Kadish versteckte Negative und Abzüge mit Unterstützung des jüdischen Polizeibeamten Yehuda Zupowitz. Dieser verriet den Aufbewahrungsort auch unter Folter nicht und wurde 1944 ermordet. Nach seiner Flucht fotografierte Kadish die Zerstörung des Ghettos; später konnte er seine Sammlung bergen. Die erhaltenen Bilder sind wichtige historische Quellen. Sie dokumentieren jedoch nicht sämtliche Ereignisse und sprechen nicht für alle Bewohner. Für ihre Auswertung müssen Zeitpunkt, Aufnahmebedingungen und Bildausschnitt berücksichtigt werden. Zusammen mit schriftlichen Aufzeichnungen und weiteren Zeugnissen ermöglichen sie einen genaueren Blick auf die Lebensbedingungen und auf die Bemühungen der Verfolgten, ihre Erfahrungen für die Nachwelt zu bewahren.
Autor: Eugen Lempp
Literatur
Jürgen Matthäus: Das Ghetto Kaunas und die „Endlösung“ in Litauen. In: Wolfgang Benz / Marion Neiss (Hrsg.): Judenmord in Litauen. Studien und Dokumente, 97-113 (Berlin 1999)
Jürgen Matthäus: Jenseits der Grenze. Die ersten Massenerschießungen von Juden in Litauen (Juni-August 1941). In: ZfG 44, 1996, 101-126
Kowno in: Enzyklopädie des Holocaust hrsg. von Israel Gutman, 804-807 (München 1998)
Alexander Neumann: Leben und Sterben im Ghetto Kaunas 1941. In: Vincas Bartusevicius / Joachim Tauber / Wolfram Wette (Hrsg.): Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941, 145-156 (Köln 2003)
Christoph Dieckmann: Das Ghetto und das Konzentrationslager in Kaunas, 1941-1944. In: Ulrich Herbert / Karin Orth / Christoph Dieckmann (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager – Entwicklung und Struktur, Band I, 439–471 (Göttingen 1998)
Avraham Tory: Surviving the Holocaust: The Kovno Ghetto Diary. hrsg. Martin Gilbert, übers. Jerzy Michalowitz, mit Anmerkungen von Dina Porat (Cambridge 1990)
„Dies Kind soll leben“. Die Aufzeichnungen der Helene Holzman 1941-1944 hrsg. von Reinhard Kaiser und Margarete Holzman (Frankfurt am Main 2000)
