
Chronicles From the Siege / Land: DZA, FRA, PSE / Jahr: 2026 / Regie: Abdallah Alkhatib / Bildbeschreibung: Abdallah Alkhatib / Sektion: Perspectives 2026 / Datei: 202610606_1 / © Issaad Film Productions
Die Berlinale 2026 markiert einen Wendepunkt für das politische Kino des Nahen Ostens, und kaum ein Werk verdeutlicht dies eindringlicher als Abdallah Al-Khatibs Spielfilmdebüt Chronicles From the Siege. Nachdem Al-Khatib mit seiner preisgekrönten Dokumentation Little Palestine, Diary of a Siege (2021) die Weltöffentlichkeit erschütterte, kehrt er nun mit einer fiktionalisierten, aber tief in der Realität verwurzelten Erzählung zurück. Der Film, der in der Sektion Perspectives seine Weltpremiere feierte, ist weit mehr als eine bloße Fortsetzung seiner früheren Arbeit; er ist eine groß angelegte, fast schon metaphysische Untersuchung dessen, was es bedeutet, in einer Welt zu überleben, die geografisch und moralisch zusammengeschrumpft ist.
Der politische und historische Kontext von Chronicles From the Siege ist untrennbar mit der Biografie des Regisseurs und der kollektiven Erfahrung der palästinensisch-syrischen Diaspora verbunden. Al-Khatib, der selbst die jahrelange Belagerung des Flüchtlingslagers Jarmuk in Damaskus miterlebte und dokumentierte, schöpft aus einem tiefen Fundus an Erlebtem. Doch während sein Dokumentarfilm die unmittelbare Grausamkeit des Hungers und der Isolation einfing, nutzt er im Jahr 2026 die Mittel der Fiktion, um eine universellere Sprache für das Unaussprechliche zu finden. Der Film benennt den Ort des Geschehens nicht explizit; die Kulisse erinnert an Jarmuk, spiegelt aber ebenso die jüngsten Traumata aus Gaza wider. Diese bewusste Abstraktion verleiht dem Werk eine zeitlose, fast mahnende Qualität. Es geht nicht nur um eine spezifische Belagerung, sondern um die Anatomie der Belagerung als Zustand des menschlichen Seins.
Inhaltlich ist der Film als ein Geflecht aus fünf miteinander verwobenen Vignetten strukturiert, die unterschiedliche Facetten des Überlebens beleuchten. Im Zentrum dieser Chroniken steht Arafat, verkörpert von einem phänomenalen Nadeem Rimawi. Arafat ist ein ehemaliger Videothekenbesitzer, der nun als eine Art philosophischer Geist durch die Trümmer der Stadt wandert. Sein Laden, einst ein Hort der Kultur und des Eskapismus, ist zu einem symbolischen Ort der Entscheidung geworden. Eine Gruppe junger Cineasten und Überlebender sieht sich dort mit dem ultimativen moralischen Dilemma konfrontiert: Sollen sie die geliebten VHS-Kassetten – die letzten Relikte ihrer Identität und Geschichte – verbrennen, um in der klirrenden Kälte der Nacht Wärme zu erzeugen? Diese Szene gehört zu den stärksten des Films, da sie die Frage nach dem Wert von Kultur gegenüber dem nackten Überleben mit schmerzhafter Präzision stellt.
Al-Khatib gelingt es, das Pathos durch einen feinen Sinn für schwarzen Humor und absurde Momente zu brechen. Er selbst tritt in einer Nebenrolle als Zigarettendieb auf, was dem Film eine fast schon tragikomische Note verleiht. In einer Welt, in der eine einzelne Zigarette mehr wert sein kann als ein Menschenleben, wird das Banale zum Kostbaren. Die Figur des Walid verdeutlicht diesen Wahnsinn; seine Sucht nach Tabak dient als Metapher für die absurde Inflation von Werten unter extremem Druck. Parallel dazu verfolgt das Publikum die Geschichte von Saleh, einem Kriegsprofiteur, der verzweifelt nach Blutkonserven für seine im Sterben liegende, hochschwangere Frau sucht. Hier zeigt sich die hässliche Fratze der Belagerung: Die Solidarität bröckelt dort, wo die nackte Not den Egoismus füttert.
Filmisch setzt Al-Khatib auf eine Ästhetik, die zwischen dokumentarischer Unmittelbarkeit und poetischer Strenge schwankt. Die Kameraarbeit von Talal Khoury ist meisterhaft. Er arbeitet mit einer sepia-getönten Farbpalette, die den Staub und die Auszehrung der Umgebung fast physisch spürbar macht. Ein besonders bemerkenswertes formales Mittel ist der Einsatz einer sterbenden Kamera: Der Film beginnt mit Aufnahmen eines Mannes, der Hilfsgüterabwürfe filmt, und endet genau in dem Moment, in dem der Akku des Geräts erschöpft ist. Dieser Kniff verdeutlicht die Endlichkeit der Zeugenschaft und die Prekarität der Dokumentation in einem Kriegsgebiet. Die visuelle Sprache wechselt zwischen hektischen, handgeführten Plansequenzen – besonders eindrucksvoll in einer klaustrophobischen Krankenhausszene – und ruhigen, tableauartigen Einstellungen, die dem Zuschauer Raum zum Atmen und Reflektieren lassen.
Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Leistung des Ensembles. Neben Nadeem Rimawi brilliert Saja Kilani in der Rolle der Leila, einer jungen Frau, die versucht, inmitten der Zerstörung Momente der Intimität und Schönheit zu bewahren. Ihre Darstellung verleiht dem Film eine notwendige Zärtlichkeit. Die Chemie zwischen den Darstellern, darunter auch Samer Bisharat und Maria Zreik, lässt spüren, dass hier ein tiefes Verständnis für die Materie vorhanden ist. Die Charaktere wirken nie wie bloße Statisten des Leids; sie besitzen Würde, Eigensinn und einen trotzigen Lebenswillen. Al-Khatib verweigert sich konsequent der Darstellung seiner Figuren als reine Opfer. Sie sind handelnde Subjekte, die selbst in der totalen Ohnmacht noch Entscheidungen treffen – und seien sie noch so klein.
Ein zentrales Thema, das den Film durchzieht, ist die psychologische Deformation durch die Zeit. „Ich sehe mein Leben nicht außerhalb der Grenzen der Belagerung. Und ich sehe kein Ende der Belagerung außerhalb der Grenzen meines Lebens“, heißt es an einer Stelle, geschrieben auf die Tür einer Ruine. Dieser Satz fängt das existenzielle Gefängnis ein, in dem sich die Bewohner befinden. Die Belagerung wird hier nicht nur als physischer Zustand, sondern als ein Schrumpfen des geistigen Horizonts begriffen. Die Zeit dehnt sich und zieht sich gleichzeitig zusammen, bis nur noch der gegenwärtige Moment zählt.
Die Regie führt diese verschiedenen Erzählstränge mit einer sicheren Hand zusammen, auch wenn die episodische Struktur gelegentlich dazu führt, dass emotionale Bindungen zu einzelnen Charakteren zugunsten des großen Ganzen etwas kurz kommen. Doch dies scheint Kalkül zu sein: Der Film soll keine klassische Heldenreise sein, sondern ein Mosaik. Er soll das Gefühl der Fragmentierung widerspiegeln, das eine Gesellschaft unter Beschuss erfährt. Das Finale im Krankenhaus, das in einer fast surrealen Statik mündet, lässt das Publikum mit einer Mischung aus Erschöpfung und tiefer Bewegung zurück.
Chronicles From the Siege ist ein bedeutender Beitrag zur Berlinale 2026, da er die Brücke schlägt zwischen dem Aktivismus der Vergangenheit und einer reifen filmischen Vision der Gegenwart. Abdallah Al-Khatib beweist, dass er den Übergang zum fiktionalen Kino nicht nur technisch beherrscht, sondern ihn nutzt, um Wahrheiten auszudrücken, die jenseits von Fakten und Zahlen liegen. Der Film fordert sein Publikum heraus, hinzusehen, wo man lieber wegsehen möchte, und erinnert uns daran, dass selbst in der tiefsten Dunkelheit das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Kunst und Liebe unzerstörbar bleibt. Es ist ein wohlwollender, zutiefst humanistischer Blick auf eine Region, die oft nur durch die Linse der Gewalt wahrgenommen wird. Hier jedoch bekommen die Namen Gesichter, und die Statistiken werden zu Schicksalen, die noch lange nach dem Abspann nachhallen.
Chronicles From the Siege / Abdallah Alkhatib (Regie, Buch) / mit Nadeem Rimawi, Saja Kilani, Ahmad Kontar, Samer Bisharat, Ahmed Zitouni / 98′ / Algerien, Frankreich, Palästina / 2026 / Farbe / Arabisch / Untertitel: Englisch / Weltpremiere / Debütfilm / Berlinale 2026, Sektion Perspectives